Kategorie: Furchentexte

Pass in die Gasse #133

Der DFB bietet seiner Basis nun eine App an. So kann schon jetzt gefiltert und vermieden werden, dass den Scouts vielleicht ein guter Fisch durch das Online-Netz geht. Weiß natürlich nur: die Furchen-Kolumne „Pass in die Gasse“ via Westfalenpost Wittgenstein.

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WM 2018: Stagnation des Kreativen

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„Wie man in Frankreich so sagt – eine Renaissance“ frohlockte Béla Réthy. Das war die WM wahrlich nicht. Aus fußballerischer Sicht hat das Turnier die Stagnation des Kreativen bestätigt, die schon bei der EM 2016 nur schwer zu ertragen war. Werbung für das „Spiel“ Fußball fand nur selten statt, Partien zwischen Belgien und Japan blieben die Ausnahme, Dramaturgie und Spannung fingen viel auf, was eigentlich die Off-Taste verdient gehabt hätte.

Das Finale hat dann noch einmal jenen Fußball bestätigt, der von Beginn an aufstieß und von chronischer Theatralik begleitet wurde. Schauspielerei und Arroganz mag man an Neymar festgemacht haben, wurden aber ebenso bei vielen anderen Darstellern mehr zu Tugend als Mittel zum Zweck. Das nervt nicht bloß in einer Spielsituation, sondern holt auch jene Zuschauer aus ihren Löchern, die sich den Fußball „von früher“ herbeisehnen. Schwalben wie die von Griezmann führen dann leider dazu, dass die Glückwünsche an diese großartige Fußballnation Frankreich eher bescheiden ausfallen.

„So ist Fußball“ heißt es dann gerne. „Die waren halt cleverer“ wird gerne hinzugefügt. Was zu diesen Mätzchen eigentlich gesagt werden sollte, fasste Béla Réthy in einem seiner wenigen Glücksmomente zusammen, als er Matuidis Gänsemarsch bei dessen Auswechslung als „peinlich“ kommentierte. Mit welcher Art Fußball ein Team Weltmeister wird, steht natürlich nicht zur Debatte. Was Rehhagels Griechen 2004 in Portugal bis zu ihrem Titel in Sachen Fußball anboten, tat den Augen auch nicht gerade gut. Fairplay musste deshalb trotzdem nicht an vierter oder fünfter Stelle stehen.

Der Videobeweis hat neue Freunde gefunden, aber auch Kritiker bestätigt. Mitverantwortlich ist dafür die weiterhin katastrophale Auslegung von Handspielen. Urs Meier manifestierte: „Entscheidend ist zuallererst, ob die Hand zum Ball geht oder der Ball zur Hand.“ Wie es nach dieser Auslegung bei Perišić‘ Handspiel zu einer „klaren Entscheidung“ kommen kann, ist rätselhaft und vor allem – entscheidend. Warum Pogbas mögliche Abseitsposition beim 1:0 nicht hinterfragt wird, obwohl er in die Situation aktiv eingreift und Mandžukić von hinten schiebt, ist ebenfalls nicht nachvollziehen. Die Liste positiver wie negativer Videobeweis-Auslegungen bleibt konstant lang. Fest steht nur, dass die Verantwortlichen der Bundesliga ihre Kladde nun voll mit Notizen haben müssten, was im Ligabetrieb besser laufen sollte. Und überhaupt deutscher Fußball: ach, egal.

Kommt alle gut raus aus der WM. Wir müssen Montag schließlich alle arbeiten.

Vom Grenzgänger zur Statue

Italiens Torwart-Legende Gianluigi Buffon wird 40 Jahre alt

Als 1997 ein junger Lulatsch mit schwarzen, gegelten Haaren plötzlich das Tor der stolzen italienischen Fußballnation hüten sollte, trauten viele Menschen vor den TV-Geräten ihren Augen nicht. Warum nur trug dieser schmächtige Kerl kurze Hose und kurzes Trikot? Abgesehen davon, dass Torwarte seit über hundert Jahren lange Kleider trugen, fand das Spiel obendrein Ende Oktober statt – in Moskau. Auf dem russischen Rübenacker mit einem Hauch von Schneelawine lief die 33. Spielminute, als Italiens etatmäßiger Torwart Gianluca Pagliuca schmerzverzerrt vom Platz hinkte. Für ihn kam: Gianluigi Buffon. Erst zwanzig Jahre später sollte „Gigi“ diesen Platz wieder räumen – als einer der Größten in der Geschichte des Fußballs.

Zwischen Jahrhunderttalent und Tölpel

Dabei hatte Buffon in seinen Anfangsjahren als Profi besonders abseits des Platzes Startschwierigkeiten, was vor allem an den Versuchen einer prolligen Außendarstellung zu beobachten war. Bei „Gigi“ ging dieser Versuch jedoch ordentlich daneben, als er darauf pochte, die Trikotnummer 88 auf seinem Rücken zu tragen. „Weil sie vier Eier hat“, wie er damals meinte. Und die bräuchte man schließlich im Fußball. Dass die 88 als rechtsradikales Schlüsselsymbol gilt und für „Heil Hitler“ steht, wusste er nach eigener Aussage nicht und setzte dem ganzen Skandal noch eine Krone auf: „Das können doch echt nur Nazis wissen!“ 2001 musste Buffon 6300 Euro zahlen, weil er sich in Parma mit einem gefälschten Abiturzeugnis zum Jura-Studium eingeschrieben hatte. So war der junge Gigi, irgendwo zwischen Jahrhunderttalent und Tölpel.

Doch im Gegensatz zu anderen Skandalnudeln der Branche überragte sein sportliches Können alles und Juventus Turin ließ sich diese Qualität im gleichen Jahr 53 Millionen Euro kosten. Zum Vergleich: Zehn Jahre später überwies Bayern München 30 Millionen Euro für Manuel Neuer an Schalke 04. Bis heute wurde nie wieder eine höhere Summe für einen Torwart bezahlt, als die für Buffon. Nach 220 Spielen für den AC Parma, sollten bis heute 638 für Juventus folgen, die ihm alle nur erdenklichen Gewinne und Preise einbrachten. Fünf Mal wurde er zum Welttorhüter gekürt, vier nationale Pokalsiege und acht italienische Meistertitel reihen sich neben dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2006 ein. Nur den „Henkelpott“ der Champions League konnte er trotz dreimaliger Finalteilnahme nie in seinen Händen halten. Doch es waren nicht bloß Titel, die Buffon zur heutigen Galionsfigur aufstiegen ließen, sondern immer auch seine Gesten des Anstands.

In kurzer Hose auf weißem Marmor

Besonders in Augenblicken des Sieges verkörpert Buffon stets den professionellen Sportsmann par excellence. Immer fair und respektvoll gegenüber dem Gegner, Selbstkritik gepaart mit Optimismus, ehrgeizig und doch realistisch: neben den Erfolgen werden sich Fußballfans weltweit eben an diese Eigenschaften seiner Karriere erinnern. Daran, wie das italienische Publikum beim entscheidenden Qualifikationsspiel während der schwedischen Hymne zum gellenden Pfeifkonzert ausholte und Buffon sich gestikulierend und demonstrativ klatschend dagegenstellte. Daran, wie er Juventus nach dem Manipulationsskandal 2006 die Treue hielt und den schweren Weg des Zwangsabstiegs in Liga zwei mitging. Daran, wie er nach über 170 Länderspielen und verpasster WM-Qualifikation auf dem Spielfeld Wasserfälle weinte wie ein trauriger Junge. Und an den vierfachen Vater, der das Familienleben aus der an Boulevardblättern nicht armen italienischen Presselandschaft heraushielt.

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Mit nun vierzig Jahren neigt sich Buffons sportliche Karriere dem Ende, bei Juventus verfolgt er die Spiele vermehrt von der Ersatzbank aus. Eine Karriere, die als pubertärer Grenzgänger begann und als bedeutende Persönlichkeit des Sports enden wird. Für eine Statue sollte es jedenfalls reichen. Schließlich erblickte Buffon in Carrara, der Stadt des berühmten weißen Marmors, aus dem Michelangelo einst seinen David erschuf, das Licht der Welt. Keine schlechten Voraussetzungen für ewiges Dasein – natürlich in kurzer Hose und kurzem Trikot.

Heiko Rothenpieler

 

Holland raus, Skibbe weiter und so…

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Während wir Ebenezer Ofori vom VfB und Daniel Opare vom FCA bei einer Vuvuzela-Schlacht auf grünem Geläuf in Uganda anfeuern (siehe 4K-Bild), klären wir für euch alle offenen Fragen und Gruppen mit nackten Tatsachen:

GRUPPE A: Nachdem die Türkei und Österreich bereits mit weißen Fahnen vom Reisebüro wieder auf die heimische Couch unterwegs sind, wird heute Niederlande aus purer Solidarität in Weißrussland nach zwei Treffern von Daley Blind nur 1:1 spielen. Gleichzeitig wird Schweden über Luxemburg hinwegfegen und Frankreich glanzlos aber solide in Bulgarien den Dreier einfahren. Robben, Sneijder und Dost treten danach aus der Elftal zurück, Dick Advocaat bleibt und baut um Rafael van der Vaart ein neues Team auf. Weil der Drops dann in Gruppe A gelutscht ist, treten die Niederländer im letzten Spiel am Dienstag gegen Schweden mit einer Rumpftruppe an und verlieren in der Amsterdam-Arena wie 1978 beim Abschiedsspiel von Johan Cruyff mit 0:8. (Google: Die Schande von Amsterdam)

GRUPPE B: Das ist einfach. Haris Seferovic bombt die Schweiz als Primus zu Putin, Portugal wird Zweiter und trifft in der K.O.-Runde auf Italien. Ciro Immobile mit einem Dreierpack im Hinspiel und Cristiano Ronaldo mit Knie-Verletzung und Tränen-Drama im Rückspiel beenden alle Träume des amtierenden Europameisters.

GRUPPE C: Antonio Rukavina entscheidet das letzte Spiel seiner Serben gegen Georgien mit einem Sololauf und grüßt von Platz eins. In einer Form häuslicher Gewalt treffen sich Wales und Irland in cardiff’schen Wohnzimmer zum Shootout um Silber. Schwer zu sagen, ganz ehrlich, da müssen Sie den Trainer fragen. Klar ist: „Das wird europäische Weltklasse!“ (Felix Magath)

GRUPPE D wie Deutschland.

GRUPPE E: Wo Polen gerade Spitzenreiter ist. Dies wird sich aber ändern, weil Montenegro am Sonntag in Warschau mit 1:0 gewinnt und Dänemark mit einem 3:0-Sturmlauf (3x Niklas Bendtner) gegen Rumänien mit dem besseren Torverhältnis direkt zur WM fährt. Polen clasht sich dann mit Nordirland und muss wegen eines 30-Meter-Hammers von Will Griggs nach einem torlosen Hinspiel die Flugtickets stornieren.

GRUPPE F: Auch hier alles klar. England bereits weiter, Schottland verliert morgen in Slowenien Platz zwei, kommt aber mit zwei gebraveharten Siegen gegen überhebliche Kroaten in der K.O.-Runde weiter. Muss man kein Experte für sein, bettet man drauf.

GRUPPE G: Spanien und das unvereinigte Katalonien haben schon gebucht. Italien knapp dahinter, aber eben dahinter. Den Rest regelt Immobile (siehe Gruppe B). Wirklich toll ist, dass Liechtenstein im letzten Match gegen Mazedonien sein zweites Tor in der Quali schießt und glorreich den ersten Punkt einfährt. Glückwunsch schonmal!

GRUPPE H: Lukaku und Co. im Schongang und 35 Buden irgendwo längst da draußen. Gelangweilt treffen sie dabei heute auf umherlaufende Boys aus Bosnien-Herzegowina und drücken Edin und Sead auf Platz drei. Warum? Weil Skibbes Michael mit seinen Griechen natürlich gegen Zypern und Gibraltar gewinnt und dann bei der WM Gruppengegner von Deutschland wird. Geschichten, die nur der Fußball schreiiiii aaah!

GRUPPE I: Island wird Kosovo einfach überlaufen, da brennt nichts mehr an in Walhalla. Auf Augenhöhe treffen sich am Montag noch Ukraine und Kroatien. Kroatien ergaunert sich ein 1:1, kommt aufgrund des besseren Torverhältnisses weiter, trifft dann aber auf Schottland. (siehe Gruppe F) Davor Šuker weitet danach seine korrupten Ämter aus und übernimmt fortan als Spielertrainer.

Argentinische Leere

3:27 Uhr, ARGENTINIEN vs. PERU. La Bombonera, das berühmteste Stadion der Welt, 49.000 Zuschauer. Zweikämpfe an der Eckfahne erkennt man nicht, weil sich die Zuschauer wie anfahrende Skispringer nach vorne und damit vor die Kamera legen. Und da passiert es schon wieder: Otamendi gegen Guerrero. Das ist wie bei zwei Knastbrüdern, die jeden Freigang nutzen, um dem anderen einen Schraubenzieher in die Rippen zu rammen. Ángel Di María hingegen fällt und fällt und weint, steht wieder auf, fällt wieder und ja, dann läuft er kurz, fällt dann aber wieder. Draußen rumpelstilzt Argentiniens Trainer Luis Sampaoli aka Mini-Me auf alles, was gegen seine wild umherlaufenden Untertanen gepfiffen wird. Messi hier, Messi da, Messi überall. Verliert er den Ball, ist das argentinische Spiel tot, nichts hat sich geändert. Wo ist nur Javier Pinola, wenn man ihn braucht?!

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Drei richtig gute Torchancen für La albiceleste, die aber mit den Skills von Kreisliga-Tretern gekonnt verstolpert werden. Draußen verharren währenddessen übrigens Paolo Dybala und Mauro Icardi in einer Art Winterschlaf, für Mini-Me einfach zu gut für diese Gurkentruppe, könnte ja auch zu gut ausgehen in der Quali zur Weltmeisterschaaaaaaaaaaaaaargh Chile macht das 2:1 gegen Ecuador. Argentinien nun komplett ohne Steak, meine Damen und Herren, Otamendi tritt da gerne nochmal nach. Bei Mascerano hat man das Gefühl, ihm sei inzwischen einfach alles egal. Spielt gerade seinen hundertsten Alibi-Pass und zelebriert eine Art Fußball-Nihilismus nach seinem Rücktritt vom Rücktritt. Jefferson Farfan hingegen läuft und läuft und läuft und beschäftigt drei Verteidiger wie überforderte Erzieher in der Ausbildung. Jetzt Messi beim Freistoß, es läuft die Nachspielzeit, mach’s noch einmal, Junge! Von wegen, nicht einmal darauf ist Verlass. Es ist nur noch grausam mit dieser Truppe, Fußball zum Abgewöhnen, Fußball für Masochisten. 0:0, Argentinien ist raus aus den Top Five und den Qualiplätzen. Noch ein letzten Spiel, eine letzte Chance, der Druck steigt ins Unermessliche. Und mit Druck kann das argentinische Team umgehen. Nicht. Selten ein Team gesehen, dass so dermaßen fix und fertig mit den Nerven ist. Gute Nacht, Albträume inklusive.

 

Ich, Fußballgott, gehe in ein hundertjähriges Sabbatical!

Ich, Fußballgott, sage mich los vom Sündenfall, zum Teufel mit den Verbandsunholden und Schreibtischtätern! Dem Herr Gott sei Dank weiß ich, Fußballgott, von der Alien-Saga und den weißen Hyperschlafkapseln in meinem Raumschiff. Wenn das nicht funktioniert, rufe ich, Fußballgott, halt den alten H.G. Wells im Jenseits an und frage ihn nach seiner verdammten Zeitmaschine. Hauptsache weg! Vielleicht lande ich, der Fußballgott, ja auf einem Planeten mit nicht-feindseligen Organismen. An einem Ort, wo der Homo ludens, nicht der Homo faber regiert. Vielleicht ja auf dem Planet der Affen, wo sie Fußball wahrscheinlich noch auf selbstgebaute Holztore und ohne Videobeweis spielen, in der Halbzeit werden Bananen statt Red Bull gereicht. Ich, Fußballgott, habe es über den Grindel gesagt wie es schon einer eurer letzten Geistigen, Erich Kästner, wusste: „Alles, was gigantische Formen annimmt, kann imponieren – auch die Dummheit.“ Ich, Fußballgott, gab euch die Kurven, und was machtet ihr? Ihr machtet Geraden draus! Ich, Fußballgott, gab euch das Feuer, und was machtet ihr draus? Stadionverbote! Ich, Fußballgott, gab euch den aufrechten Gang, und was machtet ihr draus? Sitzplätze! Ihr seid ja wahnsinnig, euch muss man einsperren, da lag der Kinski damals richtig. Ich, Fußballgott, sage Ade von meinem runden, unschuldigen Kindlein, was man da tritt und streichelt zugleich, damit es rollt, im Netze einschlägt und Spiegel der Gesellschaft ist. Arme Gesellschaft! Mir, Fußballgott, ergeht es in diesen Stunden wie einst dem guten Laios, der seinem Ödipus das Leben schenkte und als Dank dafür vom eigenen Sohn gerichtet wurde. Ich, Fußballgott, bin wieder Absoluter Beginner und draußen wie Mutter Natur, peace!

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Der Untergang

Wir sind Flüchtlinge. Wir flüchten vor dem, was sich anmaßt Fußball zu sein. Wir flüchten vor dem, was jährlich neue Rekordumsätze vermeldet. Wir sind Flüchtlinge, und schon lange fragen wir uns, wie alles angefangen hat, wie es dazu kommen konnte, dass unsere Väter, die uns einst in die Kurve schleppten, nur noch abwinken. Was tun wir jetzt, wo uns die eigenen Vereine hintergehen, sie mit Kalkül unsere Wünsche ignorieren, Umsätze dem Sport vorziehen? Was tun wir jetzt, wo wir uns nun am Samstagmorgen fragen, warum wir uns das noch antun, uns ernsthafte Sinnfragen stellen? Sind Sky und DAZN nicht doch die bessere Variante, weil die Stadien wieder leerer würden und vor lauter Touristen in Stille ersaufen könnten? Wann lacht der letzte Verband über den Slogan „Football without fans is nothing“? Wann gestehen sich endlich alle ein, dass es nicht um Fußball geht, dass alles Fake ist, so wie beim Basket- oder Baseball, wo Familienväter in Werbepausen zu tanzenden Affen mutieren und sich junge Paare in „Kiss-Cams“ durch fettige Donut-Öffnungen lecken? Wir sind Flüchtlinge, und wir sterben, und vielleicht wissen das Groundhopper schon sehr lange, vielleicht sind sie gar keine Sammler oder exotische Einzelgänger, vielleicht wollten sie es nie sein, vielleicht lagen wir immer falsch. Vielleicht haben sie das Ende des Fußballs schon sehr lange kommen sehen und versuchen in Wahrheit nur, die letzten Stadien, die Bastionen letzter Fankultur, vor ihrem arenischen Niedergang zu besuchen, wie Tiere, die den Untergang der Welt in Monden lesen.

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Wir flüchten nach Teneriffa, in zweite, in vierte Ligen, und wir weinen tausend Tränen. Keine Polizisten, keine Security, mit verschlossenem Rucksack gleiten wir an den netten Damen der Kartenkontrolle vorbei, schmuggeln Dosenbiere, trinken sie in letzter Reihe, stehend. Ein Stadion inmitten seiner Stadt, seiner Menschen, nicht irgendwo da draußen in der Nähe von IKEA, nicht weg vom Leben. Ein Stadion wie ein Schrebergarten, zehn Meter bis zum nächsten Nachbar, zum nächsten Kiosk, zum 1,50€-Bier. Tausend Tränen, wir erinnern uns, wie es einmal war, daran, wie Fußball einmal war, irgendwas kommt uns bekannt vor. Ohne Nike, Red Bull und Gazprom, ohne Viagogo und Sky. Erinnern uns plötzlich daran, als wir noch über diesen Typen namens Reinhold Beckmann in Arsch-frisst-Hose-Jeans und Hawaii-Hemd lachten, der uns plötzlich die Bundesliga auf Sat1 präsentierte. Cool fanden wir die Super-Zeitlupe, grandios „ranissimo“ am Sonntag. An diese Zeit, wo die Flucht begann, ohne es zu wissen, in offene Messer, in sporttote Orte. Wir waren Idioten, naive Verliebte, wir hätten es kommen sehen müssen, hätten schon damals wissen müssen, dass man uns verkauft hat. Wir sind Flüchtlinge, und die Boote sind voll uns.

Football Bloody Hell

91. Minute, 2:1 Bayern. Lewandowski bum bum – von wegen, ein klasse Tor! Nicht unbedingt die Ballannahme, sondern der zweite Kontakt ohne Kontakt zum Boden, in Rückenlage. Aber liebe Freiburger, hach. Nachdem Tom Bartels kaum eine Minute ausgelassen hat, um auf eure nicht vorhandenen finanziellen Mittel hinzuweisen und dass „es in den nächsten Jahren noch viel schwerer “ für euch wird, habt ihr 90 Minuten leidenschaftlich gekämpft und so rein gar nichts falsch gemacht.
Szene des Spiels: Ganz klar die vergebene Chance von Arjen Robben, der den Ball aus sieben Metern auf den rechten Schlappen bekommt, aber in Kreisliga-Manier mit links drunterhält. Respekt! In unteren Klassen heißt es bei solch einer „symptomatischen“ Situation mit Schmunzeln und etwas Kopfschütteln vom Rentnertum: „Naja, es reicht halt nicht.“

Darauf einen Ahlenfelder!

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Gutes Fulham, böses Millwall

Uli, der Samariter

Es macht einen traurig …

…diesen FCK so zu sehen. Eine Mischung aus Dilettantismus, Pech und fehlender Qualität, das alles vereint den erneuten „Aufbruch“ am Betzenberg. Warf man den Teams von Runjaic und Fünfstück das ein oder andere Mal fehlende Aufopferung vor, so kommt man hier, trotz der vielen Verletzungen, nicht um den Eindruck herum, dass diese Truppe einfach nicht mehr Können besitzt. Es macht einen traurig diesen FCK so zu sehen. Denkt man doch an Walter und Eckel, an Briegel und Toppmöller, an Ehrmann und Kuntz, an Ratinho und Marschall. Als unser einer noch sehr klein war und aufgespannte Schirme über den Köpfen der Schiris vor der West bestaunte, war der Betze die „Bastion“ und Dieter Kürten begrüßte den FC Barcelona inmitten einer Pyroshow, wie sie Johannes B. Kerner nicht gewaltiger hätte inszenieren können. Es tat gut zu wissen, dass es da diesen einen Ort gab, vor dem sich die Bayern wirklich fürchteten. Es tat gut zu wissen, dass sich Spiele nur mit Leidenschaft drehen lassen und es den „12. Mann“ wirklich gibt. Heute schaut man einer ratlosen Viererkette in Heidenheim zu, der man Miroslav Kadlec als Libero und Harry Koch als Verteidiger wünscht. Natürlich ist das alles naive, mundschäumende Nostalgie aus dem Traditions-EffEff, doch es macht einen einfach nur traurig diesen FCK so zu sehen…

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Von Denkern und Lenkern

Zitat: „Der Kopf denkt, der Fuß lenkt.“ Dass diesen Satz Günter Netzer und nicht Jürgen Kohler über die Lippen brachte, ist natürlich wenig überraschend. Netzers Spielweise war nämlich genau das: eine Symbiose aus Denken und Lenken. Doch das Zitat sagt noch mehr aus. Netzer behauptet damit auch, dass es eine Verschmelzung zwischen Körper und Geist gibt. Dies wiederum würde bedeuten, dass – auf den Fußball bezogen – Kopf und Fuß im Single-Modus nicht existieren und schon gar nicht agieren können.

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Mit dieser These grätscht Netzer sämtliche Philosophen à la René Descartes um, die fest an „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) glauben und Kopf und Fuß sehr wohl voneinander getrennt betrachten. Aktuelle Vertreter dieser Theorie sind u.a. Markus Weinzierl („Das Spiel wird im Kopf entschieden“), Pep Guardiola („Alles Kopfsache!“) und Oliver Kreuzer, der sich inzwischen spezialisiert hat („Relegation wird im Kopf entschieden“).

Eine allgemeingültige Antwort darauf, ob „Körpersprache“ und „Kopfsache“ eine oder keine Einheit bilden, wird es allein schon wegen der vielen unterschiedlichen Probanden nicht geben. Vielleicht genügt einem Team ja auch 1x Denken (Netzer) und 1x Lenken (Podolski: „Rein das Ding und ab nach Hause!“) Man weiß es nicht und genau das macht es aus. Deshalb kann man Günter Netzer nur dankbar sein. Dafür, dass seine Aussagen immer zum Diskurs führen. Heute wird er 72 Jahre jung – von Kopf bis Fuß. Glückwunsch!

Definiere: historisch

Song 2 beim Gegentor

Sonne, Wolke, Regen, Wind, es war alles dabei. Metapher und so. Immer gut als Texteinstieg jaja. Zwei Spieltage rum. Der Gast Viertletzter, der Gastgeber Letzter. 0 Punkte. Garantiert alles, nur kein müder Sommerkick. Im gut situiertien Stadtteil List findet man eine gestriegelte Anlage mit vier Fußballplätzen, zwei Tennis Courts und ein altehrwürdiges Rugbyfeld. Genauer betrachtet aber springen einem bildschöne Schürfwunden ins Auge: Lädierter Rasen, vergilbte Torpfosten und unkrautüberzogene Betontreppen. Für satte 6 ermäßigte Euro bekam die Furche ein Duell auf Kniehöhe präsentiert. Mittelmäßiges Gilde Plastikpils und knackige Senfpeitschen für je zwei Dublonen manipulierten den ersten Eindruck einer einfältigen Stadtsportanlange ohne Herz. Am Ende standen viel K(r)ampf um Ball und Beine, zwei Elfmeter, ein auf den Hartboden aufgeschlagener Aufsteiger und eine marktschreierische Gästebank auf dem Matchplan. Nerven komplett Stefan Blank. Was macht der eigentlich? Highlight: ein kurz überforderter rentnerischer Stadionsprecher, der beim 0:1 doch glatt zum Song 2 von Blur griff. Wohooo! Kundenrezension: Gerne wieder!!1!! Echt!!1!! War diese Rezension für Sie hilfreich?

(HSC Hannover vs. VfL Oldenburg 1:2, Oberliga Niedersachsen, 21.08.2016)

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Brutale, widerliche Maschinen!

EILMELDUNG: Götze für 26 Millionen Euro zurück nach Dortmund! EILMELDUNG: Schürrle für 30 Millionen Euro zum BVB! EILMELDUNG: Sane für 50 Millionen Euro zu Manchester City! Die Saisonplanungen in Utopia laufen auf den Hochtouren des Wahnsinns. Und natürlich ist jeder Neuzugang ein „Transfer-Coup“ oder „Kracher“. Man hat bei allen Clubs das Gefühl, dass wirklich nichts und niemand schieflaufen kann – glaubt man den Phrasen der Beteiligten.

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Inzwischen ist nämlich nicht einfach alles nur gut oder zufriedenstellend, sondern irgendwie ziemlich brutal. Die Moral der Mannschaft ist „brutal“ gut, die Qualität des Kaders ist „brutal“ gut, die Physis des Teams ist „brutal“ gut – und Spieler, die es zu einem doppelten Übersteiger schaffen, sind laut Mannschaftskameraden „krasse Maschinen“. In der Neandertal-Höhle des Fußballuniversums regiert im Gesamten der rhetorische Versuch, Begriffe mit negativen Konnotationen als reißerische Siegesmetaphern auszurufen. Das klingt in der Masse nicht nur dämlich und sprachlich erbärmlich, sondern irgendwann auch ziemlich lasch und abgenutzt.

Und wenn der Trainer eines Bezirksligisten von einer „widerlichen Qualität in der Breite“ seines Teams spricht, so weiß man für einen Moment nicht mehr, ob es gerade um den Kader des FC Bayern München oder um den eines Amateurvereins geht. Solange die Murmel noch nicht rollt, täte dem Fußball ein Tick weniger stupides Gefauche recht gut – weiß man doch, dass am Ende nur der Abstiegskampf „brutal“ ist. Oder Thorsten Legat.

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Harter Kater

Mit der inneren Wärme einer Pizza Calzone aufgewacht. An die Decke starrend, schelmisch grinsend. Dann ein Scroll-Marathon von Spox bis Kicker, dann die internationalen Pressestimmen inhaliert, den Zaza-Tanz geloopt, die Tränen Barzaglis getrunken und Urs Siegenthaler am schollschen Marterpfahl betanzt. Welch glückliches Leben! Ein paar tausend Effzeh-Klicks von befreundeten Facebook-Befreundeten später schaltet man den Fernseher ein und will sich zu den Höhepunkten auf tagesschau24 befriedigen. Doch plötzlich ZDF-Fernsehgarten. Andrea Kiewel schreit „Halbfinaaaaaale!“. Zu Gast: Henry Maske. Schland dreht durch. Warten auf Island.

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Stiflers Mum und Böhse Onkelz

…oder: unsere Eindrücke als RE:Ticker aus Lille

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10:23Uhr. Wache auf mit Seifenresten im Mund.

10:26Uhr. Schlande die Treppe des Airbnb-Lochs herunter in Richtung Bad. Bissspuren in der Seife. Eine zerstörte Akustik-Gitarre. Das Klose-Trikot ist getränkt in 9 prozentiges Starkbier. Auf der Partymeile vor unserer Tür singen bierbäuchige Altnazis „Mexiko“ von den Böhsen Onkelz in Dauerschleife.

12:30Uhr. Ein kühles Blondes mit der Konterstärke von Leroy Sané. Ob der spielen wird? „Die Nummer 1…die Nummer 1…die Nummer 1 der Weeelt sind wir!“ stimmt Gauland Ecke Rue Amiens im Sportpalast an. Das Thema Startelf ist seit 48 Stunden so omnipräsent wie die Gefahr eines Terroranschlags. Falls wir hier draufgehn, sagt bitte unseren nicht geborenen Kindern, dass wir den Fußball sehr geliebt haben. Die Bardame ist übrigens Stiflers Mum und wir nur kindische Märtyrer der Fußballkultur. Ein Kette rauchender (Reval) Kahn-Verschnitt mit Großkreutz-Trikot sagt seinem Kumpel in Lederhosen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Anschlag laut BILD bei 40 Prozent liegt. Dann singen beide wieder Arm in Arm „Mexiko“ und bestellen bei Stiflers Mum „this beer da“.

14:10Uhr. Die fünf Engländer von gestern grätschen stümperhaft in den Laden. Hugs ohne Ende. Und Gelächter über das Remis gegen Russland. Der geliebte Feind. Fußball verbindet – vor allem am Glas. Laut Lukas habe ich die Seife für weiße Schokolade gehalten und die Gitarre per Dropkick genommen. Verzweiflungsschuss. Gestern um 4:23Uhr aus Versehen Bilder via WhatsApp an Mama gesendet. Keine Antwort erhalten. Und daaaaaaa macht Luka Modric aka Beatrix von Storch das 1:0 für Kroatien.

17:16Uhr. Auf dem Weg zum Stadion kommen wir am Place du Général-de-Gaulle vorbei, wo gerade das Oktoberfest stattfindet. „Steht auuuf, wenn ihr Deutsche seid!“ skandieren die mitgereisten AfD-Wähler.

18:33Uhr. 55€ das Ticket. Drei Kontrollen. Kein Terror. Kein Sané. Nur Fußball und Böhse Onkelz. Mustafiiiiiii jaaaaa!

Unsportlicher Sport

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Es ist ja schon komisch mit der EM. Da steht ein sportliches Highlight vor der Tür und es geht um alles – nur eben nicht um Sport. Einerseits die großen Zweifel hinsichtlich der Sicherheitslage rund um die Spiele, andererseits die Debatten um die Aussage eines AfD-Politikers, der offensichtlich den Verstand verloren hat. Umsäumt wird all das Unsportliche von einer Marketing-Welle, die an Konsum-Perversion nur schwer zu überbieten ist und sich jeder Supermarkt anfühlt wie die Kabine der deutschen Elf.

Und der DFB? Der steht als „gemeinnütziger Verein“ dem ganzen Wahnsinn natürlich vorbildlich gegenüber und schreibt sich in seiner Satzung die „Förderung gesunder Ernährung (…) als gesundheitliche Prävention“ auf die Fahnen. Deshalb entschied man sich in Frankfurt auch guten Gewissens für Verträge mit Ferrero („Steck deine Stars in die Tasche!“) und McDonalds („Sport und McDonald’s gehören einfach zusammen“) und schnürte mit Coca Cola einen „Premium-Partner“-Deal. Während Erwachsene mit Brauspar-Aktionen ein alkoholisches Konto eröffnen, können so besonders Kinder die EM bei Schokolade, Burger und Cola kalorienarm genießen. Gesundheit ist eben alles, besonders in Satzungen.

Ein Supermarkt-Regal weiter kann man den Liter Milch heute übrigens ab 47 Cent erwerben. Und während zig Bauern in ganz Deutschland um ihre Existenz fürchten, entscheiden sich eben doch viele für die 24 Sammeldosen von Coca Cola – natürlich wegen des gesundes Inhaltes und nicht wegen den abgebildeten Mats Hummels oder Manuel Neuer. Die Welt ist verrückt geworden. Darauf ein Prosit, lieber DFB!

Pass in die Gasse #20

Pro Samstag 15:30

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Der Kühlschrank brummt wie eine Mischung aus einem Atomkraftwerk und einer V2-Rakete. Niemand wird überleben. Im Park gegenüber schreien sie bereits. Hildesheim-Marienfriedhof halt. Hartz4 vs. Studenten vs. Polizei vs. Netto-Bourgeoisie. Pünktlich um 9Uhr geht es los, freundlich gesinnt, wie immer, jemand spielt Gitarre, singt „No Woman, No cry“. Erst alleine, dann mit allen, wie im Stadion nach zehn Mal 0,5l-Alarm. Gegen 12Uhr kippt dann die Stimmung, wie immer, Bier leer. Neue Leute kommen, alte bleiben. „Ich hab gestern schon geholt, du Affe! Und wo ist Claudia!?“ Daneben Flunky-Ball. Lehrämter leben einfach das Leben, träumen nicht nur. Maximal Regionalliga. Alle anderen wahrscheinlich beim Yoga, oder am See chillen. Hauptsache kein Fußball. 13:00Uhr. Es läuft bereits die Konferenz der 3. Liga. Erzgebirge Aue steigt auf. Würzburg vielleicht auch. Die Waschmaschine läuft, auch ohne Ariel. English Breakfast, das erste Bier: Bayreuther Hell. Fast fühlt man sich schlecht, ja dekadent. Eier, Bohnen, Speck, das Leben leben! Anpfiff Bundesliga, Sky Go vom Vadder gemopst, er ja selbst auf Schalke, der Arme. Bayern wird Meister blabla, gib ma Kippe. Nach 18 Minuten sehe ich das erste Mal Schalke, vorher viermal Bayern, bei denen es schließlich noch um einen Scheißdreck geht. Sky go fuck you. Schorsch, von Beruf Schalker, mit Hobby Kulturwissenschaften, trinkt einfach weiter und baut Ziggis so sicher wie die VFB-Abwehr. Kiste Veltins fast leer. Aus Frust. Jetzt Xbox, irgendwas mit Medien, Fifa 2006, 1:1 gegen Augsburg, No Schalke, No Cry.

 

Pass in die Gasse #15

Von Mihajlović bis Lichy

Tacheles zum x-ten “Weckruf”

Der 2:1-Anschlusstreffer durch Harry Kane war die bezeichnende Szene des Spiels. Eine kurze, schnelle Drehung reichte dem 22-Jährigen, um dann durch einen Beinschuss ins lange Eck zu treffen. Seine beiden Gegenspieler Müller und Özil führten dabei einen Synchrontanz vor, der eher an eine königliche Eskorte erinnerte als an einen Zweikampf. Das ganze zehn Meter vor dem eigenen Tor, wo selbst auf diesem Niveau das Tribünendach nie die schlechteste Lösung ist.

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Doch hatte man sich über dieses Laissez-faire schon während des gesamten Spiels echauffieren müssen, bekam man von Thomas Müller im späteren Interview noch einen Nachtritt, indem er klarstellte: „Wir konnten den Testspielcharakter irgendwie nicht abschütteln. Wir als Mannschaft sind nicht an die 100%, auch vom Einsatz, von der Aggressivität, rangekommen. Das ist leider nichts Neues, dass wir bei Testspielen nicht ganz so gut aussehen.“ Man darf fragen, was es also braucht für die richtige Einstellung. Der größte europäische Klassiker inklusive ausverkauftem Olympiastadion scheint das nötige Adrenalin und die richtige Einstellung nicht hervorrufen zu können. Auch Testspiele waren zwischen diesen beiden Nationen seit jeher von Prestige geprägt und stellten immer weit mehr dar als ein Trainigskick. Englands 5:1-Kantersieg in München inklusive Michael Owens Drei-Tore-Gala ist bis heute ebenso Thema im Pub wie Didi Hammans „Abrissbirne für Wembley“, die vielen Inselbewohnern immer noch den Magen umdreht.

Der Irritation nicht genug. Im Aktuellen Sportstudio spricht Löw das aus, was man als Zuschauer von Minute eins an gesehen und gefühlt hatte: „Wir hatten, selbst als wir 2:0 geführt haben, eigentlich kein gutes, dynamisches Spiel. Wir hatten auch nicht immer in diesem Spiel die Kontrolle.“ Nur fünf Minuten zuvor waren Gomez und Khedira, offensichtlich vom 2:0-Vorsprung geblendet, vom Gegenteil überzeugt. Wusste zunächst Gomez, dass man „bis zum 2:0 und auch die paar Minuten danach ein richtig, richtig gutes Spiel gemacht“ hat, war sich auch Khedira sicher „bis zum 2:0 vieles richtig gemacht“ gemacht zu haben. Offenbar ist es nicht nur ein Problem der Einstellung, sondern auch eines mit dem Realitätsempfinden eines Weltmeisters.

Doch dass Fußball nicht ausschließlich Kopfsache ist, wurde gestern ebenfalls bewiesen. Der 11 Freunde-Ticker brachte das 2:2 von Jamie Vardy auf den Punkt: „Was für eine Bude! Ausrufezeichen! Und Jogi Löw? Bringt Lukas Podolski. Jeder wie er kann.“ Was sich hier so humorvoll anhört ist leider bittere Wahrheit. Die derzeitige Personalsituation im DFB-Team ist mehr als nur bedenklich. Wer das nicht wahrhaben will, dem empfehlen wir auch weiterhin unsere Tugenden, Turniermannschaftsgene und das 7:1 gegen Brasilien zu feiern. Es ist zwei Jahre her, basta. Wachwerden, schlandsche Couch-Potatoes!

Die EM-Qualifikation wurde mit Hängen und Würgen abgeschlossen und in Spielen gegen Polen, Irland und Georgien verwies man immer wieder gerne auf die mentale Schwierigkeit mit dem Umgang „kleinerer Gegner“. Doch England ist ein anderes Kaliber wie beispielsweise Schottland, weshalb auch die „Weckruf“-Phrase gestern so deplatziert wirkte wie André Schürrles Stellungsspiel beim 2:3. Wir gehen noch weiter und posaunen, dass es bei manchen Spielern für nicht mehr reicht.

Dass Jonas Hector ein guter linker Verteidiger ist, aber eben nur ein guter. Einer, der zwar ein solides Repertoire abruft, dass bestenfalls aber gut genug für die Gruppenphase ist, da er immense Probleme mit schnellen, an der Linie klebenden Gegenspielern hat und folglich die Abstände nicht halten kann. Dass Antonio Rüdiger noch Luft nach oben in der Entwicklung hat und diese auch atmen wird. Für die EM allerdings kommt der Auftritt von Beginn an zu früh. Das weiß übrigens auch die italienische Presse, die ihn regelmäßig wegen seinen Sekundenschläfen kritisiert. Dass André Schürrle wegen fehlender Spielpraxis und Spiellaune gerade ebenso wenig hilft wie Lukas Podolski, der bei Galatasaray zwar dauerhaft spielt, aber „Gala“ eben zurzeit auch ein Club ohne Anspruch ist und mit 22 Punkten Rückstand auf Besiktas auf Platz sechs einer Mittelklasse-Liga klebt. Auch will man Sebastian Rudy nichts Böses, aber ja, lassen wir das mit Hinblick auf die Bundesliga-Tabelle.

So weiß man außer bisher schwachen bis durchschnittlichen Auftritten über die deutsche Mannschaft nur zwei Dinge ganz sicher: der jetzige Kader ist einerseits zu schwach für den EM-Titel, andererseits sollten gestandene Spieler wie Thomas Müller ihre „Leichtigkeit des Seins“ besser ganz schnell ablegen und vielleicht auch den ein oder anderen coolen Spruch erst nach getaner Arbeit bringen.

Frohe Ostern!

Kommentar zum 11FREUNDE-Artikel „Was uns wichtig ist“

Ein User verlinkte den veröffentlichten Text mit dem einleitenden Satz: „11Freunde nimmt Stellung zu Hasskommentaren“. Genau darum geht es nicht. Das Magazin muss keine Stellung beziehen. Schon gar nicht zu dem Irrsinn, dass Fußball „nur“ Fußball und eben keine Politik sei.

yyyyyyy

Fußball war und ist nämlich genau das: Sport, Kultur und Politik. Wer das nicht wahrhaben will, sollte sich dringend ein Geschichtsbuch zulegen. Unser geliebtes Rundes Leder wurde im Kaiserreich als „undeutsche Engländerei“ diffamiert, im Nationalsozialismus als arische Stärke instrumentalisiert, war im „100-Stunden-Krieg“ Auslöser von Gefechten zwischen Honduras und El Salvador mit 1200 Toten und wird heute als Werbeträger von seinen eigenen Verbänden benutzt und weggeworfen. Immer wieder auf das friedliche Miteinander hinzuweisen gehört deshalb in jede Kurve dieser Welt, in den Mund eines jeden mündigen Fans und erst recht auf die Tastatur von Journalisten.

Wenn ein Fußballmagazin wie 11Freunde wegen eines Posts angefeindet, beschimpft, ja gar bedroht wird, weil es ein „Refugees Welcome“-Banner von Werder Bremen Fans zeigt, sollten bei allen Journalisten, Bloggern und Redakteuren die Alarmglocken läuten. Das Magazin „nimmt keine Stellung“, sondern unterschreibt „Was uns wichtig ist“ im Namen aller MitarbeiterInnen und tut damit etwas, das definitiv „wichtig“ ist: es wehrt sich.

Selbst unser kleiner Blog steht regelmäßig vor der Frage, ob man auf die in Dummheit getränkten Mails oder Kommentare antworten oder diese doch besser direkt blocken, ignorieren oder löschen sollte. Letzterer Vorgang fällt nie leicht und stellt ein Paradoxon dar, steht man schließlich mit jeder veröffentlichen Zeile hinter dem Artikel 5 unseres Grundgesetzes. Mehr noch – man glaubt an ihn. Eine Meinung zu „löschen“ greift deshalb das Gewissen an. Immer. Doch handelt es sich hierbei nicht um Meinung, sondern um Hetze und Diffamierung.

Ein Beispiel: 2015 lief auf ARTE der Dreiteiler „Nordkurve“ an. Wir verlinkten den Trailer und wiesen auf den Sendetermin hin. Neben einem Mord handelt die Serie vor allem von privaten Problemen, die sich äquivalent zu denen in Verein und Fanszene verhalten. Unter anderem thematisiert das Drama, wie ein junger Fan an seiner Homosexualität fast zu Grunde geht. Es dauerte keine zehn Minuten nach Sendeausstrahlung bis zum ersten Kommentar („Was hat diese ganze Schwuchtelscheiße mit Fußball zu tun!?“) und keine zwanzig bis zum nächsten geistfreien Hieb („Wahrscheinlich seid ihr auch schwul, sonst würdet ihr so ein Schwachsinn nicht ankündigen“). Die „persönlichen Nachrichten“ mit den Usern führten in eine Richtung, die man eigentlich vor Gericht hätte weiterführen müssen.

Nun ist unser Blog in etwa so groß wie die Betreffzeile von 11Freunde. Man kann sich also in etwa vorstellen, was ein Magazin wie dieses (80.000er Auflage, 400.000 Abonnenten auf Facebook, 130.000 Follower bei Twitter) an Hasskommentaren und Drohungen aushalten muss. Daher gebührt es dem seit 2000 erscheinenden Blatt Respekt auszusprechen. Denn mit dem Artikel ist man im Hause Köster auch der Gewissheit entgegengetreten dem digitalen Mob eine weitere Breitseite anzubieten. Doch sagte man sich: Sollen sie doch. Sollen sie weiterhin versuchen unsere Zeilen und Bilder an den Pranger/ Galgen zu bringen. Egal.

11Freunde hat Haltung gezeigt und nur das zählt. Die Redaktion ist (endlich) eingesprungen für Fußball, Kultur, Politik – und für Menschen, die an die „universelle Sprache“ dieses Sports glauben.

hrp

P.S.: „NACHTRAG: Um 16:59 Uhr haben wir die Kommentare unter diesem Artikel abgeschaltet, weil es keine Diskussion zum Thema gab, sondern nur eine sinnlose Aneinanderreihung von Beleidungen, Beschimpfungen und Drohungen. Danke an alle Leser, die versucht haben, dagegen zu halten und uns auch in unserer Meinung bestärkt haben.“ (11Freunde)

Die sogenannten „Emotionen“

dsas

Es war noch nicht einmal das Schmidt´sche Schauspiel selbst, das einfach nur nervte. Noch viel schlimmer war das Nachtreten auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Viele Trainer scheinen inzwischen eine eigene „emotionale Ebene“ für sich zu beanspruchen, die aus ihrer Sicht „nun einmal passieren kann“. Man will und kann es nicht mehr hören. Erst recht dann nicht, wenn derjenige ein Wiederholungstäter par excellence ist, dem sein Verhalten „natürlich in erster Linie für die Mannschaft“ leid tut. Solche Phrasen scheinen inzwischen so salonfähig zu sein wie die Geldstrafen, die sie bewirken.

Es ist beschämend, dass die Arroganz eines Trainers nur noch von der Selbstüberschätzung gesteigert wird für jede Entscheidung des Schiedsrichters eine Erklärung einzufordern. Dass ein Schiedsrichter über eben jene Entscheidungen auch einmal den Kapitän eines Teams und nicht den Trainer informiert, ist nicht nur legitim, sondern wird in jeder Kreisliga als völlig normal empfunden. Wie sich in diesem Kontext diese Trainer inszenieren, kann ohne Weiteres als „Generation Klopp“ geltend gemacht werden. Intelligent, smart und egal wie tadelnswert man sich auch verhält, es wird als „leidenschaftlich“ und „voller Emotionen“ verkauft und somit – das ist der Wahnwitz – als „nur menschlich“ verteidigt. Man stelle sich einmal Max Mustermann vor, wie er am Montagmorgen durch den Flur seines Büroskomplexes schlendert und aus dem Nichts einen Mülleimer über den Gang drischt: „Ja gut, mir ist gerade ein Kunde abgesprungen. Wenn man sich mit dem Beruf identifiziert, dann passiert das eben mal.“ Hier werden nicht Äpfel mit Birnen verglichen, handelt es sich schließlich in beiden Fällen noch um „echte Typen“, die für ihre Sache „noch leben“.

Trainer wie Schmidt sind inzwischen derart „brutal“  bei der Sache, dass sie natürlich nicht bewusst die Kontrolle verlieren, sondern stets Opfer dieser sind. Dieses Gefühl sehen Fans naturgemäß ein, da sie diese Haltung nur zu gut kennen. Die Schmidts des Fußballs glauben deshalb Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern narrenfrei kommentieren zu dürfen und auch zu müssen. Das Erregen von Aufmerksamkeit und das gleichzeitige Erhaschen von Verständnis, ja gar Mitleid, war schon immer eine Strategie der (schlechten) Verlierer. Bedenklich ist dabei nur, dass es inzwischen als Tugend referiert wird. Genau aus diesem Grund darf man von den Selbstinszenierungen solcher „Normal & Special One-Trainer“ ruhig Abstand nehmen. Sogar  emotionslos.

hrp

Handball, Kirschneck, Piqué

Von Südamerika & Südwestfalen

OOOOH!

Pöbelalarm 7:48Uhr. Livestream. Immer noch. Der Laptop röhrt so laut und verboten wie ein gottverdammtes Atomkraftwerk. NEWCASTLE JETS VS. PERTH GLORY. 1:1 nach 38 Minuten. Nur Diego Castro sagt einem was. Gijon und Getafe, Dauerbrenner, nie verletzt! Die ham 20 Grad übrigens. Ein müder Sommerkick also, ihr F*****! Ne Stimmung wie auf ner Beerdigung, niemand singt, weil….OOOOOH 1:2! Und wer macht es??? Castro, of course! Und das ist noch nicht einmal verdiiiiiient…meine Meinung. Man könnte nämlich….OOOOOH Platzverweis Nigel Boogaard! Ein Name wie Winnetou Koslowski! Fußball, du bist ein Teufelskerl! OOOOOH 1:3! Torschütze Daniel Mullen vom chinesischen Erstligisten Dalian Aerbin. Zudem 13facher U20-Nationalspieler. Abwehr. 185cm. HOHES BEIN!!!! 1:4.

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Budenzaubermysterium

Vorsatz für 2016?

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‚Traditionalisten aller Länder, vereinigt…‘ sorry nein, das hat der alte Marx nicht verdient. Doch betrachten wir rückblickend das Fußballjahr 2015, so ist das geliebte runde Leder nur noch mit einer Vereinigung aller Fankurven -und kulturen zu retten. Mit einer Revolution, einem Manifest vielleicht, das Mindestgehälter festlegt und ein Verbot von Vermarktung jeder Art ausspricht. Das klingt nach Utopia, mag sein. Doch andererseits gibt es bisher keine kollektive Antwort auf den Ausnahmezustand, in den sich der Fußball im Jahr 2015 hineinmanövriert hat.

Wir echauffieren uns über steigende Ticketpreise und bezahlen sie trotzdem. Wir heulen Flutlichtmast und 15:30 nach, kaufen aber Sky-Abos wie Toilettenpapier. Wir wollen von Gazprom, VW und Red Bull eigentlich nichts wissen, tolerieren sie aber aus Angst vor Wettbewerbsunfähigkeit. Und wenn uns der Protest doch einmal von der Couch holt und laut wird, gibt es ja immer noch Oberwachtmeister Dimpfelmoser aka. Rainer Wendt, der Nackstscanner „absolut richtig und vernünftig“ findet, „Stehplätze abschaffen“ und „Zäune erhöhen“ will und meint, dass man „die sogenannten Fanbetreuer […] von Zeit zu Zeit daran erinnern [sollte], auf welcher Seite sie stehen“, da sie „in zunehmenden Maße als Verharmloser“ auftreten. Wer diesen Themen gegenüber resistent ist, zieht sich eben 35 Minuten die Leiden des Wolfgang Niersbach oder die zukünftigen Fernsehgelder der Premier League rein.

Und selbst das bekommen wir Fußballnarren natürlich nur oberflächlich mit. Was inzwischen hinter den Kulissen abläuft, lässt sich nur erahnen, liest man in und zwischen den Zeilen, die Yves Eigenrauch dem „Kicker“ entgegnete: „Im Fußball war und ist es leider auch so, dass man sich gegenseitig versucht, über den Tisch zu ziehen, und dass sich Spieler und Vorstandsleute profilieren wollen. Der Unterschied zu damals ist nur, dass das mittlerweile mit einer extremen Professionalität betrieben wird.“
In einer E-Mail monierte vor wenigen Tagen ein User, dass der Fußball „immer einen Weg gefunden“ habe und wir zu sehr „typisch traditionalistische Schwarzmalerei“ betreiben würden. Ehrlich gesagt fällt uns zum Komapatient Fußball im Augenblick kein Szenario ein, was schlimmer sein könnte.

In Katar sterben täglich Menschen auf Baustellen, nur damit wir uns wieder Helene Fischer in Autokorsos geben können. FIFA und UEFA kommen der Cosa Nostra gleich und der DFB, selbst einst mit erhobenen Fingern auf andere zeigend, repräsentiert mit seinem Kaiser keinen Verband, sondern die „Farm der Tiere“ nach George Orwell. Und wer es sich nicht hart, sondern eher romantisch besorgen will, kann sich ja Ralf Rangnick im Interview geben. Sprich, wir können gar nicht anders als flächendeckend das Hackebeil zu schwingen und diesem Katastrophenzustand bestenfalls mit Zitaten von Kabarettisten begegnen: „Es kann passieren, dass der Sinn des Fußballs in ein paar Jahren komplett darauf reduziert wird, Gelder aus Asien einzusammeln. Wenn dann die englische Liga um zwei Uhr nachts angepfiffen wird, weil das besser in die Planung des chinesischen Fernsehen passt, dann ist vielleicht der Punkt erreicht, an dem man sich mal für die rumänische Liga interessieren sollte.“* Vielleicht sollte Dieter Nuhr mehr über Fußball reden anstatt über…egal. Dem Fußballgott sei Dank sind jetzt endlich Hallenturniere. Da macht man wenigstens keinen Hehl daraus, dass es eigentlich gar nicht um Fußball geht. Es gibt nichts schön zu reden.

Grätscht gut ins neue Jahr!

Eure Furche

(*Hohenloher Zeitung, 31.12.2015; S. 25)

Europapokalflucht Teil 1

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnd da sitzt man dann. Berlin-Schönefeld. Drei Grad. Drei Uhr. Man wartet auf eine Fluggesellschaft, die behauptet, sie könne einen in drei Stunden sicher nach Athen bringen. Für 21€. Man fragt sich, wo diese verfluchten Eulen sind, von denen alle immer reden. Nach bestandener Drogenkontrolle in einer H&M Umkleidekabine mit aufgezogenem Vorhang und Nacktscanner, wartet man mit kochendem Dosenbierwasser (4,50€) auf grauen, metallischen, extra nicht gepolsterten Sitzen. Abflug in drei Stunden. Ein junger Zwitter schlendert nervös mit seinem/ihrem Trolley vorbei und knickt bei jedem dritten Schritt in lila Pumps von einer Fliesenfuge in die andere. Zwei Erasmus-Studentinnen schießen ein paar Spiegelreflex-Selfies. Sie strahlen, schauspielern ein letztes Mal beste Freundschaft und glauben fest daran, etwas total Tolles erlebt zu haben. Es ist warm. Trockene Luft, welche Achseln und Stirn ins Schwitzen bringen, ohne dass man auch nur den Finger bewegt. An der Decke hängen Flachbildfernseher an umgedrehten Periscopen, die jedoch kein Land in Sicht, sondern Beate Zschäpe auf n-tv zeigen. Schnitt. „Holyfield tippt auf Klitschko“. Beitrag ohne Ton. Schnitt. „Frau stirbt bei Teufelsaustreibung“. Beitrag ohne Ton. Schnitt. „VW gibt Entwarnung“. Beitrag in Splitscreen ohne Ton. Linke Bildhälfte: Beate Künast. Rechte Bildhälfte der TV-Tagestipp: Dirty Dancing. Ich sage mir, dass 21€ ein durchaus fairer Preis sind, um aus Vietnam rauszukommen. Um 6:20Uhr öffnet das Gate. Eine Flughafen-Angestellte mit der Stimme von Roseanne sagt „Tschüss“, als wir an ihr vorbeigehen. Ich antworte: „Ja, Glück Auf!“. Sie: „Nee, Tschüss.“ Auf n-tv klettert die Afd im Osten auf 16%. Abflug. Drei Punkte. Oh Herr, Hauptsache drei Punkte. Und Walter Faber als Sitznachbar.

Sportstudio: Alles außer Fußball

1qaq1Bei aller Sachlichkeit: dass das ‚aktuelle Sportstudio‘ inzwischen nicht auf RTL läuft, ist mit gesundem Rezipientenverstand nicht mehr nachzuvollziehen. Man ist sich nicht ganz sicher, ob sich die Moderatoren und Moderatorinnen überhaupt noch ernsthaft auf die Studiogäste vorbereiten. Denn hinterher weiß man genauso viel wie vorher, der Gast hat in einem pseudolockeren Smalltalk achtzig Prozent Fragen beantwortet, zu denen er oder sie eigentlich gar nichts sagen kann, die 3D-Analyse des Abendspiels gleicht einem digitalen Reißbrett alkoholisierter Sportstudenten und die despektierlichen Fragen der rasenden Reporter in den Stadionkatakomben lösen ganze Salven von Fremdschamattacken auf der Wohnzimmercouch aus.

Und wenn man kurz durchatmet, weil Sven Voss trotz George Clooney-Grinsen wirklich, wirklich, wirklich keine News, Gerüchte oder Erdbeben erhaschen konnte, kommt Boris Büchler („Wat woll’n se?!“) um die Ecke gegrätscht und tritt noch einmal in Richter Alexander Hold-Manier nach. Danach geht es zurück ins Studio zu Katrin Müller-Hohenstein und dem Ablesen oberflächlicher und totaaal witziger Twitter-Fragen, bevor dann endlich sinnlos auf die Torwand (wer nicht klatscht, wird erschossen) geballert werden kann. So ging es schlussendlich wieder einmal um alles im „Tatort“ für Fußballgeschädigte – nur nicht um Fußball.

[P.S.: Noch eine abschließende Frage, Herr Gruschwitz: darf man die Trikots (maximal Größe XS – M), die den Zuschauern vor Sendebeginn übergestülpt werden, eigentlich hinterher, quasi als Schadenersatz für blutige Ohren, mit nach Hause nehmen?]