Kategorie: Kritisches

Die Nerven des Emre Can

Der BVB scheidet verdient aus der UCL aus. Aufreger des Spiels war der rote Karton gegen Emre Can. Erster Gedanke war: Das ist doch wohl ein Witz! Pedro Porro fädelt ein, tritt sogar, fällt hin, schauspielert. Der zweite Gedanke war: Das kann nur ein Witz sein! Der Schiri geht jetzt raus, schaut sich das an und revidiert seine Entscheidung.

Vorher, na klar, Rudelbildung, Elf und Bank dabei, die Zeit streicht dahin, Spielfluss zerstört, Publikum auf den Barrikaden, Sporting alles erreicht, Dortmund nimmt die Provokationen dankend an. Leider fehlten auch bis nach Spielschluss weitere Bilder und Nahaufnahmen, bei DAZN setzte sich Sandro Wagner mit uns auf die Couch und sprach ebenfalls von einem Witz-Elfmeter. Nach Porros Faller habe Can sich nur mit mahnenden Worten zu ihm gebeugt, einen Schlag habe es ebenfalls nicht gegeben. Richtig.
Doch irgendwie blieben da plötztlich diese fünf Prozent Magengefühl, dass bei Emre Can eben selten nichts ist, wenn er involviert ist. Denn ohne Vorverurteilung: Wenn sich Provokation gegenüber einem gegnerischen Spieler in dieser Phase des Spiels lohnt, dann war und ist Emre Can für jeden Gegner wie ein Sechser im Lotto. Weil Weggehen für ihn unmöglich ist. Und so kommt es dann am Ende so, wie es eins zu eins ein gebrauchter Abend definiert: Can steigt Porro schön mit der Sohle auf den Knöchel, als der bereits am Boden liegt. (Bild: kicker)

Natürlich kann man darüber streiten, wer angefangen hat und mit welchen unfairen Mitteln Sporting und Porro das alles erzwungen haben. Doch sind es eben auch die blanken Nerven von Can. Und die Bilder zeigen klar, dass der Platzverweis vielleicht diskutabel, aber eben kein “Witz“ und somit keine klare Fehlentscheidung war.

Barcas Brechstange

Furche übrigens El Clásico geguckt und danach regelrecht verstört gewesen. Besonders hinsichtlich Barca ist uns kein Zeitraum in Erinnerung, in dem die Katalanen so schwach und ohne Sinn und Verstand zusammengesetzt waren. Da ist einerseits behäbiger und umständlicher Koeman-Fußball, aber andererseits auch ein Kader aus viel Mittelmaß und Grüppchenbildung. Da zocken junge Kerle unter sich, da wird ein Coutinho erstmal auf der Bank geparkt, da kommt in Minute 74 ein Agüero für einen, der ihn eigentlich bedienen müsste (Ansu Fati).

Es passt hinten und vorne nicht, von außen wird Risiko als Fremdwort vorgelebt und Memphis Depay als kreative Schaltzentrale kommuniziert. Trauriger Höhepunkt war die Einwechslung Luuk de Jongs fünf Minuten vor Schluss, in denen man den Niederländer bemitleiden musste. Jeden Ball verstolpert, völliger Fremdkörper, Ballbesitz bedeutete Ballverlust. Es ist so befremdlich, dass der FC Barcelona, seit jeher die Inkarnation für fußballerische Schönheit, hilflos hohe Bälle in den Strafraum kloppt und auf die Stirn eines 31-Jährigen angewiesen ist. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Barcelona packt die Brechstange aus. Gut, dass König Johan das nicht mehr ertragen muss.

Schon deshalb hatte dieser Clásico nichts mit europäischem Spitzenfußball zu tun. Kaum größere Namen, keine epischen Eins-gegen-Eins-Duelle, keine virtuosen Momente. Im Anschluss Liverpool zocken zu sehen, kam einer Erlösung gleich.

Bilder und Spiele, die keine sein sollten

Auch ein Tag später fällt es schwer, zu den bangen Minuten um Christian Eriksen etwas zu sagen. Heute aufgewacht und der erste Gedanke war: er hat’s geschafft! Nur das zählt. Und so starten heute wahrscheinlich weltweit Menschen in den Tag, die gestern live vor den Fernsehern für Eriksen die Daumen gedrückt haben. Eriksen ist kein Einzelfall, sondern einer von vielen Spielern, die auf dem Platz das Bewusstsein verloren, kollabierten oder plötzliche Herzattacken erlitten. Patrick Ekeng überlebte das unter skandalösen Umständen nicht, bei Abdelhak Nouri wurden nach einem künstlichen Koma bleibende Hirnschäden festgestellt, die Liste lässt sich erschreckend weit fortführen. Davon zu lesen oder hören ist schlimm genug, es live mitzuerleben furchtbar. Wir können für uns nur sagen, dass wir so etwas noch nie direkt miterlebt haben, die Bilder werden wir nie mehr vergessen. Alles, über das man im Fußball einmal geschrieben, geschimpft oder nach einem 0:3 bei Minusgraden geflucht hat, ist plötzlich so weit weg wie Planeten. Bei anderen kamen wiederum sofort Erinnerungen hoch, so schrieb Altravita-Blogger und Italien-Experte Kai Tippmann gestern via Twitter: „Ich habe noch Horror von der Radioübertragung, als [Piermario] Morosini gestorben ist. Niemand braucht Bilder davon.“ Und damit wären wir beim ersten von zwei Themen, die in der Nachbetrachtung thematisiert werden sollten.

Béla Réthys Schweigen

Es ist unerklärlich, wie eine Regie in dieser Situation so lange und penetrant Bilder des am Boden liegenden Eriksen zeigen konnte. Das machte wütend und fassungslos zugleich. Im Netz wurden zurecht Beispiele zu vergleichsweise völlig harmlosen Bildern wie Flitzern und Pyrotechnik geknüpft, deren Übertragung sonst gezielt unterbunden wird. Der Gipfel des Unsäglichen war schließlich das Zeigen von Eriksens Ehefrau. Das war so ekelhaft, dass einem fast schlecht wurde. Hingegen hat sich das ZDF, in persona vor allem Béla Réthy und Jochen Breyer, im Ganzen sehr seriös verhalten und mit der Abschaltung der Übertragung angemessen reagiert. Ja, das hätte durchaus auch einige Minuten früher passieren können, doch sollte sich bei aller Kritik vor Augen gehalten werden, wie schwierig und fordernd ein solcher Job mitsamt Entscheidungen in dieser Situation ist. Dass Béla Réthy sich indes für Schweigen entschied und dies nachvollziehbar wie empathisch kommunizierte, unterstreicht dieses professionelle Verhalten. Béla Réthy wird oft ob seiner fußballerischen Expertise als Kommentator von „gestern“ kritisiert, darüber lässt sich streiten. Worüber sich nicht streiten lässt: Als Eriksen um sein Leben kämpfte, tat die Erfahrung und Stimme Réthys gut. Es sind jene Momente, in denen seriöse Berichterstattung sicht- und hörbar wird.

Spiel fortsetzen oder nicht?

Über einen zweiten Punkt wurde unter anderem in den sozialen Medien bereits gestern teils sachlich, teils haarsträubend debattiert und geurteilt: War es richtig, das Spiel fortzusetzen? Allein die Frage war für uns zu diesem Zeitpunkt eine absurde. Viel präsenter und logischer waren die Überlegungen, inwiefern ad hoc bezüglich Russland gegen Belgien entschieden werden und ob es mit der EM überhaupt weitergehen sollte. Als dann die Nachricht kam, dass sich beide Mannschaften auf eigenen Wunsch für die Fortsetzung der Partie geeinigt hätten, war das kaum zu glauben. Und das ist auch am Tag danach noch so. Wir schließen uns diesbezüglich klar den Aussagen Christoph Kramers und Per Mertesackers an: die UEFA hätte intervenieren und das Spiel abbrechen müssen. Doch klar ist auch: Es ist keine selbstverständliche oder gar leichte Entscheidung, dem Anliegen der Spielfortsetzung von Seiten der dänischen Mannschaft, insbesondere nach dem Austausch mit Christian Eriksen, nicht nachzukommen.

Kasper Hjulmand stellte indes noch einmal klar, dass es keinen Druck von Seiten der UEFA gegeben habe. Desweiteren schildert Hjulmand, dass sich die Spieler nicht vorstellen konnten, die Partie am Sonntag um 12 Uhr nachzuholen: „Es war besser, es gleich zu machen.“ Kasper Schmeichel erklärte dabei vor allem das Problem, dass „die Spieler sich sicher waren, heute nicht mehr schlafen zu können. Morgen zu spielen, hätte die Situation noch schwerer gemacht.“ Im Nachhinein muss man resümieren, dass bei allem Glück im Unglück ein Reihe unglücklicher und falscher Entscheidungen getroffen wurden. Simon Kjaer bat um seine Auswechslung, weil ihm als enger Freund Eriksens ein Weitermachen unmöglich war. Ein stellvertretendes Beispiel dafür, wie schwer die Last in Köpfen und Füßen der dänischen Mannschaft nach Wiederanpfiff war. Die Entscheidung hätte schützender Natur sein sollen: bis hier und nicht weiter. Man stelle sich eine weitere schwere Verletzung oder die Nachricht eines gesundheitlichen Rückschlags bei Eriksen vor. Man mag gar nicht dran denken.

Innehalten statt Urteilen

Was uns bei aller Emotionalität jedoch auch umtrieb, waren die schnellen Urteile im Netz. Noch bevor klar war, dass die dänische Mannschaft um eine Fortsetzung bat, war die UEFA bereits der Buhmann. Das macht die Entscheidung der Spielfortführung nicht besser, doch rückt sie mit etwas Abstand zumindest in ein anderes Licht. In einer solchen Situation direkt Schuldige auszumachen und sich binnen Minuten auf digitalen Wegen darüber zu äußern, was falsch oder richtig sei, ist schlichtweg unangebracht. Besonders absurd war, dass einige User*innen in ihrer Argumentation pro Abbruch die Situation mit den Anschlägen von Paris oder dem Attentat auf den BVB-Mannschaftsbus verglichen, was nicht einmal ansatzweise Äpfel und Birnen sind zu der gestrigen Situation im Kopenhagenener Stadion. Ganz besonders da gilt es doch zu differenzieren. Niemand, außer den unmittelbar Beteiligten, konnte sich in diesen Augenblicken ein klares Bild von der Situation machen. Selbst Béla Réthy meldete sich erst lange nach Abpfiff zu der Entscheidung der Spielfortführung, nachdem er mit Betroffenen gesprochen und die Hintergründe prüfen konnte. Innehalten und einziges Mal nichts meinen, spekulieren oder kommentieren. Ein Mensch erlangt vor (leider) laufenden Kameras sein Leben wieder. Wann lohnte es je mehr, eine Nacht über Urteile und Meinungen zu schlafen?

Hatte alles Kopf und Fuß

Puh, Relegation hat inzwischen auch seine eigenen Gesetze und dazu gehört ganz sicher, dass es Fußball der Marke Baumstammwerfen ist. Aber ok, es geht um Alles und nicht um Schönheit, wer also bei #KOEKSV eine Augenweide erwartete, hat den Pressschlag nicht gehört. Trotzdem ist nach Spiel eins festzuhalten, dass es Köln halt wie erwartet gemacht hat: irgendwie bemüht, irgendwie optisch überlegen und irgendwie mit Kampf, doch vor allem in puncto Kreativität bemitleidenswert. Aus dem Zentrum zudem kein Tempo und noch weniger Ideen. Fazit ist schlimm, aber leider klar: der Effzeh spielt im Rahmen seiner personellen Möglichkeiten.

Vor Holstein Kiel hingegen kann man nur den Hut ziehen. So viele Partien in so kurzer Zeit so erfolgreich zu absolvieren, ist ein Beweis für eine mental richtig intakte Truppe. Vor allem die fünffache Ohrfeige in Dortmund haben wir als Vorzeichen für eine fallende Leistungskurve gewertet. Doch statt Panik oder Aufgabe, hat Ole Werner die nordische Kühle in der Kabine bewahrt. Heute zwar nicht sonderlich gefährlich, doch das, was die Störche auf dem Grün fabrizierten, hatte immer Kopf und Fuß und wirkte äußerst unaufgeregt. Ja, ein Remis wäre ok gewesen, doch unverdient ist der Sieg (inklusive Lattenschuss) sicher nicht. Außerdem gibt es beim Baumstammwerfen kein Unentschieden.

Raus aus dem Schatten

Es ist nicht leicht etwas über Oliver Glasner und Eintracht Frankfurt zu sagen, geschweige denn vorauszusagen. Doch einzelne Kommentare, er sei ein typischer Werks-Elf-Coach ohne Ecken und Kanten, gehören in die Tonne. Seine Arbeit bei Red Bull, als Co-Trainer unter Roger Schmidt, ist zehn Jahre her und eine kurze Zeit bei Wolfsburg machen einen unscheinbaren Coach noch lange nicht zum Symbol eines Autokonzerns. Vielmehr rufen wir jedem Adler-Fan zu: Wer mit dem LASK in 161 Spielen durchschnittlich 1,97 Punkte holt, muss ein paar kluge Ideen in der Tasche haben. LASK, das bedeute damals Aufstieg nach Chaos und Konkurs und Europapokal nach Aufstieg. Auch das sind die Fakten hinter einem Mann, dem gerne das unrühmliche Klischee der schulbuchmäßigen Trillerpfeife angeheftet wird. Klar ist aber auch, dass der 46-Jährige nun das erste Mal ein Umfeld mit mehr Wucht und mehr Medienrummel bekommt. Sonnte sich Glasner bislang bei seiner Arbeit gerne im Schatten, muss er in Frankfurt sicher des Öfteren Rede und Antwort stehen. Die Bühne dafür hat er jetzt – und fußballerisches Know-how ganz sicher auch.

Ein Vertrag wie ein Sargnagel

Kurz über einen ausgiebigen Artikel bezüglich Julian Draxler nachgedacht, doch dann schulterzuckend abgelehnt. Es ist alles gesagt über falsche Berater, Selbstüberschätzung und schlechte Entscheidungen zu noch schlechteren Zeitpunkten. Haben ihn unter Magath live gesehen und einfach nur gestaunt. Seine erste Bude im DFB-Pokal gegen Nürnberg, pah, was für ein Wahnsinn! Was für ein Talent! Wie kann ein Junge so viel in die Wiege gelegt bekommen? Ein Übersteiger hier, ein doppelter da, zack, vorbei, schnell, kreativ, verwegen, alles beim ihm sah so verdammt leicht aus. Dieser Bub wird Deutschlands neues Wunderkind, da gab es von Kurve und Medien keine Zweifel.

Dann zwei, drei Mal falsch abgebogen, zu hoch gepokert, Schlangen im Ohr, Verletzungen in Serie, Hauptsache Quantensprünge statt step by step. In Gelsenkirchen zu viel Druck, doch selbst auch die „10“ gefordert, dann nur noch weg, in Wolfsburg ohne Glanz und Konstanz, in Paris meist auf der Bank. Von Löw zurecht nicht für die EM nominiert, wirkt die Vertragsverlängerung bei PSG wie ein Sargnagel. Karriere vorbei, denkt man. Über einen 27-Jährigen! Wer wird sich an Draxler in zehn Jahren erinnern? Über welche Titel und Erfolge wird man reden?

2011: Julian Draxler über den Köpfen von Papadopoulos und
Raúl. Zuvor hatte der 17-Jährige in Minute 119 den Siegtreffer erzielt und Schalke ins DFB-Halbfinale geführt.

Im Geld schwimmen und bei PSG kicken ist das Eine. Niemand wird sagen: Hey Jule, du hast in deinem Leben nichts erreicht, ganz im Gegenteil. Doch viele werden sich erinnern an dieses gewisse Etwas, das nur ganz, ganz Wenigen auf dieser Welt in die Füße gelegt wird, und dann denken: Was ist das im Endeffekt doch alles traurig. Wir gehören dazu.

Grillfest mit Extrawürsten

Obwohl es den „Störchen“ erlaubt ist, verzichtet Holstein Kiel also auf Publikum beim Saisonfinale gegen Darmstadt 98. Bei einem Spiel, in dem jeder Schrei und jedes Klatschen bei dem Husarenstück helfen könnte, als erster Verein Schleswig-Holsteins in die Bundesliga aufzusteigen. Das ist lobenswert wie heldenhaft, weil sich ein Verein die viel zitierten und x-fach durchgebratenen Extrawürste des Profifußballs während der Pandemie endlich einmal nicht auf den Teller legt. Und was machen andere Clubs? Statt die Saison demütig auslaufen zu lassen, werden kurz vor Ladenschluss die Schreibtische auf links gedreht, um irgendwie und möglichst maximal die Stadien mit Menschen zu füllen. Union Berlin öffnet 2000 Fans die Türen, Hansa Rostock erwartet über 7000, beim 1. FC Köln hofft man derweil inständig auf grünes Licht.

Was ist das nur für ein unsolidarisches Verhalten gegenüber all den anderen Vereinen, bei denen aufgrund zu hoher Inzidenzen kein einziger Fan auf den Rängen denkbar ist? Offenbar gibt es „den Fußball“ doch nicht im Kollektiv, von Demut gegenüber den Fans anderer Clubs ganz zu schweigen. Obendrein kommt dieser miese Beigeschmack der Wettbewerbsverzerrung und das Erhaschen eines Vorteils gegenüber direkten Mitkonkurrenten hinzu. Nun mag der oder die andere sagen, dass das doch lobenswert und als Dankeschön für die Fans nach so einer langen Pause zu verstehen sei. Diese Sichtweise teilen wir nicht. Vielmehr empfinden wir Fremdscham bei dem Gedanken, dass manche Verantwortliche am Ende des Tages doch wieder nur auf ihr eigenes Grillfest schauen. Sinkende Inzidenzwerte sind schließlich kein Verdienst von Fußballvereinen, sondern ein Ergebnis aus gesellschaftlichem Verhalten, medizinischer Versorgung und sozialem Engagement. Ein Dankeschön wäre nur dann glaubhafter Natur, wenn man auf alle Fans verweisen würde, um so einen großen gemeinsamen Startschuss am ersten Spieltag der kommenden Saison zu feiern. Denn „weder sollte der Profifußball für sich eine Sonderrolle in der Gesellschaft reklamieren – denn auch in anderen Veranstaltungsbranchen sind derzeit keine Zuschauer zugelassen – noch möchte die KSV Holstein eine Bevorzugung gegenüber anderen Sportvereinen im Land erfahren“, wie Kiel-Boss Schneekloth sagt.


Was wäre es doch für ein versöhnliches Zeichen gewesen, wenn sich alle Profivereine abgestimmt und dem Vorbild Holstein Kiels gefolgt wären. Ein einziges Mal die Füße stillhalten, ein einziges Mal nicht auf Paragraphen und gegebenes Recht schauen. Doch so zeigt sich nun die gleiche beschämende Erkenntnis wie schon zu Beginn von Corona: Wenn Extrawürste auf dem Grill liegen, stehen manche Verantwortliche mit gewetzten Messern bereit.

Als Kohfeldt hätte gehen müssen

Was die Gesamtentwicklung von Werder Bremen betrifft, bräuchte es mehrere Akten mitsamt Unterordnern. Vom familiären Selbstverständnis bis zum Malen nach ausschließlich schwarzen Zahlen wäre alles dabei bei den Gründen für dieses Drama kurz vor Ladenschluss. Einen Punkt möchten wir rückblickend nochmal wiederholen und das betrifft die erfolgreiche Relegation gegen Heidenheim in der letzten Saison. Es wäre der optimale Zeitpunkt gewesen, um mit Florian Kohfeldt getrennte Wege zu kommunizieren. Beide Seiten, Verein und Trainer, hätten diese Spielzeit als Gewinner verlassen. Das romantische Werder-Dogma, auf Gedeih und Verderb am Trainer festzuhalten, hatte sich schließlich trotz Nervenkitzel wieder einmal als erfolgreich herausgestellt, die Verantwortlichen hatten inmitten heftiger Sturmböen Ruhe bewahrt und gewonnen.

Nach zehn Bundesliga-Spieltagen ohne Sieg muss sich der SV Werder am letzten Spieltag einem Shootout stellen.

Ein besseres Momentum für einen sauberen Schnitt, inklusive Umarmung und Danksagung, hätte es nicht geben können, um auf Augenhöhe zu sagen: Danke für alles Florian, wir haben gemeinsam Berge erklommen und Täler durchschritten. Jetzt trinken wir zusammen ein frisches Haake, du wirst als gefragter Trainer deinen Weg gehen und wir stellen uns neu auf. All das wurde verpasst, ab dem ersten Spieltag der Folgesaison stand das Konstrukt Bode-Baumann-Kohfeldt zwangsläufig unter Beobachtung. An Baumann festzuhalten bedeutete an Kohfeldt festzuhalten bedeutete sich gegenseitig festzuhalten. Und wer nach einem haarscharf vermiedenen Abstieg kaum Veränderungen vornimmt und mit dem bekannten wie gefährlichen Es-wird-schon-irgendwie-gutgehen-Motto in die Saison startet, der darf sich über vorprogrammierte Skepsis nicht wundern.

Hinzu kam schließlich in der aktuellen Saison, dass Köln und Schalke Woche für Woche die Goldene Himbeere für die schlechteste Performance abräumten, die Klarheit über Werders ideenlosen Fußball kam medial kaum Ausdruck. Und das, obwohl es derselbe ideenlose Fußball war, der schon letzte Saison in die Relegation führte. Jetzt, wo sich ein einziges Schaaf auf dem Deich der Flut entgegenstellt, ist festzuhalten: Das 2:2 in der Relegation gegen Heidenheim war ein Geschenk des Himmels, um ohne Gesichts- und DNA-Verlust präventive Maßnahmen einzuleiten. Bode und Baumann haben diese Zeichen der Zeit verkannt und sollten sich jener Tatenlosigkeit mit Rücktritten stellen. Die Entlassung Kohfeldts nach dem 33. Spieltag ist dafür kein Argument, sondern ein Beweis.

Heute hier, morgen dort

Erstmal also das Corona-Nachholspiel zwischen Schalke und Hertha trotz Corona und Quarantäne. Dann das Pokalfinale an einem Feiertag und keinem Wochenende und erst um 20:45 Uhr statt wie früher um 20 Uhr, damit Kinder am nächsten Tag noch ausgeschlafener die Schule genießen können. Währenddessen startet Manchester United gegen Liverpool, ebenfalls ein Nachholspiel, nachdem am eigentlichen Termin viel Fans der Red Devils von machtversessenen Besitzern die Nase voll hatten. Samstag dann endlich wieder volles Rohr Bundesliga, alle zusammen und zeitgleich. Moment, geht ja gar nicht, Pokalfinale war ja erst vorgestern. So können auch Mainz und Wolfsburg erstmal ganz entspannt dem Treiben ihrer direkten Konkurrenten zuschauen.

Am 22. und 23. Mai dann endlich letzter Spieltag von erster, zweiter und dritter Liga, sodass Fans und Spielern 19 Tage bleiben, um sich optimal auf die EM vorzubereiten. Das können natürlich nicht alle von sich sagen. Am 26. Mai steigt nämlich nicht nur das Hinspiel der Bundesliga-Relegation, sondern auch das Finale der Europa League. Wer das verpassen sollte, kann sich beruhigen: Am 29. Mai findet neben dem Rückspiel der Bundesliga-Relegation auch das Champions-League-Finale statt. Dazwischen und danach gibt es am 27. und 30. Mai noch ganz geschmeidig die Relegation zur 2. Bundesliga.

Die Aufstiegsrunde zur 3. Liga, in der der Meister der Regionalliga-Nord auf den Sieger der Play-Off-Runde Bayern trifft, beginnt dann am 12. Juni, wenn zeitgleich Wales auf die Schweiz in Baku, Dänemark auf Finnland in Kopenhagen und Belgien auf Russland in St. Petersburg treffen. Und wenn am 19. Juni das finale Rückspiel um den Aufstieg in Liga drei stattfindet, messen sich in Budapest Ungarn und Frankreich, in Sevilla Spanien und Polen sowie in München Deutschland und Portugal. Dann Vollgas bis 11. Juli EM durchziehen, dann schnell den Rasen mähen und am 06. August wieder erste Runde DFB-Pokal und am 13. August wieder Bundesliga satt genießen. Gute Unterhaltung!

Lehmann: nur eine logische Folge

Kurz über Jens Lehmann nachgedacht und entschieden es nicht auch noch umfangreich zu diskutieren oder gar zu analysieren. Weil es einfach nichts zu diskutieren gibt. Jeder Mensch, der sich in den letzten Jahren halbwegs mit Fußball und daher leider zwangsläufig mit dem Kerl beschäftigen musste weiß, dass da gehörig was schiefläuft in der Birne.

Man muss sich nur mal an seine einstige Aussage über das gemeinsame Duschen mit Hitzlsberger erinnern, „dass man da (nicht) hätte denken können, da ist irgendetwas.“ Auf Schalke schämt man sich längst fremd über die Auftritte des Eurofighters, was über den Charakter eines verdienten Spielers generell viel aussagt. Nicht zu vergessen der Alu-Kommentar zu Corona im Dezember. Deshalb verwundert so eine Nachricht an Aogo nicht, sondern ist letzten Endes nur eine logische Folge.
Regen wir uns also nicht weiter drüber auf. Wichtig ist nur, dass Hertha umgehend reagiert hat. Er soll einfach wieder wie damals mit der Straßenbahn nach Hause fahren und den Mund halten. Vielleicht hilft das ja dem Verstand.

Sätze der Bedeutungslosigkeit #24

1.) „Ich möchte die größten Titel gewinnen, die es gibt, und das tun wir nicht so ganz.“ (Könnte vielleicht am Club liegen, Harry Kane)
2.) „Ich habe die Situation, wie sie sich jetzt darstellt, so noch nicht erlebt.“ (Michael Zorc hat mit dem aktuellen Trainer-Karussell nicht das Geringste zu tun)
3.) „Am gestrigen Dienstag haben die Löwen mit der Vorbereitung auf den Saisonendspurt begonnen.“ (Gut, dass man als Drittletzter damit nicht schon letzte Woche begonnen hat, lieber BTSV)
4.) „Wir sind zu lieb, zu nett. Es geht nicht darum, dass wir elf Freunde sind, sondern dass wir Erfolg haben.“ (Bernd Leno, Betriebsökonom)
5.) „Das hat ausschließlich in einer digitalen Parallelwelt stattgefunden.“ (Na dann, Christoph Metzelder)

Badness in Bordeaux

Die aktuellen Bilder und Nachrichten rund um Girondins Bordeaux machen uns gerade sehr traurig. „Der amerikanische Albtraum“ titelte die L’Équipe bezüglich der US-Investmentgesellschaft GACP, die den Club vor knapp drei Jahren für 100 Millionen Euro übernommen hatte, „King Street“ zieht sich nun als Besitzer zurück.
Die Vorstellung, dass aus diesem berühmten Verein ein zweites Uerdingen wird ist so furchtbar wie absurd und es bestätigt sich mal wieder die bittere Formel: Investor krallt sich großes Pferd, Investor will oder kann nicht mehr, Verein geht in die Insolvenz.
Sechs Meistertitel, vier Mal Pokalsieger, jahrzehntelang im Europapokal vertreten, von Tigana bis Lizarazu, von Dugarry bis Zidane, von Klaus Allofs bis Dieter Müller, von Aimé Jacquet bis Gernot Rohr. Das kann und darf alles nicht wahr sein. Möge es für Verein, Fans und Stadt alles irgendwie gut ausgehen.

„Aufstieg adé?“ ist nicht die Frage

Wir möchten kurz für den #HSV eine kleine Lanze brechen. Und das tun wir nicht, indem wir das Auftreten in Sandhausen relativieren. Jeder halbwegs klare Fußballfan sieht, wie fußballerisch und psychisch instabil die Truppe auf dem Rasen derzeit wirkt. Doch das Apokalyptische und gar Abhakende von Vielerseits ist der Tick zu viel des Schlechten. Und damit meinen wir nicht Häme und Spott, die es gegenüber den vermeintlichen Goliaths im Fußball immer geben wird und auch irgendwie gesunde Kinder der Kurve sind.

Es geht um das mediale Kommentieren eines auf dem dritten Tabellenplatz stehenden Vereins. Nochmal: auf dem dritten, nicht auf dem vierten. Bei 15 offenen Punkten, in denen Fürth noch ans Millerntor und am letzten Spieltag zur Fortuna muss. Der Kicker ruft ein “Versagen auf allen Ebenen“ aus. Geht es nach der Sportschau, ist der Aufstieg so gut wie verspielt. Das wird alles aufgesetzt, indem jeder Pups eines Toni Kroos („Meine Güte, HSV…ehrlich…“) mit in die Analyse (Sportschau) eingebunden wird. Vor ein paar Wochen zog der HSV in Bochum eine eiskalte Nummer ab, da plötzlich ließ die große Raute laut Medien ihre Muskeln spielen.

Ja, der Wind hat sich gedreht und hört man unsere leidenschaftliche HSV-Furche Hanno Schäfer aus dem derzeitigen Tal schreien, so hört man auch viel Klarheit über die fehlende Qualität im Kader bzw. einbeinige Gjasulas heraus. Andererseits sendet der Tabellenkeller der ersten Bundesliga gerade wahrlich keine Anzeichen für ein stabiles Team in einer möglichen Relegation. “Aufstieg adé?“ (NDR) ist also noch keine Frage, bei jedem anderen Zweitligaverein wäre es nur ein weiterer Dämpfer im Aufstiegsrennen.

Bei dem “Desaster von Sandhausen“ (Kicker) fehlt offenbar einigen Journalisten der nötige Abstand zum letzten Spieltag der Vorsaison. Das Dramatische in Schlagzeilen – geschenkt. Schlecht ist dabei nur, dass die Tabelle und damit die Fakten außen vor gelassen werden. Und da hilft deinem Verriss auch kein Toni Kroos mehr, ganz im Gegenteil.

Ein Tag für die Geschichtsbücher

Was ein Tag gestern. Binnen Stunden bricht der ganze Super-League-Putsch in sich zusammen und es interessiert niemanden auch nur die Bohne, dass David Alaba inmitten dieses Sturms offiziell bei einem Club einen Vertrag bis 2026 unterschreibt,  der dann nach eigenen Aussagen seit zwei Jahren tot ist.

Petr Cech muss an der Bridge die aufgewühlte Meute beruhigen, Gary Neville sendet Herzen und stößt genüsslich mit Wein an, Jordan Henderson wird zum Feuerwehrmann der Herzen, Ed Woodward zum fliehenden Vice-Chairman. Und Kevin de Bruyne ist ein kleiner Junge aus Belgien, der einfach nur spielen will. Fazit soziale Medien: der Hype war schneller vorbei als bei Clubhouse. Abwarten. Vor allem auf die Saubermänner von UEFA und FIFA.

Nebenbei steigt Schalke nach dreißig Jahren Bundesliga in die zweite Liga ab und den armen Ulli Potofski traf das offensichtlich härter als manchen blau-weißen Spieler. Gerald Asamoah will man hingegen einfach nur umarmen. Football bloody hell! In jedem Fall wird es namentlich eine zweite Liga der Marke Super League.

Was war noch? Achso, die Druckerpressen der Corriero dello Sport liefen bereits, als die Super League in England in Flammen aufging. Inhalt des heute erscheinenden Aufmachers ist ein Interview mit Andrea Agnelli, warum die Super League superduper funktionieren wird. Vielleicht ist Print wie der gute, alte Fußball – nicht immer aktuell, aber mit der nötigen Romantik gesegnet.

Der talentierte Mr. Marin

Es liest sich wie der Cliffhanger einer schlechten Daily Soap: Marko Marin wechselt erneut den Verein. Und wie bei einer TV-Serie mit überschaubarem Drehbuch, schalten sich immer wieder dieselben Zuschauer ein und spoilern das vermeintliche Ende des Protagonisten. Der Dreizeiler in der Programmzeitschrift: Der talentierte Mr. Marin verspielt weiterhin seine Karriere, ehe ihm Netz-Experten den richtigen Weg weisen. „Was eine Wurst!“, schreibt ein User über Marko Marin. Es ist einer der weniger böswilligen Kommentare über den Wechsel des Mittelfeldspielers von Roter Stern Belgrad zum saudischen Club Al-Ahli. Der Tenor ist, dass Marin schließlich in Belgrad angekommen sei und der Wechsel nach Saudi Arabien ein sportlicher Rückschritt sei, dem reine Geldgier zugrunde läge.

Die Last eines Überfliegers

Zugegeben, Marin macht am Mikrofon nicht immer eine glückliche Figur. Er bekennt sich schnell zu einem neuen Arbeitgeber und spart nicht mit Superlativen, wenn es um sein Wohlbefinden im neuen Verein geht. Das ist prinzipiell nicht verwerflich, doch vergehen, wie jetzt geschehen, nur Tage zwischen Marins Treueschwüren in Belgrad und plötzlichen Vereinswechseln nach Saudi-Arabien. Manchmal möchte man ihn einfach beiseite zerren und für viel Geld einen Spin-Doctor verpflichten. Die Kritik an seiner öffentlichen Handhabe ist nachvollziehbar und richtig.
Das ist aber auch alles. Der Umstand, dass ein Ü30-Spieler statt sportlicher Perspektiven abseits von europäischen Ligen noch einmal den Geldbeutel öffnet, war schon zu Zeiten George Bests ein völlig normaler Vorgang. Die ewig gleichen wie völlig deplatzierten Lacher über Marins Karriere basieren vielmehr auf den damals hohen Erwartungen, die er bis heute auf seinen Schultern trägt. In sämtlichen Auswahlmannschaften vertreten, in Gladbach und Bremen im Rampenlicht, haftete seinem Weg spätestens nach seinem Wechsel zum FC Chelsea der Ruf eines Überfliegers an.

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Dass ihm der Durchbruch an der Stamford Bridge nicht gelang, entfachte schon damals Kommentare, die vor Genugtuung trieften: Wer die große Kohle will, muss eben mit den Konsequenzen rechnen. Premier League ist körperlich halt eine andere Nummer, da haben Weicheier wie er nichts verloren. In Sevilla können es Schwalbenkönige wie Marin vielleicht doch noch zu etwas bringen usw.
Noch einmal zur Klarheit: Ein damals 23-Jähriger konnte sich gegen Spieler wie Juan Mata, Florent Malouda oder Eden Hazard nicht durchsetzen, das war alles. Dass ihm Chelsea keine weiteren Chancen einräumte und ihn trotzdem in den eigenen Reihen hielt, bescherte Marin eine fast ausweglose Situation voller Leihgeschäfte. Denn einerseits gehören Sevilla, Florenz, Anderlecht und Trabzonspor zum gehobenen Repertoire europäischen Fußballs, andererseits kommt da schließlich ein Hochtalentierter von der Stamford Bridge. Egal, wo Marin auch aufschlug: Chelsea war sein Vorname.

Die richtige Entscheidung

Für unzählige, hoch angepriesene Talente führte diese Tour zum Anfang vom Ende. Doch Marin verschlug es trotz weniger Einsätze nicht ins Dickicht zweiter Ligen oder privater Abstürze. Bei Olympiakos Piräus ließ er Chelsea endgültig hinter sich und gewann die griechische Meisterschaft. In Belgrad stellte er sein Spiel – auch dank seiner inzwischen gewonnen Erfahrung – um, gewann auch dort den nationalen Titel und avancierte zum Mannschaftskapitän. Es war vor allem diese Station, die ihm den nun lukrativen und wahrscheinlich letzten Vertrag seiner Karriere ermöglichte. „In Belgrad hätte er zu einer Legende werden können!“, schreibt ein User. Das ist nicht nur maßlos übertrieben, sondern auch Augenwischerei. Ebenso können ein Trainerwechsel oder eine kleinere Verletzung ausreichen, um einen Spieler im gehobenen Fußballalter schnell auf die Bank zu drücken, die Daily Soap um den talentierten Mr. Marin wäre weitergegangen. Jetzt aber ist Marko Marin endlich sein eigener Regisseur.

Zu viel des Schlechten

Ja, in Belfast lief nicht alles glatt und war vor allem in der ersten Halbzeit kein Zuckerschlecken. Doch wie am Tag danach darüber berichtet wurde, ließ einen Rückfall in Ribbeckschen Rumpelfußball vermuten. Sämtliche Titelzeilen konzentrierten sich auf das Wacklige, Ernüchternde und Quälende:

„Ein ernüchternder Sieg“ (ZEIT)
„Ein wackliger deutscher Sieg“ (FAZ)
„Deutschland nach Quäl-Sieg wieder auf EM-Kurs“ (BZ)
„Halstenberg löst die Schockstarre der DFB-Elf“ (DW)
„Deutschland müht sich zum Sieg gegen Nordirland“ (t-online)
„Noch mal davongekommen“ (SZ)
„Nordirland zeigt, wie tiefgreifend Löws Umbruch ist“ (Welt)
„DFB-Team quält sich nach schwacher 1. Halbzeit zum 2:0-Sieg in Nordirland“ (sport90)

Einzig Spiegel Online schaffte es zu der halsbrecherisch gewagten These: „Halstenberg und Gnabry schießen Deutschland an die Tabellenspitze“. Und natürlich darf bei aller Kritik der süffisante Hinweis nicht fehlen, dass man auf ein Land „mit nur 1,9 Millionen Einwohnern“ traf – ein Land „fast so groß wie Thüringen“.

Es ist die gleiche rhetorische Arroganz, mit der sämtliche Länder abseits der „großen Fußballnationen“ immer wieder als „Fußballzwerge“ abgewatscht werden. Und es sind die gleichen Stimmen, die nach dem 3:2-Auftaktsieg gegen die Niederlande „Wir sind wieder wer!“ posaunen. Niemand hat behauptet, dass nach personellen Halbrevolutionen um Hummels, Müller und Co. keine Probleme entstehen würden. Wie holprig so ein Wechsel sein kann, haben Italien und Spanien in Reinform vorgemacht. Wer also erwartet, dass die DFB-Elf über „Länder wie Nordirland“ hinwegsaust, weil „das ja der Anspruch sein sollte“, treibt im gleichen Gewässer aus Überheblichkeit und Anmaßung, in dem auch die DFB-Elf in Russland baden ging.

Zur Erinnerung: Es ist nur eine EM her, als es „Der Weltmeister!“ in der Gruppenphase gegen eben diese Nordiren nur zu einem 1:0 schaffte. Schon da kam es zu keinem 8:0 wie gegen Estland, bei dem noch vor ein paar Wochen in Mainz „die Mannschaft etwas versprühte, was lange vermisst war: Freude am Fußball.“ (Spiegel Online) Das wirklich Ernüchternde nach dem jüngsten Abend in Belfast ist nicht die erste Halbzeit gegen einen sich zerreißenden Gegner, sondern die Berichterstattung über ein Spiel, bei dem ein junges Team „nochmal davon kam“. Es geht nicht um die legitime Kritik an neunzig Minuten Fußball, sondern um einen auf das Schlechte reduzierten Grundton.

Ein Deal mit fatalen Zeichen

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Als Atlético Madrid 1951 Fritz Walter in seine Reihen holen wollte, erhielt der frisch gebackene Deutsche Meister aus Kaiserslautern ein Angebot über zwei Jahre. Schon damals beinhaltetet die Offerte mehr als die kardinalen Pfeiler Ablösesumme und Jahresgehalt. Hinzu wären für Walter diverse Prämien, ein Auto – und mietfreies Wohnen gekommen. Doch Walter blieb mit den legendären Worten am Betzenberg: „Dehäm is dehäm.“

Seitdem ist viel passiert in der schwer überschaubaren Welt der Deals. Auflauf- und Torprämien bekommt inzwischen jeder Oberliga-Kicker, bei den Profis handeln Spielerberater Verträge so dick wie Bibeln aus, Klauseln sind so durchtrieben wie die AGBs deutscher Mobilfunkanbieter. Da kann man den Kopf schütteln, darüber lachen oder es einfach als freie Marktwirtschaft akzeptieren – das Spiel selbst betraf es bislang kaum bis gar nicht. Deals waren eben Deals hinter den Kulissen, das Spiel dauerte weiterhin 90 Minuten und das Runde musste immer noch ins Eckige.

Seit dem Transfer von Vincenzo Grifo von Hoffenheim zurück zum SC Freiburg, gilt das nicht mehr. Für rund sieben Millionen Euro wechselt der Mittelfeldspieler fest ins Dreisamstadion. Der Clou: der Vertrag sieht vor, dass Grifo im kommenden Spiel gegen die TSG nicht auflaufen darf. Es ist also passiert: Spieler A darf nur zu Verein B wechseln, wenn er gegen diesen nicht spielt. Das sind keine rein finanziellen Deals mehr hinter den Kulissen, es geht nicht mehr um mietfreies Wohnen oder einen Sponsorenvertrag, sondern um aggressive Eingriffe in den Spielbetrieb.

Schreiten die Verbände bei solchen Vorstößen nicht ein und lassen den Transfermarkt seines freien Amtes walten, werden Deals wie von Grifo salonfähig. Andernfalls verliert der sportliche Wettbewerb auch noch das so wunderbar naive Elf gegen Elf, an dem sich der gemeine Fan trotz Ausbrüchen des modernen Fußballs immer noch festhalten konnte. Zuschauende könnten sich bei dem Kauf ihrer Eintrittskarte fortan nicht darauf verlassen, dass die besten Spieler ihres Teams auflaufen, sondern bloß die, die dürfen. Der Grifo-Deal setzt nicht nur ein klares Zeichen gegen die auf den Tribünen Stehenden und vor den Fernsehern Sitzenden. Er ist auch schlichtweg Wettbewerbsverzerrung.

(Für die Furche kommentiert: Heiko Rothenpieler)

Sätze der Bedeutungslosigkeit #23

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1.) „Er [Nübel] hatte zum Beispiel noch Torwarthandschuhe für die kommende Spielzeit bestellt!“ (Und das sogar ohne Vertrag, POPE’s Goalkeeper Gloves!)
2.) „…wurde beschlossen, Cheftrainer Daniel vorerst zu beurlauben.“ (sucht vorerst Trainer in Teilzeit: Erzgebirge Aue)
3.) „Mit ihrer Identität und Mentalität gehören die Bayern immer zum Favoritenkreis.“ (Bedeutet also für Schwaben, Sami Khedira?)
4.) „Am Ende der Schlacht werden die Toten gezählt.“ (Heribert Bruchhagen, Veteran)
5.) „Ich bin nicht sauer, ich bin normal drauf.“ (Renato Sanches bleibt ruhig: https://www.youtube.com/watch?v=6wdqWFbtwu0)

Die Journalie und der „Paukenschlag!“

PAUKENSCHLAG! Hören oder sehen wir dieses journalistische Monstrum eines Klingelwortes, denken wir sofort an irgendetwas nahe der Apokalypse. Mindestens an einen Transfer von Roman Weidenfeller als Torwarttrainer zum FC Schalke 04. An alles außerhalb unserer Vorstellungskraft eben. Denn das bedeutet er ja schließlich, dieser PAUKENSCHLAG! Er betritt die Mitte des Raumes nicht nur völlig überraschend, nein, nein, er kommt auch so brachial dahergeflogen wie eine Kopfnuss von Jaap Stam.

Genau diesen Cocktail aus Unvorhersehbarkeit und Kraft hatte der hofgeile Haydn wohl im Kopf, als er seine 94. PAUKENSCHLAG-Sinfonie komponierte. Mit so viel Wumms hatte damals am Ende des 18. Jahrhunderts nun wirklich niemand gerechnet, sodass das Werk in England wenig überraschend den Namen „The Surprise“ (Die Überraschung) bekam. Und heute? „PAUKENSCHLAG! Neymar als Kapitän entmachtet“ (sport.de) Für so einen Witz an PAUKENSCHLAG hätte der alte Haydn nicht mal eine Triangel verliehen! Der gepaukte Aufhänger ist so über alle Maßen ausgelutscht und deplatziert wie der vor Egozentrik triefende Twitter-Zusatz „Hier mein Text zu…blabla. Habe mit Gott gesprochen, 90 Minuten Hardcore, echte Gefühle, ich bin der Geilste, glaubt mir [bitte!].“

Wo wir gerade bei unangenehmen Kabinenansprachen zum Thema Hilflosigkeit in Überschriften sind, schlägt es just in diesem Moment in unseren Gehirnen ein: „PAUKENSCHLAG! Eurosport hat seine Rechte an DAZN verkauft!“ (krone.at) Kurz zitterte das Gemüt, als habe Admiral Dönitz wieder zum „Unternehmen PAUKENSCHLAG“ getrommelt. Aber nein, wir haben nicht 1942 und statt Eisernen Kreuzen werden nur ein paar erbärmliche Klicks verteilt. Da sehen wir gerne wie gesättigt ein, dass es sich bei PAUKENSCHLÄGEN in der Titelzeile um keine Volltreffer, sondern um harmlose Leuchtraketen handelt. Weckt uns, wenn Weidenfeller in Gelsenkirchen gesichtet wurde – mit Pauke natürlich.

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Abseits des Platzes 2018 (1)

Der unsportliche Jahresrückblick: Januar bis April

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JANUAR

  • AfD stellt Strafanzeige gegen Eintracht-Präsident Peter Fischer wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung
  • Nach Kritik an Regierung in Ankara: Deniz Naki auf Autobahn beschossen
  • Englische Jugend-Fußballtrainer Barry Bennell gesteht sexuelle Belästigung von Minderjährigen in sieben Fällen
  • Angeklagter Sergej W. gesteht Tat auf BVB-Bus und bestreitet Tötungsplan
  • WM Affäre 2006: Bin Hammam bestätigt Zahlung von 6,7 Millionen Euro
  • Saudische Frauen erstmals im Stadion – keine freie Platzwahl, nur in Begleitung der Familie, Eingänge streng getrennt
  • Nagelsmann empfiehlt Amiri eine Freundin
  • Nach Schulung auf Mallorca: Videoschiedsrichter sollen nur noch dann einschreiten, wenn Eindeutiges vorliegt
  • Mainzer Balogun und Ujah beim Aufwärmen in Hannover offenbar mit Affenlauten diskriminiert

FEBRUAR

  • Kinds Antrag: Kampf um 50+1 geht weiter
  • Proteste werden lauter: mit Pfeifen und Tennisbällen gegen Montagsspiele
  • Nach 14 Jahren: Qatar Airways löst Lufthansa als Bayern-Sponsor ab und wird Premium-Partner
  • Europa League: Polizist stirbt nach Herzstillstand bei Krawallen in Bilbao
  • UEFA-Entscheid: Kein Videoschiedsrichter in der Champions League
  • „Grenze des Hinnehmbaren überschritten“: BVB-Süd boykottiert Montagsspiele, Spiel gegen Augsburg vor leeren Rängen
  • Antisemitische Hetze nach „Nazis raus aus den Stadien“–Kampagne des SV Babelsberg 03
  • „Global Nations League“: UEFA plant eine neue Mini-WM
  • Polizeikosten im Fußball: DFL muss zahlen, OVG Bremen erklärt Gebührenforderungen für rechtens

MÄRZ

  • Videobeweis wird offiziell in das Regelwerk der Fifa aufgenommen
  • Davide Astori (31), Kapitän des AC Florenz, stirbt nach Herzstillstand in einem Hotel vor der Partie gegen Udine. Astori hinterlässt seine Lebensgefährtin und eine zweijährige Tochter
  • „Zieler, mach‘ es wie Enke!“: Torwart Ron-Robert Zieler vom VfB Stuttgart wird von Teilen der Ultras-Köln attackiert
  • DFB-Präsident Grindels Rundumschlag gegen E-Sport: „Fußball gehört auf den grünen Rasen und hat mit anderen Dingen, die computermäßig sind, nichts zu tun.“
  • Ein Interview schlägt Wellen: Per Mertesacker äußert sich im Spiegel über den immensen Druck als Profi-Fußballer. Vor jedem Spiel habe sein Körper mit Brechreiz und Durchfall reagiert, vor allem die WM 2006 habe ihn sehr belastet
  • Tumulte in Londoner Osten: West Ham-Fans stürmen Spielfeld und belagern die VIP-Lounge der Vereinsinhaber
  • Unbekannte stellen nach 0:6-Pleite in München elf Kreuze am Trainingsgelände des HSV auf
  • Ex-Liverpool-Star und Sky-Experte Jamie Carragher bespuckt Familie. Nach viralem Shitstorm, entschuldigt er sich via Twitter: „Bin völlig aus der Rolle gefallen“
  • Paok Salonikis Clubchef Iwan Savvidis zückt Waffe und rennt auf Spielfeld
  • Nach TV-Rechte-Vergabe wird es so teuer und kompliziert wie noch nie: Sky und DAZN teilen sich Champions League
  • DFL-Klubs haben entschieden: 50+1 bleibt!
  • Staatsanwaltschaft ermittelt: Kinder und Jugendliche von Independiente-Jugendheim Opfer eines Prostitutions-Netzwerkes

APRIL

  • VfL Osnabrück startet Aktion „Gegen Rechts“. Beatrix von Storch teilt daraufhin per Twitter aus. Die Antwort des VfL:  „Wir bewerten Ihre Beleidigung und den Inhalt Ihres Tweets als Kompliment und fühlen uns in unserer Haltung bestätigt.“ Der Club bietet ihr zudem ein Trikot mit der Aktion an – „signiert vom gesamten, multikulturellen Kader des VfL Osnabrück.“
  • Fifa plant Gelbe Karten für Trainer
  • Champions League: vor dem Viertelfinale in Liverpool wird der Mannschaftsbus von Manchester City angegriffen
  • neue WM und neue Turniere: Konsortium mit Tech-Konzern „Softbank“ legt Fifa angeblich Angebot vor
  • Kritik nach Novum: Wegen des Revierderbys werden im Ruhrgebiet mehr als 250 Amateurspiele verlegt
  • In einem Sonderzug, in dem Fußballfans von Borussia M’gladbach aus München zurückfahren, wird eine 19-Jährige auf einem Bord-WC vergewaltigt. Unter Verdacht steht ein 30-jähriger Gladbach-Fan, der bereits wegen Missbrauchs im Gefängnis saß
  • In der CL-Partie zwischen Juve und Real pfeift Schiedsrichter Michael Oliver in letzter Minute einen umstrittenen Elfmeter. Er selbst erhält Morddrohungen, seine Frau Nachrichten auf ihr Handy
  • Video-Wahnsinn in Mainz: Freiburger Spieler werden nach Halbzeitpfiff zurück aus ihrer Kabine geholt
  • Torwart-Titan Oliver Kahn verlangt von Torwarthandschuh-Startup „T1Tan“ Schadenersatz

Sätze der Bedeutungslosigkeit #22

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1.) „Wenn wir 100 Millionen einnehmen, können wir sehr viel ausgeben.“ (Joachim Watzke, Mathematiker)
2.) „Die zündende Idee und das Quäntchen Glück, das wir nicht erzwungen haben.“ (Kunden von Pavel Dotchev kauften auch: „Zuerst hatten wir keine Qualität, dann kam auch noch Pech dazu)
3.) „Die 3. Liga hat, auch mithilfe des DFB, in den vergangenen Jahren aus Vermarktungssicht an Attraktivität gewonnen.“ (Und aus Fansicht, Michael Schwetje?)
4.) „Wir wollten immer eine globale Nations League haben, und wir werden eine solche Idee, die wir der FIFA unterbreitet haben, unterstützen: Die Weltmeisterschaft soll alle zwei Jahre stattfinden.“ (FIFA-Vizepräsident Alejandro Dominguez für mehr FIFA-Anträge von der FIFA an die FIFA)
5.) „Sergio Ramos hat niemals gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen.“ (Real Madrid über Duschen, Föhnen, Ankleiden)

Sätze der Bedeutungslosigkeit #21

1. „Wenn man gewinnt, das habe ich als Sportler immer festgestellt, gibt es auch irgendjemanden, der verliert.“ (Philipp Lahm, Didaktiker)
2. „Es sind drei Punkte, die einem entglitten sind, und die können am Ende entscheidend sein.“ (Marcelo, Mathematiker)
3. „Wenn man zwei Spiele in drei Tagen verliert, ist das zwar doof, aber normal.“ (Stefan Krämer, Grotifant)
4. „Wenn beide [Außenbahnspieler] fünf Tore schießen im Lauf einer Saison, hast du zehn mehr, das kann viele Punkte bringen.“ (Julian Nagelsmann, Visionär)
5. „Ich kann schon nachvollziehen, was die Fans fordern. Aber sie müssen doch auch wissen, dass die Proteste nichts bringen werden.“ (Friedhelm Funkel, RWE-Vorstand)

 

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Pass in die Gasse #133

Sätze der Bedeutungslosigkeit #20

Urlaub vorbei, Furche wieder dabei. Nach WM, Tour de France, Wimbledon, Leichtathletik-EM, gebrochenen Füßen und Punk Rock Holiday kehrt dann doch wieder Alltag ein: am Betze brodelt es weiter, FC und HSV im Irgendwo, ManCity und Bayern schon jetzt zu stark, Wechselgerüchte um Draxler. Alles beim Alten also. Um den Rest kümmern wir uns. Zum Aufschlag daher ein paar SÄTZE DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT.

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1. „Wir sind noch früh in der Saison.“ (Dominick Drexler, Wahrsager)
2. „Haben in die Zukunft investiert, nicht in die Breite.“ (Fredi Bobic, Bauaufsicht)
3. „Man weiß nie, was passiert (…) Aber zurzeit gehe ich davon aus, dass sich die Wege trennen.“ (Szenen einer Ehe: Christian Titz und Filip Kostic)
4. „Bestechung, Veruntreuung und Manipulation von Fußballspielen oder Wettbewerben dürfen nach Ablauf von zehn Jahren nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.“ (Die neue Nr.1 der Fifa-Charts)
5. „Wir waren klar die bessere Mannschaft. Wir hatten mehr Ballbesitz und einige gute Möglichkeiten. Wir konnten dies aber nicht ausnutzen, um zum Erfolg zu kommen.“ (Full of Classics: Moritz Stoppelkamp)

WM 2018: Stagnation des Kreativen

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„Wie man in Frankreich so sagt – eine Renaissance“ frohlockte Béla Réthy. Das war die WM wahrlich nicht. Aus fußballerischer Sicht hat das Turnier die Stagnation des Kreativen bestätigt, die schon bei der EM 2016 nur schwer zu ertragen war. Werbung für das „Spiel“ Fußball fand nur selten statt, Partien zwischen Belgien und Japan blieben die Ausnahme, Dramaturgie und Spannung fingen viel auf, was eigentlich die Off-Taste verdient gehabt hätte.

Das Finale hat dann noch einmal jenen Fußball bestätigt, der von Beginn an aufstieß und von chronischer Theatralik begleitet wurde. Schauspielerei und Arroganz mag man an Neymar festgemacht haben, wurden aber ebenso bei vielen anderen Darstellern mehr zu Tugend als Mittel zum Zweck. Das nervt nicht bloß in einer Spielsituation, sondern holt auch jene Zuschauer aus ihren Löchern, die sich den Fußball „von früher“ herbeisehnen. Schwalben wie die von Griezmann führen dann leider dazu, dass die Glückwünsche an diese großartige Fußballnation Frankreich eher bescheiden ausfallen.

„So ist Fußball“ heißt es dann gerne. „Die waren halt cleverer“ wird gerne hinzugefügt. Was zu diesen Mätzchen eigentlich gesagt werden sollte, fasste Béla Réthy in einem seiner wenigen Glücksmomente zusammen, als er Matuidis Gänsemarsch bei dessen Auswechslung als „peinlich“ kommentierte. Mit welcher Art Fußball ein Team Weltmeister wird, steht natürlich nicht zur Debatte. Was Rehhagels Griechen 2004 in Portugal bis zu ihrem Titel in Sachen Fußball anboten, tat den Augen auch nicht gerade gut. Fairplay musste deshalb trotzdem nicht an vierter oder fünfter Stelle stehen.

Der Videobeweis hat neue Freunde gefunden, aber auch Kritiker bestätigt. Mitverantwortlich ist dafür die weiterhin katastrophale Auslegung von Handspielen. Urs Meier manifestierte: „Entscheidend ist zuallererst, ob die Hand zum Ball geht oder der Ball zur Hand.“ Wie es nach dieser Auslegung bei Perišić‘ Handspiel zu einer „klaren Entscheidung“ kommen kann, ist rätselhaft und vor allem – entscheidend. Warum Pogbas mögliche Abseitsposition beim 1:0 nicht hinterfragt wird, obwohl er in die Situation aktiv eingreift und Mandžukić von hinten schiebt, ist ebenfalls nicht nachvollziehen. Die Liste positiver wie negativer Videobeweis-Auslegungen bleibt konstant lang. Fest steht nur, dass die Verantwortlichen der Bundesliga ihre Kladde nun voll mit Notizen haben müssten, was im Ligabetrieb besser laufen sollte. Und überhaupt deutscher Fußball: ach, egal.

Kommt alle gut raus aus der WM. Wir müssen Montag schließlich alle arbeiten.

Sampaoli raus!1!11!!!

HOLA, PERROS CACHONDOS!

Wenn Argentinien gleich achtkantig aus der Vorrunde fliegt, lege ich mir, der große Fernando Furche, der nicht-nominierte Stürmerstar aus Córdoba, ein zweites Kilo Angus auf den Grill und lasse es mir gut geh’n. Leid tut mir nur mein Kumpel Paulo Dybala, einer der geilsten Kicker überhaupt und überragender Mann bei Juventus, der jetzt plötzlich die Kohlen aus dem Feuer holen soll. Ja Leute, der Gute schoss in 33 Ligaspielen 22 Tore und hat trotzdem bei diesem tätowierten Pseudo-Mini-me nie die Chance auf einen Stammplatz erhalten. Weil er anscheinend nicht ins System passt! „Es wird für Dybala schwierig sein, sich an unseren Stil zu gewöhnen“, hatte Sampaoli vor seiner endgültigen Nominierung für die WM posaunt. Welchen Stil meint dieser hilflose Seitenlinienkokser? Messi anspielen und sonst niemand? Freistöße für Messi rausschinden? Pff! Hätte Sampaoli das zu mir, dem großen Fernando Furche gesagt, wäre ich in Russland jeden Abend auf Partymeilen verschwunden und zwar so richtig. Mein Stil!

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Und überhaupt: dass ich schon nicht mit nach Russland durfte ist sicher ein Skandal, aber hey – Mauro Icardi? Meine Frau fragte mich jetzt, ob Sampaoli überhaupt einen Fernseher hat. Jedes Kind saß hier letzte Saison vor der Glotze, wenn Inter spielte. Inter! Da macht einer 29 Buden, holt sich die Torjägerkanone und darf nicht einmal mit zur WM fahren! Sampaoli, der ist ja wahnsinnig, komm schaff‘ den weg! Neulich noch mit meinem alten Buddy Hernan Crespo geplaudert. Der meinte: „Auf mich wirkt das so, dass Icardi keiner von Messis Freunden ist. Die Albiceleste besteht aus einem magischen Zirkel. Und da Icardi nicht zu diesem elitären Zirkel gehört, wird er auch nicht mit zur WM fahren.“

Leute, Leute, ich werd‘ nicht mehr. Wie kann ich den nur zu Hause lassen?! Man kann doch gar nicht zu viele Stürmer haben! Schaut euch zum Beispiel Deutschland an. Die würden sich über Icardi gerade mehr freuen als damals über Sean Dundee! Notfalls läuft man halt wie früher im 2-3-5-System auf, auch Schottische Furche genannt: Agüero – Higuain – Pavon – Icardi – Dybala. Bei dem Sturm würde sogar ich mich, der große Fernando Furche, brav und ohne Knurren auf die Bank fläzen. Sampaoli raus!1!11!!!

Saludos aus Córdoba,

Euer Fernando

Buffon im Tor, Duce im Wohnzimmer

Kramer gegen Kramer

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„Also Müller erstmal raus, also nicht, weil er schlecht gespielt hat.“ 

Es ist doch recht schleierhaft, warum ein noch aktiver Bundesligaspieler als WM-Experte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftritt. Allein dieser aktive Status führt unweigerlich dazu, dass eigentlich notwendige Kritik zu Taktik oder Leistung nicht ausgesprochen wird, ja gar nicht werden kann. Denn so platt es klingt: dafür sind Experten da. Es geht darum, per Analyse offensichtliche wie weniger offensichtliche Probleme und Stärken sichtbar zu machen. In welcher Qualität dies geschieht oder nicht, ist sicher ein anderes Thema.

Christoph Kramer war bis vor Kurzem noch im Kader der Nationalelf. Mit 27 Jahren kann sich das mit einer guten Saison bei Borussia Mönchengladbach durchaus wiederholen. Da ist es nur logisch, dass Kramer nach dem Abpfiff des ersten Gruppenspiels weniger die katastrophale deutsche Leistung, sondern vielmehr die starke mexikanische in den Vordergrund stellte. An Kritik im Detail ist folglich erst recht nicht zu denken.
Natürlich geht es nicht um die Person Christoph Kramer, wenn auch das Stillschweigen von Seiten Borussia Mönchengladbachs zu dieser TV-Rolle doch sehr überrascht. Es geht um die Frage, warum das ZDF so eine Lösung präferiert – und damit um die Qualität kritischer Berichterstattung. Geht es möglicherweise eben darum, sich gar nicht allzu kritisch äußern zu wollen? Es gibt ausreichend personelle Alternativen, die nicht mehr im „Geschäft“ sind und diesen Posten sachlich wie kritisch besetzen könnten – und nicht Mario Basler heißen. Dann käme es auch mit Oliver Kahn zu einem Dialog auf Augenhöhe und somit zu einer Konstellation, die im englischen Fernsehen zum Beispiel seit Jahren Gang und Gäbe ist, wo Lineker, Shearer, Ferdinand, Carragher und Co. eine Art Debattierclub halten. Eine adäquate Form der Diskussion also, die bei dieser WM im deutschen Fernsehen nicht stattfindet.

Kommentare gelöscht, weil…

Kommentare zu löschen gehört sicher nicht zu unseren liebsten Hobbys. Doch kommt es bei bestimmten Debatten (wie der um Baslers „toten Frosch“) zu Ausrufen, denen wir dann doch das Licht „ausknipsen“ (Marek Mintál). Natürlich können wir nicht so derart transparent daherkommen wie der DFB, doch möchten wir versuchen die Zensur von Kommentaren so zu handhaben, dass Artikel 5 des GG hier weiterhin und uneingeschränkt gilt.

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Unsere Begründungen zum Löschen von Kommentar

a) Das Osmanische Reich existierte nur bis 1922, lieber Steven Hübner. Wahrscheinlich (hoffentlich) ist auch Ihnen schon einmal beim Aufschlagen des Diercke Weltatlas in der Grundschule aufgefallen, dass die Metropole am Bosporus nicht mehr Konstantinopel, sondern inzwischen Istanbul heißt. Wenn Sie also der Meinung sind, dass wir Bock auf einen herrschenden Sultan haben, müssen wir Sie aus Aktualitätsgründen leider enttäuschen. Vielmehr dünkt uns, dass Sie dem Begriff „Reich“ vielleicht näherstehen als wir. Bei diesem Vorhaben wünschen wir Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Mit sportlichen Grüßen, Die Schottische Furche

b) Lieber Daniel Herbers, die Liebe zum Fußball fällt uns seither nicht mehr schwer, als wir das erste Mal Harry Koch am Elfmeterpunkt bestaunen durften. Da war der Drops sozusagen gelutscht. Solche Momente sollten Sie als Fan des SV Meppen ja bestens kennen, sodass Sie den Vorwurf der nicht vorhandenen Liebe zum Fußball doch sicher auch als persönliche Beleidigung empfinden würden. Zum Abschluss noch eine Frage unter „Deutschen Jungs“, wie es auf Ihrem Profilbild in altdeutscher Schrift zu lesen ist: Meinen Sie mit Ihrem anderen Schriftzug „Kategorie C“ jetzt die Naziband oder die Nazigruppe, der Sie angehören?

Über eine Antwort in Kommentar-Form würden wir uns sehr freuen, Die Schottische Furche

c) Lieber Tom Grieser, der Anilingus stellt eine orale Sexualpraktik dar, bei welcher der Anus, meist inklusive Dammregion, mit Lippen und Zunge stimuliert wird, und kann sowohl oberflächlich als auch durch Penetration des Anus mit der Zunge erfolgen. Die Analregion ist mit zahlreichen Nervenenden besetzt und gehört zu den erogenen Zonen vieler Menschen. Noch nie probiert? Da tun Sie uns leid. Ist der Wahnsinn!

Beste Grüße, die Sexperten der Schottischen Furche

Unsäglich und unerträglich

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Wir haben beschlossen die WM selbst nicht weiter zu kommentieren, da von unserer Seite aus über einen langen Zeitraum zu den Turnieren in Russland und Katar ausreichend Meinung geäußert wurde.
Womit wir aber kaum rechnen konnten ist, dass sich die wirkliche Grausamkeit dieser Weltmeisterschaft weniger in politischen Feldern, sondern in der Berichterstattung deutscher Medien ausdrückt. Allein das Thema Özil wird in einer derart ekelhaften wie inkompetenten Weise geführt, die man vor vier Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Die Tatsache, dass man einem Mann wie Mario Basler für seine unsäglichen Kommentare immer wieder das Mikrofon hinhält, offenbart die Erbärmlichkeit und die Gier nach Dreizeilern deutscher Medien im Allgemeinen.
Dass so ein Mann, von dessen dreißig Länderspielen nur eines Pflichtspielcharakter besaß (30 Minuten bei der WM 1994 gegen Bolivien), einem Weltmeister und 91-fachen Nationalspieler (23 Tore, 40 Torvorlagen) die Körperhaltung eines „toten Frosches“ bescheinigt und obendrein vorwirft in Brasilien „nichts zum WM-Titel beigetragen“ zu haben, ist schlichtweg ein Skandal. Wenn eines Deutschland gerade nicht braucht, dann sind das Stammtisch-Proleten wie Mario Basler. Es ist unerträglich zu sehen, wie solche (nämlich unverdienten) Ex-Nationalspieler den Mob gegen das eigene Team ohne auch nur einen Hauch von Respekt aufwiegeln. Wer sich auf solchen Mist auch noch alkoholgeschwängert zuprostet, hat weder Fußball, noch die WM verdient.

Populistische Doppelmoralisten

Der Aufschrei ist groß: Ilkay Gündogan und Mesut Özil posieren an der Seite von Recep Erdogan. Das ist für manch selbsternannten Demokratieverfechter zu viel. Die Pfeile deutscher Parteien ließen nicht lange auf sich warten und prasseln dabei mit einer populistischen Homogenität auf Özil und Gündogan ein, die nicht bloß beschämend ist, sondern auch viel über den peinlichen Zustand politischer Diskussionskultur in Deutschland aussagt.
AfD-Vize Alice Weidel hetzt, dass Özil und Gündoğan „am besten gleich ihr Glück in der türkischen Nationalmannschaft suchen“ sollten – eine Partei, die im Fall Deniz Yücel noch mit Erdogan paktierte, ist also plötzlich schwer empört. FDP-Politiker Oliver Luksic verlangt gar den Rücktritt beider Spieler, während Wolfgang Bosbach von der CDU beide daran erinnert, dass nicht Erdogan, sondern Steinmeier ihr Präsident sei. Den Adler aber schießt DFB-Präsident Reinhard Grindel ab, der harsch kritisierte, dass der DFB für Werte stünde, die „von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden“. Jener DFB, der in Chinas U20 gegen deutsche Regionalligisten „eine prima Sache“ sah und sich beim Thema Menschenrechte in Katar und Russland in Hinterzimmern versteckt, statt Alarm zu schlagen.
Erdoğans Wahlkampfmethoden sind zu Recht zu kritisieren, doch darf dabei nicht die Meinungsfreiheit eigener Staatsbürger attackiert werden. Das sollte auch für Spieler der Nationalelf gelten – auch und vor allem dann, wenn sie einmal nicht in Imagevideos des DFB auftreten.

Betreff: Fortuna-Fahne in der Euro League

Wir möchten uns an dieser Stelle kurz zu einem Beitrag äußern, den wir während des Champions-League-Spiels Arsenal gegen Atlético auf Facebook veröffentlichten und nach Spielschluss wieder löschten. Dieser Beitrag zeigte ein Bild, auf dem im Fanblock der Colchoneros eine Fahne von Fortuna Düsseldorf zu sehen war. Kurz nach Spielende bekamen wir einige Nachrichten von euch, welche uns sehr sachlich auf die Zusammenhänge diverser Fan-Gruppierungen beider Clubs aufmerksam machten. Vordergründig betraf dies das freundschaftliche Verhältnis zwischen den „Bushwhackers“ aus Düsseldorf und „Frente Atlético“ – beide bekannt für ihre neonazistische Haltung. Vor allem Letztere rückten 2014 in die Öffentlichkeit, als Frente-Mitglieder wegen der Ermordung eines linken Ultra-Fans von Deportivo La Coruña verurteilt wurden. Die Solidarisierung der „Bushwhackers“ ließ damals nicht lange auf sich warten: Im Fortuna-Block hingen sie eine Banner auf, welches die Freilassung ihrer madrilenischen „Kameraden“ forderte – nur eine von zahlreichen Aktionen.

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Wir möchten an dieser Stelle vor allem denjenigen danken, die aufmerksam solche Strömungen wahrnehmen und uns diese dann auch mitteilen. Auch wir können nur auf unser inneres Archiv zurückgreifen, wo in der hintersten Ecke vielleicht der Name des nordkoreanischen Spielers wartet, der bei der WM 1966 den Siegtreffer gegen Italien erzielte. Oder was sich genau im Fußballkrieg zwischen zwischen Honduras und El Salvador im Jahr 1969 abspielte. Ja, das wissen wir. Doch alles können wir nicht wissen – zum Beispiel sämtliche Koexistenzen rechter Volldeppen weltweit. Daher – uns eingeschlossen – nicht alle Bilder auf der Couch mit 0,5 Liter durchwinken, sondern sie weitsichtig wie besonnen hinterfragen. Nazis raus aus den Stadien – so und nicht anders.

Eure Furche

 

„Leute, wie kaputt kann man eigentlich sein?“

Rekordausländer, der

Wortart: Substantiv, maskulin

RECHTSCHREIBUNG
Worttrennung: Re|kord|aus|län|der

BEDEUTUNG
Rekordangehöriger eines fremden Staates; rekordausländischer Staatsangehöriger oder staatenloser Franzose, ausländischer als andere Ausländer

SYNONYME ZU REKORDAUSLÄNDER UND REKORDAUSAUSLÄNDERIN
Einwanderer, Einwanderin, Fremder, Ribery, Fremde, Immigrant, Immigrantin, Salihamidžić, Zuwanderer, Zuwanderin; (veraltend, meist dichterisch) Fremdling, Linksaußen

HERKUNFT: fränkisch, Nürnberg, kicker

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Zielscheibe von Ultras