Wie der erste Kuss

Jetzt mal eine Nacht drüber geschlafen und gleich mehrere Erkenntnisse bekommen. Union Berlin steht völlig zurecht das erste Mal in der ersten Bundesliga. Was ein Satz. Das erste Mal Bundesliga! Wir wissen alle, wie er war, der erste Kuss. Ort, Zeit, Alter, morgens, nachts, Sommer, Winter, ob Bienen summten oder es bewölkt war, ob es nach Sonnenblumen roch oder nach Kuhmist. Das erste Mal, ob einfach nur schön oder ein Kraftakt mit Nervenzusammenbruch – unvergesslich, unvergleichlich. Wer 180 Minuten so viel Leidenschaft bietet, hat diesen Kuss verdient. Die Alte Försterei wird bei jedem Spiel pickepackevoll und für Gästefans so etwas wie ein wohliger Ausflug zum kleinen Celtic des Ostens sein. Und der sympathische Urs Fischer wird die Pressekonferenzen mit Ehrgeiz und Demut in Streich’scher Manier bereichern.

Das Schönste aber bei dieser ganzen Geschichte ist, dass so etwas im modernen wie perversen Fußballgeschäft überhaupt noch möglich ist. Dass ein Stadion, bei dessen Umbau 2333 Fans ehrenamtlich anpackten von niemandem außer sich selbst repräsentiert wird. Es ist die Romantik dieses Aufstiegs, die Nostalgikern die Erkenntnis schenkt: Ja, es ist immer noch möglich! Und ja, es geht auch ohne Telekom, Gazprom oder Red Bull! Ein einziger, langer, feuchter Kuss mit Zunge.

Der VfB Stuttgart hingegen hat – vor allem im Kreise der eigenen Logen – von Saisonbeginn an in beeindruckender Art einen Weg eingeschlagen, der sich am Ende folgerichtig als Sackgasse offenbarte. Trainer Willig tut einem nach Schlusspfiff ebenso leid wie Christian Gentner, der mit seinem VfB seit 1999 wirklich alles erlebt hat. Das Spiel selbst hat vieles bestätigt, was sich die ganze Spielzeit immer wieder zeigte. Keine herausgespielten Chancen, kein Flügelspiel, keine Dreiecke, nur Holger mit Hoch und Weit. Aogo, Gomez, Esswein, Badstuber, Castro, Zieler – namentlich fühlt sich der Verein irgendwie nach Bundesliga an, doch irgendwie auch nach Ersatzbank ebenda. Deswegen trifft dieses Teamkonstrukt auch weniger Schuld als diejenigen, die es zusammenschusterten. Für die Fans in jeder Hinsicht ein Albtraum. Sie vor allem sehen, dass ein Wiederaufstieg mit Hannover, dem HSV plus drei, vier weiteren Teams kein Selbstläufer wird. Aber hey, das wissen Slomka und Kühne auch. Lebbe geht weida, liebe Cannstätter!

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