Boleynsche Tränen

Es geht um Liebe. Und Schmerz. Eine lange Beziehung geht in ihre letzte Runde. Sehnsucht jetzt, Trauer schon gestern. Heute Abend fühle ich mich wie bei meinem ersten Besuch. Es sind keine drei Minuten vorbei, als ich das erste Mal tief Luft holen muss. Der Kommentator erzählt, dass die folgende Saison für die Fans eine sehr emotionale werden würde. Dass man als Fan von jetzt an sehr stark sein müsse und jede Minute genießen sollte. Der Kommentator erzählt von den Menschen dieses Viertels. Seit jeher Multikulti, Arbeitervolk, Familie – erzählt davon, wie die Menschen dieses Viertels nach dem zweiten Weltkrieg zuallererst ihr Stadion wieder aufbauten. 111 Jahre Liebe gehen nach dieser Saison zu Ende. Die Liebe zu einem Stadion, das nie große Erfolge feierte und doch jeder kennt. Halbzeit. AC/DC volle Lautstärke. Stiernacken, Tattoos, Cockney Rejects. Im Hintergrund Reihenhäuser. Weit weg von Piccadilly Circus und Buckingham. Erinnere mich daran, wie ich nach einem Spiel gegen Wolverhampton in der Stadt kein Bier wegen meines Schals bekam. („No, it´s too dangerous, I´m very sorry!”) Eines der beeindruckendsten und zugleich kontroversesten Stadien beginnt seine Abschiedstournee. Danach ist Schluss. Kein Museum, nichts. Stattdessen Parkplätze und Wohnkomplexe. Ich weine schon wieder. Ich sagte ja: Es geht um Liebe. Ich bin so unendlich traurig.

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Sätze der Bedeutungslosigkeit #8

1. “Gervinho hat begonnen, obszöne Forderungen zu stellen, also ist der Deal gescheitert.” (…Dinge, die man in Abu Dhabi nicht kaufen kann)
2. “Das Knie muss lernen.” (Martin Stranzl, Schulreformator)
3. “Ich hätte am liebsten tausend Mittelfeldspieler.” (Pep Guardiola weiß wo das Tor steht)
4. “Wir werden auf jeden Fall nicht den Fehler machen und Erfolg oder Misserfolg an einem bestimmten Tabellenplatz festmachen.” (Jan Siewert, noch Trainer bei RWE)
5. “Es kann im Fußball natürlich immer viel passieren.” (Danke, Rouwen Hennings)

Portland Chainsaw Massacre!

Leute, ich kann nicht mehr! Da ahnt man nichts Böses. Sonntagnacht. Kein Domian, kein Zeigler. Keine Angerer, kein Hrubesch, keine brasilianischen Tränen. Also schnell mal rübergezappt in die MLS: Portland Timbers vs. Seattle Sounders. Jenes Match, welches bereits vor ein paar Tagen im Pokal nach drei Platzverweisen auf Seiten der Sounders (Clint Dempsey u.a. zerriss den Notizblock des Schiris!) 3:1 für Portland endete. Geraaade öffnet sich das Bild: Darlington Nagbe ballertdas Gerät aus 20 Metern in den linken Giebel! Er dreht ab…will jubeln…sich feiern lassen…CUT! Plötzlich ein Holzfäller mit einer Kettensäge im Bild, der sich von der Masse feiern lässt. Schwenk auf einen Baumstamm. Die Menge tobt! Die Säge röhrt, wird empor gehoben, geht runter und schneidet eine Scheibe des Stammes ab: 1:0!

Wo ist Domian, wenn man ihn braucht, verdammte Axt!

PORTLAND, OR - OCTOBER 13: Timber Joey saws off a log slab after the win at JELD-WEN Field on October 13, 2013.  (Craig Mitchelldyer/Portland Timbers)

Kopfball Hrubesch…

UnbenanntIn einem kampfunbetonten Spiel unterlag die U12 Deutschlands der U21 Portugals mit 0:5. Trotz intensiver Vorbereitung (Bittencourt: „Jetzt ausscheiden, macht keinen Sinn!“) überraschte Trainer Ribbeck mit der Herausnahme von Offensivdauertalent Meyer, damit Hofmann auf der Bank noch mehr einnicken konnte. Warum man sich in einem Halbfinale nach einem Gegner wie Portugal richtet anstatt selbst das Spiel zu machen, kann wohl nur Löws Joachim beantworten, der gegen Italien einst ja ähnliche Gedankenströme zu verzeichnen hatte. Man weiß es nicht. Dabei wusste Flicks Hansi beim Stand von 0:3, dass man „mehr über außen kommen“ müsse. So wie früher. Mit Libero. Und dann bis zur Grundlinie…Flanke Kaltz…Kopfball Hrubesch…Bittencourt Gelb-Rot! “Was jetzt zählt ist Olympia 2016!” frohlockt Locke Simon. Dann gegen Ibrahimovic. Dann gegen die Welt. Dann kann Ginter nach eigenem Stellungsfehler nochmal den Arm heben und beim Stand von 0:5 auf Hand reklamieren. Rio, wir kommen! 

Oooooh! Aaaaah!

Unbenannt3:49Uhr. Hellwach. Soeben ging zu Ende: Chile vs. Mexiko. 3:3. Meine Nerven liegen blank. Das soll nicht heißen, dass ich auf Phrasen stehe. Ich meine es wirklich so. Meine Nerven liegen blank! Komplett! Ein unglaubliches Spiel liegt hinter mir. Ein Spiel, das so viel Taktik inne hatte wie das 13:11 meiner ersten E-Jugend-Schlacht. Rauf und runter. Scheunentore so unendlich offen wie das bekackte Universum.

Die Kommentatoren sind Amerikaner. Beide null Ahnung. Der eine versucht sich mit Vidals Kilometerstatistiken. Der andere schreit einfach nur. 90 Minuten. Kann nicht schlafen. Höre ihn immer noch: „GREAT BALL…OOOOOOOH“. 2. Minute. Das bei einer Ecke, die aussieht wie der Freistoß eines Balljungen. „VERY VERY CLOSE AGAIN!“, he said…he screamed! Acht Meter drüber. Zwei Amerikaner, die von Fußball noch weniger Ahnung haben als Katrin Müller-Hohenstein im Kitzbühel-Urlaub mit Steffen Simon. Die Nerven liegen komplett…..“OOOH…GOOD BALL! MAGNIFICANT! ALEXIS IS JUST….ARE YOU KIDDING ME!?”. Auf dem Spielfeld wird der Schatz der Azteken gesucht. Alles zehn Meter wird der Boden umgepflügt. Danach eine Chance nach der anderen. Ding, dong…“TAKA-TIKI“, he said. Fühle mich wie beim Autoscooter, bin 16 und auf meiner Dorfkirmes, ohne Mädchen. Alles schreit, lacht, heult, der Typ in Freeman T. Porter Hose brüllt mich wieder an: „OOOOH VIDAL….AAAAAAH WHAT A RESPONSE! AAAAAH!“ Mexiko mit einer B-Elf. Zum zehnten Mal in zehn Minuten. Aber…“LOOK AT THIS!!!“ Steve Irwin lebt! Wieder ist der Ball drin. Wie heißt dieser Kommentator nur. Gebt ihm noch mehr Drogen. Bitte! Dann bleib ich jede Nacht wach. Chile schießt zwei Tore. Abseitstore. Die Nerven liegen blank. Komplett. „UUUUH, A PENALTY!“. Vidal läuft an…und…eine riesige Abrissbirne durchschlägt meine Wohnzimmerwand. Auf ihr tanzt ein Amerikaner mit einem Mikrofon so naturgeil wie Katie Perry beim Superbowl. „YEEEEEEEES! AAAAAAH! I´VE NEVER SEEN THIS BEFORE!“ Das erste Mal, dass er keinen Scheiß redet. Er hat wirklich noch nie Fußball gesehen. Wirklich: noch nie. Aber was ist das? „LOOK AT THIS! WHAT A BALL!“. Das Spiel ist seit Sekunden unterbrochen, alle Spieler drehen sich bereits teilnahmslos weg. Nur Steve Irwin will ihn einfach nur versenken wie….OOOOOOOOOOHHHH!!!!! AAAAAAHHHHH!!!!

Oh Joey Garner, I’ll let you shag my wife!

League One Play-Off Finale
24.05.2015, 17.30 (GMT)
Preston North End vs. Swindon Town 4:0
Ort: Wembley Stadium
Zuschauer: 48.363

Text und Bild: Marian Thiel

Nach abgeschlossenem Studium und zwei Monaten Arbeitssuche packte ich mir Ende April meinen Koffer und kehrte in das Land der schönen Menschen und leckeren Rezepte zurück – dieses Mal mit einem One-Way-Ticket. Anders als zu Zeiten meines Auslandsstudiums zog es mich jedoch nicht in den rauen Norden, sondern in den verweichlichten Süden. Ich entschied mich in Harrow im Großraum London zu leben und zu arbeiten, fernab meiner fußballerischen Heimat Lancashire, wo ich stets mit Pies, Bovril und galaktischen Traumtoren verwöhnt wurde.

Preston North End hat wie auch in den letzten Jahren eine gute Saison gespielt, nur um am letzten Spieltag aus den direkten Aufstiegsplätzen rauszurutschen. Den Platz an der Sonne nahm niemand anderes ein als Milton Keynes Dons, ein Verein, der soviel Charakter und Sympathiepunkte besitzt wie Anschi Machatschkala in seinen besten Zeiten. Also ging es für Preston mal wieder in die Play-Offs. 9x war man zuvor in den Play-Offs angetreten, 9x hatte man die Sache verbaselt. Im Falle eines erneuten Ausscheidens stand Preston also vor seiner ganz persönlichen La Décima.

Im Vorjahr scheiterte man noch an der Fußballmacht Rotherham United, jedoch deutete Joe Garner’s Traumtor schon damals an, dass Preston eigentlich zu Höherem berufen ist. Dieses Mal ging es zunächst gegen Chesterfield und siehe da: zwei Spiele, zwei Siege und plötzlich hieß es: „Wembley Park Station. Please, mind the gap.“ Auf Kohlen sitzend wartete ich auf die Möglichkeit Tickets zu ergattern, um zum ersten Mal seit meiner Ankunft wieder Stadionluft zu schnuppern. Tickets der ersten Kategorie lagen bei schlappen 82 Pfund, daher scrollte ich schnell runter, bis einigermaßen erschwingliche Preise auftauchten. Zwei Tickets der fünften Kategorie für je 32 Pfund waren im Rahmen des Machbaren. Deal!

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Ich streifte mein Preston-Trikot über und machte mich auf den Weg zur U-Bahn. Meine Angespanntheit löste sich, als mir die vereinzelt anreisenden PNE-Fans zunickten. Ich scheine also noch nicht zu einem “soft southern bastard“ verkommen zu sein. Jedenfalls rede ich mir das gerne ein. Viel besser in diese Kategorie passt da schon Prestons Gegner im Endspiel: Swindon Town aus dem gleichnamigen Städtchen westlich von London. Im Wembley Park erwartete mich schon Paul “Simey“ Simmonds, mein alter Freund und Kupferstecher aus gemeinsamen Prestoner Studententagen. Von der Station läuft man geradeaus auf das Stadion zu, eine wahrhaftige Champs-Élysées für jeden Fußballfan. Nach Ticketabholung und kurzem Fotoshoot mit lebensgroßer IRN BRU-Dose trieb uns der Durst. Wir klapperten Straße um Straße ab, doch alle Pubs, die wir vorfanden, gewährten nur Swindon-Fans Einlass. Nach zehn Minuten sahen wir endlich eine weiß-blaue Fahne an einem… einem Social Club! Obwohl dies nach Diskriminierung schrie, zahlten wir den Eintritt und begaben uns zielstrebig an die Bar.
Alles war exakt so, wie man sich einen britischen Social Club vorstellt: muffig, schwül und mit einem Interieur, welches wahrscheinlich zu Zeiten von Maggie Thatcher schon altbacken war. Doch anstatt Ale schlürfenden alten Herren, die das Weltgeschehen diskutierten, war der Laden an diesem Tag gut gefüllt mit Fans des “One and only North End“. Der nicht enden wollende Andrang ließ mehr und mehr tropische Bedingungen entstehen. Das Klientel enttäuschte nicht: Viele Menschen in Jogginghosen, die wenig gesund aussahen. Ich fühlte mich wie zuhause.

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Ohne auf den Sauna-Aufguss zu warten, machten wir uns nach zwei Pints dann doch auf den Weg zurück ins Stadion, um dort traditionsgemäß den Pie des Hauses zu genießen. Wir gingen von Snackbar zu Snackbar, doch nirgends gab es Pies. Aus Angst wurde Panik, aus Panik wurde traurige Gewissheit: es gab keine Pies. Sowas habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Es gab pulled pork-hotdogs, Falafel, Hamburger mit Champignons (!!!), Roséwein und eine stattliche Auswahl von Ales vom Fass…aber keine Pies. Nicht nur, dass dem kleinen Mann der Stadionbesuch durch horrende Eintrittspreise schon genug erschwert wird, nein, jetzt wird ihm zudem noch die Nahrungsgrundlage entzogen.
Natürlich waren wir nicht die einzigen, denen dieser nicht tolerierbare Umstand auffiel. Gerade im Norden wird der Pie gelebt und dementsprechend an diesem Tage besonders schmerzlich vermisst. Das aus PET-Flaschen “gezapfte“ Carlsberg für 4.95£ machte es nicht leichter, mit dieser Situation umzugehen. Weil der Hunger stärker war, sprangen wir dann aber doch über unseren Schatten und holten uns schließlich ein Hotdog, welcher zwar überraschend gut, aber mit 5£ eine weitere Vergewaltigung des Portemonnaies bedeutete. Es half ja alles nichts, also gab es noch ein Bier obendrauf. Nach einigen weiteren verstörenden Momenten, wie dem schändlichen “Come on you Blues-Finger“ oder dem Stuhlgang bei offener Tür, machten wir uns auf den Weg zu unseren Plätzen.

Auf der Tribüne angekommen, sahen wir gleich, dass zuschauertechnisch noch ordentlich Luft nach oben war. Ich gehe einfach mal davon aus, dass die Pie-Abstinenz vorher die Runde gemacht hatte. Dennoch schien der Norden weitaus stärker vertreten zu sein. Das Spiel begann und ich lauschte dem Klang alter Klassiker wie “Stand up, if you hate Blackpool“ und neuen Kreationen wie “Oh Joey Garner, you are the love of my life. Oh Joey Garner, I’ll let you shag my wife. Oh Joey Garner, I want ginger hair too“. Leider machten sich nun unsere Kategorie 5-Plätze bemerkbar. Während das Gros der Preston-Fans sich halbnackt feierte und (be)sang, saßen wir auf dem Oberrang vor einem Jungen, der alle drei Sekunden Preeeeeeston schrie. Nichts anderes. Die ganze Halbzeit.

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Zum Spiel selber gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Jermaine Beckford und Simey’s alter Schulkollege Paul Huntington sorgten bereits in der ersten Halbzeit für klare Verhältnisse. Beckford war es dann auch wieder, der mit seinem dritten Tor des Abends den Endstand besorgte: 4:0. Das sind gefühlt mehr Tore als in meinen bisherigen Preston-Spielen zusammen. Standesgemäß wurde zur Überreichung der Trophäe das inoffizielle Vereinslied “Can’t help falling in love“ gespielt, welches das Erlebnis abrundet.

Alles in allem ein erlebnisreicher Tag mit Höhen und Tiefen. Von Euphorie über den Sieg bis Hirn-Aneurysma aufgrund fehlender Fleischküchlein war heute wirklich alles dabei. Preston in der Championship, la Décima kann warten. Ich freue mich schon jetzt auf die Spiele, die ich in der kommenden Saison im Raum London im Auswärtsblock verfolgen kann. Oben ohne und mit Pie in der Hand. So wie es sich für einen waschechten Northerner gehört.

Der Tag, an dem VW stillstand

Wolfsburg verdient Jahreswagensieger. De Bruyne Spieler der Saison. Delling wird zu Klopps Prellbock. Özil und Merte ballern sich mit 4:0 gegen Villa durch Wembley. In Verona steigt ein Hundertjähriger aus dem Fenster und wird Torschützenkönig. Barcelona sichert sich mit ter Stegen und einem überragenden Taribo West (Abb.unten) den spanischen Pokal. Cavani locht für Paris das nationale Triple. Auf der ARD sucht Konrad Koch (gespielt von Niki Lauda) gerade die Pisa-Studie zu optimieren. Sepp Blatter glaubt an Gott und Allah und an die anderen und so. Herthas U19 holt den Juniorenpott. Wolfgang Niersbach versucht in der Halbzeit zu erklären, dass Demokratie manchmal einfach kein Bock macht…dieses System, in dem reiche Männer auf Immobilen spekulieren. Wir lieben Flachwitze so hart wie gerade Andi Moeller in ‘Gladiator’.

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Manchmal gewinnst du allein

Beim Hinrunden-Auftakt in Hannover legten sich die Schalke-Fans via Choreographie fest: „Du gewinnst nie allein!“ Seit dem Sieg gegen Paderborn am vergangenen Samstag wissen wir: manchmal gewinnst du allein. Sogar in der Bundesliga. Ja, sogar einsam. Platz 5. Europa League. Trotzdem eine Stimmung wie seit Günter Eichberg nicht mehr. Was sich „Auf Schalke“ vor, während und nach dem Spiel gegen den aufopferungsvoll kämpfenden SC Paderborn abspielte, ist als Novum im deutschen Fußball zu betrachten.

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Zu keinem Zeitpunkt nämlich ging es an diesem Tag dem weiten Rund um das von den Verantwortlichen so hoch proklamierte “Hauptsache drei Punkte“-Gerede. Das alles war zweitrangig. Ein 1:0-Heimsieg war zweitrangig, ja sogar die Europa League. Es ging um die legitimierte, laut Satzung so wunderbar klingende Teilhabe der Fans, die Zukunft ihres geliebten Vereins mitzubestimmen. Und somit um ein Thema, was viele Vereine betrifft, in denen der Graben zwischen Vereinsführung und Fans immer größer wird. Das Gelsenkirchener Barock ist nur ein wenig rauer und mit 130.000 Mitgliedern massiver aufgestellt als dass es sich Verschmutzung gefallen ließe.

Es gab da dieses Plakat der Ultras-GE, das als repräsentativ der Schalker Zustände über den Medienäther geblasen wurde: „Der Fisch stinkt vom Kopf!“ Das c und t sind dabei als Initiale des Vereinsbosses Clemens Tönnies rot markiert worden. Man könnte denken, dass es dem Aufstand der Pott-Plebejer also um ein oder zwei Köpfe (Horst Heldt) ginge. Doch bei genauer Betrachtung geht es um die Gesamtstruktur der oberen Etagen und dauert schon sehr viel länger an als eine schlechte Rückrunde. Es ist kein Zufall, dass die Fischkopfmetapher nicht das erste, sondern eines der letzteren Plakate war, welches die Ultras an diesem Tag in Großbuchstaben präsentierten. Auf dem Allerersten war die zweite Zeile des Vereins-Leitbildes zu lesen, die für manche Schlagzeile nur etwas zu lang und vielleicht auch etwas zu langweilig klingen mag: „Er ist und bleibt immer noch ein eingetragener Verein im Sinne des deutschen Vereinsrechts!“. Ein Plakat wie ein demokratischer Dosenöffner. Ein Plakat, das weitaus bedeutender ist als ein „Fischkopf“ namens Tönnies. Ein Plakat, das klarmacht: an uns kommt ihr nicht vorbei!

Wer nach zahlreichen Gazprom-Protesten, epischen Viagogo-Fails und legendären Jahreshauptversammlungen nach diesem Samstag immer noch denkt man könne in Schalke die Rechnung ohne das Mitglied machen, wird sehr tief fallen. So wie der einstige Präsident Günter Eichberg im Zuge eines ominösen Schuldenbergs von 17 Millionen DM. So wie der einstige Präsident Günter Siebert, der 1975 für die Verpflichtung eines Brasilianers die Eintrittspreise erhöhen wollte. Alleingänge der Führungsetage führen in Schalke seit jeher dazu, dass die Kasse hinterher leerer ist als vorher. Sollten Tönnies, Peters und Co. ernsthaft eine Ausgliederung der Fußball-Abteilung anpeilen, stehen die Zeichen auf Sturm. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Nein, nach diesem Samstag müsste auch der letzte Funktionär am eigenen Leibe erfahren haben, dass ein Verein wie Schalke eben keine Firma ist und sich die Angestellten besser nicht vom Chauffeur zum Training fahren lassen sollten (Boateng). Die Stimmung kochte. Und die Proteste gingen nicht allein von den Ultras aus, sondern von einem lautstarken Kollektiv, das nach der Halbzeit zunächst Huub Stevens, kurz darauf Gerald Asamoah und schließlich Ebbe Sand besang. Ja warum nur? Das fragte sich 2013 nach einem Heimspiel aus der Hölle gegen Greuther Fürth auch Jermaine Jones vor laufender Kamera, der die Sympathien für Asamoah nicht verstehen wollte. Wie auch. Selbsterklärend. Auch er geht als eine Personalie in die Schalker Annalen ein, die rückblickend ebenso viel Unruhe und Fragen zur Personalpolitik hinterließ als der Prince höchstpersönlich. Ein Jeder merkte, dass die Gesänge am Samstag kein Scherz oder der Anflug von Resignation waren. Es waren Ausrufe, die ein beinah romantisches Bild einer Fankultur zeichneten und die unterstrichen, dass es den Fans nicht bloß um Meisterschaften, Champions League oder drei Punkte geht.

Völlig unangemessen ist, das derzeitige Verhalten der Fans als unverhältnismäßig zu beurteilen. Seit Saisonbeginn sind Arena und Gästeblöcke ausverkauft und werden mit großartiger Unterstützung unterlegt. Doch geboten bekamen die Fans nicht bloß eine schwache Nullnummer, nein. Es waren fassungslose Auftritte im Derby oder zu Hause gegen Freiburg, bevor es schließlich in Mainz gipfelte, in Köln explodierte und gegen Paderborn eskalierte. Eine Eruption war zu erwarten, nur das Ausmaß war unklar. Zu lange schon steht die Vereinsführung in der Kritik, die abseits der „großen“ Themen immer wieder gut für völlig deplatzierte „Aktionen“ ist.

Vor dem Spiel gegen Paderborn wurde unter den Linsen von Fotografen und Kameraleuten auf dem Spielfeld ein Banner mit den besten Grüßen an Zenit St. Petersburg entrollt. Der russische Club stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Gewinn der Meisterschaft und wird neunzig Jahre alt. Zwischen den Fanlagern gibt es keinerlei Verbindung. Vor allem steht Zenit immer wieder wegen seiner rassistischen und homophoben Fans im Fokus, die nach der Verpflichtung eines schwarzen Spielers kurzerhand ein Dogma mit 12 »Selektions-Regeln« aus dem Ärmel schüttelten, das an fremdenfeindlicher Ideologie schwer zu überbieten ist. Was das alles mit Schalke zu tun hat? Ganz genau – nichts. „Schalke war immer ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Nationalitäten und soll es immer sein. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein.“ So heißt es im Leitbild, nur scheint Gazprom inzwischen mehr als nur einen Fuß in der Tür zu haben. Anders sind solche symptomatischen Griffe ins Klo, obendrein an einem solchen Tag in der Arena, nicht zu erklären.

Am Ende war es nicht überraschend, dass die niedergeschlagenen Gäste stehende Ovationen der Schalker Anhängerschaft empfingen. Dabei taten sie nicht mehr als zu kämpfen, nach Abpfiff den Mitgereisten Beifall zu klatschen und sich geschlossen in einem Kreis zu formieren. Summa summarum also all das, was bei der Heimmannschaft zurzeit völlig undenkbar erscheint und doch eigentlich typische „Kumpel“-Eigenschaften von Kuzorras Erben sein sollten. DIE Mannschaft gibt es in Schalke nicht, nur Kleingruppen unterschiedlichen Alters, die Woche für Woche willkürlich zusammengewürfelt werden.

Drei traurige Beispiele: Leroy Sané (19) macht in Madrid das Spiel seines Lebens, trifft vier Tage später gegen Berlin und muss nach einer schwächeren Leistung gegen Leverkusen wieder 90 Minuten zuschauen. Marvin Friedrich (19) rutscht in Wolfsburg aus dem Nichts in die Startelf, ist mit Fährmann der beste Schalker an diesem Tag und steht danach nie wieder auch nur im Kader. Und Max Meyer (19) weiß inzwischen wahrscheinlich nicht einmal auf welche Tribüne, Ersatzbank oder Position er eigentlich hingehört. Die Liste dieser Beobachtungen ist lang und man kann nur, auch im Sinne deutscher Auswahlmannschaften, sehr hoffen, dass die großartigen jungen Talente der „Knappenschmiede“ bei dieser Tour nicht vor die Hunde gehen.

Bei kaum einem anderen Verein werden solche Beobachtungen kritischer wahrgenommen, was eigentlich kein Fluch sondern ein Segen sein sollte. Wappen küssende Boatengs, „Wir leben dich!“-Mottos und Bergbau-Spielertunnel braucht es in Schalke nicht. Es braucht weder einen Facebook-Höger im Cabrio, noch einen Twitter-Fuchs, der nach beschämenden Spielen die Anstrengung der Flugmeilen moniert. Es braucht Menschen wie Jiri Nemec, der in neun Jahren Schalke kein einziges Interview gab und laut Rudi Assauer nur deshalb keine Tore schoss, weil er Umarmungen hasste – und so gesehen letzten Endes nur eines tat: Malochen. Damit ist man in Gelsenkirchen nie allein.

hrp

Ermitteln Sie die reale Stärke!

Gestern machte Bezirksligist SF Birkelbach die Pokalsensation gegen den Westfalenligisten Kaan-Marienborn perfekt. Doch was ist schon sensationell, wenn es irgendwo nur wahrscheinlich war!? Der Lehrer der Jahrgangsstufe steht natürlich in keinerlei Verbindung zu den Sportfreunden aus Birkelbach. Er weiß nur eines: “Ich kenne die Lösung!” (hochverdient!)

Wer kennt sie noch?

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Hineininterpretiert!

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Die Schlagzeilen von heute, 22.04.2015 (übersetzt von Bing): 

+++219+++ Allrounder, die braucht der Dieter. Am besten jene, die Abwehr und Mittelfeld vereinen. Logisch in Zeiten der 3er-in-5er-Ketten-Transformers. Christian Träsch, der Optimus Prime von VW. Ein wandelbarer Kicker im mittleren Fußballalter entscheidet sich für Geld, Champions League, wenig Ansehen und den Ersatzbankplatz neben Aaron „Bumblebee“ Hunt.

+++220+++: Jobgarantie. Ein Wort aus der Hölle. Ich verspreche dir, Schatz: es war rein körperlich! Beziehungen in der Bundesliga sind nicht einmal das. Ab wann wird also am Stuhl gesägt? 1, 2 oder 3…und ob du wirklich richtig stehst, siehst du wenn das Licht ausgeht. Kommt jetzt Neururer?

+++221+++ Und nächsten Samstag punktgenau 17:15Uhr isses wieder alles Kokolores und ohne Eier und, ach komm hör auf! Unterschriften! Verträge! Handschläge! Vetrauen! Pff! Dat kann ja jeder sagen! Teletext Lügenpresse!

+++224+++ Liebe Kinder, ihr braucht gar nicht so zu tun als ob ihr das auf dem Bolzplatz untereinander einfach so geregelt bekämt! Fußball ist inzwischen ein Geschäft und alles unter 100% ist nicht mehr Fußball. Aber wenn ihr erwachsen seid, versteht ihr das sicherlich. Bis dahin noch einen schönen Abend. Euer Claus Kleber!

+++225+++ Jugend von heute, ey! Alles nur noch Checker und Chiller und Twitter! Wir mussten unsere Bälle noch selber aufpumpen! Und einen „Test“ gab es bei uns gar nicht. Es ging immer direkt los, und wenn der Gegenspieler auf die Toilette musste, dann ging man mit! Ja, noch ein Pils bitte! Danke!

+++226+++ Mein Gott, Calgiari, du schönes Cagliari. Sardinien, Dom, Basilika, Opernhaus, Platz 19. Aber halt, Stopp! Jetzt rede ich, Gianluca Festa! Ich bin in Cagliari geboren, war Profi in Cagliari, kenne die Menschen, das Umfeld, ja, ich BIN Cagliari! Unserem nächsten Gegner Florenz rufe ich zu: „Gomez kann gar nichts!“

Sätze der Bedeutungslosigkeit #7 (Spezial)

1. “Der Trainer hat unsere volle Unterstützung.” (Leon Andreasen, leider nur Spieler)
2. “Es wird bei uns in dieser Saison keinen Trainerwechsel geben.” (Martin Kind, leider kein Spieler)
3. “Korkut verfügt über die notwendige Qualität.” (Voller Vertrauen: Martin Kind)
4. “Ich gehe davon aus, dass wir mit dem Trainer weitermachen.” (Dirk Dufner geht davon aus)
5. “Wir ziehen das mit Herrn Korkut bis zum Saisonende durch.” (fragt sich nur was, Martin Kind?)

Danke, Werner Zimmer!

Bevor das tägliche Geschäft um 20:45 Uhr wieder weitergeht, darf eine Verneigung vor “Mister Sportschau” Werner Zimmer nicht ausbleiben, der heute im Alter von 78 Jahren verstarb. “Er war immer solide vorbereitet. Er hat nie jemanden beleidigt.”, fasst Franz Beckenbauer treffend zusammen. Zimmer war Reporter und Moderator durch und durch, der trotz der immanenten Nähe zu den Protagonisten seiner Berichterstattungen immer auch eine respektvolle Distanz wahrte. Nun sind wir es, die respektvoll Abschied nehmen – und gleichzeitig Danke sagen für so viel neutrale Sportberichterstattung!

Ruhe in Frieden, Werner Zimmer.

RB Leipzig und die Mitgliedschaft

Wir sind große Fans von RB Leipzig. Natürlich. Und wie das so ist bei echten Fans, möchte man irgendwann auch ein echter Teil seines Lieblingsvereins werden: wir beschlossen eine MITGLIEDSCHAFT zu beantragen.

Geil, endlich mittendrin statt nur dabei! Der Antrag dafür beträgt die Länge einer DIN A4-Seite und ist wunderbar einfach auf der Homepage des Clubs zu finden. Als arme Studenten entschieden wir uns für die „BRONZE“-Variante (70€/ Jahr), da die 1000€ für „GOLD“ umgerechnet immerhin 76,923 Kisten gutes Bier bedeuten würden – für einen Studenten also nicht unerheblich, Freunde der Sonne!

Nachdem wir die wenigen Zeilen des Formulars ausgefüllt hatten, weist uns RB Leipzig daraufhin, dass wir mit dem Einsenden ausdrücklich erklären, die SATZUNG und ORDNUNGEN des Vereins zu akzeptieren und sich nach diesen zu richten. Mmh, lästig. Aber gut – als echte Fans lesen wir sie besser durch, nicht dass es hinterher noch heißt….

Mitgliedschaft RB Leipzig

…das Dumme ist nur: man findet im Internet keine SATZUNG des Vereins. Nirgends. Also riefen wir bei RB Leipzig an und baten um eben diese. Nachdem wir durch das Betätigen der Taste 3 natürlich die Möglichkeit wahrnahmen „Fangesänge zu hinterlassen“, wurden wir von einer jungen Dame begrüßt, die uns alle diesbezüglichen Unterlagen umgehend per Email zukommen lassen wolle. Nur drei Minuten später meldete sich unser Postfach mit einer Nachricht aus Leipzig, die uns darüber in Kenntnis setzte, dass „Die Vereinssatzung sowohl im Registergericht am Amtsgericht Leipzig, als auch in unserer Geschäftsstelle“ einzusehen sei und: „Sollten Sie eine Einsicht in die Satzung wünschen, bitten wir Sie, vorab einen Termin mit uns zu vereinbaren.“ Da wir jedoch mehrere hundert Kilometer entfernt von unserem geliebten RB Leipzig wohnen und dies den sicherlich sehr leckeren Kaffee im Registeramt unmöglich macht, riefen wir noch einmal an….

RBL: „Hallo Herr Stermann!“

Furche: „Ja, hallo! Hier ist noch einmal Lukas. Ich habe eine Frage. Jetzt haben Sie mir ja freundlicherweise die Mail geschickt…

RBL: „Genau.“

Furche: „Jetzt vermisse ich allerdings doch noch die Satzung und die Ordnungen, die ich ja eigentlich lesen wollte.“

RBL: „Ähm, ja. Das steht eigentlich in der Mail drin. Warten Sie, ich schau mal eben.“

Furche: „Genau, richtig. In der Mail steht ja, dass die Vereinssatzung nur vor Ort in der Geschäftsstelle einsehbar ist oder beim Amtsgericht.“

RBL: „Ja, und da müssten Sie einen Termin vereinbaren.“

Furche: „Ja, das ist für mich natürlich relativ schlecht, weil – ich studiere in Hildesheim und ich bin großer RB Fan, aber ich möchte das natürlich vorher irgendwie einsehen und ich kann im Moment gar nicht nach Leipzig fahren.“

RBL: „Ja…“

Furche: „Ist das möglich, dass Sie mir da einfach eine PDF zuschicken? Also ich kenne das nur von…also ein Freund von mir z.B., der ist Schalke-Fan und der hat zu mir gesagt, das wäre öffentlich alles einsehbar.“

RBL: „Mmh…ja.“

Furche: „Also der hat das aus dem Internet heruntergeladen.“

RBL: „Ich kann nicht sagen, ob das möglich ist. Also generell ist die Info eigentlich, dass es…dass es nicht einsehbar ist, ne…und dass dafür dann ein Termin vereinbart werden muss.“

Furche: „Aha. Und wäre das denn dann ok eine Kopie mit nach Hause zu nehmen, wenn ich dort vor Ort wäre oder so? Oder kann ich es nur vor Ort ansehen?“

RBL: „Mmh…ich frag mal eben ne Kollegin.“ […]

— WARTESCHLEIFE

RBL: „Hörst duuu…?!“

Furche: „Jahaaa.“

RBL: „Ähm, ich hab nochmal nachgefragt und es tut mir sehr, sehr leid, aber wir können da leider keine Ausnahme machen. Vielleicht bist du aber doch mal in Leipzig wenn du dir ein Heimspiel bei uns anschauen möchtest und dann könntest du ja dann am Spieltag, oder wenn du ein bisschen länger in Leipzig bist, einen Termin vereinbaren.“

Furche: „Ok, aber….mmh. Ok, da fühl ich mich…“

RBL: „Es geht leider nicht. Es ist genauso wie wenn du – meine Kollegin hat eben den treffenden Vergleich gebracht – wenn man zum Beispiel seine Abinote einsehen möchte oder so, ne, dann würde das ja quasi auch nicht übers Telefon oder per Email oder so gehen. Da muss man dann wirklich en Termin vereinbaren, wenn du das sehen möchtest.“

Furche: „Ja, dann…dann muss ich mir das nochmal überlegen, ne.“

Wir überlegten. Doch diesem Totschlag-Argument konnten wir nichts entgegnen. So unterschrieben wir einfach den Mitgliedsbeitrag, der von uns das Akzeptieren einer Satzung fordert, die wir nicht kennen. Aber gut. Wer von uns hat sich jemals die iTunes-AGB´s durchgelesen…also schnell in die Post damit und bloß nicht drüber nachdenken! Machen die anderen ja bestimmt auch so…

Hochachtungsvoll und mit der Bitte um Verständnis,

Eure Furche

Sätze der Bedeutungslosigkeit #6

1. “Wir werden das Spiel schonungslos analysieren.” (Taskin Aksoy, ehem. Pazifist)
2. “Aufgrund der Erfahrung weiß man, dass noch sehr viel passieren kann.” (Dennis Aogo, Astrologe)
3. “Wenn wir ein Tor kassieren, sind wir tot.” (Dietmar Beiersdorfer voller Hoffnung)
4. “Wir haben einfach zu wenig Torabschlüsse, von daher können wir auch kein Tor schießen.” (Nobelpreis der Mathematik: Marcel Schmelzer)
5. “RB Leipzig ist unabhängig von Herrn Tuchel und anderen Namen nicht bereit, finanzielle Grenzen zu überschreiten.” (RB-„Head of Global Soccer“ Oliver Mintzlaff wurde soeben wegen ‘groben Fehlverhaltens am Arbeitsplatz’ gekündigt)

Ich habe das Grauen gesehen!

Es ist, als sei es 1000 Jahrhunderte her. Es regnete. Überall war Dreck. Unter meinen Füßen der Urschleim Darwins. Und dann war mir, als würde ich durchbohrt. Durchbohrt von einer ledernen Kugel, die durch mein Stirn schoss und ich dachte: Mein Gott, diese Schöpferkraft, dieser Gegner, dieser Wille, den Sieg zu erringen, Katharsis. Und dann wurde mir klar, dass sie viel stärker als wir waren, weil sie alles auf sich genommen hatten. Das waren keine Ungeheuer, das waren Brüder, geschulte Einheiten auf Wasser und Brot, aus Demut geboren. Diese, die mit ihren Herzen kämpften, die Familien waren, Kinder eines Vereins, die erfüllt waren von Leidenschaft und Liebe, jener ehrwürdigen Kraft, das Große zu vollbringen.

Ich hab das Grauen gesehen. Das Grauen, das alle Schalker gesehen haben. Sie hatten kein Recht mich zu erschlagen, sie hatten kein Recht, das zu tun, sie hatten kein Recht über mir die Verzweiflung, den Abgesang des Himmels hereinbrechen zu lassen. Es ist unmöglich diese Vernichtung mit Worten zu beschreiben, was notwendig wäre, für jene, die nicht wissen, was das Grauen bedeutet. Das Grauen! Das Grauen hat ein Gesicht und man muss sich dem Grauen stellen. Das Grauen und der moralische Terror kommen plötzlich. Sehr plötzlich. Wir verließen das Stadion erst, nachdem sich alle Spieler endgültig ihrem Schicksal ergeben hatten. Über dem Schlachtfeld heroische Adler, kreisend, greifend nach Resten von Gedärmen. Da kam ein alter Mann hinter uns hergelaufen, der weinte, er konnte nichts sagen.

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Der Fußpfad zur Bahn, eine Schneise der Furcht, der Erniedrigung. Die Adler verfolgten uns weiter, kreischend, dämonisch, und rissen aus den herumliegenden Kutten die weinenden Herzen einfach heraus und ließen sie von hoch oben auf die Tribünendächer fallen. Und ich erinnere mich…wie ich schrie…weinte…wie ein altes Waschweib…ich wollte mir die Zähne herausreißen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war, die Dunkelheit war über meinen Verstand hereingebrochen. Und ich werde mich daran erinnern. Ich werde niemals vergessen. Niemals.

Wenn wir Spieler von solcher Einheit hätten, dann wären wir unsere Ängste los, denn dazu gehören dem Verein Ergebene, die Überzeugungen haben, imstande sind ohne Hemmungen ihre Instinkte einzusetzen, mit Willen. Mich zermalmt der bloße Gedanke, dass mein Sohn vielleicht nicht verstehen wird, worum es wirklich bei einem Fußballspiel geht. Und falls ich dem Fußball entsagen werde, in der Welt umherirre wie ein verloren gegangener Götterbote, möchte ich, dass jemand zu meinem Hause und das meiner Vorfahren geht und es meinem Sohn erzählt. Alles. Alles, was ich empfunden habe an jenem Oktobertag im Jahre 2005. Alles, was ich gesehen habe. Denn es gibt nichts, was mein Geist mehr verabscheut als den Gestank von Lügen über eine karthagische Niederlage. Das interessiert vielleicht keinen Spieler, aber mein Sohn soll sie erfahren. Die Wahrheit über kampflose Niederlagen.

hrp

Allesfahrer

Sie sagt mir, ich sei das Normalste, das Sie je erlebt habe. Sagt sie mir mit einem Tee in der Hand. Der Zeiger springt auf 10Uhr. Ich müsste eigentlich längst los. Sie steht auf und geht zum Fenster. Reihenhäuser mit Mehrgenerationenhaushalten und Vorwerk-Verträgen. Ein Hobby sei generell ja eine Macke, meint sie. Aber mein Hobby sei ja eben kein Hobby mehr. Ihr Tee ist so gut wie leer. Das höre ich am Geräusch. Sie schlürft verzweifelt und tut so als nehme sie tiefe Schlücke. Ingwertee. Also nicht dieser Fertigtee aus Beuteln, nein, nein. Nur heißes Wasser mit kleinen Stücken, nur nicht zu groß geschnitten, wegen des Ziehens, der Wirkung, was weiß ich. “Gut für das Immunsystem!”, sagt sie. “Für was auch sonst!?”, denke ich. Ich müsste eigentlich längst los. Da draußen wäre ich ja anscheinend ganz lebendig, sagt sie. Was auch immer sie mit “da draußen” meint. Aber bei ihr sei ich ganz normal, zu normal, viel zu normal. So wie ihre Haare.

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Sie geht zum Kühlschrank und brabbelt irgendwas vor sich her. Irgendwas mit Butter und Fett und Gesundheit. “Licht im Kühlschrank geht auch nicht mehr!”, sagt sie. Sehe ich, weiß ich. Ich muss jetzt los. Wenn ich jetzt gehen würde, könne ich ruhig erstmal wegbleiben – wenn mir das Andere jetzt so wichtig sei. Zumindest wichtiger als dieses Gespräch gerade, die Beziehung und so. “Wichtiger als Ingwer und Butter also.”, denke ich. Sie fragt wie es nun weiterginge und ob es weiterginge und wenn ja, was genau ich als Weitergehen „definieren“ würde. Ich hasse dieses Wort. Definieren. Sie macht den Kühlschrank wieder zu. Sonst ist der Stromverbrauch zu hoch, ich weiß. Ich bin also normal. „Dann will ich mal.“ sage ich. Sie weint, als ich ehrlich zu ihr werde. Keine Umarmung. Mitleid wäre jetzt eine Lüge. Also verabschiede ich mich. Mehr nicht. Der Bus kommt. Ich bin also normal. Aber nur jetzt gerade. Ist gleich wieder vorbei. Drei Punkte!

hrp

Hier drüben aua!

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An dieser Stelle erklärt Mehmet Scholl noch einmal den Unterschied zwischen Fußball und Aerobic : “Einmal gegen Arsenal London, da hat der Jens Jeremies deren Franzosen Vieira umgetreten – aber übel! -, und als der wieder aufstand, hat der Jerry zu ihm gesagt: ‘Siehst du die Mittellinie? Kommst du drüber, macht es aua! Hier drüben aua, da drüben gut!'”

11mm startet!

Donnerstag ist es endlich wieder soweit – die Kollegen des 11mm – Fussballfilmfestivals öffnen wieder die Türen des Babylon-Kinos in Berlin. Wir stellen euch bis dahin ein paar Filme via Trailer vor und können nur sagen: Hingehen und genießen!
Nachdem “Messi – Der Film” eröffnen wird, könnt ihr euch im Kino 2 um 19:30Uhr an folgendem Schmankerl erfreuen: https://www.youtube.com/watch?v=YPXSbvl0vU8

Der komplette Zeitplan: http://www.11-mm.de/index.php/de/festival-2015/zeitplan

Gestatten, Lügenpresse!

Furchenautor Rothenpieler aka  Der Edelreservist war mal wieder für das abseits-Magazin tätig und genoss auf der letzten Seite der aktuellen Ausgabe Narrenfreiheit. Verfasst in harten Zeiten, die alles andere als vorbei sind, eben nur nicht mehr bei Jauch auf der Tagesordnung stehen. Daher: lesenswert!

“Eine Heftseite ist wirklich wenig für diese Zeiten, liebe Leute. Übrigens sollte man als Autor auch die Ich-Form vermeiden. Zu persönlich und so. „Eigentlich aber auch total egal!“, dachte ich mir, da ja eh alles Lügen sind. Eigentlich sollte ich mich in die Berge zurückziehen und einen zähdicken Buchschinken abseits jeder Zivilisation schreiben um diesen Wahnsinn adäquat verarbeiten zu können. Mmh, ich frage mich gerade ob jemals ein Journalist gestreikt hat. Piloten, Lokführer, klar, kein Ding. Aber Journalisten? Es geht mir nämlich nicht gut derzeit. Ich schlafe schlecht und weine häufig. Nach dem Aufwachen ist mir mulmig, ja gar schlecht. Das volle Programm. (Mitleidsbekundungen werden gern entgegen genommen!) Liest, hört oder schaut man dann die ersten Nachrichten am Morgen, ist endgültig der letzte Appetit auf „lecker Frühstück“ vergangen: NSU-Prozesse hier, Pegida dort und Marine Le Pen fordert die Todesstrafe. Täglich kotzt das Murmeltier.

Gerne würde ich mir ein Schild basteln mit Parolen wie „Ein Journalist geht um in Europa!“ oder „Der Journalismus ist tot, es lebe der Journalismus!“, auf die Straße gehen und für die Freiheit der Presse demonstrieren. Geht aber leider nicht. Keine Zeit, denn Zeit ist Geld. Und wir haben gerade keine Zeit, weil wir neben Artikeln über Boko Haram, IS und den ganzen Scheiß auch noch über Pegida und die beknackte Angst vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ berichten müssen. Indes macht es wahnsinnig viel Freude über Menschen wie Lutz Bachmann, den Führer – Pardon, Organisator von Pegida, zu recherchieren um dann herauszufinden, dass der nette Herr selbst einmal Flüchtling war und einen Vorstrafenregister besitzt, der so gerade auf eine Toilettenrolle passt. Sie können mir glauben, liebe Leserinnen und Leser, dass sich ein Text über die FIFA dagegen nicht einmal wie Arbeit anfühlt.

Nein, streiken – das darf, das kann ich nicht. Wäre ja noch schöner! Nachher stellt sich noch heraus, dass es „Die Medien“ gar nicht gibt, sich die taz und die FAZ inhaltlich voneinander unterscheiden und wir vielleicht keine Lügner, sondern die netten Nachbarn mit Spießergrill sind. Ich darf sogar einen fußballlosen Artikel in einem Fußballmagazin schreiben, und das ganz ohne Zensur! Ist das zu fassen!? Artikel 5 sei Dank! Übrigens ja: Wir sind alle gleich! Keiner von uns Autoren war je auf einer Journalistenschule oder hatte vor der ersten Text-Veröffentlichung mit Journalismus zu tun, nein. Ist ja auch kein Beruf, nur eine Art lebenslanges Praktikum ohne Gratiskaffee. Wir sind natürlich alle Autodidakten und dachten uns irgendwann einmal im Chemie-Unterricht, dass Journalismus vielleicht auch etwas mit Wahrheit und moralischer Verantwortung zu tun haben sollte, könnte, müsste.

Wissen Sie, seitdem auch dem letzten Schreiberling klar gemacht wurde, dass Printmedien aufgrund fehlender Absätze in naher Zukunft eh aussterben werden, macht das Schreiben umso mehr Spaß. Ich bekenne mich in diesem Zuge übrigens klar zur „Lügenpresse“. Muss ich ja. Denn was in mancher Tageszeitung steht, stammt teils auch aus meiner Feder. Entschuldigen Sie dies bitte vielmals, Herr Bachmann. Ich mache mir deshalb große Sorgen, nicht mehr zum „Volk“ zu gehören. Schließlich sind Journalisten die wahren Geschichtenerzähler und konstruieren Märchen nur des Geldes wegen. Ja, so einer bin ich dann wohl, ich finde nur gerade den Schlüssel meiner S-Klasse nicht.

Also muss ich dann doch wieder in die Tastatur hämmern, wissen wir doch seit Sokrates, dass es durchaus Sinn macht, Gedanken nicht nur auf dem Marktplatz zu verbreiten, sondern auch aufzuschreiben. Gut, Pegida weiß das vielleicht nicht. Pegida denkt bei Griechenland mitsamt Sokrates auch nicht an die Säulen der Demokratie, sondern an die „Schuldenfalle Europa“, die schlechte Pita von gestern oder einfach nur an „Socrates äh Socratis, den Kicker vom BVB halt.“

Ja, zurzeit ist es nicht einfach nur über Fußball zu schreiben, da es automatisch und unausweichlich zu Kontroversen führt. Pegidas Blind- bzw. Spaziergänger, bejubeln in ein paar Wochen wieder die Tore von Migranten und tragen deren Namen auf dem Trikot und im Amateurbereich ist jeder „Schwatte“ herzlich willkommen, der den Ball mehr als zehn Mal hochalten kann. Man ist extrem verwirrt, wie Fußball-Deutschland für Pegida einmal aussehen soll. Flüchtlinge müssen prinzipiell also raus aus Deutschland, wenn er oder sie aber gut kicken, laufen, schwimmen kann, wird noch einmal ein Auge zugedrückt oder wie oder was? Solch großartige Visionen machen sich in den Augen unserer Verbündeten bestimmt richtig gut. Oder ist dann Marine Le Pen unsere Verbündete? Mir wird schon wieder schlecht. Und soll sich bloß kein Fußballfan dieser Frage entziehen, indem „das eine ja Politik und das andere nur der Fußball“ sei. Politik und Sport wurden nämlich noch nie getrennt. Ungelogen!”

hrp

(Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe des abseits° Magazins auf der “Letzten Seite”, in deren Kolumne Autoren “Frei nach Schnauze” schreiben)

Fast ein Freundschaftsspiel

1048447231-imago18969306h-5hkNOIxh1OXeJXefANSCHNALLEN! Wir schalten kurz rüber zum FC Walsede, wo sich am 17. und 18. Februar die Ereignisse – sagen wir mal – ein ganz klein bisschen überschlugen. Ein Freundschaftsspiel stand an im Kreis Rotenburg bei Bremen. Zweite Kreisklasse empfing dritte Kreisklasse. Ein bisschen kicken, anschließend zusammen Bierchen trinken und gut ist – NICHT! Zwei Artikel wie Funksprüche aus der Hölle:

17. Februar: http://www.kreiszeitung.de/sport/lokalsport/kreis-rotenburg/walsede-gegen-jeddingen-freundschaftsspiel-wird-nach-vier-platzverweisen-abgebrochen-4742039.html

18. Februar: http://www.kreiszeitung.de/sport/lokalsport/kreis-rotenburg/jeddingen-zieht-nach-turbulentem-freundschaftsspiel-konsequenzen-spieler-4744952.html

(Herzlich gelacht, Lukas Stermann! Danke.)

 

“Nordkurve” auf Arte

“In kühlen Bildern und mit einem exzellent aufspielenden Darstellerensemble zeigt Regisseurin Virginie Sauveur das Porträt einer Stadt im Norden Frankreichs, die für den Fußball lebt und der jungen Generation außer der alles verbindenden Fangemeinschaft nichts zu bieten hat.”
Ab 20:15Uhr zeigt Arte heute alle drei Teile der Miniserie hintereinander. Krimi, Drama und Milieustudie in einem – absolut sehenswert!

–> http://www.arte.tv/de/nordkurve-die-3-folgen/7905944,CmC=7906454.html

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Marens Tivoli-Renaissance

20150207_102034Maren geht seit 15 Jahren zum Tivoli. Seit 2009 zum „Neuen“. Sie sagt, sie habe in dieser Zeit so gut wie alles miterlebt, was eine gescholtene Fußball-Seele so miterleben kann. Das 2:1 im Jahrhundertspiel am 4. Februar 2004 gegen die Bayern. Die DFB-Pokalfinalteilnahme und das Europapokaljahr im selbigen. Der Wiederaufstieg in die Bundesliga nach 36 Jahren zur Saison 2006/2007. Der Abstieg nach nur einem Jahr in Liga 2. Der Abstieg aus dem bezahlten Fußball im Jahr 2012. Der „Fast-Abstieg“ als Tabellenzwölfter in der Saison 2013/2014 aus der Regionalliga West-Südwest.

Ja, Maren, da ist schon wirklich viel passiert in nur sieben Jahren. „Achterbahnfahrt“ ist gar kein Ausdruck dafür. Doch nun ist Samstag, der 7. Februar 2015. Die Sonne scheint. Nicht nur in Aachen sagt man „Kaiserwetter“. Doch hier passt es eben am besten. Zuerst sind wir nur zu viert. Dann kommen aus vielen kleinen Straßen und Gassen die Menschen auf den gemeinsamen Weg der Krefelder Straße. Maren huscht ein Lächeln übers Gesicht. Ich sage nichts. Verstehe ihren Blick zu deuten. Was hier passiert ist selbsterklärend. Eine ganze Stadt erwacht aus dem Fußballkoma, das seit Anfang dieser Saison endgültig nach sieben Spielzeiten Tristesse zu verschwinden scheint.20150207_132515 „Der TSV, der TSV, der TSV ist wieder da“ skandieren eine Handvoll schwarz-gelber Schalträger, die aus einer der Seitenstraßen dieser mittlerweile unüberschaubar großen Gruppe an Menschen bilden. Wie ein Sog werden sie zusammen gezogen. Schnell bekommt man Probleme in der Viererkonstellation zusammen zu bleiben. Völlig egal – hier geschieht gerade etwas lange nicht Dagewesenes. Der Tivoli wird wiederbelebt, der Mythos erwacht. Im Stadion angekommen wirkt alles etwas unkoordiniert. Die Anstehschlangen reichen bis zur Hauptverkehrsstraße.

Die Ordner und „Bodychecker“ sind der anströmenden Menschenmassen sichtlich überfordert. Am Würstchenstand sind interessanterweise sämtliche Preisschilder abgeklebt und mit neuen Aufschriften versehen. Oche, ich gönne es dir! Gerne zahle ich die bundesligakonformen 3 Euro für ne Brat und 3,50 fürs Bierchen 0,4. Wir gehen zu unseren Plätzen. Wir sitzen. Ok, wirklich nur der einzige Makel an diesem Tag. Die eingestaubten Sitzschalen auf der Gegengeraden deuten auf das Millionengrab Tivoli hin. Doch Schluss mit dem Quacksalber und Negativgeplänkel, heute ist Kaiserwetter! Heute steht der ewige West-Klassiker auf dem Programm: Oche empfängt Essen. Tivoli gegen Hafenstraße.20150207_131144 Frank Mill, „Ente“ Lippens und Helmut Rahn. Der Boss versteht sich. Erik Meijer, Willi Landgraf und Rainer Plaßhenrich. Meine Fresse, ist das Was? Geht mehr? Für Maren wohl kaum an diesem Tag. Aachen siegt in einem durchschnittlichem Spiel mit 1:0. Will ich den Jungs da unten aber auch nicht übelnehmen. Vor 30.313 Zuschauern haben wohl die Wenigsten von ihnen gespielt. Aber wen interessiert bitte das Spiel, geschweige denn der Verlauf, taktisches Verschieben, Umschaltspiel oder Gegenpressing? Ehrenrunde der Mannschaft ist Ehrensache.

Wir verschwinden nach kurzen Ovationen ebenfalls aus dem Stadion und Schlängeln uns in der Menschenschar durch die Stadt. Eines hat der Rück- mit dem Hinweg gemeinsam. Die Leute strahlen, Maren strahlt. Sie sagt nicht viel. Kein Typ für überschwängliche Emotionen. Trotzdem meine ich, pures Glück aus ihr heraussprießen zu sehen. Nur halt so innerlich. Als schreie ihr Herz mit aller Kraft: „Der TSV, der TSV, der TSV ist wieder da“.

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(Alemannia Aachen vs. Rot-Weiß Essen 1:0 (Behrens, 39. Min.); Sa. 07.02.2015, 14:00, 20. Spieltag, Regionalliga West)

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Fangen wir dieses Mal unten an. Ganz unten. „Der VfB sichtbar bemüht“ resümierten die Kanäle im Kollektiv. Jeder Kreisliga-Kicker weiß allerdings, dass die Bescheinigung des „Bemühtsein“ eben auch heißt: „Sie können es halt einfach nicht besser.“ 52% gewonnene Zweikämpfe, gut und schön. 100 Fehlpässe bei 270 Pässen insgesamt verweisen und beweisen schlichtweg Platz 18. Man stelle sich nur eine Relegation gegen Karlsruhe vor. Wer den Film „Ausnahmezustand“ kennt, weiß in etwa „…was das den Steuerzahler kosten würde!“. Zzzzzz. Wo wir gerade von südlichen Apokalypsen reden. Mein Gott, SC Freiburg. Ihr „bemüht“ euch ja wirklich immer und erntet seit Jahren richtigerweise Respekt und Anerkennung. Gegen den BVB kommt man jedoch um eine Diagnose nahe der Intensivstation nicht drum herum. Dortmund hingegen nach Wochen des Grauens flüssig, druckvoll und vor allem organisiert. Begriffe, die gegen Augsburg noch so fehl am Platz erschienen wie Horror-Flanken von Neven Subotic. Zum nächsten Heimendspiel kommen die Mainzer, die nicht so recht wissen, was da eigentlich gerade mit ihnen passiert. Mit nur einem Sieg in den letzten zehn Spielen fährt man eben nicht nach Europa, sondern ratzfatz nach Aalen. Die „Alte Dame“ überraschte dabei nicht nur die mitgereisten Anhänger mit konzentriertem Abwehrverhalten. Ja, meine Damen und Herren, von Hertha BSC ist die Rede! Solide in der Defensive, zweikampfstark im Mittelfeld und effektiv im Angriff. Und: es wird wieder gelacht. So richtig gelacht. Pal Dardei vorne weg. Eigentlich fehlt ihm nur noch ein strammgeiler Schnäuzer.

Stichwort „Europa“ ist plötzlich Stichwort „Werder“. Unglaublich, was dieses Viktor-Lutscher-Gespann aus dieser Truppe rausholt. Die letzten zwei Minuten gab es in Düsenjet-Lautstärke stehende Ovationen: „Der SVW ist wieder da!“ Ja man, das ist er. Dir gefällt das. Uns irgendwie auch. Deswegen ziehen wir vor Bremen einfach nur den Hut und ersparen uns „unflätige“ Kommentare über Roger Schmidt. Bleiben wir noch kurz im Norden. Hannover liegt in Niedersachsen. Ja, richtig, irgendwo da in der Mitte eben. Der HSV punktet maximal und das zu einem extrem wichtigen Zeitpunkt. Bayern auswärts und Gladbach daheim sind nicht gerade Sparringspartner. Das allerdings ist der momentane Nickname für Hoffenheim. Drei Spiele, drei Niederlagen – ein Rückrundenstart wie der Start der Challenger. Wolfsburg hingegen weiterhin mit Vollgasveranstaltungen. André Schürrle manchte indes, sagen wir mal, nicht die schlechteste aller Figuren. De Bruyne und er werden als Billy The Kid-Duett jedenfalls noch häufiger netzen, soviel steht fest. Jungs eben, die „einfach nur kicken wollen“. Dann wären da noch Köln und Paderborn. Stimmt, sie waren einfach nur „da“. Deswegen sind sie auch hier einfach nur kurz „da“. Möge Hennes VIII. uns diese verachtende Ignoranz verzeihen. Lieber noch kurz innen Pott. Unter Keller meinten die Knappen immer gerne man müsse gegen Gladbach selbst das Spiel machen. Lucien Favre fand das stets sehr belustigend. Di Matteo drehte den Spieß rum, rotierte, spielte defensiv, irgendwie unansehnlich und – erfolgreich! Ein Spiel für beinharte Taktikfetischisten und jene, die es werden wollen. Gehört eben auch dazu.

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2. und 3. Liga
Drei Punkte trennen den Zweiten vom Sechsten. Die Zwote bleibt Hitchcock. Gewinner dieses Spieltags sind ganz klar die Betze-Buben (Durchschnittsalter 23), die gegenüber den Braunschweigern einfach „reifer und abgeklärter“ waren. Ingolstadt gewinnt einfach immer weiter, während Red Bull im Schacht von Aue von ungeahnten David-Mentalitäten niedergerungen wird. In Hamburg muss man sich mit einem Remis in Sandhausen zufrieden geben. Wirklich viel Außergewöhnliches gibt´s nicht wirklich zu vermelden. In keinem Spiel schoss eine Mannschaft mehr als zwei Tore. Vielleicht aber gab es an diesem Wochenende auch Wichtigeres. Auch von uns, lieber Benjamin Köhler: Alle Kraft und gute Besserung!
Die Dritte zeigt nur ihre halbe Erotik. Ganze vier Spiele wurden abgesagt. Der Rest hatte es allerdings in sich. Ausgerechnet Rahn (das wollten wir schon immer mal wieder schreiben), ja AUSGERECHNET Johannes Rahn trifft gegen seinen Ex-Club Bielefeld beim 3:0 im Kölner Südstadion. 3:0 hieß es auch am Ende im Wedaustadion, wo Dennis Grote in sex geilen Minuten selbst zweimal lochte und eine Hütte vorbereitete. Doch kommen wir zum Derby. Im pickepackevollen Preußenstadion entscheidet Amaury Bischoff das Moped erst per Frei, dann per Strafstoß. Münster nun Spitzenreiter und schwer am Durchdrehen.

Sonstige/ International
Vorab: die Furche war live am Tivoli dabei. Bericht und Fotos dazu folgen! Deshalb von der Regionalliga in die große, weite Welt: nach 22 Elfmetern ist die Elfenbeinküste Afrika-Meister. Wie man sich da draußen wohl fühlt – siehe oben! Zapp to Spain: 4:0 für Atletico! Irre! Fulminant! Mandžukić! Ronaldo schafft nicht mal den Balljungen. Nach James und Ramos nun auch Khedira Auf Schalke nicht dabei. Manchester United trifft in der Nachspielzeit im Boleyn Ground und bleibt auf vier. Tottenham negiert Özils Treffer und siegt im North London Derby. Für Leicester hingegen wird es nach der 0:1-Pleite gegen Palace so langsam verflucht eng mit dem sogenannten „Anschlusshalten“. In Mailand kann Inter nach drei Niederlagen in Folge wieder einen Dreier einfahren – mit Shaqiri, ohne Podolski. Prognose: Köln! Früher oder später. Klose kickt in diesen Minuten und liegt mit zehn Mann gegen Genau hinten. Der Letzte Parma (9 Punkte) versucht sich am Mittwoch ein allerletztes Mal. Gegen den Drittletzten Chievo Verona (18 Punkte) wartet ein sogenanntes 9-Punkte-Spiel. In Frankreich verteidigt Lyon gegen Paris St. Germahimovic mit einem 1:1 die Tabellenführung, der Traditionsbacken FC Metz arbeitet mit Hochdruck an der Rückkehr in Liga zwei und Dimitar Berbatovs Monegassen schlagen sich in Guingamp mal wieder selbst. In der Schweiz kassieren die Grashopper im Clash of Titans gegen Basel ein sattes 2:4. Der 100-jährige Marco Streller trifft übrigens immer noch. Wir beenden die Runde hier mit dem Stadtderby aus Lissabon. 87 Minuten passierte da nämlich mal so rein gar nichts. Dann schweißt Sportings Jefferson das Ding ins kurze Eck. Hektik, Folklore, Brechstange – 93. Minute Ausgleich. Geschichten, die nur der Fußball…nein, kein Geld fürs Phrasenschwein, sorry. Ach übrigens, wer denkt, dass die Stadt Hamburg gerade schwere sportliche Zeiten durchmacht, sollte mal in Hamborn anrufen. Am Sonntag verloren der SV Hamborn 90 III mit 17:3, Westende Hamborn wurde mit 12:0 eingefettet und Hertha Hamborn ging mit 10:0 in die Knie. Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am…oh, gerade kassieren die Löwen in Unterzahl das 1:2 gegen Heidenheim. Prost!

 

Ruhe in Frieden, Udo!

Auch wir nehmen mit größtem Respekt Abschied von einem ganz Großen. Es ist schwierig in einem Nachruf zusammenzufassen, was Udo Lattek so besonders machte. Und weil ihm der Tod “scheiß egal” war (EXPRESS 2011), gibt es von unserer Seite ein 10 Jahre altes FAZ-Interview (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/udo-lattek-im-interview-ich-teile-immer-noch-gern-aus-1214543-p2.html) “Aus dem Bauch heraus handeln kannst du nur, wenn du viel weißt, gut vorbereitet bist und alle Facetten durchgearbeitet hast. Die Mischung aus einem gesicherten Wissen und dem richtigen Gefühl hat es bei mir ausgemacht. Ich bin manchmal in Spielersitzungen gegangen und wußte noch gar nicht, wer am Samstag spielen sollte. Dann habe ich mir die Gesichter angeschaut und gesagt: “Du spielst”, wenn einer mich gerade angeguckt hat, und: “Du spielst nicht”, wenn einer sich verkrochen hat.”

Ruhe in Frieden, Udo!

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4:1! Die Bayern wie unter Erich Ribbeck. Hätte Loddar der Mannschaft gut getan? Vom größten Tiefpunkt seit Samy Kuffours Attentat an Oli Kahn ist die Rede. Gerüchten zufolge zersprang sogar das Glas in Rummenigges Uhren. In allen! Doch Hilfe naht – der Westen hat seine „uneingeschränkte Solidarität“ beteuert und schickt umgehend blau-weiße Bückstücke in die bayrische Landeshauptstadt. Kaum eine andere Gurkentruppe ließ sich dort in den letzten Jahren so oft so dermaßen hart von hinten nehmen wie die Erben Kuzorras. In das bereits völlig überfüllte Gelsenkirchener Lazarett gesellt sich nach dem 1:0-Arbeitssieg gegen Hannover nun auch noch Klaas-Jan Huntelaar, der sich kurz vor Spielende eine schwere Gehirnamputation zuzog. Realistischer Tipp: 9:2. Die „Wölfe“ hingegen strotzen nur so vor Selbstbewusstsein. Trainer Hecking spricht gar von einem Traditionsverein. Der nächste Gegner heißt Eintracht Frankfurt, über die sich soviel voraussagen lässt wie…äh…über Nils Petersen. Ja, was macht der denn?! Schweißt der Junge einen lupenreinen Hattrick beisammen als gäbs bald kein Dreisamstadion mehr. Um diese Urgewalt zu stoppen bleibt Lucien Favre als Endlösung eigentlich nur die Reaktivierung von Joachim Stadler. Apropos Urgewalt. Was ist das eigentlich für ein Fußball, den dieser Raúl Bobadilla da spielt? Ein Körper wie Shrek und ein Laufstil wie Jens Jeremies – der FC Augsburg klopft mit seinem derbsten Sturmpunk völlig verdient an Europas Pforten. Nun geht´s tuff, tuff in den Kohlenpott.

ß

Dort soll Kloppos „Wagenburg“ (kicker) wieder zum Fort Knox des Ruhrgebiets werden: „Wenn ich zu großen Schritten nicht in der Lage bin, muss ich die kleinen machen.” So viel Philosophie und so wenig Punkte. Ein Sieg daheim ist daher trotzdem Pflicht, müssen seine „Jungs“ danach schließlich in die Höhle des Nils Petersen. Aber es geht immer noch schlimmer. Viel schlimmer. In Stuttgart heißt der gefährlichste Stürmer Georg Niedermeier. Nicht. Nie zuvor hat der Kommentatoren-Ausruf „Symptomatisch!“ das unfassbare Leid einer Mannschaft besser umschrieben. Zu steigern ist das nur noch durch einen „Offenbarungseid“, dessen Bedeutung im Fußballlexikon unter H wie HSV näher erläutert wird. Der Begriff „Stümper“ wurde indes entfernt. Die Würde des Heiko Westermann ist unantastbar. Beenden wir den Wahnsinn mit den schönen Toren des Lebens. Pünktlich zur 250. Sendung von „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ legt dieser Teufelskerl di Santo Dinger ins Netz wie früher nur Klaus Fischer. An der Weser scheint es nach duttschen Durchhalteparolen wirklich so etwas wie einen Plan zu geben. Viktor Skribnik schmunzelt jedenfalls. Schmunzelt wie ein Schelm. Und wenn ein Schelm anfängt zu schmunzeln, bedeutet es für die Gegner meist böse Haue. #Terence Hill #Nobody

(2. und 3. Liga steigen dann nächste Woche wieder mit ein, ebenso wie der Rest der Welt)