Zu viel des Schlechten

Ja, in Belfast lief nicht alles glatt und war vor allem in der ersten Halbzeit kein Zuckerschlecken. Doch wie am Tag danach darüber berichtet wurde, ließ einen Rückfall in Ribbeckschen Rumpelfußball vermuten. Sämtliche Titelzeilen konzentrierten sich auf das Wacklige, Ernüchternde und Quälende:

„Ein ernüchternder Sieg“ (ZEIT)
„Ein wackliger deutscher Sieg“ (FAZ)
„Deutschland nach Quäl-Sieg wieder auf EM-Kurs“ (BZ)
„Halstenberg löst die Schockstarre der DFB-Elf“ (DW)
„Deutschland müht sich zum Sieg gegen Nordirland“ (t-online)
„Noch mal davongekommen“ (SZ)
„Nordirland zeigt, wie tiefgreifend Löws Umbruch ist“ (Welt)
„DFB-Team quält sich nach schwacher 1. Halbzeit zum 2:0-Sieg in Nordirland“ (sport90)

Einzig Spiegel Online schaffte es zu der halsbrecherisch gewagten These: „Halstenberg und Gnabry schießen Deutschland an die Tabellenspitze“. Und natürlich darf bei aller Kritik der süffisante Hinweis nicht fehlen, dass man auf ein Land „mit nur 1,9 Millionen Einwohnern“ traf – ein Land „fast so groß wie Thüringen“.

Es ist die gleiche rhetorische Arroganz, mit der sämtliche Länder abseits der „großen Fußballnationen“ immer wieder als „Fußballzwerge“ abgewatscht werden. Und es sind die gleichen Stimmen, die nach dem 3:2-Auftaktsieg gegen die Niederlande „Wir sind wieder wer!“ posaunen. Niemand hat behauptet, dass nach personellen Halbrevolutionen um Hummels, Müller und Co. keine Probleme entstehen würden. Wie holprig so ein Wechsel sein kann, haben Italien und Spanien in Reinform vorgemacht. Wer also erwartet, dass die DFB-Elf über „Länder wie Nordirland“ hinwegsaust, weil „das ja der Anspruch sein sollte“, treibt im gleichen Gewässer aus Überheblichkeit und Anmaßung, in dem auch die DFB-Elf in Russland baden ging.

Zur Erinnerung: Es ist nur eine EM her, als es „Der Weltmeister!“ in der Gruppenphase gegen eben diese Nordiren nur zu einem 1:0 schaffte. Schon da kam es zu keinem 8:0 wie gegen Estland, bei dem noch vor ein paar Wochen in Mainz „die Mannschaft etwas versprühte, was lange vermisst war: Freude am Fußball.“ (Spiegel Online) Das wirklich Ernüchternde nach dem jüngsten Abend in Belfast ist nicht die erste Halbzeit gegen einen sich zerreißenden Gegner, sondern die Berichterstattung über ein Spiel, bei dem ein junges Team „nochmal davon kam“. Es geht nicht um die legitime Kritik an neunzig Minuten Fußball, sondern um einen auf das Schlechte reduzierten Grundton.

Ein Deal mit fatalen Zeichen

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Als Atlético Madrid 1951 Fritz Walter in seine Reihen holen wollte, erhielt der frisch gebackene Deutsche Meister aus Kaiserslautern ein Angebot über zwei Jahre. Schon damals beinhaltetet die Offerte mehr als die kardinalen Pfeiler Ablösesumme und Jahresgehalt. Hinzu wären für Walter diverse Prämien, ein Auto – und mietfreies Wohnen gekommen. Doch Walter blieb mit den legendären Worten am Betzenberg: „Dehäm is dehäm.“

Seitdem ist viel passiert in der schwer überschaubaren Welt der Deals. Auflauf- und Torprämien bekommt inzwischen jeder Oberliga-Kicker, bei den Profis handeln Spielerberater Verträge so dick wie Bibeln aus, Klauseln sind so durchtrieben wie die AGBs deutscher Mobilfunkanbieter. Da kann man den Kopf schütteln, darüber lachen oder es einfach als freie Marktwirtschaft akzeptieren – das Spiel selbst betraf es bislang kaum bis gar nicht. Deals waren eben Deals hinter den Kulissen, das Spiel dauerte weiterhin 90 Minuten und das Runde musste immer noch ins Eckige.

Seit dem Transfer von Vincenzo Grifo von Hoffenheim zurück zum SC Freiburg, gilt das nicht mehr. Für rund sieben Millionen Euro wechselt der Mittelfeldspieler fest ins Dreisamstadion. Der Clou: der Vertrag sieht vor, dass Grifo im kommenden Spiel gegen die TSG nicht auflaufen darf. Es ist also passiert: Spieler A darf nur zu Verein B wechseln, wenn er gegen diesen nicht spielt. Das sind keine rein finanziellen Deals mehr hinter den Kulissen, es geht nicht mehr um mietfreies Wohnen oder einen Sponsorenvertrag, sondern um aggressive Eingriffe in den Spielbetrieb.

Schreiten die Verbände bei solchen Vorstößen nicht ein und lassen den Transfermarkt seines freien Amtes walten, werden Deals wie von Grifo salonfähig. Andernfalls verliert der sportliche Wettbewerb auch noch das so wunderbar naive Elf gegen Elf, an dem sich der gemeine Fan trotz Ausbrüchen des modernen Fußballs immer noch festhalten konnte. Zuschauende könnten sich bei dem Kauf ihrer Eintrittskarte fortan nicht darauf verlassen, dass die besten Spieler ihres Teams auflaufen, sondern bloß die, die dürfen. Der Grifo-Deal setzt nicht nur ein klares Zeichen gegen die auf den Tribünen Stehenden und vor den Fernsehern Sitzenden. Er ist auch schlichtweg Wettbewerbsverzerrung.

(Für die Furche kommentiert: Heiko Rothenpieler)

Utopisches Altona

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Am Körper kleben noch immer die Klamotten aus der Nacht zuvor. Zwei nette Damen in Tickethäuschen aus der Steinzeit, ein bisschen Schnacken, entspannte Ordner, ja wirklich. Keine Schikanen, keine Kameras, keine Securitys aus McFit. Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist. Oder wenn es Holsten 0,5 gibt. Egal, einfach immer weiter, weiter. Sonne, Punkrock, grasbewachsene Stehtreppen auf Staub. Ein bisschen Sommerkick, ein bisschen Gekloppe, viel Hilfloses, wenig Schönes, einfach schön. Und gesunde Anklage: Warum tut man sich das ganz oben überhaupt noch an? Handspiel oder nicht, zehn oder zwanzig Millionen Gehalt, Niersbach ein falscher Zwanziger? Urlaub bei Altona 93 ist Urlaub für’s Gehirn. Und gelebte Utopie.

FCK vs. SVW: Wind aus den Segeln

Ehrlich gesagt schwant uns Böses. Nach langer Zeit trifft Lautern am 01. September wieder auf Waldhof. Die Stimmung ist innerhalb der Fanlager bereits seit drei Wochen am Brodeln, nachdem zwei Figuren der Walter-Elf in Kaiserslautern der Kopf abgeschlagen wurde. Seitdem fühlt es sich an, als bewege man sich in Richtung einer Schlacht.

Wir können darüber nur den Kopf schütteln. Denn die Gefahr, dass am Ende Polizei und Politik mit vergeltenden Ideen zu gern posaunten “Maßnahmen im Sinne der Sicherheit“ um die Ecke kommen, ist hoch. Schon jetzt wurde durchgewunken, dass es am besagten Tag ein Alkoholverbot im Stadion gibt.

Leute, nehmt da ja Wind aus den Segeln. Sonst sitzen Kotzbrocken wie Rainer Wendt bald wieder an öffentlich-rechtlichen Stammtischen und ätzen gegen “sogenannte Fans“. FCK vs. Waldhof – was ist das doch für ein Derby-Klassiker! Macht ihn euch nicht selbst kaputt.

Sätze der Bedeutungslosigkeit #23

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1.) „Er [Nübel] hatte zum Beispiel noch Torwarthandschuhe für die kommende Spielzeit bestellt!“ (Und das sogar ohne Vertrag, POPE’s Goalkeeper Gloves!)
2.) „…wurde beschlossen, Cheftrainer Daniel vorerst zu beurlauben.“ (sucht vorerst Trainer in Teilzeit: Erzgebirge Aue)
3.) „Mit ihrer Identität und Mentalität gehören die Bayern immer zum Favoritenkreis.“ (Bedeutet also für Schwaben, Sami Khedira?)
4.) „Am Ende der Schlacht werden die Toten gezählt.“ (Heribert Bruchhagen, Veteran)
5.) „Ich bin nicht sauer, ich bin normal drauf.“ (Renato Sanches bleibt ruhig: https://www.youtube.com/watch?v=6wdqWFbtwu0)

Die Journalie und der „Paukenschlag!“

PAUKENSCHLAG! Hören oder sehen wir dieses journalistische Monstrum eines Klingelwortes, denken wir sofort an irgendetwas nahe der Apokalypse. Mindestens an einen Transfer von Roman Weidenfeller als Torwarttrainer zum FC Schalke 04. An alles außerhalb unserer Vorstellungskraft eben. Denn das bedeutet er ja schließlich, dieser PAUKENSCHLAG! Er betritt die Mitte des Raumes nicht nur völlig überraschend, nein, nein, er kommt auch so brachial dahergeflogen wie eine Kopfnuss von Jaap Stam.

Genau diesen Cocktail aus Unvorhersehbarkeit und Kraft hatte der hofgeile Haydn wohl im Kopf, als er seine 94. PAUKENSCHLAG-Sinfonie komponierte. Mit so viel Wumms hatte damals am Ende des 18. Jahrhunderts nun wirklich niemand gerechnet, sodass das Werk in England wenig überraschend den Namen „The Surprise“ (Die Überraschung) bekam. Und heute? „PAUKENSCHLAG! Neymar als Kapitän entmachtet“ (sport.de) Für so einen Witz an PAUKENSCHLAG hätte der alte Haydn nicht mal eine Triangel verliehen! Der gepaukte Aufhänger ist so über alle Maßen ausgelutscht und deplatziert wie der vor Egozentrik triefende Twitter-Zusatz „Hier mein Text zu…blabla. Habe mit Gott gesprochen, 90 Minuten Hardcore, echte Gefühle, ich bin der Geilste, glaubt mir [bitte!].“

Wo wir gerade bei unangenehmen Kabinenansprachen zum Thema Hilflosigkeit in Überschriften sind, schlägt es just in diesem Moment in unseren Gehirnen ein: „PAUKENSCHLAG! Eurosport hat seine Rechte an DAZN verkauft!“ (krone.at) Kurz zitterte das Gemüt, als habe Admiral Dönitz wieder zum „Unternehmen PAUKENSCHLAG“ getrommelt. Aber nein, wir haben nicht 1942 und statt Eisernen Kreuzen werden nur ein paar erbärmliche Klicks verteilt. Da sehen wir gerne wie gesättigt ein, dass es sich bei PAUKENSCHLÄGEN in der Titelzeile um keine Volltreffer, sondern um harmlose Leuchtraketen handelt. Weckt uns, wenn Weidenfeller in Gelsenkirchen gesichtet wurde – mit Pauke natürlich.

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Wie der erste Kuss

Jetzt mal eine Nacht drüber geschlafen und gleich mehrere Erkenntnisse bekommen. Union Berlin steht völlig zurecht das erste Mal in der ersten Bundesliga. Was ein Satz. Das erste Mal Bundesliga! Wir wissen alle, wie er war, der erste Kuss. Ort, Zeit, Alter, morgens, nachts, Sommer, Winter, ob Bienen summten oder es bewölkt war, ob es nach Sonnenblumen roch oder nach Kuhmist. Das erste Mal, ob einfach nur schön oder ein Kraftakt mit Nervenzusammenbruch – unvergesslich, unvergleichlich. Wer 180 Minuten so viel Leidenschaft bietet, hat diesen Kuss verdient. Die Alte Försterei wird bei jedem Spiel pickepackevoll und für Gästefans so etwas wie ein wohliger Ausflug zum kleinen Celtic des Ostens sein. Und der sympathische Urs Fischer wird die Pressekonferenzen mit Ehrgeiz und Demut in Streich’scher Manier bereichern.

Das Schönste aber bei dieser ganzen Geschichte ist, dass so etwas im modernen wie perversen Fußballgeschäft überhaupt noch möglich ist. Dass ein Stadion, bei dessen Umbau 2333 Fans ehrenamtlich anpackten von niemandem außer sich selbst repräsentiert wird. Es ist die Romantik dieses Aufstiegs, die Nostalgikern die Erkenntnis schenkt: Ja, es ist immer noch möglich! Und ja, es geht auch ohne Telekom, Gazprom oder Red Bull! Ein einziger, langer, feuchter Kuss mit Zunge.

Der VfB Stuttgart hingegen hat – vor allem im Kreise der eigenen Logen – von Saisonbeginn an in beeindruckender Art einen Weg eingeschlagen, der sich am Ende folgerichtig als Sackgasse offenbarte. Trainer Willig tut einem nach Schlusspfiff ebenso leid wie Christian Gentner, der mit seinem VfB seit 1999 wirklich alles erlebt hat. Das Spiel selbst hat vieles bestätigt, was sich die ganze Spielzeit immer wieder zeigte. Keine herausgespielten Chancen, kein Flügelspiel, keine Dreiecke, nur Holger mit Hoch und Weit. Aogo, Gomez, Esswein, Badstuber, Castro, Zieler – namentlich fühlt sich der Verein irgendwie nach Bundesliga an, doch irgendwie auch nach Ersatzbank ebenda. Deswegen trifft dieses Teamkonstrukt auch weniger Schuld als diejenigen, die es zusammenschusterten. Für die Fans in jeder Hinsicht ein Albtraum. Sie vor allem sehen, dass ein Wiederaufstieg mit Hannover, dem HSV plus drei, vier weiteren Teams kein Selbstläufer wird. Aber hey, das wissen Slomka und Kühne auch. Lebbe geht weida, liebe Cannstätter!

Abseits des Platzes 2018 (1)

Der unsportliche Jahresrückblick: Januar bis April

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JANUAR

  • AfD stellt Strafanzeige gegen Eintracht-Präsident Peter Fischer wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung
  • Nach Kritik an Regierung in Ankara: Deniz Naki auf Autobahn beschossen
  • Englische Jugend-Fußballtrainer Barry Bennell gesteht sexuelle Belästigung von Minderjährigen in sieben Fällen
  • Angeklagter Sergej W. gesteht Tat auf BVB-Bus und bestreitet Tötungsplan
  • WM Affäre 2006: Bin Hammam bestätigt Zahlung von 6,7 Millionen Euro
  • Saudische Frauen erstmals im Stadion – keine freie Platzwahl, nur in Begleitung der Familie, Eingänge streng getrennt
  • Nagelsmann empfiehlt Amiri eine Freundin
  • Nach Schulung auf Mallorca: Videoschiedsrichter sollen nur noch dann einschreiten, wenn Eindeutiges vorliegt
  • Mainzer Balogun und Ujah beim Aufwärmen in Hannover offenbar mit Affenlauten diskriminiert

FEBRUAR

  • Kinds Antrag: Kampf um 50+1 geht weiter
  • Proteste werden lauter: mit Pfeifen und Tennisbällen gegen Montagsspiele
  • Nach 14 Jahren: Qatar Airways löst Lufthansa als Bayern-Sponsor ab und wird Premium-Partner
  • Europa League: Polizist stirbt nach Herzstillstand bei Krawallen in Bilbao
  • UEFA-Entscheid: Kein Videoschiedsrichter in der Champions League
  • „Grenze des Hinnehmbaren überschritten“: BVB-Süd boykottiert Montagsspiele, Spiel gegen Augsburg vor leeren Rängen
  • Antisemitische Hetze nach „Nazis raus aus den Stadien“–Kampagne des SV Babelsberg 03
  • „Global Nations League“: UEFA plant eine neue Mini-WM
  • Polizeikosten im Fußball: DFL muss zahlen, OVG Bremen erklärt Gebührenforderungen für rechtens

MÄRZ

  • Videobeweis wird offiziell in das Regelwerk der Fifa aufgenommen
  • Davide Astori (31), Kapitän des AC Florenz, stirbt nach Herzstillstand in einem Hotel vor der Partie gegen Udine. Astori hinterlässt seine Lebensgefährtin und eine zweijährige Tochter
  • „Zieler, mach‘ es wie Enke!“: Torwart Ron-Robert Zieler vom VfB Stuttgart wird von Teilen der Ultras-Köln attackiert
  • DFB-Präsident Grindels Rundumschlag gegen E-Sport: „Fußball gehört auf den grünen Rasen und hat mit anderen Dingen, die computermäßig sind, nichts zu tun.“
  • Ein Interview schlägt Wellen: Per Mertesacker äußert sich im Spiegel über den immensen Druck als Profi-Fußballer. Vor jedem Spiel habe sein Körper mit Brechreiz und Durchfall reagiert, vor allem die WM 2006 habe ihn sehr belastet
  • Tumulte in Londoner Osten: West Ham-Fans stürmen Spielfeld und belagern die VIP-Lounge der Vereinsinhaber
  • Unbekannte stellen nach 0:6-Pleite in München elf Kreuze am Trainingsgelände des HSV auf
  • Ex-Liverpool-Star und Sky-Experte Jamie Carragher bespuckt Familie. Nach viralem Shitstorm, entschuldigt er sich via Twitter: „Bin völlig aus der Rolle gefallen“
  • Paok Salonikis Clubchef Iwan Savvidis zückt Waffe und rennt auf Spielfeld
  • Nach TV-Rechte-Vergabe wird es so teuer und kompliziert wie noch nie: Sky und DAZN teilen sich Champions League
  • DFL-Klubs haben entschieden: 50+1 bleibt!
  • Staatsanwaltschaft ermittelt: Kinder und Jugendliche von Independiente-Jugendheim Opfer eines Prostitutions-Netzwerkes

APRIL

  • VfL Osnabrück startet Aktion „Gegen Rechts“. Beatrix von Storch teilt daraufhin per Twitter aus. Die Antwort des VfL:  „Wir bewerten Ihre Beleidigung und den Inhalt Ihres Tweets als Kompliment und fühlen uns in unserer Haltung bestätigt.“ Der Club bietet ihr zudem ein Trikot mit der Aktion an – „signiert vom gesamten, multikulturellen Kader des VfL Osnabrück.“
  • Fifa plant Gelbe Karten für Trainer
  • Champions League: vor dem Viertelfinale in Liverpool wird der Mannschaftsbus von Manchester City angegriffen
  • neue WM und neue Turniere: Konsortium mit Tech-Konzern „Softbank“ legt Fifa angeblich Angebot vor
  • Kritik nach Novum: Wegen des Revierderbys werden im Ruhrgebiet mehr als 250 Amateurspiele verlegt
  • In einem Sonderzug, in dem Fußballfans von Borussia M’gladbach aus München zurückfahren, wird eine 19-Jährige auf einem Bord-WC vergewaltigt. Unter Verdacht steht ein 30-jähriger Gladbach-Fan, der bereits wegen Missbrauchs im Gefängnis saß
  • In der CL-Partie zwischen Juve und Real pfeift Schiedsrichter Michael Oliver in letzter Minute einen umstrittenen Elfmeter. Er selbst erhält Morddrohungen, seine Frau Nachrichten auf ihr Handy
  • Video-Wahnsinn in Mainz: Freiburger Spieler werden nach Halbzeitpfiff zurück aus ihrer Kabine geholt
  • Torwart-Titan Oliver Kahn verlangt von Torwarthandschuh-Startup „T1Tan“ Schadenersatz

Sätze der Bedeutungslosigkeit #22

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1.) „Wenn wir 100 Millionen einnehmen, können wir sehr viel ausgeben.“ (Joachim Watzke, Mathematiker)
2.) „Die zündende Idee und das Quäntchen Glück, das wir nicht erzwungen haben.“ (Kunden von Pavel Dotchev kauften auch: „Zuerst hatten wir keine Qualität, dann kam auch noch Pech dazu)
3.) „Die 3. Liga hat, auch mithilfe des DFB, in den vergangenen Jahren aus Vermarktungssicht an Attraktivität gewonnen.“ (Und aus Fansicht, Michael Schwetje?)
4.) „Wir wollten immer eine globale Nations League haben, und wir werden eine solche Idee, die wir der FIFA unterbreitet haben, unterstützen: Die Weltmeisterschaft soll alle zwei Jahre stattfinden.“ (FIFA-Vizepräsident Alejandro Dominguez für mehr FIFA-Anträge von der FIFA an die FIFA)
5.) „Sergio Ramos hat niemals gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen.“ (Real Madrid über Duschen, Föhnen, Ankleiden)

Aus Eisen und Glas

Ein Pfiff, ein Tor, Lebensgefahr

3:41 Uhr. Während in der ARD mit „Deutschlandbilder“ bereits das Nachtprogramm für Untote läuft, geht es in 10000 Kilometer Entfernung um nichts geringeres, als den Einzug ins Finale der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zur europäischen Champions League.

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Grêmio Porto Alegre empfängt die argentinischen Gäste von River Plate. Gut, dass es in Strömen regnet. So können einige der 60000 Gemüter am Rande der Kernschmelze abgekühlt werden. Was Sie hier sehen, meine Damen und Herren, ist das Spielende in Minute 103. – ohne Verlängerung. River Plate drehte das Spiel nach 0:1-Rückstand binnen zehn Minuten in ein 2:1. Wer man jetzt sein möchte: Gonzalo Martínez, Siegtorschütze. Wer man jetzt nicht sein möchte: Andrés Cunha, Schiedsrichter. ‚Meld dich freiwillig, haben sie gesagt. Schiri ist ein guter Job, haben sie gesagt‘ – spätestens, wenn du kurz vor Ladenschluss einen (berechtigten) Handelfmeter gegen das Heimteam gibst, bist du dir nicht mehr ganz sicher mit all dem, was sich da Karriere nennt. Südamerikanische Seelen sind in solchen Situationen bekanntlich etwas weniger reflektiert und nicht gerade bekannt für diplomatische Kühle.

Bressan, Verursacher des Elfers, bekam sich überhaupt nicht mehr ein und balgte sich minutenlang mit einem der Linienrichter. Popcorn-Kino vom Allerfeinsten. Die Bundesliga-Buddys Pedro Geromel (Grêmios Kapitän) und Frankens Fußballgott Javier Pinola unterhielten sich derweil mit all ihrer Erfahrung über die ganz großen Abstiegskampfpartien zwischen FC und FCN. Der Rest flog völlig frei über das Kuckucksnest und pochte auf die Ausgrabung des Kriegsbeils. Kurz gesagt: ein Pfiff, ein Tor, Lebensgefahr. Offizielle informieren Schiedsrichter Cunha noch vor Beginn der 13 Minuten Nachspielzeit darüber, dass zu seinem Schutze bereits das Militär im Anmarsch ist. ‚Cool! Danke!‘, wird sich Cunha wahrscheinlich gedacht haben. Oder einfach nur ‚Fuuuuuck!‘.

Wir haben null Ahnung, wer dieser Andrés Cunha ist. Hoffentlich kommt er gut nach Hause (das hoffentlich noch steht). Typen wie ihm gehört unsere volle Hochachtung. Jetzt erstmal „Deutschlandbilder“ von oben und ein Hagebuttentee. Puh, war das alles aufregend.

hrp

Hopppics: Roda Kerkrade vs. Sparta Rotterdam 1:1

Liga: Erste Division (2. Liga NL)
Date: 19 Oktober 2018, 20Uhr
Spieltag: 10
Tore: 0 – 1 L. Veldwijk (49′), 1 – 1 M. Paulissen (PG, 77′)

7115 Zuschauer. Die Zeiten, in denen Roda JC Kerkrade erste Liga und Europapokal kickte, sind erst einmal vorbei. Das hat natürlich mehrere Gründe. Knapp zehn Jahre ist es her, dass Teile des Vorstands wegen Finanzproblemen eine Fusion mit Erzfeind Fortuna Sittard anstrebten – und dann aus Angst um die eigene Sicherheit von ihren Ämtern zurücktraten. Und sowieso sind manche Gesichter der Fanszene nicht zartbesaitet. Ausgerechnet die vermehren sich, wenn sich befreundete Stadion-Verbotler vom Aachener Tivoli für 25 Minuten in den Bus setzen, um kurzfristig eine neue Heimat zu finden.

Doch der Großteil der Fans sieht natürlich anders aus und machte im Stadion „Parkstad“ (eröffnet 2000), einem gesundem Cocktail aus Modernität und Old School, ordentlich Lärm. Statt Paycards geht man hier mit Jetons wie beim Pokern auf Nahrungssuche – die man auch bequem am Automaten ziehen kann. Problem wie bei jedem Schützenfest ist nur: man kauft für zwanzig Euro ein, hat aber keinen Schimmer, was man dafür einen Bierstand weiter überhaupt erhält. Und, na klar, gilt auch hier das hausgemachte Herrscherkalkül, dass Guthaben und zu zahlende Beträge nicht aufgehen können. Eine Spende unterm Fiskus, gern geschehen. Dafür gibt es verdammt frisches Bier der Marke „Brand“ aus der Pipeline riesiger Bottiche.

Was bleibt sind 17,50€ Eintritt und jede Menge Namen: von Stevens über Waterreus bis van Hoogdalem und Advocaat. Roda Kerkrade sollte schleunigst den Weg zurück ins Oberhaus suchen – auch ohne Donis Avdijaj.

Ihr wackeren Ritter!

Sätze der Bedeutungslosigkeit #21

1. „Wenn man gewinnt, das habe ich als Sportler immer festgestellt, gibt es auch irgendjemanden, der verliert.“ (Philipp Lahm, Didaktiker)
2. „Es sind drei Punkte, die einem entglitten sind, und die können am Ende entscheidend sein.“ (Marcelo, Mathematiker)
3. „Wenn man zwei Spiele in drei Tagen verliert, ist das zwar doof, aber normal.“ (Stefan Krämer, Grotifant)
4. „Wenn beide [Außenbahnspieler] fünf Tore schießen im Lauf einer Saison, hast du zehn mehr, das kann viele Punkte bringen.“ (Julian Nagelsmann, Visionär)
5. „Ich kann schon nachvollziehen, was die Fans fordern. Aber sie müssen doch auch wissen, dass die Proteste nichts bringen werden.“ (Friedhelm Funkel, RWE-Vorstand)

 

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Endlich singt er mit!

Hopppics: Zenit St. Petersburg – Arsenal Tula 1:0

Furchen-Korrespondent Julian Hennemann legte einen Hopp in Putins Nest hin. Sein Fazit: Ein Stadion wie ein gestrandetes Raumschiff aus einer fernen Galaxy. Die acht gen Himmel schauenden Kriegszacken verraten es: irgendetwas Böses, gazpromische Klingonen vielleicht. Denn: statt Alkohol nur Heineken 0,0%, sezierende Kameraaugen like Orwells „1984“. Im Innern eine Einkaufspassage, wo sich das Volk mit Wraps, Burgern und Hot Dogs mästen darf. Polizei, Security und etwas Militär achten darauf, dass u.a. folgende Gegenstände verboten sind: Messer, Pistolen, Tränengas, Spritzen, Taser, Dynamitstangen und – Regenschirme (Todesstrafe). Dekadenz an jeder Wand und Decke spürbar, kaum ein Quadratmeter, der nicht mit Rolltreppen oder Lift anfahrbar ist. Alles derart modern, dass einige Betonwände und Pfeiler den Puristikern unter den Fans die künstlerische Freiheit gewährleisten, nur die Hälfte des Spielfeldes oder nur ein Tor zu sehen. (siehe Fotos)

Ansonsten das Übliche: 800 Millionen Euro Baukosten, Korruption, Berichte über nordkoreanische Sklavenarbeiter, Standard also. Achso, und wer bei der häuslichen Metro-Station Novokrestovskaya einen direkten Einstieg ins Stadion vermutet: weil man den ganzen Apparat von dort aus noch umrunden muss, warten auf die armen Waden noch 1,4 km Fußweg. Bei schlechtem Wetter also den Regenschirm nicht vergessen!

Hopppics: Hibernian FC vs. Kilmarnock FC 3:2

Scottish Premiership, 15.09, 5. Spieltag, Easter Road, 17662 Zuschauer (Kapazität: 20.250), Eröffnung 1893. Liegt im Hafenviertel Leith und damit im Osten der Stadt, wo auch die Handlung von „Trainspotting“ spielt – aus ersichtlichen Gründen.

Hibernian Football Club wurde 1875 von der katholischen Kirche Saint Patrick’s gegründet, holte vier Mal den Meistertitel und pflegt wegen der Europapokalspiele 1955/56 eine Fan-Freundschaft mit Rot-Weiss Essen. Fun Fact: „Hibernian“ ist das lateinische Wort für Irland. Wegen der irischen Einwanderer-Wurzeln diente der Verein unter anderem als Vorbild für Dundee Hibernian (heute Dundee United) und Celtic Glasgow, die sich bei ihrer Gründung fast Glasgow Hibernian genannt hätten. Kein Fun Fact: 2,50£ für einen „Scotch-Pie“.

 

Pass in die Gasse #133

Sätze der Bedeutungslosigkeit #20

Urlaub vorbei, Furche wieder dabei. Nach WM, Tour de France, Wimbledon, Leichtathletik-EM, gebrochenen Füßen und Punk Rock Holiday kehrt dann doch wieder Alltag ein: am Betze brodelt es weiter, FC und HSV im Irgendwo, ManCity und Bayern schon jetzt zu stark, Wechselgerüchte um Draxler. Alles beim Alten also. Um den Rest kümmern wir uns. Zum Aufschlag daher ein paar SÄTZE DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT.

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1. „Wir sind noch früh in der Saison.“ (Dominick Drexler, Wahrsager)
2. „Haben in die Zukunft investiert, nicht in die Breite.“ (Fredi Bobic, Bauaufsicht)
3. „Man weiß nie, was passiert (…) Aber zurzeit gehe ich davon aus, dass sich die Wege trennen.“ (Szenen einer Ehe: Christian Titz und Filip Kostic)
4. „Bestechung, Veruntreuung und Manipulation von Fußballspielen oder Wettbewerben dürfen nach Ablauf von zehn Jahren nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.“ (Die neue Nr.1 der Fifa-Charts)
5. „Wir waren klar die bessere Mannschaft. Wir hatten mehr Ballbesitz und einige gute Möglichkeiten. Wir konnten dies aber nicht ausnutzen, um zum Erfolg zu kommen.“ (Full of Classics: Moritz Stoppelkamp)

WM 2018: Stagnation des Kreativen

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„Wie man in Frankreich so sagt – eine Renaissance“ frohlockte Béla Réthy. Das war die WM wahrlich nicht. Aus fußballerischer Sicht hat das Turnier die Stagnation des Kreativen bestätigt, die schon bei der EM 2016 nur schwer zu ertragen war. Werbung für das „Spiel“ Fußball fand nur selten statt, Partien zwischen Belgien und Japan blieben die Ausnahme, Dramaturgie und Spannung fingen viel auf, was eigentlich die Off-Taste verdient gehabt hätte.

Das Finale hat dann noch einmal jenen Fußball bestätigt, der von Beginn an aufstieß und von chronischer Theatralik begleitet wurde. Schauspielerei und Arroganz mag man an Neymar festgemacht haben, wurden aber ebenso bei vielen anderen Darstellern mehr zu Tugend als Mittel zum Zweck. Das nervt nicht bloß in einer Spielsituation, sondern holt auch jene Zuschauer aus ihren Löchern, die sich den Fußball „von früher“ herbeisehnen. Schwalben wie die von Griezmann führen dann leider dazu, dass die Glückwünsche an diese großartige Fußballnation Frankreich eher bescheiden ausfallen.

„So ist Fußball“ heißt es dann gerne. „Die waren halt cleverer“ wird gerne hinzugefügt. Was zu diesen Mätzchen eigentlich gesagt werden sollte, fasste Béla Réthy in einem seiner wenigen Glücksmomente zusammen, als er Matuidis Gänsemarsch bei dessen Auswechslung als „peinlich“ kommentierte. Mit welcher Art Fußball ein Team Weltmeister wird, steht natürlich nicht zur Debatte. Was Rehhagels Griechen 2004 in Portugal bis zu ihrem Titel in Sachen Fußball anboten, tat den Augen auch nicht gerade gut. Fairplay musste deshalb trotzdem nicht an vierter oder fünfter Stelle stehen.

Der Videobeweis hat neue Freunde gefunden, aber auch Kritiker bestätigt. Mitverantwortlich ist dafür die weiterhin katastrophale Auslegung von Handspielen. Urs Meier manifestierte: „Entscheidend ist zuallererst, ob die Hand zum Ball geht oder der Ball zur Hand.“ Wie es nach dieser Auslegung bei Perišić‘ Handspiel zu einer „klaren Entscheidung“ kommen kann, ist rätselhaft und vor allem – entscheidend. Warum Pogbas mögliche Abseitsposition beim 1:0 nicht hinterfragt wird, obwohl er in die Situation aktiv eingreift und Mandžukić von hinten schiebt, ist ebenfalls nicht nachvollziehen. Die Liste positiver wie negativer Videobeweis-Auslegungen bleibt konstant lang. Fest steht nur, dass die Verantwortlichen der Bundesliga ihre Kladde nun voll mit Notizen haben müssten, was im Ligabetrieb besser laufen sollte. Und überhaupt deutscher Fußball: ach, egal.

Kommt alle gut raus aus der WM. Wir müssen Montag schließlich alle arbeiten.

Eine Frage des Respekts

Wenn selbst ein gestandener Innenverteidiger das letzte überzeugende Spiel der Nationalmannschaft auf Herbst 2017 datiert, dann sagt das mehr aus, als Spieler-Noten aus drei Vorrunden-Partien zusammen. Dass Mats Hummels dies kurz nach Spielende eines vorangegangenen Offenbarungseides auf sachlich-nüchterne Weise und nicht in leidenschaftlicher Janusz-Gora-Manier vermittelte, zeugte davon, dass soeben keine überraschende Schande passiert, sondern das Ende eines schleichenden Prozesses zu sehen war.

Die Masse an Kritik, die auf das DFB-Team niederprasselte, war aufgrund des kollektiven Versagens in nahezu allen spielerischen wie mentalen Bereichen hingegen weniger überraschend und zudem berechtigt. Die Tonart aber, die von teils bekannten Einzelpersonen, einigen Medien und auf sozialen Plattformen angeschlagen wird, zeigt auf schauerliche Weise den gasförmigen Aggregatzustand keiner zivilen, sondern empathielosen Diskussionskultur. Darauf verwies auch Oliver Kahn, als er nach den schwachen Leistungen der Nationalelf im ZDF klarstellte: „Kritik sollte sich niemals gegen den Menschen richten.“

Genau das aber ist vor und während der WM auf einem Level geschehen, das in der Nachkriegseschichte des deutschen Fußballs seinesgleichen sucht. Dabei gab es genug sportliche Täler in Marianengraben-Tiefe, was im Zeitalter hilfloser Rumpelfüßler ab 1998 seinen Höhepunkt fand. Die damalige Kritik bezog sich jedoch primär auf den neandertalischen Libero-Fußball aus der Stube Erich Ribbecks oder den jahrelangen Winterschlaf in puncto Jugendarbeit. Carsten Ramelow und Co. wurden indes nie auf ihre nationale Identität geprüft, sondern schlimmstenfalls ob ihrer zeitweiligen Kreisklasse belächelt.

Gegen Davor Sûker und später dann Sergio Conceição sah Fußball-Deutschland ein: das eigene Personal hatte schlichtweg nicht mehr drauf. Und unrühmliche Vorfälle wurden zwar scharf kritisiert, führten aber nicht zu öffentlichen Diffamierungen oder gar Bedrohungen. Man stelle sich einmal vor, nicht Lukas Podolski hätte Michael Ballack 2009 während eines Länderspiels geohrfeigt, sondern Ilkay Gündogan. Man stelle sich einmal vor, nicht Stefan Effenberg hätte den eigenen Fans bei der WM in den USA den Mittelfinger gezeigt, sondern Mesut Özil. Ein Land am Rande des Nervenzusammenbruchs wäre das.

Die Verkommenheit, nämlich nicht auf sportliche Leistungen, sondern auf die Würde von Individuen zu zielen, ist längst nicht mehr nur bei hirnverbrannten Sauerkrautlern auszumachen. Umso mehr heißt es gerade jetzt den Mund gegen persönliche Attacken aufzumachen – auf der Arbeit, im Verein, auf der Straße, in Kommentaren, Leserbriefen oder via Flaschenpost darf diese abartige Masche keine Salonfähigkeit erfahren. Warum das so wichtig ist, zeigt eben nicht nur die haarsträubende Debatte um Özil und Gündogan.

Auch Joachim Löw wird nach dem WM-Aus in einer Form angegangen, die maßlos daneben ist. Ralf Mittmann titelt im Südkurier „Jogi Löw lebt im Gestern.“ Werner Kohlhoffs Leitartikel in der Saarbrücker Zeitung weiß via Titelzeile „was Angela Merkel besser gemacht hat als Löw“. Der General-Anzeiger hat Löw auf frischer Tat bei seiner „Flucht in den Urlaub“ ertappt. Was auf Facebook und Co. derweil passiert, bleibt hier aus FSK- und IQ-Gründen unerwähnt. Und als ob die tägliche Bild-Hetze nicht schon genug ist, schießt die FAZ den Vogel komplett ab, spricht Löw direkt mitsamt Kader an und verkündet, Zeuge einer „öffentlichen Leichenschau“ gewesen zu sein. Das meint das Blatt natürlich nicht selbst, sondern übersetzt nur das, was public viewing im amerikanischen Englisch tatsächlich bedeutet. Der totale Wahnsinn.

Joachim Löw wurde auch von unserer Feder in der Vergangenheit wie auch jetzt kritisiert. Jahrelange Platzhirsch-Hierarchie, fehlendes Leistungsprinzip oder verspätete Spielerwechsel standen dabei fortlaufend im Fokus. Der Erfolg gab Löw jedoch über Jahre recht. Der Weltmeister-Titel trug vor allem seine taktische Handschrift, die Bilanz von 108 Siegen in 165 Spielen ist zweifellos eine herausragende und macht ihn zu einen der ganz Großen seiner Gattung. Kritisiert werden darf und sollte trotzdem, so funktioniert Sport im Allgemeinen eben auch, doch macht bekanntlich der Ton die Musik – darin ist Löw übrigens ebenfalls vorbildhaft, indem er durchweg eine gesunde Mischung aus Ernsthaftigkeit und Lockerheit findet.

Kritik sollte sich niemals gegen den Menschen richten, sagt Kahn. Ein richtiger und wichtiger Satz, der zu Besonnenheit und Respekt aufruft und an erster Stelle stehen sollte.

Sampaoli raus!1!11!!!

HOLA, PERROS CACHONDOS!

Wenn Argentinien gleich achtkantig aus der Vorrunde fliegt, lege ich mir, der große Fernando Furche, der nicht-nominierte Stürmerstar aus Córdoba, ein zweites Kilo Angus auf den Grill und lasse es mir gut geh’n. Leid tut mir nur mein Kumpel Paulo Dybala, einer der geilsten Kicker überhaupt und überragender Mann bei Juventus, der jetzt plötzlich die Kohlen aus dem Feuer holen soll. Ja Leute, der Gute schoss in 33 Ligaspielen 22 Tore und hat trotzdem bei diesem tätowierten Pseudo-Mini-me nie die Chance auf einen Stammplatz erhalten. Weil er anscheinend nicht ins System passt! „Es wird für Dybala schwierig sein, sich an unseren Stil zu gewöhnen“, hatte Sampaoli vor seiner endgültigen Nominierung für die WM posaunt. Welchen Stil meint dieser hilflose Seitenlinienkokser? Messi anspielen und sonst niemand? Freistöße für Messi rausschinden? Pff! Hätte Sampaoli das zu mir, dem großen Fernando Furche gesagt, wäre ich in Russland jeden Abend auf Partymeilen verschwunden und zwar so richtig. Mein Stil!

Dwamena-World-Cup-2018-Argentina-Sampaoli

Und überhaupt: dass ich schon nicht mit nach Russland durfte ist sicher ein Skandal, aber hey – Mauro Icardi? Meine Frau fragte mich jetzt, ob Sampaoli überhaupt einen Fernseher hat. Jedes Kind saß hier letzte Saison vor der Glotze, wenn Inter spielte. Inter! Da macht einer 29 Buden, holt sich die Torjägerkanone und darf nicht einmal mit zur WM fahren! Sampaoli, der ist ja wahnsinnig, komm schaff‘ den weg! Neulich noch mit meinem alten Buddy Hernan Crespo geplaudert. Der meinte: „Auf mich wirkt das so, dass Icardi keiner von Messis Freunden ist. Die Albiceleste besteht aus einem magischen Zirkel. Und da Icardi nicht zu diesem elitären Zirkel gehört, wird er auch nicht mit zur WM fahren.“

Leute, Leute, ich werd‘ nicht mehr. Wie kann ich den nur zu Hause lassen?! Man kann doch gar nicht zu viele Stürmer haben! Schaut euch zum Beispiel Deutschland an. Die würden sich über Icardi gerade mehr freuen als damals über Sean Dundee! Notfalls läuft man halt wie früher im 2-3-5-System auf, auch Schottische Furche genannt: Agüero – Higuain – Pavon – Icardi – Dybala. Bei dem Sturm würde sogar ich mich, der große Fernando Furche, brav und ohne Knurren auf die Bank fläzen. Sampaoli raus!1!11!!!

Saludos aus Córdoba,

Euer Fernando

Buffon im Tor, Duce im Wohnzimmer

Kramer gegen Kramer

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„Also Müller erstmal raus, also nicht, weil er schlecht gespielt hat.“ 

Es ist doch recht schleierhaft, warum ein noch aktiver Bundesligaspieler als WM-Experte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftritt. Allein dieser aktive Status führt unweigerlich dazu, dass eigentlich notwendige Kritik zu Taktik oder Leistung nicht ausgesprochen wird, ja gar nicht werden kann. Denn so platt es klingt: dafür sind Experten da. Es geht darum, per Analyse offensichtliche wie weniger offensichtliche Probleme und Stärken sichtbar zu machen. In welcher Qualität dies geschieht oder nicht, ist sicher ein anderes Thema.

Christoph Kramer war bis vor Kurzem noch im Kader der Nationalelf. Mit 27 Jahren kann sich das mit einer guten Saison bei Borussia Mönchengladbach durchaus wiederholen. Da ist es nur logisch, dass Kramer nach dem Abpfiff des ersten Gruppenspiels weniger die katastrophale deutsche Leistung, sondern vielmehr die starke mexikanische in den Vordergrund stellte. An Kritik im Detail ist folglich erst recht nicht zu denken.
Natürlich geht es nicht um die Person Christoph Kramer, wenn auch das Stillschweigen von Seiten Borussia Mönchengladbachs zu dieser TV-Rolle doch sehr überrascht. Es geht um die Frage, warum das ZDF so eine Lösung präferiert – und damit um die Qualität kritischer Berichterstattung. Geht es möglicherweise eben darum, sich gar nicht allzu kritisch äußern zu wollen? Es gibt ausreichend personelle Alternativen, die nicht mehr im „Geschäft“ sind und diesen Posten sachlich wie kritisch besetzen könnten – und nicht Mario Basler heißen. Dann käme es auch mit Oliver Kahn zu einem Dialog auf Augenhöhe und somit zu einer Konstellation, die im englischen Fernsehen zum Beispiel seit Jahren Gang und Gäbe ist, wo Lineker, Shearer, Ferdinand, Carragher und Co. eine Art Debattierclub halten. Eine adäquate Form der Diskussion also, die bei dieser WM im deutschen Fernsehen nicht stattfindet.

Kommentare gelöscht, weil…

Kommentare zu löschen gehört sicher nicht zu unseren liebsten Hobbys. Doch kommt es bei bestimmten Debatten (wie der um Baslers „toten Frosch“) zu Ausrufen, denen wir dann doch das Licht „ausknipsen“ (Marek Mintál). Natürlich können wir nicht so derart transparent daherkommen wie der DFB, doch möchten wir versuchen die Zensur von Kommentaren so zu handhaben, dass Artikel 5 des GG hier weiterhin und uneingeschränkt gilt.

Screenshot_01 Özil-Post

Unsere Begründungen zum Löschen von Kommentar

a) Das Osmanische Reich existierte nur bis 1922, lieber Steven Hübner. Wahrscheinlich (hoffentlich) ist auch Ihnen schon einmal beim Aufschlagen des Diercke Weltatlas in der Grundschule aufgefallen, dass die Metropole am Bosporus nicht mehr Konstantinopel, sondern inzwischen Istanbul heißt. Wenn Sie also der Meinung sind, dass wir Bock auf einen herrschenden Sultan haben, müssen wir Sie aus Aktualitätsgründen leider enttäuschen. Vielmehr dünkt uns, dass Sie dem Begriff „Reich“ vielleicht näherstehen als wir. Bei diesem Vorhaben wünschen wir Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Mit sportlichen Grüßen, Die Schottische Furche

b) Lieber Daniel Herbers, die Liebe zum Fußball fällt uns seither nicht mehr schwer, als wir das erste Mal Harry Koch am Elfmeterpunkt bestaunen durften. Da war der Drops sozusagen gelutscht. Solche Momente sollten Sie als Fan des SV Meppen ja bestens kennen, sodass Sie den Vorwurf der nicht vorhandenen Liebe zum Fußball doch sicher auch als persönliche Beleidigung empfinden würden. Zum Abschluss noch eine Frage unter „Deutschen Jungs“, wie es auf Ihrem Profilbild in altdeutscher Schrift zu lesen ist: Meinen Sie mit Ihrem anderen Schriftzug „Kategorie C“ jetzt die Naziband oder die Nazigruppe, der Sie angehören?

Über eine Antwort in Kommentar-Form würden wir uns sehr freuen, Die Schottische Furche

c) Lieber Tom Grieser, der Anilingus stellt eine orale Sexualpraktik dar, bei welcher der Anus, meist inklusive Dammregion, mit Lippen und Zunge stimuliert wird, und kann sowohl oberflächlich als auch durch Penetration des Anus mit der Zunge erfolgen. Die Analregion ist mit zahlreichen Nervenenden besetzt und gehört zu den erogenen Zonen vieler Menschen. Noch nie probiert? Da tun Sie uns leid. Ist der Wahnsinn!

Beste Grüße, die Sexperten der Schottischen Furche

Unsäglich und unerträglich

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Wir haben beschlossen die WM selbst nicht weiter zu kommentieren, da von unserer Seite aus über einen langen Zeitraum zu den Turnieren in Russland und Katar ausreichend Meinung geäußert wurde.
Womit wir aber kaum rechnen konnten ist, dass sich die wirkliche Grausamkeit dieser Weltmeisterschaft weniger in politischen Feldern, sondern in der Berichterstattung deutscher Medien ausdrückt. Allein das Thema Özil wird in einer derart ekelhaften wie inkompetenten Weise geführt, die man vor vier Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Die Tatsache, dass man einem Mann wie Mario Basler für seine unsäglichen Kommentare immer wieder das Mikrofon hinhält, offenbart die Erbärmlichkeit und die Gier nach Dreizeilern deutscher Medien im Allgemeinen.
Dass so ein Mann, von dessen dreißig Länderspielen nur eines Pflichtspielcharakter besaß (30 Minuten bei der WM 1994 gegen Bolivien), einem Weltmeister und 91-fachen Nationalspieler (23 Tore, 40 Torvorlagen) die Körperhaltung eines „toten Frosches“ bescheinigt und obendrein vorwirft in Brasilien „nichts zum WM-Titel beigetragen“ zu haben, ist schlichtweg ein Skandal. Wenn eines Deutschland gerade nicht braucht, dann sind das Stammtisch-Proleten wie Mario Basler. Es ist unerträglich zu sehen, wie solche (nämlich unverdienten) Ex-Nationalspieler den Mob gegen das eigene Team ohne auch nur einen Hauch von Respekt aufwiegeln. Wer sich auf solchen Mist auch noch alkoholgeschwängert zuprostet, hat weder Fußball, noch die WM verdient.

Populistische Doppelmoralisten

Der Aufschrei ist groß: Ilkay Gündogan und Mesut Özil posieren an der Seite von Recep Erdogan. Das ist für manch selbsternannten Demokratieverfechter zu viel. Die Pfeile deutscher Parteien ließen nicht lange auf sich warten und prasseln dabei mit einer populistischen Homogenität auf Özil und Gündogan ein, die nicht bloß beschämend ist, sondern auch viel über den peinlichen Zustand politischer Diskussionskultur in Deutschland aussagt.
AfD-Vize Alice Weidel hetzt, dass Özil und Gündoğan „am besten gleich ihr Glück in der türkischen Nationalmannschaft suchen“ sollten – eine Partei, die im Fall Deniz Yücel noch mit Erdogan paktierte, ist also plötzlich schwer empört. FDP-Politiker Oliver Luksic verlangt gar den Rücktritt beider Spieler, während Wolfgang Bosbach von der CDU beide daran erinnert, dass nicht Erdogan, sondern Steinmeier ihr Präsident sei. Den Adler aber schießt DFB-Präsident Reinhard Grindel ab, der harsch kritisierte, dass der DFB für Werte stünde, die „von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden“. Jener DFB, der in Chinas U20 gegen deutsche Regionalligisten „eine prima Sache“ sah und sich beim Thema Menschenrechte in Katar und Russland in Hinterzimmern versteckt, statt Alarm zu schlagen.
Erdoğans Wahlkampfmethoden sind zu Recht zu kritisieren, doch darf dabei nicht die Meinungsfreiheit eigener Staatsbürger attackiert werden. Das sollte auch für Spieler der Nationalelf gelten – auch und vor allem dann, wenn sie einmal nicht in Imagevideos des DFB auftreten.

Betreff: Fortuna-Fahne in der Euro League

Wir möchten uns an dieser Stelle kurz zu einem Beitrag äußern, den wir während des Champions-League-Spiels Arsenal gegen Atlético auf Facebook veröffentlichten und nach Spielschluss wieder löschten. Dieser Beitrag zeigte ein Bild, auf dem im Fanblock der Colchoneros eine Fahne von Fortuna Düsseldorf zu sehen war. Kurz nach Spielende bekamen wir einige Nachrichten von euch, welche uns sehr sachlich auf die Zusammenhänge diverser Fan-Gruppierungen beider Clubs aufmerksam machten. Vordergründig betraf dies das freundschaftliche Verhältnis zwischen den „Bushwhackers“ aus Düsseldorf und „Frente Atlético“ – beide bekannt für ihre neonazistische Haltung. Vor allem Letztere rückten 2014 in die Öffentlichkeit, als Frente-Mitglieder wegen der Ermordung eines linken Ultra-Fans von Deportivo La Coruña verurteilt wurden. Die Solidarisierung der „Bushwhackers“ ließ damals nicht lange auf sich warten: Im Fortuna-Block hingen sie eine Banner auf, welches die Freilassung ihrer madrilenischen „Kameraden“ forderte – nur eine von zahlreichen Aktionen.

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Wir möchten an dieser Stelle vor allem denjenigen danken, die aufmerksam solche Strömungen wahrnehmen und uns diese dann auch mitteilen. Auch wir können nur auf unser inneres Archiv zurückgreifen, wo in der hintersten Ecke vielleicht der Name des nordkoreanischen Spielers wartet, der bei der WM 1966 den Siegtreffer gegen Italien erzielte. Oder was sich genau im Fußballkrieg zwischen zwischen Honduras und El Salvador im Jahr 1969 abspielte. Ja, das wissen wir. Doch alles können wir nicht wissen – zum Beispiel sämtliche Koexistenzen rechter Volldeppen weltweit. Daher – uns eingeschlossen – nicht alle Bilder auf der Couch mit 0,5 Liter durchwinken, sondern sie weitsichtig wie besonnen hinterfragen. Nazis raus aus den Stadien – so und nicht anders.

Eure Furche

 

Hopppics: SF Lotte vs. Chemnitzer FC 3:1

3. Liga, 24.03.18, 14 Uhr, 31. Spieltag, Frimo Stadion: 2312 Zuschauer (Kapazität: 10.059 Plätze)

Acker, Autobahn, Acker, auch nette Leute. Unbedingt vorher bei Heidi’s Bratpfanne vorbeischauen. Ordentlich gezapftes Veltins, astreine Currywurst Pommes, top aufgelegte Besitzerin mit der nötigen Lockerheit für Fußballfans. Ein Spiel wie ein SAW-Teil mit Kellergespenst. Gästefans nach Fehlentscheidungen komplett durchgedreht, erst nah am Platzssturm, dann weit vom Klassenerhalt. Highlight Stadionsprecher: „Liebe Leute, es ist doch nur ein Spiel!“ Noch besser war nur sein Einstieg vor der Partie: „Unsere Mannschaft spielt dann gegen den TuS Erndtebrück im Fauxpas-Halbfinale des Westfalenpokals“. Nur so Dinger. Weitermachen.

„Leute, wie kaputt kann man eigentlich sein?“

Hopppics: Slavia Prag vs. Sigma Olmütz

Hopppics: Olympia Prag vs. FK Trinec 0:0

Hopppics: Dukla Prag vs. Vysonica Jihlava 1:3

Vom Grenzgänger zur Statue

Italiens Torwart-Legende Gianluigi Buffon wird 40 Jahre alt

Als 1997 ein junger Lulatsch mit schwarzen, gegelten Haaren plötzlich das Tor der stolzen italienischen Fußballnation hüten sollte, trauten viele Menschen vor den TV-Geräten ihren Augen nicht. Warum nur trug dieser schmächtige Kerl kurze Hose und kurzes Trikot? Abgesehen davon, dass Torwarte seit über hundert Jahren lange Kleider trugen, fand das Spiel obendrein Ende Oktober statt – in Moskau. Auf dem russischen Rübenacker mit einem Hauch von Schneelawine lief die 33. Spielminute, als Italiens etatmäßiger Torwart Gianluca Pagliuca schmerzverzerrt vom Platz hinkte. Für ihn kam: Gianluigi Buffon. Erst zwanzig Jahre später sollte „Gigi“ diesen Platz wieder räumen – als einer der Größten in der Geschichte des Fußballs.

Zwischen Jahrhunderttalent und Tölpel

Dabei hatte Buffon in seinen Anfangsjahren als Profi besonders abseits des Platzes Startschwierigkeiten, was vor allem an den Versuchen einer prolligen Außendarstellung zu beobachten war. Bei „Gigi“ ging dieser Versuch jedoch ordentlich daneben, als er darauf pochte, die Trikotnummer 88 auf seinem Rücken zu tragen. „Weil sie vier Eier hat“, wie er damals meinte. Und die bräuchte man schließlich im Fußball. Dass die 88 als rechtsradikales Schlüsselsymbol gilt und für „Heil Hitler“ steht, wusste er nach eigener Aussage nicht und setzte dem ganzen Skandal noch eine Krone auf: „Das können doch echt nur Nazis wissen!“ 2001 musste Buffon 6300 Euro zahlen, weil er sich in Parma mit einem gefälschten Abiturzeugnis zum Jura-Studium eingeschrieben hatte. So war der junge Gigi, irgendwo zwischen Jahrhunderttalent und Tölpel.

Doch im Gegensatz zu anderen Skandalnudeln der Branche überragte sein sportliches Können alles und Juventus Turin ließ sich diese Qualität im gleichen Jahr 53 Millionen Euro kosten. Zum Vergleich: Zehn Jahre später überwies Bayern München 30 Millionen Euro für Manuel Neuer an Schalke 04. Bis heute wurde nie wieder eine höhere Summe für einen Torwart bezahlt, als die für Buffon. Nach 220 Spielen für den AC Parma, sollten bis heute 638 für Juventus folgen, die ihm alle nur erdenklichen Gewinne und Preise einbrachten. Fünf Mal wurde er zum Welttorhüter gekürt, vier nationale Pokalsiege und acht italienische Meistertitel reihen sich neben dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2006 ein. Nur den „Henkelpott“ der Champions League konnte er trotz dreimaliger Finalteilnahme nie in seinen Händen halten. Doch es waren nicht bloß Titel, die Buffon zur heutigen Galionsfigur aufstiegen ließen, sondern immer auch seine Gesten des Anstands.

In kurzer Hose auf weißem Marmor

Besonders in Augenblicken des Sieges verkörpert Buffon stets den professionellen Sportsmann par excellence. Immer fair und respektvoll gegenüber dem Gegner, Selbstkritik gepaart mit Optimismus, ehrgeizig und doch realistisch: neben den Erfolgen werden sich Fußballfans weltweit eben an diese Eigenschaften seiner Karriere erinnern. Daran, wie das italienische Publikum beim entscheidenden Qualifikationsspiel während der schwedischen Hymne zum gellenden Pfeifkonzert ausholte und Buffon sich gestikulierend und demonstrativ klatschend dagegenstellte. Daran, wie er Juventus nach dem Manipulationsskandal 2006 die Treue hielt und den schweren Weg des Zwangsabstiegs in Liga zwei mitging. Daran, wie er nach über 170 Länderspielen und verpasster WM-Qualifikation auf dem Spielfeld Wasserfälle weinte wie ein trauriger Junge. Und an den vierfachen Vater, der das Familienleben aus der an Boulevardblättern nicht armen italienischen Presselandschaft heraushielt.

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Mit nun vierzig Jahren neigt sich Buffons sportliche Karriere dem Ende, bei Juventus verfolgt er die Spiele vermehrt von der Ersatzbank aus. Eine Karriere, die als pubertärer Grenzgänger begann und als bedeutende Persönlichkeit des Sports enden wird. Für eine Statue sollte es jedenfalls reichen. Schließlich erblickte Buffon in Carrara, der Stadt des berühmten weißen Marmors, aus dem Michelangelo einst seinen David erschuf, das Licht der Welt. Keine schlechten Voraussetzungen für ewiges Dasein – natürlich in kurzer Hose und kurzem Trikot.

Heiko Rothenpieler

 

Rekordausländer, der

Wortart: Substantiv, maskulin

RECHTSCHREIBUNG
Worttrennung: Re|kord|aus|län|der

BEDEUTUNG
Rekordangehöriger eines fremden Staates; rekordausländischer Staatsangehöriger oder staatenloser Franzose, ausländischer als andere Ausländer

SYNONYME ZU REKORDAUSLÄNDER UND REKORDAUSAUSLÄNDERIN
Einwanderer, Einwanderin, Fremder, Ribery, Fremde, Immigrant, Immigrantin, Salihamidžić, Zuwanderer, Zuwanderin; (veraltend, meist dichterisch) Fremdling, Linksaußen

HERKUNFT: fränkisch, Nürnberg, kicker

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