Von Körpern und Kuchen

Wenn Cristiano Ronaldo zum Torjubel ansetzt, sind wir nicht Zeugen willkürlicher Performance. Ronaldo schießt nämlich sehr oft Tore, ein Umstand, der systematische Selbstinszenierung erst ermöglicht. Mit Ronaldo begann Fußball eine Bühne für Narzissten zu werden, für Muskeln, Schmuck, Piercings, weiße Unterwäsche und noch weißere Zähne. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz meint: „Körperkult spielt im Narzissmus eine große Rolle. Viele verlagern ihr inneres Problem auf Äußerlichkeiten. Sie betonen ihren Körper durch Training, Diäten, Kleidung oder Kosmetik“. Fans bejubeln daher nicht nur das Tor von Ronaldo, sondern in diesem Moment auch dessen Körper(kult). Der Code ist simple: Nach dem Tor läuft er zu den Fans und zeigt mit beiden Zeigefingern (nur) auf sich und seine Brust. Seht her: Dieser Körper kann das.
Zeitwechsel. Am heutigen 12. April würde der englische Kult-Keeper William Henry Foulke 143 Jahre alt. Foulke, genannt „Fatty“, steht mit 165 Kilogramm als schwergewichtigster Fußballer im Guinness-Buch der Rekorde. Als ihn gegnerische Fans einmal mit „Who ate all the pies?“ („Wer hat den ganzen Kuchen aufgegessen?“) höhnisch besangen, antwortete „Fatty“ mit Humor: „Mir egal, wie sie mich rufen. Hauptsache, sie rufen mich nicht zu spät zum Lunch!“
Selbst in Deutschlands Amateurkabinen werden Kilos belächelt. Nur metallische Körper schießen eben Tore wie Ronaldo, Pfunde helfen nicht, also sind sie unerwünscht. Da ist es kein Wunder, dass sich insbesondere jüngere Kicker neuerdings gerne als „Maschinen“ bezeichnen, was sich im Fußballjargon seit einigen Jahren als Unwort testosterongesteuerter Halbstarker etabliert hat. Ein Mann wie Foulke wäre im gegenwärtigen Ronaldo-Zeitalter voll McFit’scher Hirntodgymnastik wohl maximal Zeugwart geworden. Damals aber war „Fatty“ englischer Nationalspieler – und kein Narzisst. Der Kuchen steht bereit. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

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Töröööööö!

Das Leben als Grotifant ist so schon keines auf der Sonnenseite des Fußballs. Wenn dann auch noch ein Spieler beim Spielstand vom 2:1 vom Platz fliegt, dein Team in der 89. Minute einen Elfmeter verschießt und es in der Nachspielzeit sogar noch im eigenen Gehäuse einschlägt, dann ist’s auch mal gut mit Benjaminschen Blümchen!

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(Symbolbilder by Reviersport. Hier geht´s zur kompletten Bilderstrecke: http://www.reviersport.de/gallery/show-6373-p0.html)

 

Peter Hubchev, Fußballgott!

Wo doch gerade die Jungs von Petar Hubchev den Meeresspiegel um drei Meter anheben, fällt unser Blick noch einmal auf eine HSV-Mannschaft für die Ewigkeit. Eben mit Hubchev und Letschkow (oben links), fast schönen TV-Spielffilm-Trikots und… Magath, Möhlmann, Bäron, Stein, Golz, Breitenreiter, Albertz, Zarate (!), Ivanauskas, Kostner, Spörl, Fischer, Andersen…und natürlich Rieger. Was eine Truppe! Irgendwo zwischen Champions League und hundert Jahren Knast.

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11mm bis Jerusalem

Zwischen dem 30. März und 03. April findet in Berlin wieder das 11mm – Fussballfilmfestival statt. Den wichtigsten dokumentarischen Beitrag leistet der Film „Forever Pure“ von Maya Zinshtein über Beitar Jerusalem. Ein jüdischer Traditionsverein, dessen Ultras „La Familia“ Banner mit „Tod den Arabern“ hochhalten. Was dann passiert, als das erste Mal in der Clubgeschichte zwei Muslime verpflichtet werden, zeigt schon der Teaser in mächtigen Bildern.

Aufführung: Samstag, 01.04.17, 17:45Uhr

Trailer 11mm 2017: https://vimeo.com/208485613

Das Hooligan-Konkordat

„Bei den Eingängen zu den Fansektoren sollen Gesichtsaufnahmen der Fans gemacht werden, um fehlbare Zuschauer besser identifizieren zu können. Es geht dabei nicht um Portrait-Aufnahmen, sondern um Aufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln.“ Als die Anzahl anreisender Hooligans zur EM 2008 in der Schweiz nicht einzuschätzen war, führte man ad hoc das sogenannte „Hooligan-Konkordat“ ein, das wegen seiner Verfassungswidrigkeit nur bis 2009 gelten durfte. Eigentlich. Wegen „zunehmender Gewalt“ ohne wissenschaftlichen Beleg wurde das Konkordat plötzlich „überarbeit“, 23 von 26 Kantone nickten ab. Unsere Leseempfehlung geht raus an die Kollegen des Transparent Magazins und ihrer aktuellen, 20. Ausgabe.

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Gegen Rassismus, für Poesie

Es kann kein Zufall sein, dass der „Internationale Tag gegen Rassismus“ und der „Welttag der Poesie“ auf ein Datum fallen.

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(„Niemandsland“ von Ralf Marczinczik wurde von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur zum besten Fußball-Comic des Jahres 2013 augezeichnet.)

Eine Frage, Loriot!

Worin lagen damals noch gleich die Unterschiede zwischen dem ehrenhaften Turnen und der rüpelhaften Fußlümmelei?

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(aus: Früher waren mehr Tore. Hinterhältige Fußballgeschichten von Dürrenmatt, Loriot, Hornby, Camus u.v.m. Diogenes Verlag 2008.)

Der DFB wie eh und je

Interviewanfrage verweigert, die geschilderten Sachverhalte kennt man nicht, Nachfragen unerwünscht: Der DFB zeigt sich vor dem Spiel gegen Aserbaidschan mal wieder von seiner transparentesten Seite. Mitten in die Bewerbungsphase der EM 2024 passen solche Themen Grindel und Co. so rein gar nicht.

Via WDR inside: http://bit.ly/2mIojlh

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Juve und die Mafia

„Den Brief an die Staatsanwaltschaft musste Agnelli schreiben, weil der direkte Ansprechpartner des Mafiosi bei Juve sein Jugendfreund war: Alessandro d’Angelo. Der wuchs als Sohn des Chauffeurs von Agnelli im Industriellenhaushalt auf und ist jetzt Sicherheitsbeauftragter von Juventus.“ Unsere heutige Leseempfehlung geht raus an Tom Mustroph, der sich mit vielen Namen, Verstrickungen und alten Geschichten befasst, welche die Gegenwart berühren. Kurz: Juve und die Mafia Part zwei: http://wck.me/119u

Wimbledon vs. Dons!

Wem die Champions League heute Abend einfach zu Mainstream ist, sollte seinen Kühlschrank schnell mit ein paar Ales füllen und schonmal den Livestream für die dritte englische Liga heraussuchen. Heute um 20:45Uhr kommt es zum Kulturkampf zwischen dem AFC Wimbledon und Milton Keynes Dons. Stellt euch vor, euer Verein geht insolvent, wird aufgekauft, ändert den Namen und zieht an einen 130km entfernten Ort. Und ihr? Ihr bleibt, gründet mit ein paar anderen einen eigenen Verein und steht nach sechs Aufstiegen in vierzehn Jahren plötzlich in der Tabelle vor dem Erzfeind. Im Oktober 2016 war es soweit: http://www.11freunde.de/artikel/der-afc-wimbledon-steht-erstmals-vor-den-mk-dons

Theaterstück über „Juller“ Hirsch

Zwei Mal deutscher Meister, Olympiateilnehmer, erster „Star“ im deutschen Fußball, Soldat im Ersten Weltkrieg, dann nach Ausschwitz deportiert und getötet. Dem Leben von Julius „Juller“ Hirsch widmet sich nun das Theater der Jungen Welt Leipzig. Premiere ist am 8. April, zehn weitere Bundesligastädte folgen: http://www.mdr.de/mediathek/mdr-videos/a/video-84424.html

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Sätze der Bedeutungslosigkeit #19

1. „Der Kopf ist auch mit entscheidend.“ (Nicht wirklich, Alexander Nouri?)
2. „Selbst wenn ich gehe, wird Arsenal nicht jedes einzelne Spiel gewinnen.“ (Und wenn sie bleiben, Herr Wenger?)
3. „Die kommen zwar sehr vom Läuferischen her und sind bisher eine der Mannschaften, die am meisten gelaufen ist.“ (Tony ‚Forrest‘ Jantschke über RB)
4. „Barack Obama ist natürlich herzlich willkommen. Er soll früh Bescheid sagen, damit wir Sicherheitsvorkehrungen treffen können.“ (Torsten Frings, Botschafter)
5. „Generell ist es so, dass der Privatjet früher die Regel war– heute sind Privatjets die Ausnahme.“ (…welche ja die Regel bestätigt, liebe Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura)

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„Fußballerisches Plankton“

Nick Hornbys ‚Fever Pitch‘ erzählt von einem Mann, der als Fan von Arsenal schwere Zeiten durchlebt, weil das Team ein Spiel nach dem anderen verliert. Welch maßlose Dekadenz, so meinen wir, betrachten wir das Fan-Dasein von Harry, denn:

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(aus: Der Trost der Dinge von Daniel Miller. Suhrkamp Verlag 2010)

 

Auswärts ist man asozial

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(random Szenebild; extrem dramatisch)

Auswärtsfahrten leicht gemacht! Die Fans des FC Schalke 04 sind in Saloniki absolutely welcome, vor allem nach dem letzten Aufeinandertreffen in Gelsenkirchen 2013. Da reist man gerne, nimmt gerne den Papa und die Mama mit, da freut man sich auf Souvlaki in der Innenstadt, ein wenig Schlendern hier, ein paar Fotos vom Hafen dort. Alles überhaupt kein Problem, nur sollte man „angesichts der speziellen Situation vor Ort“ ein paar klitzkleine Regeln beachten:

– Das Ticketkontingent im Gästebereich ist restlos vergriffen und die Karten wurden personalisiert – es wird vor Ort also keine Chance für Schalker geben, noch an Karten zu kommen.
– Bei Einzelbestellern wurde der Name nicht vom Auswärtskartenteam auf dem Ticket eingetragen, diese müssen dies selbst erledigen, da die Daten bereits nach Griechenland übermittelt wurden.
– Am Spieltag hat die griechische Polizei den „Platz am Weißen Turm“ am Rand der Altstadt als Treffpunkt für Schalke-Fans vorgeschrieben und kann nur dort einen sicheren Aufenthalt garantieren. In der Nachbarschaft des Platzes gibt es einige Verpflegungs-Möglichkeiten, die genutzt werden können. Von dort startet der ebenfalls vorgeschriebene Busshuttle zum Stadion – vom Versuch, auf eigene Faust zum Stadion zu gelangen, wird dringendst abgeraten!
– Der Start des Busshuttles ist für 18.30 Uhr geplant, es sollen immer fünf Busse pro Konvoi zum Stadion fahren – mit Wartezeiten zwischen den einzelnen Konvois ist also zu rechnen.
– Vorm Einstieg in die Busse ist eine Kontrolle durch die Polizei angekündigt, bei der Ausweis und Ticketnummer abgeglichen werden.
– Es dürfen keine Getränke mit in den Bus genommen werden, in den Bussen wird es kein WC geben. Die Fahrtzeit und Routenwahl der Busse ist abhängig von den Regelungen der griechischen Polizei, es können bis zu 45 Minuten Fahrtzeit werden.
– Es ist angekündigt, dass die Busse nach der Ankunft am Stadion einzeln und nacheinander entladen werden und dann zum Weißen Turm zurückfahren.
– Am Eingang erfolgt zunächst eine erneute Kontrolle von Ticket und Ausweis durch Ordner und Polizei, der Zugang erfolgt durch eine kleine Tür und dann vier Drehkreuze.
– Es gibt zwar eine Abgabestelle für Taschen oder Rucksäcke, diese ist aber fragwürdig.
– Im Block werden Polizei und Ordner anwesend sein, die untersten Stufen werden deshalb freigelassen werden müssen. Zaunfahnen sind als einziges Tifo-Material erlaubt und dürfen am Zaun aufgehängt werden. Hiervon wird allerdings abgeraten, da für die Sicherheit der Fahnen nicht garantiert werden kann.
– Die Polizei entscheidet über die Länge der Blocksperre, diese wird mindestens eine Stunde dauern.
– Im Anschluss daran erfolgt der Shuttle zurück zum Weißen Turm, wo man sich nach Möglichkeit Taxen organisieren sollte.
– Grundsätzlich sollten S04-Fans in Thessaloniki defensiv und zurückhaltend auftreten.
– Es empfiehlt sich daher, am besten in der Stadt auf jegliche S04-Fanartikel zu verzichten und nicht als größere Gruppe aufzutreten.
– Für eventuell auftretende Probleme ist deutsche Polizei vor Ort, zudem besteht Kontakt zur deutschen Botschaft und zu Anwälten.

Jetzt (fest) zuschlagen!!1!

Internationale 18Uhr-Spiele sind unter Fans besonders beliebt. So beliebt, dass sich zwischen Mainz 05 und dem französischen Kult-Verein St. Etienne 20.000 Seelen ins Stadion schleppen und der FC Schalke 04 seine Tickets so verhökert wie der VfL Wolfsburg seine „Wölfi-Schals“. Der Moment, in dem die einst so moderne Arena keine Attraktion mehr darstellt, die Fans beim Anstoß noch auf der Arbeit hocken und ein gewieftes Klub-Mitarbeiterlein auf die Idee schlechthin kommt. Das Ende des Fußballs ist nicht bloß, es ist auch noch peinlich.

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Der Untergang

Wir sind Flüchtlinge. Wir flüchten vor dem, was sich anmaßt Fußball zu sein. Wir flüchten vor dem, was jährlich neue Rekordumsätze vermeldet. Wir sind Flüchtlinge, und schon lange fragen wir uns, wie alles angefangen hat, wie es dazu kommen konnte, dass unsere Väter, die uns einst in die Kurve schleppten, nur noch abwinken. Was tun wir jetzt, wo uns die eigenen Vereine hintergehen, sie mit Kalkül unsere Wünsche ignorieren, Umsätze dem Sport vorziehen? Was tun wir jetzt, wo wir uns nun am Samstagmorgen fragen, warum wir uns das noch antun, uns ernsthafte Sinnfragen stellen? Sind Sky und DAZN nicht doch die bessere Variante, weil die Stadien wieder leerer würden und vor lauter Touristen in Stille ersaufen könnten? Wann lacht der letzte Verband über den Slogan „Football without fans is nothing“? Wann gestehen sich endlich alle ein, dass es nicht um Fußball geht, dass alles Fake ist, so wie beim Basket- oder Baseball, wo Familienväter in Werbepausen zu tanzenden Affen mutieren und sich junge Paare in „Kiss-Cams“ durch fettige Donut-Öffnungen lecken? Wir sind Flüchtlinge, und wir sterben, und vielleicht wissen das Groundhopper schon sehr lange, vielleicht sind sie gar keine Sammler oder exotische Einzelgänger, vielleicht wollten sie es nie sein, vielleicht lagen wir immer falsch. Vielleicht haben sie das Ende des Fußballs schon sehr lange kommen sehen und versuchen in Wahrheit nur, die letzten Stadien, die Bastionen letzter Fankultur, vor ihrem arenischen Niedergang zu besuchen, wie Tiere, die den Untergang der Welt in Monden lesen.

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Wir flüchten nach Teneriffa, in zweite, in vierte Ligen, und wir weinen tausend Tränen. Keine Polizisten, keine Security, mit verschlossenem Rucksack gleiten wir an den netten Damen der Kartenkontrolle vorbei, schmuggeln Dosenbiere, trinken sie in letzter Reihe, stehend. Ein Stadion inmitten seiner Stadt, seiner Menschen, nicht irgendwo da draußen in der Nähe von IKEA, nicht weg vom Leben. Ein Stadion wie ein Schrebergarten, zehn Meter bis zum nächsten Nachbar, zum nächsten Kiosk, zum 1,50€-Bier. Tausend Tränen, wir erinnern uns, wie es einmal war, daran, wie Fußball einmal war, irgendwas kommt uns bekannt vor. Ohne Nike, Red Bull und Gazprom, ohne Viagogo und Sky. Erinnern uns plötzlich daran, als wir noch über diesen Typen namens Reinhold Beckmann in Arsch-frisst-Hose-Jeans und Hawaii-Hemd lachten, der uns plötzlich die Bundesliga auf Sat1 präsentierte. Cool fanden wir die Super-Zeitlupe, grandios „ranissimo“ am Sonntag. An diese Zeit, wo die Flucht begann, ohne es zu wissen, in offene Messer, in sporttote Orte. Wir waren Idioten, naive Verliebte, wir hätten es kommen sehen müssen, hätten schon damals wissen müssen, dass man uns verkauft hat. Wir sind Flüchtlinge, und die Boote sind voll uns.

Hopppics: CD Vera vs. Arucas CF 1:3

Tercera Divisiòn, Spanien (4. Liga), 24. Spieltag, 05.02.2017, 12Uhr

 

Nur ein Speerwurf vom Tor entfernt

Nach 112 Jahren wechselte West Ham United vom altehrwürdigen Upton Park in das umgebaute London Stadium, in dem 2012 die Olympischen Spiele stattfanden. Für viele Fans gleicht das immer noch einer Katastrophe und beschwört einen Kulturkampf zwischen Tradition und Moderne herauf. Gastautor Marian Thiel war vor Ort und machte sich selbst ein Bild.

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West Ham United vs. Burnley FC, 1:0
14.12.2016
London Stadium
Zuschauer: 56.990

Ein kleiner, dicklicher Junge spielt in den frühen 2000er Jahren mit seinem Bruder FIFA ’98. Er scrollt durch die Liste der Premier League-Vereine und entscheidet sich aufgrund seines positiven Verhältnisses zu Schinken für einen Club namens West Ham United. Trotz oder genau wegen dieses banalen Grundes bleibt der Junge dem Arbeiterverein aus dem Osten Londons über Jahre hinweg freundlich gesinnt.

Im voranschreitenden Alter schaute er sich dann auch mehrere Spiele im Upton Park, der legendären, inzwischen ehemaligen Spielstätte der „Hammers“, an. Schon der Weg zum Stadion verriet ihm, dass er hier nicht auf dem Weg zur Stamford Bridge oder zum Craven Cottage war (Fulham ist eine wirklich schöne Gegend). Nein, er war auf dem Weg zum Upton Park, hier marschiert man vorbei an tristen Reihenhäusern, schmierigen Fast Food Läden und Halal Metzgereien. Genau so hatte es sich der Junge vorgestellt. Er war so entzückt wie Snorre von Wickies starken Wikingern.

Shopping Center und moderne Appartements

Nach knapp zwei Jahren in London hatte mein Stadiontourismus in letzter Zeit doch ein wenig nachgelassen, auch West Ham hatte ich im neuen Stadion noch nicht erleben dürfen. Daher war ich umso glücklicher, als mir meine Burnley-Connection Will mitteilte, dass er für zwei Spiele seiner geliebten „Clarets“ ins ferne London aufbrechen würde. Da eines der Spiele gegen meine „Hammers“ ging, war ein Treffen vorprogrammiert.

Dezember 2016: Ich treffe mich mit Will auf ein fixes Pint in der Innenstadt, bevor es mit der Tube in Richtung Stratford zur neuen Heimat von West Ham geht. Anstelle von Pubs und Reihenhäusern, gibt es hier das Westfield Shopping Center und allerlei moderne Appartements zu bestaunen. Es ist nicht leicht, diese ersten Eindrücke auf dem Weg zum Stadion zu verdauen. Nach zwanzig Minuten entlang von Bauzäunen und anderweitigen Absperrungen, verliere ich nicht nur die Lust auf das neue Stadion, sondern sogar meinen doch eigentlich unstillbaren Hunger auf den obligatorischen Stadion-Pie.

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Einmal auf der Tribüne angekommen, wird es leider nicht besser. Es ist offensichtlich, dass das London Stadium in seinem Fundament wahrlich nicht als Fußballstadion erbaut wurde. Ober- und Unterrang sind durch große, ungenutze Flächen voneinander getrennt, was hinsichtlich der Stimmung Schlimmes befürchten lässt. Besonders die Gesamtgröße der neuen Heimstätte erscheint riesig. Während man im Upton Park die Eckfahne bespucken konnte, sind die Haupttribünen im London Stadium dank der vormaligen Laufbahnkrümmung einen Speerwurf vom Geschehen entfernt. Ich selber stehe hinter einem der Tore und bin schockiert darüber, wie weit das Tor gegenüber entfernt ist.

Zu wenig Teleskope, zu viel Anzeigetafel

„Besser zurücklehnen und das Spiel genießen“, denke ich. Doch ein paar gestolperte Minuten später wird klar, dass von Genuss heute keine Rede sein kann, weshalb ich zum Spiel auch nicht zu viele Worte verlieren möchte. West Ham spielbestimmend, aber lust- und ideenlos. Burnley robust und mit limitierten Mitteln, aber mit mehr Herz. Spannende Szenen sind Mangelware. Symptomatisch fällt das einzige Tor pe Strafstoß. Ich kann aber bis heute nicht sagen, ob es Foul-, Hand- oder weiß Gott was für ein Elfmeter war, da ich leider mein Teleskop zu Hause vergessen hatte. Wenigstens konnte ich bei jeder Spielunterbrechung die bunten Farben der riesigen Anzeigetafeln bewundern, die von Heineken-Bier bis zu maßgeschneiderten Anzügen ein lückenloses Repertoire anpriesen.

Die Stimmung im Stadion will ich natürlich nicht vergessen: Es gab keine. Während die überschaubare Anhängerschaft wenigstens ab und an noch Schunkel-Klassiker wie „We are the Bastards in claret and blue“ intonierten, kam vom Rest des Stadions wirklich gar nichts. Ich musste an ein Spiel in der vierten Liga denken, wo ich in Accrincton von 2.000 Zuschauern mehr auf die Ohren bekam.

Endlose Spaziergänge in charakterloser Landschaft 

So bin ich fast erleichtert, als das Spektakel nach 90 Minuten endet. Mein Abend im London Stadium war aber noch lange nicht zu Ende. Mein Dank gilt an dieser Stelle den Organisatoren im Queen Elizabeth Olympic Park: Der sich ewig hinziehende Rückweg gibt jedem Fan reichlich Zeit zur Reflexion und Verarbeitung des gerade Erlebten. Zum Beispiel kann man darüber nachdenken, wie heile doch die Welt der „Hammers“ in FIFA 98 war.

Alles in allem bleibt der Besuch als ziemlich schmerzhaftes Erlebnis in Erinnerung. Der Club mit all seinen Ecken und Kanten, der mich über Jahre so sehr verzückt hatte, existiert nicht mehr. Seinem angestammten Viertel entrissen, in ein Leichtathletik-Stadion verfrachtet, platziert er nun in einer charakterlosen Landschaft aus Einkaufsmeile und modernen (vermutlich unbezahlbaren) Wohnblocks. Da kann ich fast nachvollziehen, dass keiner mehr Bock auf Singen hat.

Marian Thiel

–> Wenn auch ihr von euren Hopps berichten wollt, lasst es uns wissen. Schreibt uns einfach via Facebook oder per Mail an: schottischefurche@yahoo.de

Coming Hopps: Italy

Furche stellt sich wieder einmal den bilateralen Beziehungen. Unsere COMING HOPPS:

Date: 24.02.17, 19Uhr
Ground: Stadio Mario Rigamonti, 27.547 Plätze
Match: Brescia Calcio vs. AS Citadella
Liga: Serie B

Date: 25.02.17, 15Uhr
Ground: Stadio Silvio Piola, 17.875 Plätze
Match: Novara Calcio vs. Spezia Calcio

Liga: Serie B
Date: 26.02.17, 15Uhr
Ground: Stadio San Siro, 80.018 Plätze
Match: Inter Mailand vs. AS Rom
Liga: Serie A

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Football Bloody Hell

91. Minute, 2:1 Bayern. Lewandowski bum bum – von wegen, ein klasse Tor! Nicht unbedingt die Ballannahme, sondern der zweite Kontakt ohne Kontakt zum Boden, in Rückenlage. Aber liebe Freiburger, hach. Nachdem Tom Bartels kaum eine Minute ausgelassen hat, um auf eure nicht vorhandenen finanziellen Mittel hinzuweisen und dass „es in den nächsten Jahren noch viel schwerer “ für euch wird, habt ihr 90 Minuten leidenschaftlich gekämpft und so rein gar nichts falsch gemacht.
Szene des Spiels: Ganz klar die vergebene Chance von Arjen Robben, der den Ball aus sieben Metern auf den rechten Schlappen bekommt, aber in Kreisliga-Manier mit links drunterhält. Respekt! In unteren Klassen heißt es bei solch einer „symptomatischen“ Situation mit Schmunzeln und etwas Kopfschütteln vom Rentnertum: „Naja, es reicht halt nicht.“

Darauf einen Ahlenfelder!

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