Hopp done: Atlas Delmenhorst vs. St. Pauli II 3:2

LIGA: Regionalliga Nord, 26.08.2022, 6. Spieltag
GROUND: Stadion an der Düsternortstraße, 1205 Zuschauer
EINTRITT: 10€ (Steh- und Sitzplatz)
BIER: Haake Beck, 0,3l/3€
BESONDERE VORKOMMNISSE: Ordner faltet Rucksack auf DIN-A4-Größe: „Jetzt darfste!“

Neun Minuten brauchte die Bahn von Bremen nach Delmenhorst. Ebenso schnell war man beschwipst, ließ man bei Ankunft das Bier links liegen und startete erstmal mit Bacardi Cola und Gin Tonic. Letzterer war so stark, dass der DJ gar nicht so viel 90er Jahre Bravo Hits für die gute Laune hätte spielen müssen.

Ansonsten ganz viel gemischtes Publikum, wie sich das bei einem Traditionsverein gehört. Die Kids der eigenen Jugendteams huschten ebenso im Rund umher wie die zahlreichen Rollatoren der Rentner. Zu den 1205 Zuschauenden gesellte sich auch etwas braune Soße aus dem sogenannten „H-Block“, der mit Gesängen wie „Fußball ist ein Männersport“ zu ekeln wusste.

Das tat aber der Atmosphäre nicht weh, abseits dessen war alles herzlich und nett aufgelegt. Ein Ground alter Tage eben, wo für Regionalliga-Verhältnisse richtig was los ist und sich Securitys noch Zeit für einen Small Talk nehmen. Und hey, wovon träumen wir in der Nacht, wenn nicht von einer Holztribüne mit einer Briese Taubenschiss!? Darauf ein Gin Tonic mit wenig Eis, bitte!

Mit dir fing alles an

Haben jetzt mal „Die Figo-Affäre“ auf Netflix geschaut. Die Hoffnung, kein Hochglanz-Porträt mit Drohnenflügen über Anwesen und Superzeitlupen zu sehen („Kroos“, „Schweinsteiger“), wurde nicht zerstört. Mehr noch: Wer glaubt, nur ein Retro-Dokument für Nostalgiker präsentiert zu bekommen, wird eines Besseren belehrt.

Die Doku schafft den Transfer zwischen den Anfängen Florentino Pérez‘ und dessen heutigen Super-League-Ambitionen. „Luis, mit dir fing alles an“, ist ein wichtiger Satz in den 100 Minuten, die durchaus aus weniger hätten sein können. Figo ist dabei das Instrument, um die Verhältnisse in Spanien wieder gerade zu rücken. Die eigentlichen Protagonisten sind in ihrem Streben nach Macht Egomanen, lügen und hintergehen. Und inmitten dieser auch medialen Schlacht reißen die alten Fragen nach Identität auf. In Madrid handeln sie wie die Schergen Francos, in Barcelona basteln sie hochemotional an neuen Helden der Unabhängigkeit. Dabei rückt auch Pep Guardiola als bester Freund Figos in ein interessantes Licht.

In Summe lohnt sich der Klick also, weil die Doku vom gängigen Schema des Porträts Abstand nimmt und stattdessen Systeme offenlegt, die den heutigen Transferwahn gleich miterklären.

Hopp done: Fortuna Sittard vs. SC Cambuur 1:4

LIGA: Eredivisie, 20.08.2022, 3. Spieltag
GROUND: Fortuna-Sittard-Stadion, 8357 Zuschauer
SITZPLATZ: 14€
BIER: BRAND, 5€/0,5l
BESONDERE VORKOMMNISSE: Ordner schaffen betrunkenen Ordner weg

Ein Stadion so schön in Brache gebaut wie es Mainz nicht hätte besser machen können. 45 Minuten dauerte die Busfahrt von Geilenkirchen, ehe ein Fußweg entlang der Gleise zu diesem weiteren architektonischen Meisterwerk niederländischer Stadionbaukunst führte. Seit fünf Jahren ist Fortuna Sittard zurück in der Eredivisie. Da ließ sich Besitzer Acun Ilıcalı (ihm gehört auch Hull City) nicht zwei Mal bitten, und kaufte Burak „The Lion of Turkey“ Yılmaz. Ob der Bulle in der Box den Grün-Gelben helfen wird, sei einmal dahingestellt, kann der 37-Jährige nämlich kaum noch einen Sprint anziehen. Doch zack, schepperte es auch schon im Tor der Friesen aus Leeuwarden: Tor von Yılmaz (10.) Was wissen wir schon!?


Die Freude über die Führung roch man schnell in den letzten Reihen der Tribüne. Ordentlich Bubatz machte sich breit, was einen Rentner mit seiner Gemahlin der Marke „Lions Club“ völlig ausrasten ließ. Die drei Jungs mit insgesamt zwanzig Zähnen beantworten dies ein paar Minuten später mit einer Friedenspfeife. Generell liefen im „Fortuna-Sittard-Stadion“ irgendwie ziemlich viele Verrückte rum. Einer trug nur eine Boxershort, ein anderer nahm mit sechs (!) Frikandeln, je mit Brötchen, Platz und verspeiste sie alle binnen 15 Minuten, ehe er sich ebenfalls mit Bubatz beschäftigte. Und dann war da noch ein Ordner, der so einen im Tee hatte, dass er von zwei anderen Ordnern abgeführt werden musste. Dem allgemeinen Rund bescherte das den letzten Lacher des Tages: am Ende hieß es 1:4. Cambuur ein starker Gegner, der vor allem im Aufbau überzeugen konnte. Kein Angriff ohne Idee, kaum ein Ball, der nicht die Außen fand. Und Sittard? Drei Spiele, null Punkte, Mund abwischen, Bubatz rein. Bis zum nächsten Mal!

Hopp done: MVV Maastricht vs. ADO Den Haag 3:1

LIGA: Keuken Kampioen Divisie, 2. Liga NL, 19.08.2022, 3. Spieltag
GROUND: Stadion De Geusselt, 4098 Zuschauer
SITZPLATZ: 15€
BESONDERE VORKOMMNISSE: Kollege für Halbzeit eins aus Versehen nicht drei, sondern sechs Mal 0,5l angekarrt.

Maastricht, du wunderschöne Stadt an der Maas! Und diese Namen: André Rieu, Tom Dumoulin und natürlich Boudewijn Zenden! Und dann Freitagabend, zweite Liga, Flutlicht, Frietjes met Andalousesaus – was will man mehr!? Doch zack, haute direkt ein dicker Minuspunkt in die Wertung: Stand auf der Homepage, dass an Spieltagen „alle Kassen eine Stunde vor Spielbeginn geöffnet sind“, sah man sich vor Ort eines Schlechteren belehrt. In der gesamtem Peripherie konnten keine Tickets gekauft werden, weder hatte eine Kasse geöffnet, noch konnte ein Fanshop helfen. Nur Ordner mit der Laune von Disco-Türstehern, die sagten: „Registration, one person, one ticket“. Dank je wel!

30 Minuten vor Anpfiff musste also jeder von uns hastig einen eigenen MVV-Account anlegen und ausschließlich für sich allein eine Karte kaufen. Achso, und bitte nur mit VISA oder Mastercard. Mit schlecht gezapftem Bier ohne Kohlensäure der Marke Brand für 5,50€ Maurerklasse ging es dann endlich auf die Tribüne des Stadion (Business Park) De Geusselt.

Typisches NL-Stadion halt: Man weiß nicht so recht, ob man gerade am Eingang einer Mall steht. McDonald’s, Fitnesscenter, China-Restaurant und Wohnkomplex in einem, Kunstrasen rundet das plastische Unwohlsein ab. Soll sich noch mal jemand in Deutschland über moderne Stadien aufregen! Für die Wiedergutmachung sorgten zum einen 4.098 Zuschauende, die durchgehend Bambule machten und zum anderen ein technisch sehr feines Fußballspiel mit teils offenen Visieren. Aber was soll man sagen!? Nicht alles ist Bombonera – und Hoppen mit Kumpels immer ein duftes Erlebnis. Bedankt!

2. Liga: Prognosen zu Prognosen

Kickoff am Betze. Lautern empfängt Hannover. Glaubt man den Vorberichten, zieht der Sieger bereits mit sechs Punkten weg. Das passiert aber nicht, weil Computer Bild 1:1 getippt hat. Glaubt man den Vorberichten, beginnt heute übrigens nicht mehr die beste, sondern „härteste Liga aller Zeiten“.

Und überhaupt Vorberichte: demnach ist der HSV wegen fehlender Präsenz anderer Raptoren so unter Druck wie seit Díaz in Karlsruhe nicht mehr. Wenn nicht jetzt, wenn daaaaaaargh und so Müll, und der Glubb steigt auf (11 Freunde), während H96 den Sprung ins Oberhaus verpasst – das sagen zumindest 51% einer kicker-Umfrage. Terodde prognostiziert derweil Armina und Fortuna hinter dem HSV. Darmstadt wird laut sport.de-Umfrage übrigens mit einer Wahrscheinlichkeit von 8% Meister. Für den Abstieg bietet Tipico mit Quoten zwischen 2,30 und 2,70 Regensburg, BTSV und KSC an. Masaya Okugawa prostet man als Torschützenkönig mit einer 60,0 zu.

Völlig klar: der Himmel über Kiel

Wichtig ist auch zu wissen, dass Alois Schwartz in Sandhausens elfter Zweitligasaison „Demut“ fordert (Zeit Online) und Christian Titz mit seinen Magdeburgern das instabile Projekt „Restraumverteidgung“ angehen will (sportschau.de).Bei all den Unsicherheiten tut Stabilität gut. So wissen wir Dank der Leserschaft von HLSports zumindest sicher, wo Holstein Kiel vor der Rückrunde landen wird (siehe Grafik).

Ein Schlückchen Sekt vielleicht?

Es gab ja schon immer Dispute zwischen Fragestellenden und Spielenden, das ist nichts Neues. Das Mertesacker-Interview zum Beispiel steht dafür stellvertretend. Aber, und darin liegt der feine Unterschied, rutscht Toni Kroos ins Persönliche ab: „Du hattest 90 Min…“ ist sinngemäß nichts anderes als: Du machst dein Job nicht richtig, ich bin gerade CL-Sieger geworden, also lass mich in Ruhe. So ist es nicht verwunderlich, dass Kroos für seine Reaktion nicht nur gefeiert, sondern auch kritisiert wird: weil er in diesem Moment über den Dingen steht.

Und so eine Reaktion ist ja nie ohne Kontext zu sehen. Da ist der perfekte Fußballer, das „Hirn“ eines Spiels, wie in spanische Zeitungen gerne nennen, der immer abwägende, rationale Vollprofi. Da ist aber eben auch der oft zitierte „Familienmensch“, dem Privatheit heilig ist, der aber eine Doku über sich und eben diese Privatheit drehen lässt und nach Abpfiff gegen Liverpool die Familie ins Rampenlicht stellt. An Punkten wie diesen denkt man sich dann kurz, dass irgendwas nicht zusammenpasst und alles, inklusive Familie, Teil einer Inszenierung ist. Ein Kumpel schrieb humorvoll, aber irgendwie auch richtig: „Das wäre dem Raab nicht passiert!“

Und es ist einfach herrlich, wie auf einem Mitschnitt bei den Feierlichkeiten in der Kabine zu sehen ist, wir er ein Sektglas von Eden Hazard strikt ablehnt. Alle am Springen und Ausrasten, doch ein Schlückchen Sekt ist null möglich, weil da immer Kontrolle und Contenance herrschen und für sein Ego auch bewahrt werden müssen. Oft hieß es nach dem ZDF-Interview im Netz, Kroos‘ Verhalten sei unprofessionell gewesen. Das stimmt so nicht: Was hier sichtbar wurde, ist nicht die fehlende Professionalität, sondern seine Über-Professionalität. Durch die Fragen, die nicht Begeisterung und Glückwünsche ausdrückten, fühlte sich Kroos in genau dieser angegriffen. Indem er persönlich wurde: Klar, dass du aus Deutschland bist…du hattest Zeit für gute Fragen usw. In dem Moment sieht er Kaben als unvorbereitet – was ihm selbst nämlich nie passiert. Und das fuchst ihn. Deshalb verlässt er kurz seinen Kokon.

Die Abfeierei im Netz war geradezu schizophren. Da wird plötzlich genau der, dem besonders bei DFB-Pleiten bei Turnieren fehlende Kanten und ein steriler Charakter vorgeworfen werden, zu einem „mit Eiern“, der sich „nicht alles gefallen lässt“. Und dass man einem so erfolgreichen Mann mit fünf CL-Titeln nicht solche Fragen stellen darf, ist hinsichtlich des exponierten Leistungsprinzips auch sehr, sehr deutsch. Das macht das Ganze fast schon eklig.

Man muss kein Fan von Nils Kaben sein, weil er oft und gerne süffisant daher- und dazwischenredet. Aber der Mann ist seit Jahrzehnten bei Olympia und Co. am Start und macht in der Sportberichterstattung letztlich auch nur seinen Job. Er hat es nicht verdient, als dummer Junge stehengelassen zu werden. Genau dafür sorgt Kroos aber in diesem Moment. Und das sagt sehr viel aus. Mehr als die Kroos-Doku allemal.

Der Kontaktsport des Stafylidis

Konstantinos Stafylidis bekommt nach seinem bösen Tritt gegen Freiburgs Roland Sallai also drei Spiele Sperre. Wir sagen: zu wenig – und müssen uns indes über den Einspruch des VfL Bochum doch sehr wundern. Dass der eigene Trainer auf die Aktion mit einem spontanen Scheibenwischer reagierte, steht stellvertretetend für die Bewertung der Szene. Dabei ist daran zu erinnern, dass der Name Stafylidis bereits in der Vergangenheit durch genau solche Aktionen Bekanntheit erfuhr.

Breel Embolo, damals 19 Jahre jung und bei S04 unter Vertrag, fand sich im Oktober 2016 nach einem Horror-Foul von Stafylidis im Krankenhaus mit Brüchen von Sprunggelenk und Wadenbein sowie Rissen des Syndesmose- und eines Innenbandes wieder. Nach mehreren Rückschlägen in der Reha stand bei Embolo zeitweilig der Status der Invalidität im Raum, das Karriereende war ein realistisches Szenario. Der Aufreger damals und noch ohne VAR: Stafylidis bekam lediglich die gelbe Karte. „Ich kenne den Spieler und weiß, dass er seine Gedanken nicht koordiniert. […] Absicht unterstelle ich ihm nicht – aber Dummheit“, kommentierte Schalkes damaliger Coach Weinzierl.
Wochen nach dem Foul und einer persönlichen Entschuldigung per SMS an Embolo machte der Grieche damals klar: „Wenn man die Bilder sieht, wird noch einmal deutlich, dass das keine Absicht, sondern ein Unfall war. So leid es mir tut, aber Fußball ist Kontaktsport, da passieren leider Verletzungen (…) Deswegen habe ich meine Spielweise nicht geändert.“ Nach solch einem Foul von „Kontaktsport“ zu sprechen, bedurfte schon damals fehlende Selbsteinschätzung und Demut.

Verstehen wir uns nicht falsch: Es geht hier um keine Hexenjagd, aber doch sehr wohl um die Frage, ob der Begriff des Wiederholungstäters vom DFB nur trocken nach Statuten, also bei mehrmaligen Platzverweisen angewandt werden, oder in einem Handlungsspielraum erzieherischer und präventiver Maßnahmen greifen sollte. Vielleicht würde Stafylidis ja dann seine Spielweise ändern.

Erst River Plate, dann Spendenfahrt

Bevor sie mit ihrem Fahrrad für den guten Zweck durch Südamerika reist, sendet uns Furchen-Korrespondentin Lisa Achatzi sportliche Grüße von ihrem aktuellen „Nachbarhaus“ in Buenos Aires. Ein Spiel von River Plate wird sie im El Monumental leider nicht sehen können, da sie für ihre Spendenfahrt, u.a. für die UNO-Flüchtlingshilfe und Viva con Agua, bereits ab Samstagmorgen in Uruguay in die Pedalen tritt.

2020 musste sie ihre Tour nach 10500 Km zwar wegen Corona abbrechen, doch fuhr sie schon damals den stolzen Betrag von 15125 Euro für SOS-Kinderdorf Deutschland zusammen.

Wer in all dem eine gute Sache sieht und Lisa supporten möchte, kann das hier tun –> https://t1p.de/b2o8 Vielleicht schießt sie für uns ja dann noch mehr Fotos von geilen Betonschüsseln.

Ihr Blog ist übrigens der hier: http://www.wheelsoffortune.org; Instagram: wheelsoffortune.lisa

Hopp done: Westfalia Herne vs. Kaan-Marienborn 2:5

Schicksal, also los!

Warum wir englische Fußballkultur lieben? Klar, da gibt es die bekannten Dinge wie das biblische Alter gewisser Stadien oder die angemessene Huldigung ehemaliger Spieler. Und klar haben auch der ein oder andere Pie mit aufgetauten Innereien oder die Spontanität für strophenlange, äußerst humorvolle Gesänge dazu beigetragen. Hin und wieder war man auch froh, dass ein blanker Oberkörper dem Dresscode entsprach. Doch was wir wirklich lieben, sind diese kleinen, aber sehr feinen Unterschiede in der Einstellung zum rein Sportlichen.

(Foto: Schottische Furche; Barnet F.C., 2012)

Als zum Beispiel gestern Everton im FA Cup auf Boreham Wood traf, erinnerten wir uns an ein längeres Gespräch mit zwei Villa-Fans in The Manor Tavern, einem Pub im Birmingham. Da ging es nämlich um genau das Thema, welches gerade abgepfiffen wurde: es ist Pokal und ein Erstligist empfängt (!) einen Fünftligisten. Der Tausch des Heimrechts konnte keine Diskussion auslösen, weil das für die zwei jungen Männer völlig absurd klang. Warum das Heimrecht tauschen? Was hat das mit Fairplay zu tun? Was will der Kerl von uns? Und dann beginnt man sich völlig abzuarbeiten daran, dass der kleinere Verein doch eh schon im Nachteil sei und dessen Kasse auch mal richtig schön voll würde und dass so manche Kleinstadt oder gar Provinz das „Spiel des Jahrzehnts“ bekämen. Natürlich haben die beiden verstanden, was wir meinten, doch das Verständnis für diesen Modus war gen null. Schwer zu beschreiben, außer vielleicht damit, dass man gefühlt von zwei Boxern angeschaut wurde, die einem nur durch Blicke mitteilten: „Schicksal, also los.“

Und da machte es dann doch Klick, worin so mancher Unterschied besteht. In England herrscht seit jeher – und vielleicht stammt das auch aus früher Rugby-Geschichte, als so manches Feld keine Begrenzung hatte und der Ball schonmal von Dorf zu Dorf getrieben wurde – diese banale Sicht auf das Abrufen von Leistung: Es ist egal, ob du vor vor 50000 oder 500 Leuten, bei Nebel oder Flutlicht, vor upper oder working class spielst. Und das ist weder Parole, noch Floskel. Abseits von Ball und Körper sind alles andere natürliche Gegebenheiten, die keinen Einfluss auf Sieg oder Niederlage haben. Deshalb konnten uns die beiden Villans auch nicht folgen. Tausch des Heimrechts? Was soll das? Es gibt keine gesetzten Teams, es wird gelost, bei Unentschieden gibt es ein Rückspiel. Das ist schließlich der FA Cup und nicht der Mickey Mouse Cup (League Cup). Am Ende gibt es eine grüne Wiese und du musst dich wehren. Und wenn du als Fünftligist zum Erstligisten reisen musst, ist das eben so. Everton bleibt schließlich Everton, darum geht es. Deswegen kam den beiden auch der Gedanke an Losglück- oder pech etwas komisch vor.

Es ist eine völlig andere Denke, bei der das Wesentliche im Vordergrund und das ganze Drumherum maximal als stillose Ausrede betrachtet wird. Vielleicht liegt darin auch die generelle Ablehnung gegenüber Schwalben (Klinsmann), Schauspielerei (Robben) oder Schuldzuweisungen (Guardiola). Du verlierst das Spiel? Ok, das ist mit keinem Wetter, Schiedsrichter, Klassenunterschied oder stumpfen Rasen zu erklären. Es ist allein dein Problem. Ja, das lieben wir.

Und Pubs.

M’Gladbach mit Schalker Dynamiken

„Der BMG-S04-Vergleich hinkt!“, schrieb uns ein User. Warum uns also die Entwicklung von Borussia Mönchengladbach an die des FC Schalke 04 erinnert? Die gleichen Dynamiken, die gleiche Selbstzerstörung, die gleichen Charaktere in der Mannschaft, die gleichen Ziele, die gleichen Vier-Jahres-Pläne. Und dann diesen hochprozentigen Mix aus Tradition und Historie auf den Schultern! Und Trainer, die dachten, den nächstgrößeren Schritt zu machen und jetzt allein dastehen. Und nach zwei, drei Niederlagen versuchen den Hals aus der Schlinge zu ziehen, indem man sich reagierend nach Gegner und Spieltag und Situation richtet. Mit einem Kader, bei dem jeder schon alles gespielt hat, aber jeder nur das eine spielen will. Und ein überforderter Aufsichtsrat, der hilf- und tatenlos zuguckt und nun vielleicht merkt, dass der sportliche Vorstand über die Jahre hinweg mächtiger wurde als man selbst. Und ein Wechsel von Managern, die entweder fliehen oder aber die Zeichen der Zeit erkannt haben. Und gestandene Spieler, die sich vors Mikrofon stellen und glaubhaft verzweifeln (Stindl, Stambouli). Und durchaus gute Fußballer, die dir aus einer 2:0-Führung auch ein 4:0 kredenzen, aber bei Rückständen versagen, sich selbst jedoch in der Champions League sehen (Plea, Raman, Thuram, Konoplyanka, Bénes, Bentaleb, Zakaria, Harit, Bensebaini, Schöpf, Oczipka, Elvedi, Serdar). Und diese internationalen Plätze, die so weit weg sind und mit denen man so fest kalkuliert hat. Pardon, spekuliert hat. Und Fans, die gedanklich gerade erst aus Europa zurückkommen. Und sowieso, dieses Geld, das plötzlich gar keins ist. Nur über eines kann BMG froh: kein Tönnies weit und breit.

Jetzt ihr. Sehr gerne.

Afrika-Cup: peinliche Berichterstattung

„Hahahaha“ ist so ziemlich alles, was gerade von vielen Sportberichterstattungen mit ihren Beiträgen zum Afrika Cup erhascht werden soll. Ja, da pfeift ein Schiri zweimal zu früh ab und ja, da wird dreimal die falsche Nationalhymne gespielt, doch was daraus hier im Westen gemacht wird, ist nichts weiter als die Herausstellung des Exotischen. Es schafft Stereotypen aus kolonialen Zeiten: Afrika kann sich nicht selbst organisieren, in Afrika herrscht keine Ordnung, Afrika fehlt der Ernst für Professionalität. Das Ganze läuft natürlich hervorragend mit Clickbaiting durch Teaser wie „Das ist wirklich mehr als peinlich!“ (SPORT1). Der Couch-Potato-Mob reibt sich da natürlich gerne die Hände: „Hahahaha! Diese Afrikaner!“ Die Dynamik in den Kommentaren: selbsterklärend wie widerlich.

Ist möglicherweise ein Bild von Text „sport1 SPORT1 8 Std. Das ist wirklich mehr als peinlich!“
Sport1 via Facebook

Um das klarzustellen: Es geht nicht darum, dass darüber berichtet wird. Es sind Nachrichten über ein großes Turnier und damit relevant. Doch geht es einerseits um die Verhältnismäßigkeiten zur sportlichen Berichterstattung und andererseits um die Art und Weise, wie Redaktionen mit der skurrilen Situation eines Fußballspiels einen ganzen Kontinent vor die Flinte spannen. Und das ist, im umgedrehten Sinn, auch typisch – typisch Westen nämlich. Das ist es, was am Ende eines Tages im Jahr 2022 peinlich ist.

Von Dallas in die Puppenkiste

Ricardo Pepi wechselt also für 16 Millionen Euro plus Spesen zum FC Augsburg. Generell darf man natürlich über das pralle Portemonnaie der Fuggerstädter verwundert sein. Ist ja nicht so, dass Jahre des europäischen Fußballs hinter dem Verein liegen oder die Liga im Allgemeinen auf pandemiefreie Zeiten ohne Einbußen zurückschaut. 16 Millionen für einen 18-Jährigen, der im November noch einen Marktwert von 8 Millionen hatte. Oder wie Reiner Calmund oder Mario Basler vielleicht sagen würden: „16 Millionen für einen 18-Jährigen, der nicht einmal aus Brasilien kommt!“

Wir hingegen machen uns da eher praktische Gedanken. Einem Stürmer diesen Alters täte zunächst einmal ein Trainer gut, der einen offensiven Geist verkörpert. Der das Spiel um des Spielens und nicht des Zerstörens willen angeht. Da wird es bei Markus Weinzierl doch recht eng. Wenn dein ganzes Spiel auf den einen Moment ausgelegt ist, musst du aus zwei Chancen bestenfalls drei Tore machen. Ideale Voraussetzungen für einen 18-Jährigen Stürmer, um sich erst einmal akklimatisieren zu müssen – und dann zack, keine Startelf mehr und dann zack, spricht Stefan Reuter von Anpassungsschwierigkeiten, „die aber völlig normal sind“. Und dann wissen beide Seiten bereits, dass 16 Millionen acht zu viel waren.

Aber was wissen wir schon. Das „Sturmjuwel“ (kicker) schießt den FCA aus dem Tabellenkeller und ist nach der Saison so umworben, dass irgendein bekloppter Zweitligist aus England 30 Millionen auf die Ladentheke wirft und der gute Stefan Reuter alles richtig gemacht hat. In den USA sind Augsburg und die Puppenkiste dann so bekannt, dass es bei einer Promo-Tour auf Liverpool, AC Milan und die New York Red Bulls trifft.

Schrei nach Liebe: Danke MSV und VfL

Es ist ekelhaft und traurig, was beim MSV passiert ist. Viel wichtiger ist zu verstehen, dass es wahrlich nicht um „nur einen Typen“ geht, wie es in so vielen Kommentaren leider zu lesen war. Da schreiben weiße Menschen, dass dann „ja jeder Zuschauer ein Spiel abbrechen kann“. Das ist eine falsche Denke. Denn es ist egal, ob es einer oder mehrere sind, die Affenlaute und rassistischen Müll von sich geben. Es geht um die Gefahr, dass so etwas generell möglich oder (auch dank scheiß AfD) gar salonfähig wird.

Der Lob gilt an dieser Stelle allen Beteiligten, die sofort und richtig reagiert haben. Da überführen MSV-Fans den Täter, da rufen beide Fanlager gemeinsam „Nazis raus!“, da besprechen und entscheiden die Verantwortlichen beider Vereine, ohne Relativierung oder Abwägung, das Ende des Spiels, aus den Stadion-Boxen ertönt spontan „Schrei nach Liebe“ der „Ärzte“.

Das alles geht nur, wenn du als Club von grundauf so eingestellt bist, das kannst du nicht aus der Ablage holen. Obendrein in einer sportlich miserablen Situation. Wir waren gegen Verl als Hopper zu Besuch beim MSV. Dem Verein geht es schlecht, die Atmosphäre ist bedrückend, immer wieder Grlić-raus-Rufe, es roch regelrecht nach Abstieg in die Regionalliga. Inmitten dieses Schlunds völlig klar zu sagen ‚Nein, es gibt Wichtigeres als Fußball‘ mag von außen betrachtet vielleicht keine Heldentat sein, doch gebührt dem trotzdem Respekt. Auch danach klare, glaubhafte Worte. Der Täter wird angezeigt, im Nachholspiel möchten beide Vereine die Chance nutzen, um gemeinsam (!) ein Zeichen gegen Rassismus zu senden.

So muss die überwältigende Mehrheit zusammenhalten und handeln. Zögert nicht, wenn jemand im Stadion ähnlich auffällt. Schreckt nicht zurück, Kopfschütteln reicht nicht. Steht auf, tut etwas, entweder selbst, mit anderen oder mit Hilfe eines Ordners. Es ist egal, wie so etwas ausgeht. Es geht nur darum zu sagen: Nein, so nicht! Es muss jedem braunen Vollpfosten klar sein, dass dann Gegenwind kommt. Nazis raus – Im Stadion und überall.

Die Nerven des Emre Can

Der BVB scheidet verdient aus der UCL aus. Aufreger des Spiels war der rote Karton gegen Emre Can. Erster Gedanke war: Das ist doch wohl ein Witz! Pedro Porro fädelt ein, tritt sogar, fällt hin, schauspielert. Der zweite Gedanke war: Das kann nur ein Witz sein! Der Schiri geht jetzt raus, schaut sich das an und revidiert seine Entscheidung.

Vorher, na klar, Rudelbildung, Elf und Bank dabei, die Zeit streicht dahin, Spielfluss zerstört, Publikum auf den Barrikaden, Sporting alles erreicht, Dortmund nimmt die Provokationen dankend an. Leider fehlten auch bis nach Spielschluss weitere Bilder und Nahaufnahmen, bei DAZN setzte sich Sandro Wagner mit uns auf die Couch und sprach ebenfalls von einem Witz-Elfmeter. Nach Porros Faller habe Can sich nur mit mahnenden Worten zu ihm gebeugt, einen Schlag habe es ebenfalls nicht gegeben. Richtig.
Doch irgendwie blieben da plötztlich diese fünf Prozent Magengefühl, dass bei Emre Can eben selten nichts ist, wenn er involviert ist. Denn ohne Vorverurteilung: Wenn sich Provokation gegenüber einem gegnerischen Spieler in dieser Phase des Spiels lohnt, dann war und ist Emre Can für jeden Gegner wie ein Sechser im Lotto. Weil Weggehen für ihn unmöglich ist. Und so kommt es dann am Ende so, wie es eins zu eins ein gebrauchter Abend definiert: Can steigt Porro schön mit der Sohle auf den Knöchel, als der bereits am Boden liegt. (Bild: kicker)

Natürlich kann man darüber streiten, wer angefangen hat und mit welchen unfairen Mitteln Sporting und Porro das alles erzwungen haben. Doch sind es eben auch die blanken Nerven von Can. Und die Bilder zeigen klar, dass der Platzverweis vielleicht diskutabel, aber eben kein “Witz“ und somit keine klare Fehlentscheidung war.

Barcas Brechstange

Furche übrigens El Clásico geguckt und danach regelrecht verstört gewesen. Besonders hinsichtlich Barca ist uns kein Zeitraum in Erinnerung, in dem die Katalanen so schwach und ohne Sinn und Verstand zusammengesetzt waren. Da ist einerseits behäbiger und umständlicher Koeman-Fußball, aber andererseits auch ein Kader aus viel Mittelmaß und Grüppchenbildung. Da zocken junge Kerle unter sich, da wird ein Coutinho erstmal auf der Bank geparkt, da kommt in Minute 74 ein Agüero für einen, der ihn eigentlich bedienen müsste (Ansu Fati).

Es passt hinten und vorne nicht, von außen wird Risiko als Fremdwort vorgelebt und Memphis Depay als kreative Schaltzentrale kommuniziert. Trauriger Höhepunkt war die Einwechslung Luuk de Jongs fünf Minuten vor Schluss, in denen man den Niederländer bemitleiden musste. Jeden Ball verstolpert, völliger Fremdkörper, Ballbesitz bedeutete Ballverlust. Es ist so befremdlich, dass der FC Barcelona, seit jeher die Inkarnation für fußballerische Schönheit, hilflos hohe Bälle in den Strafraum kloppt und auf die Stirn eines 31-Jährigen angewiesen ist. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Barcelona packt die Brechstange aus. Gut, dass König Johan das nicht mehr ertragen muss.

Schon deshalb hatte dieser Clásico nichts mit europäischem Spitzenfußball zu tun. Kaum größere Namen, keine epischen Eins-gegen-Eins-Duelle, keine virtuosen Momente. Im Anschluss Liverpool zocken zu sehen, kam einer Erlösung gleich.

Hopppics: Rot-Weiss Essen vs. Fortuna Köln

Kurzer Nachtrag zum 2:1 zwischen Rot-Weiss Essen und Fortuna Köln. Hafenstraße einfach stabiler Ground. Klientel auch stabil. 7500 laute Zuschauer, mehr durften nicht. Verrückter Kick. Führung durch Gäste, dann RWE Dank eines saublöden Fouls von Fortunas Jan-Luca Rumpf und anschließendem Freistoß erst zum Ausgleich, dann per Elfer zum Abpfiff mit Schuss Richtung Bierbude. Stadionsprecher wie auf Droge/Kirmes, Musik zwischen Schlager und Deutschpunk, ein Essensstand mit Krakauer, Bratwurst, Frikadelle und Schnitzel – und Brezel für Vegetarier. Und Gästefans, die über die gesamte Spielzeit nur ein einziges “Lied“ anstimmen: Fortuna! Fortuna! Fortuna! Tat so weh, dass es gut tat.

Was wir bisher wissen

Erkenntnisse nach dem ersten EM21-Spieltag:

  • zwei gleiche Sechser machen noch keinen Achter
  • in totalitären Systemen gibt es es kein Corona
  • Mbappé mit leichtem Tempo-Vorteil
  • Körpersprache von Kai Havertz und Leroy Sané macht einen wahnsinnig
  • Qualität des Turniers eher so lala Réthy
  • Fallschirmspringen doch schwerer als gedacht
  • Basti Schweinsteiger als Experte ist leider wie Kevin Volland als Linksverteidiger
  • Toni Kroos schießt jeden Freistoß
  • bei kickktipp führen wieder all diejenigen, die Ergebnisse aus Sympathien und Trikot-Geschmack abwägen
  • Tom Bartels einfach der bessere Skispringer
  • Recep Erdoğan und Baku ist wie Made und Speck
  • niemand interessiert, dass nebenbei die erste finnische Liga läuft
  • Almuth Schult und Sandro Wagner hört man gerne zu
  • Veltins-Kronkorkenaktion wieder reine Verarsche
  • Lukaku einfach krass, Lewangoalski (you know) mit zu vielen Tomasz Hajtos auf dem Platz
  • Goretzka und Kimmich auf der Sex
  • Goran Pandev, du bist ein Teufelskerl!
  • „Ginter kommt jetzt mehr zum Flanken, das kann er!“ (Béla Réthy)
  • sehen wir Joel Pohjanpalo, denken wir an René Rydlewicz
  • Re:Re:Re:Re: Türkei keine Turniermannschaft
  • Benny und Papa Fuchs werden mit ihrem Tipp falsch liegen

Bilder und Spiele, die keine sein sollten

Auch ein Tag später fällt es schwer, zu den bangen Minuten um Christian Eriksen etwas zu sagen. Heute aufgewacht und der erste Gedanke war: er hat’s geschafft! Nur das zählt. Und so starten heute wahrscheinlich weltweit Menschen in den Tag, die gestern live vor den Fernsehern für Eriksen die Daumen gedrückt haben. Eriksen ist kein Einzelfall, sondern einer von vielen Spielern, die auf dem Platz das Bewusstsein verloren, kollabierten oder plötzliche Herzattacken erlitten. Patrick Ekeng überlebte das unter skandalösen Umständen nicht, bei Abdelhak Nouri wurden nach einem künstlichen Koma bleibende Hirnschäden festgestellt, die Liste lässt sich erschreckend weit fortführen. Davon zu lesen oder hören ist schlimm genug, es live mitzuerleben furchtbar. Wir können für uns nur sagen, dass wir so etwas noch nie direkt miterlebt haben, die Bilder werden wir nie mehr vergessen. Alles, über das man im Fußball einmal geschrieben, geschimpft oder nach einem 0:3 bei Minusgraden geflucht hat, ist plötzlich so weit weg wie Planeten. Bei anderen kamen wiederum sofort Erinnerungen hoch, so schrieb Altravita-Blogger und Italien-Experte Kai Tippmann gestern via Twitter: „Ich habe noch Horror von der Radioübertragung, als [Piermario] Morosini gestorben ist. Niemand braucht Bilder davon.“ Und damit wären wir beim ersten von zwei Themen, die in der Nachbetrachtung thematisiert werden sollten.

Béla Réthys Schweigen

Es ist unerklärlich, wie eine Regie in dieser Situation so lange und penetrant Bilder des am Boden liegenden Eriksen zeigen konnte. Das machte wütend und fassungslos zugleich. Im Netz wurden zurecht Beispiele zu vergleichsweise völlig harmlosen Bildern wie Flitzern und Pyrotechnik geknüpft, deren Übertragung sonst gezielt unterbunden wird. Der Gipfel des Unsäglichen war schließlich das Zeigen von Eriksens Ehefrau. Das war so ekelhaft, dass einem fast schlecht wurde. Hingegen hat sich das ZDF, in persona vor allem Béla Réthy und Jochen Breyer, im Ganzen sehr seriös verhalten und mit der Abschaltung der Übertragung angemessen reagiert. Ja, das hätte durchaus auch einige Minuten früher passieren können, doch sollte sich bei aller Kritik vor Augen gehalten werden, wie schwierig und fordernd ein solcher Job mitsamt Entscheidungen in dieser Situation ist. Dass Béla Réthy sich indes für Schweigen entschied und dies nachvollziehbar wie empathisch kommunizierte, unterstreicht dieses professionelle Verhalten. Béla Réthy wird oft ob seiner fußballerischen Expertise als Kommentator von „gestern“ kritisiert, darüber lässt sich streiten. Worüber sich nicht streiten lässt: Als Eriksen um sein Leben kämpfte, tat die Erfahrung und Stimme Réthys gut. Es sind jene Momente, in denen seriöse Berichterstattung sicht- und hörbar wird.

Spiel fortsetzen oder nicht?

Über einen zweiten Punkt wurde unter anderem in den sozialen Medien bereits gestern teils sachlich, teils haarsträubend debattiert und geurteilt: War es richtig, das Spiel fortzusetzen? Allein die Frage war für uns zu diesem Zeitpunkt eine absurde. Viel präsenter und logischer waren die Überlegungen, inwiefern ad hoc bezüglich Russland gegen Belgien entschieden werden und ob es mit der EM überhaupt weitergehen sollte. Als dann die Nachricht kam, dass sich beide Mannschaften auf eigenen Wunsch für die Fortsetzung der Partie geeinigt hätten, war das kaum zu glauben. Und das ist auch am Tag danach noch so. Wir schließen uns diesbezüglich klar den Aussagen Christoph Kramers und Per Mertesackers an: die UEFA hätte intervenieren und das Spiel abbrechen müssen. Doch klar ist auch: Es ist keine selbstverständliche oder gar leichte Entscheidung, dem Anliegen der Spielfortsetzung von Seiten der dänischen Mannschaft, insbesondere nach dem Austausch mit Christian Eriksen, nicht nachzukommen.

Kasper Hjulmand stellte indes noch einmal klar, dass es keinen Druck von Seiten der UEFA gegeben habe. Desweiteren schildert Hjulmand, dass sich die Spieler nicht vorstellen konnten, die Partie am Sonntag um 12 Uhr nachzuholen: „Es war besser, es gleich zu machen.“ Kasper Schmeichel erklärte dabei vor allem das Problem, dass „die Spieler sich sicher waren, heute nicht mehr schlafen zu können. Morgen zu spielen, hätte die Situation noch schwerer gemacht.“ Im Nachhinein muss man resümieren, dass bei allem Glück im Unglück ein Reihe unglücklicher und falscher Entscheidungen getroffen wurden. Simon Kjaer bat um seine Auswechslung, weil ihm als enger Freund Eriksens ein Weitermachen unmöglich war. Ein stellvertretendes Beispiel dafür, wie schwer die Last in Köpfen und Füßen der dänischen Mannschaft nach Wiederanpfiff war. Die Entscheidung hätte schützender Natur sein sollen: bis hier und nicht weiter. Man stelle sich eine weitere schwere Verletzung oder die Nachricht eines gesundheitlichen Rückschlags bei Eriksen vor. Man mag gar nicht dran denken.

Innehalten statt Urteilen

Was uns bei aller Emotionalität jedoch auch umtrieb, waren die schnellen Urteile im Netz. Noch bevor klar war, dass die dänische Mannschaft um eine Fortsetzung bat, war die UEFA bereits der Buhmann. Das macht die Entscheidung der Spielfortführung nicht besser, doch rückt sie mit etwas Abstand zumindest in ein anderes Licht. In einer solchen Situation direkt Schuldige auszumachen und sich binnen Minuten auf digitalen Wegen darüber zu äußern, was falsch oder richtig sei, ist schlichtweg unangebracht. Besonders absurd war, dass einige User*innen in ihrer Argumentation pro Abbruch die Situation mit den Anschlägen von Paris oder dem Attentat auf den BVB-Mannschaftsbus verglichen, was nicht einmal ansatzweise Äpfel und Birnen sind zu der gestrigen Situation im Kopenhagenener Stadion. Ganz besonders da gilt es doch zu differenzieren. Niemand, außer den unmittelbar Beteiligten, konnte sich in diesen Augenblicken ein klares Bild von der Situation machen. Selbst Béla Réthy meldete sich erst lange nach Abpfiff zu der Entscheidung der Spielfortführung, nachdem er mit Betroffenen gesprochen und die Hintergründe prüfen konnte. Innehalten und einziges Mal nichts meinen, spekulieren oder kommentieren. Ein Mensch erlangt vor (leider) laufenden Kameras sein Leben wieder. Wann lohnte es je mehr, eine Nacht über Urteile und Meinungen zu schlafen?

Hatte alles Kopf und Fuß

Puh, Relegation hat inzwischen auch seine eigenen Gesetze und dazu gehört ganz sicher, dass es Fußball der Marke Baumstammwerfen ist. Aber ok, es geht um Alles und nicht um Schönheit, wer also bei #KOEKSV eine Augenweide erwartete, hat den Pressschlag nicht gehört. Trotzdem ist nach Spiel eins festzuhalten, dass es Köln halt wie erwartet gemacht hat: irgendwie bemüht, irgendwie optisch überlegen und irgendwie mit Kampf, doch vor allem in puncto Kreativität bemitleidenswert. Aus dem Zentrum zudem kein Tempo und noch weniger Ideen. Fazit ist schlimm, aber leider klar: der Effzeh spielt im Rahmen seiner personellen Möglichkeiten.

Vor Holstein Kiel hingegen kann man nur den Hut ziehen. So viele Partien in so kurzer Zeit so erfolgreich zu absolvieren, ist ein Beweis für eine mental richtig intakte Truppe. Vor allem die fünffache Ohrfeige in Dortmund haben wir als Vorzeichen für eine fallende Leistungskurve gewertet. Doch statt Panik oder Aufgabe, hat Ole Werner die nordische Kühle in der Kabine bewahrt. Heute zwar nicht sonderlich gefährlich, doch das, was die Störche auf dem Grün fabrizierten, hatte immer Kopf und Fuß und wirkte äußerst unaufgeregt. Ja, ein Remis wäre ok gewesen, doch unverdient ist der Sieg (inklusive Lattenschuss) sicher nicht. Außerdem gibt es beim Baumstammwerfen kein Unentschieden.

Raus aus dem Schatten

Es ist nicht leicht etwas über Oliver Glasner und Eintracht Frankfurt zu sagen, geschweige denn vorauszusagen. Doch einzelne Kommentare, er sei ein typischer Werks-Elf-Coach ohne Ecken und Kanten, gehören in die Tonne. Seine Arbeit bei Red Bull, als Co-Trainer unter Roger Schmidt, ist zehn Jahre her und eine kurze Zeit bei Wolfsburg machen einen unscheinbaren Coach noch lange nicht zum Symbol eines Autokonzerns. Vielmehr rufen wir jedem Adler-Fan zu: Wer mit dem LASK in 161 Spielen durchschnittlich 1,97 Punkte holt, muss ein paar kluge Ideen in der Tasche haben. LASK, das bedeute damals Aufstieg nach Chaos und Konkurs und Europapokal nach Aufstieg. Auch das sind die Fakten hinter einem Mann, dem gerne das unrühmliche Klischee der schulbuchmäßigen Trillerpfeife angeheftet wird. Klar ist aber auch, dass der 46-Jährige nun das erste Mal ein Umfeld mit mehr Wucht und mehr Medienrummel bekommt. Sonnte sich Glasner bislang bei seiner Arbeit gerne im Schatten, muss er in Frankfurt sicher des Öfteren Rede und Antwort stehen. Die Bühne dafür hat er jetzt – und fußballerisches Know-how ganz sicher auch.

Ein Vertrag wie ein Sargnagel

Kurz über einen ausgiebigen Artikel bezüglich Julian Draxler nachgedacht, doch dann schulterzuckend abgelehnt. Es ist alles gesagt über falsche Berater, Selbstüberschätzung und schlechte Entscheidungen zu noch schlechteren Zeitpunkten. Haben ihn unter Magath live gesehen und einfach nur gestaunt. Seine erste Bude im DFB-Pokal gegen Nürnberg, pah, was für ein Wahnsinn! Was für ein Talent! Wie kann ein Junge so viel in die Wiege gelegt bekommen? Ein Übersteiger hier, ein doppelter da, zack, vorbei, schnell, kreativ, verwegen, alles beim ihm sah so verdammt leicht aus. Dieser Bub wird Deutschlands neues Wunderkind, da gab es von Kurve und Medien keine Zweifel.

Dann zwei, drei Mal falsch abgebogen, zu hoch gepokert, Schlangen im Ohr, Verletzungen in Serie, Hauptsache Quantensprünge statt step by step. In Gelsenkirchen zu viel Druck, doch selbst auch die „10“ gefordert, dann nur noch weg, in Wolfsburg ohne Glanz und Konstanz, in Paris meist auf der Bank. Von Löw zurecht nicht für die EM nominiert, wirkt die Vertragsverlängerung bei PSG wie ein Sargnagel. Karriere vorbei, denkt man. Über einen 27-Jährigen! Wer wird sich an Draxler in zehn Jahren erinnern? Über welche Titel und Erfolge wird man reden?

2011: Julian Draxler über den Köpfen von Papadopoulos und
Raúl. Zuvor hatte der 17-Jährige in Minute 119 den Siegtreffer erzielt und Schalke ins DFB-Halbfinale geführt.

Im Geld schwimmen und bei PSG kicken ist das Eine. Niemand wird sagen: Hey Jule, du hast in deinem Leben nichts erreicht, ganz im Gegenteil. Doch viele werden sich erinnern an dieses gewisse Etwas, das nur ganz, ganz Wenigen auf dieser Welt in die Füße gelegt wird, und dann denken: Was ist das im Endeffekt doch alles traurig. Wir gehören dazu.

Grillfest mit Extrawürsten

Obwohl es den „Störchen“ erlaubt ist, verzichtet Holstein Kiel also auf Publikum beim Saisonfinale gegen Darmstadt 98. Bei einem Spiel, in dem jeder Schrei und jedes Klatschen bei dem Husarenstück helfen könnte, als erster Verein Schleswig-Holsteins in die Bundesliga aufzusteigen. Das ist lobenswert wie heldenhaft, weil sich ein Verein die viel zitierten und x-fach durchgebratenen Extrawürste des Profifußballs während der Pandemie endlich einmal nicht auf den Teller legt. Und was machen andere Clubs? Statt die Saison demütig auslaufen zu lassen, werden kurz vor Ladenschluss die Schreibtische auf links gedreht, um irgendwie und möglichst maximal die Stadien mit Menschen zu füllen. Union Berlin öffnet 2000 Fans die Türen, Hansa Rostock erwartet über 7000, beim 1. FC Köln hofft man derweil inständig auf grünes Licht.

Was ist das nur für ein unsolidarisches Verhalten gegenüber all den anderen Vereinen, bei denen aufgrund zu hoher Inzidenzen kein einziger Fan auf den Rängen denkbar ist? Offenbar gibt es „den Fußball“ doch nicht im Kollektiv, von Demut gegenüber den Fans anderer Clubs ganz zu schweigen. Obendrein kommt dieser miese Beigeschmack der Wettbewerbsverzerrung und das Erhaschen eines Vorteils gegenüber direkten Mitkonkurrenten hinzu. Nun mag der oder die andere sagen, dass das doch lobenswert und als Dankeschön für die Fans nach so einer langen Pause zu verstehen sei. Diese Sichtweise teilen wir nicht. Vielmehr empfinden wir Fremdscham bei dem Gedanken, dass manche Verantwortliche am Ende des Tages doch wieder nur auf ihr eigenes Grillfest schauen. Sinkende Inzidenzwerte sind schließlich kein Verdienst von Fußballvereinen, sondern ein Ergebnis aus gesellschaftlichem Verhalten, medizinischer Versorgung und sozialem Engagement. Ein Dankeschön wäre nur dann glaubhafter Natur, wenn man auf alle Fans verweisen würde, um so einen großen gemeinsamen Startschuss am ersten Spieltag der kommenden Saison zu feiern. Denn „weder sollte der Profifußball für sich eine Sonderrolle in der Gesellschaft reklamieren – denn auch in anderen Veranstaltungsbranchen sind derzeit keine Zuschauer zugelassen – noch möchte die KSV Holstein eine Bevorzugung gegenüber anderen Sportvereinen im Land erfahren“, wie Kiel-Boss Schneekloth sagt.


Was wäre es doch für ein versöhnliches Zeichen gewesen, wenn sich alle Profivereine abgestimmt und dem Vorbild Holstein Kiels gefolgt wären. Ein einziges Mal die Füße stillhalten, ein einziges Mal nicht auf Paragraphen und gegebenes Recht schauen. Doch so zeigt sich nun die gleiche beschämende Erkenntnis wie schon zu Beginn von Corona: Wenn Extrawürste auf dem Grill liegen, stehen manche Verantwortliche mit gewetzten Messern bereit.

Als Kohfeldt hätte gehen müssen

Was die Gesamtentwicklung von Werder Bremen betrifft, bräuchte es mehrere Akten mitsamt Unterordnern. Vom familiären Selbstverständnis bis zum Malen nach ausschließlich schwarzen Zahlen wäre alles dabei bei den Gründen für dieses Drama kurz vor Ladenschluss. Einen Punkt möchten wir rückblickend nochmal wiederholen und das betrifft die erfolgreiche Relegation gegen Heidenheim in der letzten Saison. Es wäre der optimale Zeitpunkt gewesen, um mit Florian Kohfeldt getrennte Wege zu kommunizieren. Beide Seiten, Verein und Trainer, hätten diese Spielzeit als Gewinner verlassen. Das romantische Werder-Dogma, auf Gedeih und Verderb am Trainer festzuhalten, hatte sich schließlich trotz Nervenkitzel wieder einmal als erfolgreich herausgestellt, die Verantwortlichen hatten inmitten heftiger Sturmböen Ruhe bewahrt und gewonnen.

Nach zehn Bundesliga-Spieltagen ohne Sieg muss sich der SV Werder am letzten Spieltag einem Shootout stellen.

Ein besseres Momentum für einen sauberen Schnitt, inklusive Umarmung und Danksagung, hätte es nicht geben können, um auf Augenhöhe zu sagen: Danke für alles Florian, wir haben gemeinsam Berge erklommen und Täler durchschritten. Jetzt trinken wir zusammen ein frisches Haake, du wirst als gefragter Trainer deinen Weg gehen und wir stellen uns neu auf. All das wurde verpasst, ab dem ersten Spieltag der Folgesaison stand das Konstrukt Bode-Baumann-Kohfeldt zwangsläufig unter Beobachtung. An Baumann festzuhalten bedeutete an Kohfeldt festzuhalten bedeutete sich gegenseitig festzuhalten. Und wer nach einem haarscharf vermiedenen Abstieg kaum Veränderungen vornimmt und mit dem bekannten wie gefährlichen Es-wird-schon-irgendwie-gutgehen-Motto in die Saison startet, der darf sich über vorprogrammierte Skepsis nicht wundern.

Hinzu kam schließlich in der aktuellen Saison, dass Köln und Schalke Woche für Woche die Goldene Himbeere für die schlechteste Performance abräumten, die Klarheit über Werders ideenlosen Fußball kam medial kaum Ausdruck. Und das, obwohl es derselbe ideenlose Fußball war, der schon letzte Saison in die Relegation führte. Jetzt, wo sich ein einziges Schaaf auf dem Deich der Flut entgegenstellt, ist festzuhalten: Das 2:2 in der Relegation gegen Heidenheim war ein Geschenk des Himmels, um ohne Gesichts- und DNA-Verlust präventive Maßnahmen einzuleiten. Bode und Baumann haben diese Zeichen der Zeit verkannt und sollten sich jener Tatenlosigkeit mit Rücktritten stellen. Die Entlassung Kohfeldts nach dem 33. Spieltag ist dafür kein Argument, sondern ein Beweis.

Heute hier, morgen dort

Erstmal also das Corona-Nachholspiel zwischen Schalke und Hertha trotz Corona und Quarantäne. Dann das Pokalfinale an einem Feiertag und keinem Wochenende und erst um 20:45 Uhr statt wie früher um 20 Uhr, damit Kinder am nächsten Tag noch ausgeschlafener die Schule genießen können. Währenddessen startet Manchester United gegen Liverpool, ebenfalls ein Nachholspiel, nachdem am eigentlichen Termin viel Fans der Red Devils von machtversessenen Besitzern die Nase voll hatten. Samstag dann endlich wieder volles Rohr Bundesliga, alle zusammen und zeitgleich. Moment, geht ja gar nicht, Pokalfinale war ja erst vorgestern. So können auch Mainz und Wolfsburg erstmal ganz entspannt dem Treiben ihrer direkten Konkurrenten zuschauen.

Am 22. und 23. Mai dann endlich letzter Spieltag von erster, zweiter und dritter Liga, sodass Fans und Spielern 19 Tage bleiben, um sich optimal auf die EM vorzubereiten. Das können natürlich nicht alle von sich sagen. Am 26. Mai steigt nämlich nicht nur das Hinspiel der Bundesliga-Relegation, sondern auch das Finale der Europa League. Wer das verpassen sollte, kann sich beruhigen: Am 29. Mai findet neben dem Rückspiel der Bundesliga-Relegation auch das Champions-League-Finale statt. Dazwischen und danach gibt es am 27. und 30. Mai noch ganz geschmeidig die Relegation zur 2. Bundesliga.

Die Aufstiegsrunde zur 3. Liga, in der der Meister der Regionalliga-Nord auf den Sieger der Play-Off-Runde Bayern trifft, beginnt dann am 12. Juni, wenn zeitgleich Wales auf die Schweiz in Baku, Dänemark auf Finnland in Kopenhagen und Belgien auf Russland in St. Petersburg treffen. Und wenn am 19. Juni das finale Rückspiel um den Aufstieg in Liga drei stattfindet, messen sich in Budapest Ungarn und Frankreich, in Sevilla Spanien und Polen sowie in München Deutschland und Portugal. Dann Vollgas bis 11. Juli EM durchziehen, dann schnell den Rasen mähen und am 06. August wieder erste Runde DFB-Pokal und am 13. August wieder Bundesliga satt genießen. Gute Unterhaltung!

Lehmann: nur eine logische Folge

Kurz über Jens Lehmann nachgedacht und entschieden es nicht auch noch umfangreich zu diskutieren oder gar zu analysieren. Weil es einfach nichts zu diskutieren gibt. Jeder Mensch, der sich in den letzten Jahren halbwegs mit Fußball und daher leider zwangsläufig mit dem Kerl beschäftigen musste weiß, dass da gehörig was schiefläuft in der Birne.

Man muss sich nur mal an seine einstige Aussage über das gemeinsame Duschen mit Hitzlsberger erinnern, „dass man da (nicht) hätte denken können, da ist irgendetwas.“ Auf Schalke schämt man sich längst fremd über die Auftritte des Eurofighters, was über den Charakter eines verdienten Spielers generell viel aussagt. Nicht zu vergessen der Alu-Kommentar zu Corona im Dezember. Deshalb verwundert so eine Nachricht an Aogo nicht, sondern ist letzten Endes nur eine logische Folge.
Regen wir uns also nicht weiter drüber auf. Wichtig ist nur, dass Hertha umgehend reagiert hat. Er soll einfach wieder wie damals mit der Straßenbahn nach Hause fahren und den Mund halten. Vielleicht hilft das ja dem Verstand.

Und dann bis die Stirn brennt

Das verschmitzte Lächeln wird 60

Kinder, wie schnell doch die Zeit vergeht. Alle nationalen und internationalen Erfolge als Spieler und Trainer hier aufzuzählen würde uns allen die Mittagspause kosten. Was ein feiner Mensch, nie respektlos, stets realistisch und bodenständig und am Mikrofon mit diesem verschmitzten Lächeln ausgestattet, das den miesen Sky-Fragen immer gekonnt auswich. Ein Kumpel von uns sagte mal, er sei als Trainer so wertvoll, weil er aus Spielern zwischen Cuba Libre und Küstennebel einen perfekten Cocktail hinbekäme. Darauf Prost und damit alles Gute zum 60. Geburtstag, Thomas Schaaf! (Kind der Bundesliga)

Sätze der Bedeutungslosigkeit #24

1.) „Ich möchte die größten Titel gewinnen, die es gibt, und das tun wir nicht so ganz.“ (Könnte vielleicht am Club liegen, Harry Kane)
2.) „Ich habe die Situation, wie sie sich jetzt darstellt, so noch nicht erlebt.“ (Michael Zorc hat mit dem aktuellen Trainer-Karussell nicht das Geringste zu tun)
3.) „Am gestrigen Dienstag haben die Löwen mit der Vorbereitung auf den Saisonendspurt begonnen.“ (Gut, dass man als Drittletzter damit nicht schon letzte Woche begonnen hat, lieber BTSV)
4.) „Wir sind zu lieb, zu nett. Es geht nicht darum, dass wir elf Freunde sind, sondern dass wir Erfolg haben.“ (Bernd Leno, Betriebsökonom)
5.) „Das hat ausschließlich in einer digitalen Parallelwelt stattgefunden.“ (Na dann, Christoph Metzelder)

BMH zocken mit Dennis Dubiosi

Liebe Leute, wir haben eine so gute Idee, dass wir eigentlich nie hätten selbst drauf kommen können. Unser liebstes Computerkind DENNIS DUBIOSI wird für die Furche sein all time favourite Fußballgame „Bundesliga Manager Hattrick“ (1994) so zocken, dass wir ihm auf die Finger seiner Machenschaften schauen können. Wir können also alle miterleben, wie er einen damaligen Oberligisten mit Werbeverträgen, diversen Risiko-Transfers und dunklen Immobilien-Geschäften in die Bundesliga oder den Abgrund führt.

Alle zwei Wochen gibt es eine PK, in der wir DENNIS DUBIOSI über die sportliche und finanzielle Lage befragen. Das könnt ihr, die großartigen Fans, kommentieren und dabei selbst nachhaken, warum der Deal mit Jens Nowotny geplatzt ist. Nach der Hinrunde könnt ihr euch zudem für eine Live-PK per Zoom anmelden, um den Manager mit Fragen in Ecki-Heuser-Manier zu belästigen. Für mehr Transparenz im Fußball! Für mehr Transparenz bei Typen wie DENNIS DUBIOSI!

Bericht über die Saisonvorbereitung folgt. Falls ihr schon jetzt Fragen an ihn habt – in die Kommentare damit!

Badness in Bordeaux

Die aktuellen Bilder und Nachrichten rund um Girondins Bordeaux machen uns gerade sehr traurig. „Der amerikanische Albtraum“ titelte die L’Équipe bezüglich der US-Investmentgesellschaft GACP, die den Club vor knapp drei Jahren für 100 Millionen Euro übernommen hatte, „King Street“ zieht sich nun als Besitzer zurück.
Die Vorstellung, dass aus diesem berühmten Verein ein zweites Uerdingen wird ist so furchtbar wie absurd und es bestätigt sich mal wieder die bittere Formel: Investor krallt sich großes Pferd, Investor will oder kann nicht mehr, Verein geht in die Insolvenz.
Sechs Meistertitel, vier Mal Pokalsieger, jahrzehntelang im Europapokal vertreten, von Tigana bis Lizarazu, von Dugarry bis Zidane, von Klaus Allofs bis Dieter Müller, von Aimé Jacquet bis Gernot Rohr. Das kann und darf alles nicht wahr sein. Möge es für Verein, Fans und Stadt alles irgendwie gut ausgehen.

Abstieg: Wer bleibt und wer geht?

Wir als Orakel sagen euch, wie das Ganze in den nächsten Wochen am Tabellenende laufen wird. Vorab ist zu sagen, dass Köln und Hertha damit gesegnet sind – das muss man ganz ohne Häme so sagen – noch gegen Schalke spielen zu dürfen, die nach dem Abstieg und den Attacken gegen die Mannschaft ganz andere Baustellen haben, als gegnerischen Teams noch in die Suppe zu spucken. Es ergibt sich folgendes Bild:

KÖLN wird dieses Los gegen den S04 am letzten Spieltag dankend ziehen und spätestens dann den Klassenerhalt schaffen. So zerrockt und schlecht zusammengestellt der Kader des FC auch sein mag, so sehr haben sie das Momentum auf ihrer Seite. Funkel und so Typen wie Wolf passen auf dem Bierdeckel auch irgendwie zusammen, das ist rational kaum zu erklären und eben deshalb so goldwert im Abstiegskampf. Prognose: Siege gegen Freiburg und Schalke, Remis gegen Hertha und damit drin das Ding, 36 Punkte.

HERTHA steckt nach der Quarantäne logischerweise mit dem Kopf im Schraubstock. Doch es ist nicht nur ein Nachteil nicht eingreifen zu können, sondern auch ein Vorteil die Situation völlig klar vor Augen zu haben. Die Qualität im Kader ist nicht die eines Abstiegskandidaten, das große Problem in dieser Saison ist die teils völlig willkürlich zusammengestellte Truppe, fehlende Konstanz war deshalb nahezu mathematisch berechenbar. Durch den Druck von plötzlich punktenden Kölnern und Mainzern wird Dardei aber die richtigen Worte finden und die fehlenden Punkte in den fünf Spielen gegen direkte Konkurrenten holen. Prognose: Remis gegen Mainz, Köln und Freiburg, Siege gegen Schalke und Bielefeld, 35 Punkte.

(R.I.P. Krake Paul, Furche übernimmt demütig)

AUGSBURG hat mit der Entlassung Heiko Herrlichs die letzte Option gezogen und damit das absolut Richtige gemacht. Mit einem Kader, der in der Mische den stabilsten im Keller darstellt, brauchte es nun das letzte Ausrufezeichen von Seiten der Verantwortlichen. Nicht zu beschönigen ist indes trotzdem, dass die Entwicklung nicht nur ein Problem des ehemaligen Trainers, sondern auch ein Armutszeugnis für Stefan Reuter ist. Trotzdem: Weinzierl wird das Nötigste mit Spielern wie Caligiuri und Niederlechner auf das Team übertragen und die nötigen Punkte holen. Prognose: Remis in Stuttgart, Sieg gegen Bremen, Niederlage in München, 37 Punkte.

MAINZ wird es trotz des schwierigen Abschlussprogramms über den Strich packen. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass sie gerade gegen oben stehende Gegner erfolgreich agieren können. Beeindruckend war dabei, dass die Siege gegen Bayern und RB nicht durch bloßes Zerstören, sondern durch intelligenten Offensivfußball erreicht wurden. Das Team von Bo Svensson hat zudem den Vorteil, dass Neuzugänge wie da Costa und Kohr sofort funktionierten und für eine neue, nämliche breite Brust sorgten. Prognose: Remis gegen Hertha und Frankfurt, Sieg gegen Dortmund, Niederlage gegen Wolfsburg, 39 Punkte.

BIELEFELD wird den Relegationsplatz belegen. Es ist das einzige Team der im Keller bedrohten, das aufgrund fehlender Qualität an jedem Spieltag auf die Stärke oder Tagesform des Gegner angewiesen ist. Heißt: gegen überforderte Schalker war der Sieg verdient, ein Remis gegen ein durcheinander geratenes Augsburg das Maximum der eigenen Möglichkeiten, ein 0:5 in Mönchengladbach eine andere Liga. Der Trainerwechsel von Neuhaus zu Kramer bleibt eben deshalb eine berechtigte Frage, die auf der Alm bis heute nachwirkt. Trotz alledem ist das Restprogramm das vermeintlich einfachste und weil Hoffenheim und Stuttgart bereits alles egal sein wird, schaffen es die Arminen immerhin auf Platz 16. Prognose: Niederlage gegen Hertha, Remis gegen Stuttgart und Hoffenheim, 32 Punkte.

WERDER wird es diese Mal nicht packen und mit Schalke direkt absteigen. Baumann muss schon einen starken Baldriantropfen geschluckt haben, bevor er nun Kohfeldt das x-te Mal sein Vertrauen aussprach. Es war lange Zeit ein Segen für die Ruhe an der Weser, dass andere Teams in puncto Katastrophenfußball Woche für Woche die Schlagzeilen dominierten. Die Gewissheit kurz vor Ende plötzlich unten drinzustehen, ist psychologisch das Schlimmste, was einer Truppe zu diesem Zeitpunkt passieren kann. Hinzu kommt ein Trainer, der bedenkliche Niederlagen am Mikrofon mit „guten dreißig Minuten“ beantwortet. Das alles in Kombination mit Formschwäche sowie der Suche nach einer eigenen Spielidee wird Werder zum großen Verlierer der letzten drei Partien machen. Sollte Kohfeldt doch noch entlassen werden, ist der Zug für einen kurzfristigen Umbruch bereits abgefahren. Prognose: Niederlagen gegen Mönchengladbach und Augsburg, Remis gegen Leverkusen. 31 Punkte.

„Aufstieg adé?“ ist nicht die Frage

Wir möchten kurz für den #HSV eine kleine Lanze brechen. Und das tun wir nicht, indem wir das Auftreten in Sandhausen relativieren. Jeder halbwegs klare Fußballfan sieht, wie fußballerisch und psychisch instabil die Truppe auf dem Rasen derzeit wirkt. Doch das Apokalyptische und gar Abhakende von Vielerseits ist der Tick zu viel des Schlechten. Und damit meinen wir nicht Häme und Spott, die es gegenüber den vermeintlichen Goliaths im Fußball immer geben wird und auch irgendwie gesunde Kinder der Kurve sind.

Es geht um das mediale Kommentieren eines auf dem dritten Tabellenplatz stehenden Vereins. Nochmal: auf dem dritten, nicht auf dem vierten. Bei 15 offenen Punkten, in denen Fürth noch ans Millerntor und am letzten Spieltag zur Fortuna muss. Der Kicker ruft ein “Versagen auf allen Ebenen“ aus. Geht es nach der Sportschau, ist der Aufstieg so gut wie verspielt. Das wird alles aufgesetzt, indem jeder Pups eines Toni Kroos („Meine Güte, HSV…ehrlich…“) mit in die Analyse (Sportschau) eingebunden wird. Vor ein paar Wochen zog der HSV in Bochum eine eiskalte Nummer ab, da plötzlich ließ die große Raute laut Medien ihre Muskeln spielen.

Ja, der Wind hat sich gedreht und hört man unsere leidenschaftliche HSV-Furche Hanno Schäfer aus dem derzeitigen Tal schreien, so hört man auch viel Klarheit über die fehlende Qualität im Kader bzw. einbeinige Gjasulas heraus. Andererseits sendet der Tabellenkeller der ersten Bundesliga gerade wahrlich keine Anzeichen für ein stabiles Team in einer möglichen Relegation. “Aufstieg adé?“ (NDR) ist also noch keine Frage, bei jedem anderen Zweitligaverein wäre es nur ein weiterer Dämpfer im Aufstiegsrennen.

Bei dem “Desaster von Sandhausen“ (Kicker) fehlt offenbar einigen Journalisten der nötige Abstand zum letzten Spieltag der Vorsaison. Das Dramatische in Schlagzeilen – geschenkt. Schlecht ist dabei nur, dass die Tabelle und damit die Fakten außen vor gelassen werden. Und da hilft deinem Verriss auch kein Toni Kroos mehr, ganz im Gegenteil.

Ein Tag für die Geschichtsbücher

Was ein Tag gestern. Binnen Stunden bricht der ganze Super-League-Putsch in sich zusammen und es interessiert niemanden auch nur die Bohne, dass David Alaba inmitten dieses Sturms offiziell bei einem Club einen Vertrag bis 2026 unterschreibt,  der dann nach eigenen Aussagen seit zwei Jahren tot ist.

Petr Cech muss an der Bridge die aufgewühlte Meute beruhigen, Gary Neville sendet Herzen und stößt genüsslich mit Wein an, Jordan Henderson wird zum Feuerwehrmann der Herzen, Ed Woodward zum fliehenden Vice-Chairman. Und Kevin de Bruyne ist ein kleiner Junge aus Belgien, der einfach nur spielen will. Fazit soziale Medien: der Hype war schneller vorbei als bei Clubhouse. Abwarten. Vor allem auf die Saubermänner von UEFA und FIFA.

Nebenbei steigt Schalke nach dreißig Jahren Bundesliga in die zweite Liga ab und den armen Ulli Potofski traf das offensichtlich härter als manchen blau-weißen Spieler. Gerald Asamoah will man hingegen einfach nur umarmen. Football bloody hell! In jedem Fall wird es namentlich eine zweite Liga der Marke Super League.

Was war noch? Achso, die Druckerpressen der Corriero dello Sport liefen bereits, als die Super League in England in Flammen aufging. Inhalt des heute erscheinenden Aufmachers ist ein Interview mit Andrea Agnelli, warum die Super League superduper funktionieren wird. Vielleicht ist Print wie der gute, alte Fußball – nicht immer aktuell, aber mit der nötigen Romantik gesegnet.

Die Macht der Big Six

Kommentar

„We are the cake“ ist ein Satz, der uns von einem Port-Vale-Fan bis heute in Erinnerung geblieben ist und der bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat. Es ging um die Machtlosigkeit englischer Vereine abseits der zweiten Liga, um TV-Gelder wie Kirchenkollekte. Darum, dass man nicht an das berühmte Stück vom Kuchen rankommt, weil man selbst der Kuchen ist.
Liverpool und Co., also die „Big Six“ mit Chelsea, Tottenham, Arsenal und den Manchester-Clubs, wissen um ihre Vorherrschaft und nutzen sie explizit aus. Die Schere zwischen ihnen und dem Rest ist inzwischen so gewaltig, dass es für unterklassige Teams nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder ich beuge mich meinem Dasein, versuche das Thema TV-Gelder nicht mit meiner Existenz in Verbindung zu bringen und krebse leise als Ausbildungsverein vor mich hin. Oder ich bin offen für andere Geschäftsmodelle, weil ich in möglichst kurzer Zeit eine Gabel für den Kuchen bekommen möchte. Letzteres ist ein Modell, dass in England inzwischen fast Tradition hat: Verein X träumt oder hat Probleme, Investor Y aus der Hölle kommt und verspricht Scheinwerferlicht, Verein geht vor die Hunde, Ende.
Es sind aber nicht nur die zwielichtigen Typen, die für regelmäßige Kollapse sorgen. Für 08/15-Clubs ist ein Mitmischen schlichtweg auch deshalb unmöglich, weil es die Big Six mit Druckgebärden auf den Verband verhindern. Sie essen den Kuchen, weil er ihnen längst gehört. Und wer bei Liverpool und Manchester United an bloße Fußballromantik, an Anfield oder George Best denkt, täuscht sich gewaltig. Die Big Six tragen eine Mitschuld am Schicksal von Bury FC, tragen eine Mitschuld am Werdegang des FC Portsmouth und öffneten dubiosen Gruppen in Newcastle die Tür zum System.
Der Begriff „Reformen“ ist bei all dem ein zentraler und hinterhältiger. So wunderbar positiv konnotiert, so ertragreich wird er im wahrsten Sinne benutzt. Ganz weich verspricht man mit einer Reform einen Aufbruch, einen Schritt in die richtige Richtung. Doch was die Big Six eigentlich machen: Sie sorgen für Gesetze, die nicht erhalten oder erneuern, sondern ausgrenzen und unterdrücken.