Zu viel des Schlechten

Ja, in Belfast lief nicht alles glatt und war vor allem in der ersten Halbzeit kein Zuckerschlecken. Doch wie am Tag danach darüber berichtet wurde, ließ einen Rückfall in Ribbeckschen Rumpelfußball vermuten. Sämtliche Titelzeilen konzentrierten sich auf das Wacklige, Ernüchternde und Quälende:

„Ein ernüchternder Sieg“ (ZEIT)
„Ein wackliger deutscher Sieg“ (FAZ)
„Deutschland nach Quäl-Sieg wieder auf EM-Kurs“ (BZ)
„Halstenberg löst die Schockstarre der DFB-Elf“ (DW)
„Deutschland müht sich zum Sieg gegen Nordirland“ (t-online)
„Noch mal davongekommen“ (SZ)
„Nordirland zeigt, wie tiefgreifend Löws Umbruch ist“ (Welt)
„DFB-Team quält sich nach schwacher 1. Halbzeit zum 2:0-Sieg in Nordirland“ (sport90)

Einzig Spiegel Online schaffte es zu der halsbrecherisch gewagten These: „Halstenberg und Gnabry schießen Deutschland an die Tabellenspitze“. Und natürlich darf bei aller Kritik der süffisante Hinweis nicht fehlen, dass man auf ein Land „mit nur 1,9 Millionen Einwohnern“ traf – ein Land „fast so groß wie Thüringen“.

Es ist die gleiche rhetorische Arroganz, mit der sämtliche Länder abseits der „großen Fußballnationen“ immer wieder als „Fußballzwerge“ abgewatscht werden. Und es sind die gleichen Stimmen, die nach dem 3:2-Auftaktsieg gegen die Niederlande „Wir sind wieder wer!“ posaunen. Niemand hat behauptet, dass nach personellen Halbrevolutionen um Hummels, Müller und Co. keine Probleme entstehen würden. Wie holprig so ein Wechsel sein kann, haben Italien und Spanien in Reinform vorgemacht. Wer also erwartet, dass die DFB-Elf über „Länder wie Nordirland“ hinwegsaust, weil „das ja der Anspruch sein sollte“, treibt im gleichen Gewässer aus Überheblichkeit und Anmaßung, in dem auch die DFB-Elf in Russland baden ging.

Zur Erinnerung: Es ist nur eine EM her, als es „Der Weltmeister!“ in der Gruppenphase gegen eben diese Nordiren nur zu einem 1:0 schaffte. Schon da kam es zu keinem 8:0 wie gegen Estland, bei dem noch vor ein paar Wochen in Mainz „die Mannschaft etwas versprühte, was lange vermisst war: Freude am Fußball.“ (Spiegel Online) Das wirklich Ernüchternde nach dem jüngsten Abend in Belfast ist nicht die erste Halbzeit gegen einen sich zerreißenden Gegner, sondern die Berichterstattung über ein Spiel, bei dem ein junges Team „nochmal davon kam“. Es geht nicht um die legitime Kritik an neunzig Minuten Fußball, sondern um einen auf das Schlechte reduzierten Grundton.

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