Kategorie: Furchentexte

Europapokalflucht Teil 1

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnd da sitzt man dann. Berlin-Schönefeld. Drei Grad. Drei Uhr. Man wartet auf eine Fluggesellschaft, die behauptet, sie könne einen in drei Stunden sicher nach Athen bringen. Für 21€. Man fragt sich, wo diese verfluchten Eulen sind, von denen alle immer reden. Nach bestandener Drogenkontrolle in einer H&M Umkleidekabine mit aufgezogenem Vorhang und Nacktscanner, wartet man mit kochendem Dosenbierwasser (4,50€) auf grauen, metallischen, extra nicht gepolsterten Sitzen. Abflug in drei Stunden. Ein junger Zwitter schlendert nervös mit seinem/ihrem Trolley vorbei und knickt bei jedem dritten Schritt in lila Pumps von einer Fliesenfuge in die andere. Zwei Erasmus-Studentinnen schießen ein paar Spiegelreflex-Selfies. Sie strahlen, schauspielern ein letztes Mal beste Freundschaft und glauben fest daran, etwas total Tolles erlebt zu haben. Es ist warm. Trockene Luft, welche Achseln und Stirn ins Schwitzen bringen, ohne dass man auch nur den Finger bewegt. An der Decke hängen Flachbildfernseher an umgedrehten Periscopen, die jedoch kein Land in Sicht, sondern Beate Zschäpe auf n-tv zeigen. Schnitt. „Holyfield tippt auf Klitschko“. Beitrag ohne Ton. Schnitt. „Frau stirbt bei Teufelsaustreibung“. Beitrag ohne Ton. Schnitt. „VW gibt Entwarnung“. Beitrag in Splitscreen ohne Ton. Linke Bildhälfte: Beate Künast. Rechte Bildhälfte der TV-Tagestipp: Dirty Dancing. Ich sage mir, dass 21€ ein durchaus fairer Preis sind, um aus Vietnam rauszukommen. Um 6:20Uhr öffnet das Gate. Eine Flughafen-Angestellte mit der Stimme von Roseanne sagt „Tschüss“, als wir an ihr vorbeigehen. Ich antworte: „Ja, Glück Auf!“. Sie: „Nee, Tschüss.“ Auf n-tv klettert die Afd im Osten auf 16%. Abflug. Drei Punkte. Oh Herr, Hauptsache drei Punkte. Und Walter Faber als Sitznachbar.

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Sportstudio: Alles außer Fußball

1qaq1Bei aller Sachlichkeit: dass das ‚aktuelle Sportstudio‘ inzwischen nicht auf RTL läuft, ist mit gesundem Rezipientenverstand nicht mehr nachzuvollziehen. Man ist sich nicht ganz sicher, ob sich die Moderatoren und Moderatorinnen überhaupt noch ernsthaft auf die Studiogäste vorbereiten. Denn hinterher weiß man genauso viel wie vorher, der Gast hat in einem pseudolockeren Smalltalk achtzig Prozent Fragen beantwortet, zu denen er oder sie eigentlich gar nichts sagen kann, die 3D-Analyse des Abendspiels gleicht einem digitalen Reißbrett alkoholisierter Sportstudenten und die despektierlichen Fragen der rasenden Reporter in den Stadionkatakomben lösen ganze Salven von Fremdschamattacken auf der Wohnzimmercouch aus.

Und wenn man kurz durchatmet, weil Sven Voss trotz George Clooney-Grinsen wirklich, wirklich, wirklich keine News, Gerüchte oder Erdbeben erhaschen konnte, kommt Boris Büchler („Wat woll’n se?!“) um die Ecke gegrätscht und tritt noch einmal in Richter Alexander Hold-Manier nach. Danach geht es zurück ins Studio zu Katrin Müller-Hohenstein und dem Ablesen oberflächlicher und totaaal witziger Twitter-Fragen, bevor dann endlich sinnlos auf die Torwand (wer nicht klatscht, wird erschossen) geballert werden kann. So ging es schlussendlich wieder einmal um alles im „Tatort“ für Fußballgeschädigte – nur nicht um Fußball.

[P.S.: Noch eine abschließende Frage, Herr Gruschwitz: darf man die Trikots (maximal Größe XS – M), die den Zuschauern vor Sendebeginn übergestülpt werden, eigentlich hinterher, quasi als Schadenersatz für blutige Ohren, mit nach Hause nehmen?]

Druck, Drucksen, Draxler

Vorweg gesagt: Druck kann furchtbar sein. Und wenn man nicht mehr weiter kann, hat man ihm nicht Stand gehalten. Das gilt für Fußballprofis ebenso wie für Ingenieure, Kfz-Mechaniker und Bäckergesellen. Druck sollte nicht unterschätzt werden, schon gar nicht, wenn er sich als schwere Last entpuppt und die Gesundheit angreift. Für Mike Wunderlich, Sebastian Deisler, Markus Miller, Martin Amedick oder Ralf Rangnick wurde dies im Geschäft des Fußballs eine ebenso bittere Tatsache wie für Sven Hannawald im Skispringen, Jan Frodeno im Triathlon oder Jennifer Capriati im Tennis. Die traurige wie dumme Phrase, welche versucht das Gehalt von Profisportlern in Relation zu ihren Leistungen zu bringen, taugt nicht einmal als Zwischenruf nach drei Bieren: „Wenn ich so viel verdienen würde wie die…!“. Ja, man verdient aber nicht so viel wie die, kann es folglich null beurteilen und sollte vielmehr jene hinterfragen, welche die Gehälter und Ablösesummen überhaupt erst gestalten und sie wie Despoten dominieren. Frodeno umschrieb das Mensch-Maschine(rie)-Paradoxon vor Jahren einmal hilflos wie unmissverständlich: „Es gibt kein Plan B, deshalb muss Plan A funktionieren!“ Deshalb gelten immer nur hundert Prozent für Profisportler. Deshalb entsteht Druck. Druck auf Dauer. Denn diese hundert Prozent sind es, welche schlussendlich die Gefahr einer Erschöpfung hervorrufen und welche von den Medien nicht selten kolportiert, in jedem Falle aber forciert werden – vielleicht der einzige Aspekt, der nicht auf Ingenieure, Industriemechaniker und Bäckergesellen zutrifft.

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Das Beispiel Julian Draxler zeigt das alles nicht. Seit seinem entscheidenden Tor im DFB-Pokal 2011 gegen den „Club“ aus Nürnberg mit dessen damaligen Trainer Dieter Hecking, kann man Draxler bestenfalls punktuell hundert Prozent attestieren. Eine Konstante bleibt er bis heute Fans und Verein schuldig.

Zugegebenermaßen lag das primär an seinem Alter. Man stelle sich nur einmal vor, man selbst ballere mit 17 Jahren einen großen Bundesligaverein in der 119. Minute nach Lehrbuchübersteiger und 20 Meter-Hammer ins Halbfinale des Pokals. Wie läuft da der nächste Schultag ab? Wie empfindet man die Blicke in der S-Bahn, wie im Supermarkt? Für extreme Vergleiche steht Boris Becker sicherlich gerne zur Verfügung, der Mitte Juli 2015 im aktuellen Sportstudio noch einmal resümierte, dass sein Wimbledon-Sieg menschlich gesehen viel zu früh kam, sehr vieles danach in die falsche Bahn gelenkt wurde und er sich erst Jahre später wieder auf Tennis konzentrieren konnte.

Zugegebenermaßen spielen auch Draxlers Verletzungen keine untergeordnete Rolle. Gerade die Art Fußball, die Draxler abseits seines großen Talents so außergewöhnlich macht, fordert hundertprozentige Fitness. Schnelle Dribblings, abruptes Abstoppen, von außen nach innen ziehen, ein, zwei Übersteiger und nicht selten wartet ein Schienbein des Abwehrspielers – eine extreme, und stets der Perfektion unterworfene Spielweise, die unter hundert Prozent keiner Mannschaft weiterhilft. (siehe: Arjen Robben und Frank Ribéry) Das ständige Ausscheiden und das Vielleicht-Auflaufen tun den Besten ihrer Gattung auf Dauer weh.

Summa summarum jedoch kommt man nicht um die Tatsache herum, dass Draxler ein ad hoc-Genie ist, der es in vier Jahren Schalke zwar immer wieder zu Galaauftritten wie beim 2:0 CL-Erfolg bei Arsenal London oder im Derby 2013 brachte, die Leistung aber bis heute nie länger als über zwei, maximal drei Spieltage halten konnte. Druck entsteht nun einmal durch erbrachte oder eben fehlende Leistung. Es waren nicht die Fans des FC Schalke, die Draxler in die Nationalelf geschrien haben und es war auch nicht der Verein allein, der ihn auf heroischen Werbebanden wie einen Zenturio durchs Ruhrgebiet zog. Zuvor hatten Spieler und Berater in puncto Vertragsverlängerung lange taktiert und nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit Glaubwürdigkeit und Vertrauen gepokert.

Es ist doch sehr verwunderlich, dass gerade jetzt, wo Schalke kein Saisonziel vorgibt, der Kader von Platzhirschen wie Jones und Boateng befreit wurde und mit Andre Breitenreiter ein Trainer mit schützender Hand in Gelsenkirchen arbeitet, Julian Draxler von „zu viel Druck“ spricht. Mehr noch. Absurd ist vor allem Draxlers Aussage „bis jetzt zwar keine Narrenfreiheit“ in Schalke genossen zu haben, aber in Wolfsburg „jetzt im Training noch mehr gefordert zu sein“. Ohne große Interpretationen macht ein Spieler also klar, dass er nah dran war, Narrenfeiheit zu genießen, gleichzeitig aber dem Druck und der Erwartungshaltung nicht mehr gewachsen ist. Dazu passt, dass Draxler nie einen Hehl daraus machte, die „Zehnerposition“  für sich zu beanspruchen, obwohl er dort trotz vieler Einsätze nie glänzte und seine besten Spiele immer auf den Außenbahnen absolvierte.

Die Definition von Druck ist hier Farce und Alibi in einem. Der Wechsel ruft abseits von 36 Millionen Euro Ablöse nach Gründen, und Draxler nennt welche, die für jeden Schalke Fan einem Schlag ins Gesicht nahe kommen. Denn Draxler wurde von den Fans stets behütet. Mitspieler, die in grausamen Partien weder besser noch schlechter waren als er, wurden weitaus mehr angegangen als das Schoßkind mit der Nummer 10. Soll er einfach sagen, dass ihn das Gehalt gelockt hat und er enttäuscht war über den geplatzten Juventus Deal, träumt er doch bekanntlich auch jetzt noch vom Ausland. Vielleicht würde dieser Umgang mit Ex-Vereinen und Ex-Fans und weniger Herumdrucksen einigen Profis viel Ärger ersparen. Machen Ingenieure, Kfz-Mechaniker und Bäckergesellen ja auch.

hrp

Boleynsche Tränen

Es geht um Liebe. Und Schmerz. Eine lange Beziehung geht in ihre letzte Runde. Sehnsucht jetzt, Trauer schon gestern. Heute Abend fühle ich mich wie bei meinem ersten Besuch. Es sind keine drei Minuten vorbei, als ich das erste Mal tief Luft holen muss. Der Kommentator erzählt, dass die folgende Saison für die Fans eine sehr emotionale werden würde. Dass man als Fan von jetzt an sehr stark sein müsse und jede Minute genießen sollte. Der Kommentator erzählt von den Menschen dieses Viertels. Seit jeher Multikulti, Arbeitervolk, Familie – erzählt davon, wie die Menschen dieses Viertels nach dem zweiten Weltkrieg zuallererst ihr Stadion wieder aufbauten. 111 Jahre Liebe gehen nach dieser Saison zu Ende. Die Liebe zu einem Stadion, das nie große Erfolge feierte und doch jeder kennt. Halbzeit. AC/DC volle Lautstärke. Stiernacken, Tattoos, Cockney Rejects. Im Hintergrund Reihenhäuser. Weit weg von Piccadilly Circus und Buckingham. Erinnere mich daran, wie ich nach einem Spiel gegen Wolverhampton in der Stadt kein Bier wegen meines Schals bekam. („No, it´s too dangerous, I´m very sorry!“) Eines der beeindruckendsten und zugleich kontroversesten Stadien beginnt seine Abschiedstournee. Danach ist Schluss. Kein Museum, nichts. Stattdessen Parkplätze und Wohnkomplexe. Ich weine schon wieder. Ich sagte ja: Es geht um Liebe. Ich bin so unendlich traurig.

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Oooooh! Aaaaah!

Unbenannt3:49Uhr. Hellwach. Soeben ging zu Ende: Chile vs. Mexiko. 3:3. Meine Nerven liegen blank. Das soll nicht heißen, dass ich auf Phrasen stehe. Ich meine es wirklich so. Meine Nerven liegen blank! Komplett! Ein unglaubliches Spiel liegt hinter mir. Ein Spiel, das so viel Taktik inne hatte wie das 13:11 meiner ersten E-Jugend-Schlacht. Rauf und runter. Scheunentore so unendlich offen wie das bekackte Universum.

Die Kommentatoren sind Amerikaner. Beide null Ahnung. Der eine versucht sich mit Vidals Kilometerstatistiken. Der andere schreit einfach nur. 90 Minuten. Kann nicht schlafen. Höre ihn immer noch: „GREAT BALL…OOOOOOOH“. 2. Minute. Das bei einer Ecke, die aussieht wie der Freistoß eines Balljungen. „VERY VERY CLOSE AGAIN!“, he said…he screamed! Acht Meter drüber. Zwei Amerikaner, die von Fußball noch weniger Ahnung haben als Katrin Müller-Hohenstein im Kitzbühel-Urlaub mit Steffen Simon. Die Nerven liegen komplett…..“OOOH…GOOD BALL! MAGNIFICANT! ALEXIS IS JUST….ARE YOU KIDDING ME!?”. Auf dem Spielfeld wird der Schatz der Azteken gesucht. Alles zehn Meter wird der Boden umgepflügt. Danach eine Chance nach der anderen. Ding, dong…“TAKA-TIKI“, he said. Fühle mich wie beim Autoscooter, bin 16 und auf meiner Dorfkirmes, ohne Mädchen. Alles schreit, lacht, heult, der Typ in Freeman T. Porter Hose brüllt mich wieder an: „OOOOH VIDAL….AAAAAAH WHAT A RESPONSE! AAAAAH!“ Mexiko mit einer B-Elf. Zum zehnten Mal in zehn Minuten. Aber…“LOOK AT THIS!!!“ Steve Irwin lebt! Wieder ist der Ball drin. Wie heißt dieser Kommentator nur. Gebt ihm noch mehr Drogen. Bitte! Dann bleib ich jede Nacht wach. Chile schießt zwei Tore. Abseitstore. Die Nerven liegen blank. Komplett. „UUUUH, A PENALTY!“. Vidal läuft an…und…eine riesige Abrissbirne durchschlägt meine Wohnzimmerwand. Auf ihr tanzt ein Amerikaner mit einem Mikrofon so naturgeil wie Katie Perry beim Superbowl. „YEEEEEEEES! AAAAAAH! I´VE NEVER SEEN THIS BEFORE!“ Das erste Mal, dass er keinen Scheiß redet. Er hat wirklich noch nie Fußball gesehen. Wirklich: noch nie. Aber was ist das? „LOOK AT THIS! WHAT A BALL!“. Das Spiel ist seit Sekunden unterbrochen, alle Spieler drehen sich bereits teilnahmslos weg. Nur Steve Irwin will ihn einfach nur versenken wie….OOOOOOOOOOHHHH!!!!! AAAAAAHHHHH!!!!

Manchmal gewinnst du allein

Beim Hinrunden-Auftakt in Hannover legten sich die Schalke-Fans via Choreographie fest: „Du gewinnst nie allein!“ Seit dem Sieg gegen Paderborn am vergangenen Samstag wissen wir: manchmal gewinnst du allein. Sogar in der Bundesliga. Ja, sogar einsam. Platz 5. Europa League. Trotzdem eine Stimmung wie seit Günter Eichberg nicht mehr. Was sich „Auf Schalke“ vor, während und nach dem Spiel gegen den aufopferungsvoll kämpfenden SC Paderborn abspielte, ist als Novum im deutschen Fußball zu betrachten.

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Zu keinem Zeitpunkt nämlich ging es an diesem Tag dem weiten Rund um das von den Verantwortlichen so hoch proklamierte „Hauptsache drei Punkte“-Gerede. Das alles war zweitrangig. Ein 1:0-Heimsieg war zweitrangig, ja sogar die Europa League. Es ging um die legitimierte, laut Satzung so wunderbar klingende Teilhabe der Fans, die Zukunft ihres geliebten Vereins mitzubestimmen. Und somit um ein Thema, was viele Vereine betrifft, in denen der Graben zwischen Vereinsführung und Fans immer größer wird. Das Gelsenkirchener Barock ist nur ein wenig rauer und mit 130.000 Mitgliedern massiver aufgestellt als dass es sich Verschmutzung gefallen ließe.

Es gab da dieses Plakat der Ultras-GE, das als repräsentativ der Schalker Zustände über den Medienäther geblasen wurde: „Der Fisch stinkt vom Kopf!“ Das c und t sind dabei als Initiale des Vereinsbosses Clemens Tönnies rot markiert worden. Man könnte denken, dass es dem Aufstand der Pott-Plebejer also um ein oder zwei Köpfe (Horst Heldt) ginge. Doch bei genauer Betrachtung geht es um die Gesamtstruktur der oberen Etagen und dauert schon sehr viel länger an als eine schlechte Rückrunde. Es ist kein Zufall, dass die Fischkopfmetapher nicht das erste, sondern eines der letzteren Plakate war, welches die Ultras an diesem Tag in Großbuchstaben präsentierten. Auf dem Allerersten war die zweite Zeile des Vereins-Leitbildes zu lesen, die für manche Schlagzeile nur etwas zu lang und vielleicht auch etwas zu langweilig klingen mag: „Er ist und bleibt immer noch ein eingetragener Verein im Sinne des deutschen Vereinsrechts!“. Ein Plakat wie ein demokratischer Dosenöffner. Ein Plakat, das weitaus bedeutender ist als ein „Fischkopf“ namens Tönnies. Ein Plakat, das klarmacht: an uns kommt ihr nicht vorbei!

Wer nach zahlreichen Gazprom-Protesten, epischen Viagogo-Fails und legendären Jahreshauptversammlungen nach diesem Samstag immer noch denkt man könne in Schalke die Rechnung ohne das Mitglied machen, wird sehr tief fallen. So wie der einstige Präsident Günter Eichberg im Zuge eines ominösen Schuldenbergs von 17 Millionen DM. So wie der einstige Präsident Günter Siebert, der 1975 für die Verpflichtung eines Brasilianers die Eintrittspreise erhöhen wollte. Alleingänge der Führungsetage führen in Schalke seit jeher dazu, dass die Kasse hinterher leerer ist als vorher. Sollten Tönnies, Peters und Co. ernsthaft eine Ausgliederung der Fußball-Abteilung anpeilen, stehen die Zeichen auf Sturm. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Nein, nach diesem Samstag müsste auch der letzte Funktionär am eigenen Leibe erfahren haben, dass ein Verein wie Schalke eben keine Firma ist und sich die Angestellten besser nicht vom Chauffeur zum Training fahren lassen sollten (Boateng). Die Stimmung kochte. Und die Proteste gingen nicht allein von den Ultras aus, sondern von einem lautstarken Kollektiv, das nach der Halbzeit zunächst Huub Stevens, kurz darauf Gerald Asamoah und schließlich Ebbe Sand besang. Ja warum nur? Das fragte sich 2013 nach einem Heimspiel aus der Hölle gegen Greuther Fürth auch Jermaine Jones vor laufender Kamera, der die Sympathien für Asamoah nicht verstehen wollte. Wie auch. Selbsterklärend. Auch er geht als eine Personalie in die Schalker Annalen ein, die rückblickend ebenso viel Unruhe und Fragen zur Personalpolitik hinterließ als der Prince höchstpersönlich. Ein Jeder merkte, dass die Gesänge am Samstag kein Scherz oder der Anflug von Resignation waren. Es waren Ausrufe, die ein beinah romantisches Bild einer Fankultur zeichneten und die unterstrichen, dass es den Fans nicht bloß um Meisterschaften, Champions League oder drei Punkte geht.

Völlig unangemessen ist, das derzeitige Verhalten der Fans als unverhältnismäßig zu beurteilen. Seit Saisonbeginn sind Arena und Gästeblöcke ausverkauft und werden mit großartiger Unterstützung unterlegt. Doch geboten bekamen die Fans nicht bloß eine schwache Nullnummer, nein. Es waren fassungslose Auftritte im Derby oder zu Hause gegen Freiburg, bevor es schließlich in Mainz gipfelte, in Köln explodierte und gegen Paderborn eskalierte. Eine Eruption war zu erwarten, nur das Ausmaß war unklar. Zu lange schon steht die Vereinsführung in der Kritik, die abseits der „großen“ Themen immer wieder gut für völlig deplatzierte „Aktionen“ ist.

Vor dem Spiel gegen Paderborn wurde unter den Linsen von Fotografen und Kameraleuten auf dem Spielfeld ein Banner mit den besten Grüßen an Zenit St. Petersburg entrollt. Der russische Club stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Gewinn der Meisterschaft und wird neunzig Jahre alt. Zwischen den Fanlagern gibt es keinerlei Verbindung. Vor allem steht Zenit immer wieder wegen seiner rassistischen und homophoben Fans im Fokus, die nach der Verpflichtung eines schwarzen Spielers kurzerhand ein Dogma mit 12 »Selektions-Regeln« aus dem Ärmel schüttelten, das an fremdenfeindlicher Ideologie schwer zu überbieten ist. Was das alles mit Schalke zu tun hat? Ganz genau – nichts. „Schalke war immer ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Nationalitäten und soll es immer sein. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein.“ So heißt es im Leitbild, nur scheint Gazprom inzwischen mehr als nur einen Fuß in der Tür zu haben. Anders sind solche symptomatischen Griffe ins Klo, obendrein an einem solchen Tag in der Arena, nicht zu erklären.

Am Ende war es nicht überraschend, dass die niedergeschlagenen Gäste stehende Ovationen der Schalker Anhängerschaft empfingen. Dabei taten sie nicht mehr als zu kämpfen, nach Abpfiff den Mitgereisten Beifall zu klatschen und sich geschlossen in einem Kreis zu formieren. Summa summarum also all das, was bei der Heimmannschaft zurzeit völlig undenkbar erscheint und doch eigentlich typische „Kumpel“-Eigenschaften von Kuzorras Erben sein sollten. DIE Mannschaft gibt es in Schalke nicht, nur Kleingruppen unterschiedlichen Alters, die Woche für Woche willkürlich zusammengewürfelt werden.

Drei traurige Beispiele: Leroy Sané (19) macht in Madrid das Spiel seines Lebens, trifft vier Tage später gegen Berlin und muss nach einer schwächeren Leistung gegen Leverkusen wieder 90 Minuten zuschauen. Marvin Friedrich (19) rutscht in Wolfsburg aus dem Nichts in die Startelf, ist mit Fährmann der beste Schalker an diesem Tag und steht danach nie wieder auch nur im Kader. Und Max Meyer (19) weiß inzwischen wahrscheinlich nicht einmal auf welche Tribüne, Ersatzbank oder Position er eigentlich hingehört. Die Liste dieser Beobachtungen ist lang und man kann nur, auch im Sinne deutscher Auswahlmannschaften, sehr hoffen, dass die großartigen jungen Talente der „Knappenschmiede“ bei dieser Tour nicht vor die Hunde gehen.

Bei kaum einem anderen Verein werden solche Beobachtungen kritischer wahrgenommen, was eigentlich kein Fluch sondern ein Segen sein sollte. Wappen küssende Boatengs, „Wir leben dich!“-Mottos und Bergbau-Spielertunnel braucht es in Schalke nicht. Es braucht weder einen Facebook-Höger im Cabrio, noch einen Twitter-Fuchs, der nach beschämenden Spielen die Anstrengung der Flugmeilen moniert. Es braucht Menschen wie Jiri Nemec, der in neun Jahren Schalke kein einziges Interview gab und laut Rudi Assauer nur deshalb keine Tore schoss, weil er Umarmungen hasste – und so gesehen letzten Endes nur eines tat: Malochen. Damit ist man in Gelsenkirchen nie allein.

hrp

Hineininterpretiert!

Aqasay

Die Schlagzeilen von heute, 22.04.2015 (übersetzt von Bing): 

+++219+++ Allrounder, die braucht der Dieter. Am besten jene, die Abwehr und Mittelfeld vereinen. Logisch in Zeiten der 3er-in-5er-Ketten-Transformers. Christian Träsch, der Optimus Prime von VW. Ein wandelbarer Kicker im mittleren Fußballalter entscheidet sich für Geld, Champions League, wenig Ansehen und den Ersatzbankplatz neben Aaron „Bumblebee“ Hunt.

+++220+++: Jobgarantie. Ein Wort aus der Hölle. Ich verspreche dir, Schatz: es war rein körperlich! Beziehungen in der Bundesliga sind nicht einmal das. Ab wann wird also am Stuhl gesägt? 1, 2 oder 3…und ob du wirklich richtig stehst, siehst du wenn das Licht ausgeht. Kommt jetzt Neururer?

+++221+++ Und nächsten Samstag punktgenau 17:15Uhr isses wieder alles Kokolores und ohne Eier und, ach komm hör auf! Unterschriften! Verträge! Handschläge! Vetrauen! Pff! Dat kann ja jeder sagen! Teletext Lügenpresse!

+++224+++ Liebe Kinder, ihr braucht gar nicht so zu tun als ob ihr das auf dem Bolzplatz untereinander einfach so geregelt bekämt! Fußball ist inzwischen ein Geschäft und alles unter 100% ist nicht mehr Fußball. Aber wenn ihr erwachsen seid, versteht ihr das sicherlich. Bis dahin noch einen schönen Abend. Euer Claus Kleber!

+++225+++ Jugend von heute, ey! Alles nur noch Checker und Chiller und Twitter! Wir mussten unsere Bälle noch selber aufpumpen! Und einen „Test“ gab es bei uns gar nicht. Es ging immer direkt los, und wenn der Gegenspieler auf die Toilette musste, dann ging man mit! Ja, noch ein Pils bitte! Danke!

+++226+++ Mein Gott, Calgiari, du schönes Cagliari. Sardinien, Dom, Basilika, Opernhaus, Platz 19. Aber halt, Stopp! Jetzt rede ich, Gianluca Festa! Ich bin in Cagliari geboren, war Profi in Cagliari, kenne die Menschen, das Umfeld, ja, ich BIN Cagliari! Unserem nächsten Gegner Florenz rufe ich zu: „Gomez kann gar nichts!“

Ich habe das Grauen gesehen!

Es ist, als sei es 1000 Jahrhunderte her. Es regnete. Überall war Dreck. Unter meinen Füßen der Urschleim Darwins. Und dann war mir, als würde ich durchbohrt. Durchbohrt von einer ledernen Kugel, die durch mein Stirn schoss und ich dachte: Mein Gott, diese Schöpferkraft, dieser Gegner, dieser Wille, den Sieg zu erringen, Katharsis. Und dann wurde mir klar, dass sie viel stärker als wir waren, weil sie alles auf sich genommen hatten. Das waren keine Ungeheuer, das waren Brüder, geschulte Einheiten auf Wasser und Brot, aus Demut geboren. Diese, die mit ihren Herzen kämpften, die Familien waren, Kinder eines Vereins, die erfüllt waren von Leidenschaft und Liebe, jener ehrwürdigen Kraft, das Große zu vollbringen.

Ich hab das Grauen gesehen. Das Grauen, das alle Schalker gesehen haben. Sie hatten kein Recht mich zu erschlagen, sie hatten kein Recht, das zu tun, sie hatten kein Recht über mir die Verzweiflung, den Abgesang des Himmels hereinbrechen zu lassen. Es ist unmöglich diese Vernichtung mit Worten zu beschreiben, was notwendig wäre, für jene, die nicht wissen, was das Grauen bedeutet. Das Grauen! Das Grauen hat ein Gesicht und man muss sich dem Grauen stellen. Das Grauen und der moralische Terror kommen plötzlich. Sehr plötzlich. Wir verließen das Stadion erst, nachdem sich alle Spieler endgültig ihrem Schicksal ergeben hatten. Über dem Schlachtfeld heroische Adler, kreisend, greifend nach Resten von Gedärmen. Da kam ein alter Mann hinter uns hergelaufen, der weinte, er konnte nichts sagen.

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Der Fußpfad zur Bahn, eine Schneise der Furcht, der Erniedrigung. Die Adler verfolgten uns weiter, kreischend, dämonisch, und rissen aus den herumliegenden Kutten die weinenden Herzen einfach heraus und ließen sie von hoch oben auf die Tribünendächer fallen. Und ich erinnere mich…wie ich schrie…weinte…wie ein altes Waschweib…ich wollte mir die Zähne herausreißen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war, die Dunkelheit war über meinen Verstand hereingebrochen. Und ich werde mich daran erinnern. Ich werde niemals vergessen. Niemals.

Wenn wir Spieler von solcher Einheit hätten, dann wären wir unsere Ängste los, denn dazu gehören dem Verein Ergebene, die Überzeugungen haben, imstande sind ohne Hemmungen ihre Instinkte einzusetzen, mit Willen. Mich zermalmt der bloße Gedanke, dass mein Sohn vielleicht nicht verstehen wird, worum es wirklich bei einem Fußballspiel geht. Und falls ich dem Fußball entsagen werde, in der Welt umherirre wie ein verloren gegangener Götterbote, möchte ich, dass jemand zu meinem Hause und das meiner Vorfahren geht und es meinem Sohn erzählt. Alles. Alles, was ich empfunden habe an jenem Oktobertag im Jahre 2005. Alles, was ich gesehen habe. Denn es gibt nichts, was mein Geist mehr verabscheut als den Gestank von Lügen über eine karthagische Niederlage. Das interessiert vielleicht keinen Spieler, aber mein Sohn soll sie erfahren. Die Wahrheit über kampflose Niederlagen.

hrp

Allesfahrer

Sie sagt mir, ich sei das Normalste, das Sie je erlebt habe. Sagt sie mir mit einem Tee in der Hand. Der Zeiger springt auf 10Uhr. Ich müsste eigentlich längst los. Sie steht auf und geht zum Fenster. Reihenhäuser mit Mehrgenerationenhaushalten und Vorwerk-Verträgen. Ein Hobby sei generell ja eine Macke, meint sie. Aber mein Hobby sei ja eben kein Hobby mehr. Ihr Tee ist so gut wie leer. Das höre ich am Geräusch. Sie schlürft verzweifelt und tut so als nehme sie tiefe Schlücke. Ingwertee. Also nicht dieser Fertigtee aus Beuteln, nein, nein. Nur heißes Wasser mit kleinen Stücken, nur nicht zu groß geschnitten, wegen des Ziehens, der Wirkung, was weiß ich. „Gut für das Immunsystem!“, sagt sie. „Für was auch sonst!?“, denke ich. Ich müsste eigentlich längst los. Da draußen wäre ich ja anscheinend ganz lebendig, sagt sie. Was auch immer sie mit „da draußen“ meint. Aber bei ihr sei ich ganz normal, zu normal, viel zu normal. So wie ihre Haare.

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Sie geht zum Kühlschrank und brabbelt irgendwas vor sich her. Irgendwas mit Butter und Fett und Gesundheit. „Licht im Kühlschrank geht auch nicht mehr!“, sagt sie. Sehe ich, weiß ich. Ich muss jetzt los. Wenn ich jetzt gehen würde, könne ich ruhig erstmal wegbleiben – wenn mir das Andere jetzt so wichtig sei. Zumindest wichtiger als dieses Gespräch gerade, die Beziehung und so. „Wichtiger als Ingwer und Butter also.“, denke ich. Sie fragt wie es nun weiterginge und ob es weiterginge und wenn ja, was genau ich als Weitergehen „definieren“ würde. Ich hasse dieses Wort. Definieren. Sie macht den Kühlschrank wieder zu. Sonst ist der Stromverbrauch zu hoch, ich weiß. Ich bin also normal. „Dann will ich mal.“ sage ich. Sie weint, als ich ehrlich zu ihr werde. Keine Umarmung. Mitleid wäre jetzt eine Lüge. Also verabschiede ich mich. Mehr nicht. Der Bus kommt. Ich bin also normal. Aber nur jetzt gerade. Ist gleich wieder vorbei. Drei Punkte!

hrp

Gestatten, Lügenpresse!

Furchenautor Rothenpieler aka  Der Edelreservist war mal wieder für das abseits-Magazin tätig und genoss auf der letzten Seite der aktuellen Ausgabe Narrenfreiheit. Verfasst in harten Zeiten, die alles andere als vorbei sind, eben nur nicht mehr bei Jauch auf der Tagesordnung stehen. Daher: lesenswert!

„Eine Heftseite ist wirklich wenig für diese Zeiten, liebe Leute. Übrigens sollte man als Autor auch die Ich-Form vermeiden. Zu persönlich und so. „Eigentlich aber auch total egal!“, dachte ich mir, da ja eh alles Lügen sind. Eigentlich sollte ich mich in die Berge zurückziehen und einen zähdicken Buchschinken abseits jeder Zivilisation schreiben um diesen Wahnsinn adäquat verarbeiten zu können. Mmh, ich frage mich gerade ob jemals ein Journalist gestreikt hat. Piloten, Lokführer, klar, kein Ding. Aber Journalisten? Es geht mir nämlich nicht gut derzeit. Ich schlafe schlecht und weine häufig. Nach dem Aufwachen ist mir mulmig, ja gar schlecht. Das volle Programm. (Mitleidsbekundungen werden gern entgegen genommen!) Liest, hört oder schaut man dann die ersten Nachrichten am Morgen, ist endgültig der letzte Appetit auf „lecker Frühstück“ vergangen: NSU-Prozesse hier, Pegida dort und Marine Le Pen fordert die Todesstrafe. Täglich kotzt das Murmeltier.

Gerne würde ich mir ein Schild basteln mit Parolen wie „Ein Journalist geht um in Europa!“ oder „Der Journalismus ist tot, es lebe der Journalismus!“, auf die Straße gehen und für die Freiheit der Presse demonstrieren. Geht aber leider nicht. Keine Zeit, denn Zeit ist Geld. Und wir haben gerade keine Zeit, weil wir neben Artikeln über Boko Haram, IS und den ganzen Scheiß auch noch über Pegida und die beknackte Angst vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ berichten müssen. Indes macht es wahnsinnig viel Freude über Menschen wie Lutz Bachmann, den Führer – Pardon, Organisator von Pegida, zu recherchieren um dann herauszufinden, dass der nette Herr selbst einmal Flüchtling war und einen Vorstrafenregister besitzt, der so gerade auf eine Toilettenrolle passt. Sie können mir glauben, liebe Leserinnen und Leser, dass sich ein Text über die FIFA dagegen nicht einmal wie Arbeit anfühlt.

Nein, streiken – das darf, das kann ich nicht. Wäre ja noch schöner! Nachher stellt sich noch heraus, dass es „Die Medien“ gar nicht gibt, sich die taz und die FAZ inhaltlich voneinander unterscheiden und wir vielleicht keine Lügner, sondern die netten Nachbarn mit Spießergrill sind. Ich darf sogar einen fußballlosen Artikel in einem Fußballmagazin schreiben, und das ganz ohne Zensur! Ist das zu fassen!? Artikel 5 sei Dank! Übrigens ja: Wir sind alle gleich! Keiner von uns Autoren war je auf einer Journalistenschule oder hatte vor der ersten Text-Veröffentlichung mit Journalismus zu tun, nein. Ist ja auch kein Beruf, nur eine Art lebenslanges Praktikum ohne Gratiskaffee. Wir sind natürlich alle Autodidakten und dachten uns irgendwann einmal im Chemie-Unterricht, dass Journalismus vielleicht auch etwas mit Wahrheit und moralischer Verantwortung zu tun haben sollte, könnte, müsste.

Wissen Sie, seitdem auch dem letzten Schreiberling klar gemacht wurde, dass Printmedien aufgrund fehlender Absätze in naher Zukunft eh aussterben werden, macht das Schreiben umso mehr Spaß. Ich bekenne mich in diesem Zuge übrigens klar zur „Lügenpresse“. Muss ich ja. Denn was in mancher Tageszeitung steht, stammt teils auch aus meiner Feder. Entschuldigen Sie dies bitte vielmals, Herr Bachmann. Ich mache mir deshalb große Sorgen, nicht mehr zum „Volk“ zu gehören. Schließlich sind Journalisten die wahren Geschichtenerzähler und konstruieren Märchen nur des Geldes wegen. Ja, so einer bin ich dann wohl, ich finde nur gerade den Schlüssel meiner S-Klasse nicht.

Also muss ich dann doch wieder in die Tastatur hämmern, wissen wir doch seit Sokrates, dass es durchaus Sinn macht, Gedanken nicht nur auf dem Marktplatz zu verbreiten, sondern auch aufzuschreiben. Gut, Pegida weiß das vielleicht nicht. Pegida denkt bei Griechenland mitsamt Sokrates auch nicht an die Säulen der Demokratie, sondern an die „Schuldenfalle Europa“, die schlechte Pita von gestern oder einfach nur an „Socrates äh Socratis, den Kicker vom BVB halt.“

Ja, zurzeit ist es nicht einfach nur über Fußball zu schreiben, da es automatisch und unausweichlich zu Kontroversen führt. Pegidas Blind- bzw. Spaziergänger, bejubeln in ein paar Wochen wieder die Tore von Migranten und tragen deren Namen auf dem Trikot und im Amateurbereich ist jeder „Schwatte“ herzlich willkommen, der den Ball mehr als zehn Mal hochalten kann. Man ist extrem verwirrt, wie Fußball-Deutschland für Pegida einmal aussehen soll. Flüchtlinge müssen prinzipiell also raus aus Deutschland, wenn er oder sie aber gut kicken, laufen, schwimmen kann, wird noch einmal ein Auge zugedrückt oder wie oder was? Solch großartige Visionen machen sich in den Augen unserer Verbündeten bestimmt richtig gut. Oder ist dann Marine Le Pen unsere Verbündete? Mir wird schon wieder schlecht. Und soll sich bloß kein Fußballfan dieser Frage entziehen, indem „das eine ja Politik und das andere nur der Fußball“ sei. Politik und Sport wurden nämlich noch nie getrennt. Ungelogen!“

hrp

(Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe des abseits° Magazins auf der “Letzten Seite”, in deren Kolumne Autoren “Frei nach Schnauze” schreiben)

Marens Tivoli-Renaissance

20150207_102034Maren geht seit 15 Jahren zum Tivoli. Seit 2009 zum „Neuen“. Sie sagt, sie habe in dieser Zeit so gut wie alles miterlebt, was eine gescholtene Fußball-Seele so miterleben kann. Das 2:1 im Jahrhundertspiel am 4. Februar 2004 gegen die Bayern. Die DFB-Pokalfinalteilnahme und das Europapokaljahr im selbigen. Der Wiederaufstieg in die Bundesliga nach 36 Jahren zur Saison 2006/2007. Der Abstieg nach nur einem Jahr in Liga 2. Der Abstieg aus dem bezahlten Fußball im Jahr 2012. Der „Fast-Abstieg“ als Tabellenzwölfter in der Saison 2013/2014 aus der Regionalliga West-Südwest.

Ja, Maren, da ist schon wirklich viel passiert in nur sieben Jahren. „Achterbahnfahrt“ ist gar kein Ausdruck dafür. Doch nun ist Samstag, der 7. Februar 2015. Die Sonne scheint. Nicht nur in Aachen sagt man „Kaiserwetter“. Doch hier passt es eben am besten. Zuerst sind wir nur zu viert. Dann kommen aus vielen kleinen Straßen und Gassen die Menschen auf den gemeinsamen Weg der Krefelder Straße. Maren huscht ein Lächeln übers Gesicht. Ich sage nichts. Verstehe ihren Blick zu deuten. Was hier passiert ist selbsterklärend. Eine ganze Stadt erwacht aus dem Fußballkoma, das seit Anfang dieser Saison endgültig nach sieben Spielzeiten Tristesse zu verschwinden scheint.20150207_132515 „Der TSV, der TSV, der TSV ist wieder da“ skandieren eine Handvoll schwarz-gelber Schalträger, die aus einer der Seitenstraßen dieser mittlerweile unüberschaubar großen Gruppe an Menschen bilden. Wie ein Sog werden sie zusammen gezogen. Schnell bekommt man Probleme in der Viererkonstellation zusammen zu bleiben. Völlig egal – hier geschieht gerade etwas lange nicht Dagewesenes. Der Tivoli wird wiederbelebt, der Mythos erwacht. Im Stadion angekommen wirkt alles etwas unkoordiniert. Die Anstehschlangen reichen bis zur Hauptverkehrsstraße.

Die Ordner und „Bodychecker“ sind der anströmenden Menschenmassen sichtlich überfordert. Am Würstchenstand sind interessanterweise sämtliche Preisschilder abgeklebt und mit neuen Aufschriften versehen. Oche, ich gönne es dir! Gerne zahle ich die bundesligakonformen 3 Euro für ne Brat und 3,50 fürs Bierchen 0,4. Wir gehen zu unseren Plätzen. Wir sitzen. Ok, wirklich nur der einzige Makel an diesem Tag. Die eingestaubten Sitzschalen auf der Gegengeraden deuten auf das Millionengrab Tivoli hin. Doch Schluss mit dem Quacksalber und Negativgeplänkel, heute ist Kaiserwetter! Heute steht der ewige West-Klassiker auf dem Programm: Oche empfängt Essen. Tivoli gegen Hafenstraße.20150207_131144 Frank Mill, „Ente“ Lippens und Helmut Rahn. Der Boss versteht sich. Erik Meijer, Willi Landgraf und Rainer Plaßhenrich. Meine Fresse, ist das Was? Geht mehr? Für Maren wohl kaum an diesem Tag. Aachen siegt in einem durchschnittlichem Spiel mit 1:0. Will ich den Jungs da unten aber auch nicht übelnehmen. Vor 30.313 Zuschauern haben wohl die Wenigsten von ihnen gespielt. Aber wen interessiert bitte das Spiel, geschweige denn der Verlauf, taktisches Verschieben, Umschaltspiel oder Gegenpressing? Ehrenrunde der Mannschaft ist Ehrensache.

Wir verschwinden nach kurzen Ovationen ebenfalls aus dem Stadion und Schlängeln uns in der Menschenschar durch die Stadt. Eines hat der Rück- mit dem Hinweg gemeinsam. Die Leute strahlen, Maren strahlt. Sie sagt nicht viel. Kein Typ für überschwängliche Emotionen. Trotzdem meine ich, pures Glück aus ihr heraussprießen zu sehen. Nur halt so innerlich. Als schreie ihr Herz mit aller Kraft: „Der TSV, der TSV, der TSV ist wieder da“.

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(Alemannia Aachen vs. Rot-Weiß Essen 1:0 (Behrens, 39. Min.); Sa. 07.02.2015, 14:00, 20. Spieltag, Regionalliga West)

1987: Soccermaster

Die Floppy Disk liegt in dreifacher Ausgabe in einer Plastikbox. Ende des Jahres wird aus dem Retro-Trio ein Quartett werden. Sorgfältig von Papierhüllen ummantelt, penibel archiviert. Staubfrei versteht sich, weit entfernt von Kellerregalen oder Dachböden. Feuchtigkeit oder Hitze sind der Tod jeder Diskettenfamilie. Noch wird die Familie größer, noch gibt es über zehn „nackte“ Disketten, die ihre je 664 freie Blöcke bzw. 166 KB dem jährlichen Kopierritual eines jeden Commodore 64-Fetischisten zur Verfügung stellen. Eine Opfergabe. Ein Tribut. An all die Ahnen, die nicht mehr leben, weil Mutti in irgendeinem Sommer der Neunziger die Jalousien hochzog und die grellen, heißen Sonnenstrahlen das schwarzmatte Plastik der 5,25er Disks zum Schmelzen brachten, während die „Generation Joystick“ in der Schule kauerte und Kohl sich mit Gorbatschow noch in Hinterzimmern traf. Eine Überlebende aus jener Zeit ist Disc Nummer 412 mit den Spielen „Summer Games“, „Boulder Dash 1-3“ und „Soccermaster“. Allein diese drei Begriffe lösen bei C64-Ludolfs leidenschaftliche Orgasmen aus. Soccermaster aber öffnete für Fußballfans eine neue Dimension und wurde wegen seiner Geilheit und graphischen Unterwerfung zugleich einfach nur „SM“ genannt.

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Zunächst einmal ist es ein Ding. Ein echtes Ding, diese Diskette, die aussieht wie eine quadratisch, praktisch, gute Ritter-Sport für Satanisten. Pechschwarz, spindeldürr. Ein Ding, das man benutzen kann und keine Datei aus dem Internet oder ein Befehl zu einem Download ist. Das Ding schiebt man in einen Floppy, das Mutterschiff aller C64-Dinge. Erst dann kommt der Befehl: LOAD “SOCCERMASTER“ ,8,1. Es folgt eine Wartezeit von 124 Sekunden. Der Floppy röhrt dabei wie ein Uhrwerk, manchmal auch wie ein Staubsauger von Vorwerk. Je nach Tageslaune. Plötzlich eine Grafik vor rotem Hintergrund. Auf schwarzen Buchstaben wird dem Spieler der Vater dieses Fußball-Managers nähergebracht: Soccermaster written by Thorsten Wölki, 5. September 1987. Aha, es wird also noch geschrieben und nicht produced by. Von anonymen Chiffre wie „EA Sports“ (I´ts in the game!) ist noch keine Rede. Man weiß sofort, wer verantwortlich ist für den folgenden Scheiß oder Meilenstein. Romantik der Nerds.

Thorsten Wölki also, der Christoph Kolumbus der Fußball-Manager. Weitere 90 Sekunden Wartezeit folgen. In der Zwischenzeit fummelt man an zwei rot-runden Knöpfen herum und drückt einen Miniknüppel in alle Himmelsrichtungen. Standard während der Wartezeiten. Wohlwissend, dass dies keine Auswirkungen auf das Spiel nimmt. Keine Esc-Tasten oder plötzliche Windows-Fenster, die Thorsten Wölkis Namen demontieren, nein, keine Chance. Der Floppy ist nun in seinem Element. Er läd. Und läd. Kontamination ausgeschlossen. Ein Abbruch dieses Atomkraftwerks ist nur möglich durch das Trennen von sämtlichen Stromquellen. Man weiß nur, dass sich irgendwann ein neues, noch unbekanntes Bild öffnen wird und mit diesem hat man klarzukommen. Pixelpornoklassiker wie „Swedisch Erotica“ (1986) schmiss man also nur dann an, wenn wirklich und auf absehbar lange Zeit wirklich niemand im Haus war.

Die Triebwerke des Floppys verstummen. Es folgt das Auswählen eines Vereins der 1. Bundesliga. Waldhof Mannheim, FC Homburg oder Bayer Uerdingen – die Entscheidung fällt immer wieder schwer. Wer es sich wirklich hart besorgen will, wählt den FC Homburg aus. Nicht, weil dieser Verein mit seiner damals ersten Kondom-Werbung auf einem Trikot einen bundesweiten Skandal entfachte, sondern weil dessen Kicker in Soccermaster durchweg die Stufe „schwach“ bis „sehr schwach“ zugewiesen bekommen. Es dauert also ein paar Spiele (Tage, Wochen), bis man sich ins Mittelfeld der Tabelle retten kann. Dafür gibt es auch keine Cheats oder andere Umwege. Man kann auch nicht wählen zwischen irgendwelchen Schwierigkeitsstufen. Man muss mit dem klarkommen, was Thorsten Wölki geschrieben hat. Auch der Bekanntheitsgrad von Spielernamen hilft aus heutiger Sicht nicht wirklich weiter. Kauft man den damals 25-jährigen Lothar Matthäus, kauft man einen „schwachen“ Spieler für 220.000 DM. Englands Gary Lineker hingegen ist einer der ganz wenigen, denen Wölki einen „weltklasse“-Status zuweist. Dieses Chaos ist das SM-System und macht das Spiel so einzigartig. Man stelle sich vor, Lionel Messi würde beim neuen FIFA 2015 mit Spielerstärke 40 beim FC Sandhausen auf der Bank sitzen, während Tobias Werner nicht für Augsburg, sondern für Barcelona netzt wie früher nur Müllers Gerd. Ist Chaos eigentlich eine Eigenschaft für Kultspiele? Für SM ganz sicher.

Es dauert weitere Joystick-Moves in astronomischer Anzahl, bis der erste Spieltag beginnt. Wer aber jetzt denkt, dass beim Fußball das „Runde ins Eckige“ muss, ist auf dem Holzweg. Man sieht nämlich kein Tor und auch keinen Ball. Von Spielern und Publikum kann keine Rede sein. Stattdessen wird der komplette Spieltag aufgelistet. Nichts passiert. Fast nichts. Am unteren Bildschirmrand laufen mit digitalem Hochdruckbeschleuniger die 90 Spielminuten herunter. Bis man seinen FC Homburg überhaupt auf der Liste gefunden hat, steht es bereits 0:1. Torschütze: unbekannt. Zuschauerzahl: unbekannt. Ein –und Auswechslungen: nicht möglich.

Wenn die Uhr stehenbleibt, eröffnet sich nach einer gefühlvollen Rechtsbewegung mit dem Joystick die Team-Übersicht. Matthäus ist nach der 0:4-Klatsche nun „sehr schwach“, Hans-Peter Briegel bekam die Rote Karte („R“) und Rudi Völler ist, wie meistens bei dem Spiel, verletzt („V“). Achso, einen „früheren Spielstand laden“ um den Abstieg zu vermeiden, ist zu diesem Zeitpunkt der Game-History noch nicht möglich. Der Computer muss weiterlaufen. Tag und Nacht. Im Zimmer breitet sich dieser wunderbare Zockerduft aus und man hofft, dass der Floppy nicht abstürzt – oder Mutti in einem Anflug pädagogischen Wahnsinns den Stecker zieht. Am Ende steigt man ab. Mit Homburg oder Bayern München. Darum geht es.

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Ein Victor und ein Lutscher stechen mit 40 Knoten in See. 2:1-Auswärtsenterung in Mainz nach Di Santos Kabinettstückchen. Eigentlich hätte es 2:2 ausgehen müssen. Nicht aufgrund von Leistungsgleichheit, nein. Es wäre nur schön und gerecht gewesen, wenn jemand Herrn Prödl nicht nur die Goldene Himbeere verliehen, sondern auch so hart ins Gesicht geschossen hätte, dass der Ball im eigenen Tor gelandet wäre. Aber der Fußballgott schaut eben gerne billigen Trash, das weiß ja jeder. Deswegen spielt auch Köln lieber wieder Abstiegsk(r)ampf anstatt nach vorne. Nee, wat unschön! Freiburg im Stile einer klasse Mannscha…nee, einfach nur drei Punkte. Mund wahrscheinlich spätestens auf der A3 abgewischt und jetzt weiter, weiter, immer weiter. Schalke drei Punkte, Arbeitssieg. Nicht mehr, nicht weniger. Is ne Phrase, ok. Aber auch nicht mehr und nicht weniger.

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Also schnell zu „mehr“. Hamburg und Leverkusen im Kampf um Minas Tirith. Nazgûl Schmidt kommentiert mal wieder alles, am liebsten völlig unberechtigte Elfmeter. Vielleicht sollte er u.a. mal Grischnákh Spahic zurückpfeifen, der in Sachen „dreckiges Geschäft“ seit Wochen neue Maßstäbe setzt. Zinnbauer hingegen auch kein Hobbit von Traurigkeit. Alles in allem ein erbärmliches Bild, das kein junges Publikum verdient hat. Bayern schlägt den BVB 2:1. Denn wenn es eng wird, wechselt Pep den Franck und der Jürgen den Adrián ein. Das ist einfach zurzeit der Unterschied und nicht Klöpse à la Subotić, lieber STERN. Ansonsten gab´s noch einen hochverdienten Dreier von Tasmania Paderborn gegen grässliche Alte Damen, Wolfsburgs klare Ansage in Stuttgart inklusive eines VW-Gehirnwäsche-Versuchs von Dieter Hecking im aktuellen Sportstudio sowie ein Madlung-Eigentor der besseren Sorte. Was bleibt? Lucien Favre bleibt! Alles Gute, kleiner, großer Mann. Der Hennes wäre stolz auf dich!

In Liga zwo ist alles wie gehabt: so richtig hart oben liegen will einfach keiner. Platz eins bis drei mit drei Mal Remis. Heute dann noch Red Bull gegen die Jünger Fritz Walters. Wem drücken wir die Daumen? Richtig, dem Fußball. Vielleicht lässt der Fußballgott ja soviel Trash zu?! 1860 geht plötzlich aber rechtzeitig steil, Bochum steckt nach sechs Spielen in Folge ohne Sieg in der Krise. Ja, man darf wirklich von Krise sprechen, ganz ohne Konsequenzen. Insgesamt nur 17 Tore. Die beste 2. Liga aller Zeiten – ist wohl eher die Dritte. Wöchentlich neue Spitzenreiter, zwischen Platz eins und zwölf liegen nur fünf läppsche Pünktchen. Bielefeld verliert in Kiel und rutscht zack, von eins auf vier. Football, bloody hell! Die Zwote des BVB wartet seit nunmehr zwölf Matches auf einen Dreier und ist nun– Vorletzter. Football, bloddy hell, hell, hell!

In der Regionalliga West rangieren der RWE und die Alemannia punktgleich mit dem Ersten, Viktoria Köln. Wird es wirklich wahr, dass einer der großen Namen zurückkehrt? Tivoli und Hafenstraße unter Flutlicht gegen Osnabrück oder Dresden – nicht so ungeil, meine Damen und Herren. Ein Kumpel aus Aachen meinte neulich: „In erster Linie wollen wir aufsteigen, um nicht weiter von Jörg Dahlmann gequält zu werden.“ Soviel Weitsicht sollte belohnt werden!

Auf Weitsicht bleibt auch Manchester United nach der Derbyniederlage gegen den Stadtrivalen (0:1) oder auch der AC Milan nach einer 0:2-Folterorgie daheim gegen Neuling Palermo. 3:1 verliert auch die Fiorentina bei Sampdoria. Gomez eingewechselt, Marin 90 Minuten auf der Bank. Mustafi schürrt Doppelpack beim 3:1 seines FC Valencia bei den Gelben U-Booten. Das ist nur noch zu toppen von Manuel Friedrich, der beim 1:0 seines Mumbay City FC 1:0 gegen Kerala Blasters FC 90 Minuten durchhielt! Keralas Spieler-Trainer ist seit dieser Saison übrigens David James. Muss man wissen! Football, bloody fuck!

Nein, Jens, ich will das nicht mehr!

von Heiko Rothenpieler (völlig neutral)

„Schiri ey maaan, der 5er hat ja mehr Leben als Jens Keller!“ hallte es am Sonntag in der Bezirksliga 4 Westfalen über den Platz. Nuhnetals Trainer Arno Deimel tobte am Spielfeldrand wie das HB-Männchen in seinen besten Zeiten. Auch die spitze Nase und das schwarz-gelbe Outfit ließen die beiden nur schwer auseinander halten. Arno ging es wohl sehr schlecht da draußen. 1:3-Rückstand. 81. Minute. Hilflos, allein, machtlos. Nur sieben Punkte aus acht Spielen. Ich stand in der Nähe und verstand HB-Arno, ihn und seinen genialen Geistesritt in den Metapherkeller.

Heute wurde Keller entlassen. Mein auf lautlos gestelltes Smartphone kämpfte mit 47 WhatsApp-Nachrichten in 13 Chats. Akku leer. Ich antwortete in kleinen Sätzen, versuchte in Kürze episch zu antworten. Schrieb Sätze wie „Ein Volk atmet auf“ oder „Das Leiden hat ein Ende“ bis zu internen Glückseligkeiten wie „Max Meyer darf nun durchspielen“ oder „Roman ‚Bolt‘ Neustädter bekommt es nun schwer haha“. Zwischen neun und zehn Uhr telefonierte ich durchgehend. Danach kommentierte ich like HB-Arno das ein oder andere von Freunden oder ehemaligen Keepern: „Hoffenheim ist doch nur die Spitze des Eisbergs. Du weißt doch selbst wie das ist mit deinen Vorderleuten. Rückt man sie in jedem neuen Spiel zurecht wie Schachfiguren, geraten sie in ausweglose Situationen. Verletzte hin, Verletzte her. Es hat schon viel früher begonnen. Erinnere mich an Höger als rechter Verteidiger beim Pokal-Aus in Dresden. Erinnere mich an eine klar offensive Marschroute in Gladbach mit einer C-Elf und Boateng als Zehner: „Wir hatten einen Plan, der nicht aufgegangen ist.“ (Höwedes) Erinnere mich an Ayhan als rechter Verteidiger in Hannover, der zentral, aber auch nur zentral einer der besten Fußballer auf Schalke ist. Das reicht aber Keller nicht als Einsicht – gegen Maribor musste Ayhan wieder rechts ran. Erinnere mich an Neustädter, der gerade wegen seiner fehlenden Schnelligkeit jemand flottes neben sich braucht. Keller stellt ihm Matip zur Seite. Welch Wunder endet das mit Gelb-Rot. Die Liste an taktischen Fehlern ist so lang wie seine ganze Trainerzeit. Und soll mir bloß keiner mit dem Derbysieg kommen. Auch da weißt du bestens, dass dies über Emotionen geht und eigene Gesetze beinhaltet. Hannover, Hoffenheim, Frankfurt, Ligaalltag – darum geht es leider Gottes eben auch! Spätestens das Auftreten gegen Saloniki hätte als letzte beispielhafte Phase das Ende des Trainers bedeuten müssen.“ 

Nun ist es 13Uhr und ich habe beschlossen einen Strich unter dem Ganzen zu ziehen. Ich reg mich nicht mehr auf. Nein, Jens, ich will das nicht mehr! 21 Monate habe ich das getan und mich jedes Mal gefragt, warum keiner außer dem Trainer selbst vor laufender Kamera seine Monate Auf Schalke derart penibel zählt. Das hat jetzt ein Ende. Ich wollte dem Mann nie etwas Böses, schon gar nicht wegen seines traurigen Blickes, was – wie ich finde – in die unterste Schublade gehört und an denunzierender Kritik kaum zu überbieten ist. Für einen Jugendtrainer, der mit Kölner SpoHo-Kladde die Kabine betritt, wird es für Keller immer reichen. Für mehr aber auch leider nicht. Das weiß auch HB-Arno.

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Der traurige Torero

von Benjamin Quaderer

Still liegt der Gardasee an den Ufern, blau leuchtend, flankiert von den Alpen. Die Sonne legt ihre Strahlen auf die Dächer des verschlafenen Örtchens Riva del Garda. Katzen streifen gemächlich durch leere Gassen, aus den Wohnungen hört man Besteck auf Porzellan aufkommen. Die Glocke des Kirchturms schlägt zwölf. Die Glocke des Kirchturms schlägt für Mario Gómez.

gallery1_bGerade hat Halbspanier Gómez sein letztes Interview im Trikot des FC Bayern München gegeben. Im Trainingslager. Vor Palmen. Mit nostalgischem Blick. Die Locken des Interviewers haben im Sonnenlicht golden geleuchtet. Mario ist stark geblieben. Er hat mit fester Stimme gesprochen. Nur selten ist sie brüchig geworden. Nur ein einziges Mal. „Es ist immer schwierig, den besten Verein der Welt zu verlassen.“ Immer? Hat er das auch gesagt, als er den SV Unlingen verlassen hat, bei seinem Abschied vom FV Bad Saulgau? Waren das die Worte, die er benutze, als er dem SSV Ulm oder dem VfB Stuttgart den Rücken kehrte?

Jetzt steht Gómez, den seine Fans liebevoll „Torero“ nennen, im dritten Stock des 5-Sterne Hotels Lido Palace und blickt auf den Gardasee. Der FC Bayern hat es komplett gemietet. Der offene Koffer liegt auf dem Bett der Junior Suite. Was erwartet ihn in Florenz? Ebenfalls Kingsize Bett und 42 Zoll Satellitenfernseher? Sanitäranlagen aus Corian, tiefe europäische Badewannen? „Ich liebe den Fußball an sich. Ich wollte einfach mehr spielen“, gibt sich Gomez bescheiden. Tränen sind Stierkämpfern fremd. Es ist die Melancholie, die ihnen gehört.

Wenn doch endlich Sonntag wäre

5f24_ohren_zuhaltenIch will es alles nicht mehr hören. 11 Freunde weiß „5 Gründe für den deutschen Erfolg“, Andi Brehme zieht Parallelen zu 1990, Jens Lehmann adelt Manuel Neuer, Argentinien hat seit 2006 kein einziges WM-Spiel mehr verloren, außer 2x Deutschland versteht sich (vom „Hattrick“ ist die Rede) und Karlheinz Förster weiß, dass ein Spieler allein Messi nicht ausschalten kann. Ich will es nicht mehr hören. Wenn doch endlich Sonntag wäre. Ob Di Maria nun doch spielt? So wunderbar überragend wie im gesamten Turnier also? Es ist mir egal. Ich möchte raus an die frische Luft, möchte spazieren gehen und den blauen Himmel betrachten, möchte mich an Briefmarkensammlungen erinnern, möchte an Schnitzeljagden auf Kindergeburtstagen denken, möchte wieder Weltmeister werden. Bixente Lizarazu sagt dem „Kicker“, dass Deutschland im Gegensatz zu Argentinien ein Team hätte. Weiß ich doch. Heißt aber nichts. Ich will es nicht mehr hören. Wenn doch endlich Sonntag wäre. Sonntag, ein wunderbarer Tag. Keine Geschäfte offen, keine Verpflichtungen, nicht einmal Rasenmähen. Eine wunderbare Zeit. Wimbledon war, Tour de France ist, die WM gipfelt und beim HSV ist alles beim Alten. Wenn doch nur endlich Sonntag wäre.

Klose 1:0

Kaputte Straßen. Joghurt 0,99€. Überall kaputte Straßen. Wahrscheinlich ist die Stadt verarmt. Alkohol. Apotheken mit netten Damen, Milfs. Politik hier, mal da. Der Netto wurde umgebaut. Schmelzer im Aufgebot. Angebot. Raus. Lachs 3,59€. Nachhaltige Fischerei. Für die WM in Brasilien gibt es nun Angebote, also diese Angebote eben. Wie von Mike Krüger und Hagebaumarkt. Bewegung in der Ukraine-Krise. Stefan Kießling. Zu Hause bleibt sich´s am besten mit OBI. Heckauswurf-Rasentraktor „Mastercut 155-92“: 1599 Euro. Am nächsten Morgen legte ich mich wieder eine Weile ins Bett. In der Küche fand ich ein paar leere Flaschen, die ich zu Geld machte. Dann onanierte ich langsam und genussvoll, schlief ein. Über 15.000 sind dabei – stellen sie jetzt ihr WM-Team auf. Alkohol. Kicker. Irgendwas mit Herberger. Wieder am Schreibtisch. Nein, doch auf der Couch. Plötzlich. Die „Sesamstraße“ erhält Preis für Programm mit dem größten Einfluss auf die Entwicklung des Kinderfernsehens in den vergangenen 50 Jahren. Fujuma völlig unterschätzt. SKANDAL! Alkohol. 06.Juni. Temperatur 7,4 °C. Südwind 4,0 km/h (1 bft). Luftdruck auf NN 1.018,2 hPa. 06. Juni 1961: In Stuttgart unterschreiben die Ministerpräsidenten der Länder den Staatsvertrag zur Gründung des ZDF. Müller-Hohenstein 4 Jahre alt. Alkohol. Alkohol. Raphael Wolf wird 26 Jahre alt. Werder Bremen. Werden Bremen II. Beim HSV angefangen. Dann abgeschoben. Wie auch sonst. Haben vor in nächster Zeit vorm Hof ca. 650m2 (8cm dick) zu asphaltieren zu einen Preis von 85€/t (ca. 7m² Fläche/t)! Was habt ihr bezahlt bzw. ist es ein günstiges Angebot?? Kaputte Stadt. Spanien wird Weltmeister. Toni Kroos kein Karma. Gianna Michaels. Riesen Brüste. Auch Geburtstag. (* 6. Juni 1983 in Seattle, Washington) Riesen Brüste. Echt. Echt. Die sechs oder sieben Blocks bis zu meiner Pension ging ich immer zu Fuß. Die Bäume entlang der Straße sahen alle gleich aus: klein, verkrüppelt, halb erfroren, ohne Blätter. Ich mochte sie. Ich ging meinen Weg unter kalten Mond. Dann eine Weggabelung. Dann Stefan Kießling. OBI Geschlossen. Grill 9,99€. Wurst aus. Straßenlaternen so nah. Der Marder so da. Stadtdschungel und Puplic Viewing. Ich bin wieder hier, in meinem Revier. Klose 1:0

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Mein Sportidol

Als ich vier war, bekam er seinen ersten Profivertrag. Da war er sechzehn. Siebzehn Jahre später, im Sommer 2006, verabschiedete er sich von der großen Bühne des Fußballs. Heute ist er Vater von vier Söhnen. Jeder von ihnen spielt in der Jugend von Real Madrid. Bei den Königlichen. Den Besten ihres Alters. Ob Sie eines Tages einmal in die Fußstapfen ihres großen Vaters treten? Unmöglich. Einfach unmöglich! Sie werden so hilflos sein. So überfordert. So allein mit sich und ihrem Talent. Bekannt, lediglich durch ihren berühmten Nachnamen. Sie werden noch so viel Tore schießen, noch so viele Titel holen – sie werden immer nur die Söhne „von“ sein.

Bestenfalls wird es ihnen ergehen wie Lionel Messi. Dem Argentinier. Dem vierfachen Weltfußballer, dem vierfachen Champions League Gewinner. Heute Superstar. Und morgen? Morgen wird er wieder einer jener Söhne Argentiniens sein, die es nie aus dem Schatten Maradonas heraus schafften. Ihm mangelt es nämlich an Mythos, an Ecken und Kanten, mangelt es an eigenem Profil und Che Guevara-Tattoos. Nicht einmal eine „Hand Gottes“ kann er vorweisen. Als Messi mit einem 60m-Sololauf Maradonas „Jahrhundert-Tor“ der WM 1986 gegen stümperhafte Engländer nahezu exakt kopierte, entschied sich die Welt zu urteilen: Ein tolles, gigantisches, unfassbares Tor, das aber letzten Endes doch wieder nur „wie das von Maradona“ aussah. Vergleiche tun weh. Vergleiche werden den vier Jungs noch wehtun. Wenn sie eines Tages als Erwachsene zum Trainingsgelände schlendern und bei jedem Fehlpass von Hinz und Kunz daran erinnert werden, dem Druck des großen Namen nicht standhalten zu können, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Daher wird auch Messi immer nur Messi bleiben. Die Halbgottposition in Buenos Aires ist längst vergeben. Für immer.

Als ich zwölf wurde, bekam einer seiner Tricks einen eigenen Namen. Im gleichen Jahr holte er mit Juventus Turin den „Scudetto“ (italienischer Meistertitel) und wurde zum „besten ausländischen Spieler“ in Italien gewählt. Sein Trick beschäftigte mich sehr. Er war einfach und doch genial. Zwei Ballkontakte mit der Fußsohle plus 180 Grad Körperdrehung, mit hohem Tempo raus aus der Bedrängnis. Voilà! Das war alles. Als ich den Trick das erste Mal sah, erinnerte er mich mitsamt Spielsituation an eine Keilerei in einem Asterix-Comic. Ein Gallier, in der Mitte stehend, umzingelt von wilden Horden oder viel zu vielen Römern. Als der Staub sich nach dem blinden Anrennen der Gegner legt, steht nur noch einer. Einer mit Zaubertrank in seinen Adern. Rückblickend glaube ich, dass ich in jeder sich bietenden Situation auf dem Fußball- bzw. Bolzplatz den Trick versuchte anzuwenden. Ja, ich suchte regelrecht undurchsichtige Spielsituationen mit möglichst vielen Gegnern auf engem Raum. Jene Spielsituation, die den Trick überhaupt erst möglich machte. Einer gegen alle. Der kleine, flinke Gallier befreit sich. Durch einen einzigen Trick, den sonst keiner kann. Gibt es für ein fußballbegeistertes Kind etwas Geileres?

Ein Jahr später veränderte der 21. Juni 1998 die Fußballwelt. Während der Weltmeisterschaft in Frankreich schlugen deutsche Hooligans bei Straßenschlachten in Lens den Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode. Wieder einmal stand die zivilisierte Welt vor der Frage, ob und wie ein Sportereignis inmitten solcher Bilder überhaupt weitergehen könne. In Frankreich herrschte Schockstarre. Fünfzig Jahre hatte man auf eine WM im eigenen Land warten müssen. An jenem Nachmittag schlug große Euphorie mit einem Male in blankes Entsetzen um. Aus Sicht der Veranstalter konnte dem Hass nur mit Sport geantwortet werden. Das stolze Frankreich schrie nach Genesung, schrie nach einer Antwort ihrer Mannschaft, ihrer Équipe Tricolore. Der Traum vom Titel im eigenen Land avancierte zu einem Trotzmechanismus, der an Kollektivbewusstsein und Patriotismus dynamischer kaum hätte sein können. Zwanzig Tage später köpft mein Idol im Finale gegen Brasilien vor 80.000 Zuschauern in Paris das 1 und 2 zu 0. Rivaldo, Bebeto, Ronaldo. Namen von Superstars. Der beste Angriff der Welt? Pfff. Launische Diven mit Tagesformcharakter! Nichts für mich. Frankreich gewann schließlich mit 3:0. Am Ende des Jahres gab es nur einen Namen, der als Weltfußballer in Frage kam. Daniel Nivel hingegen taumelte an diesem glorreichen 12. Juli zwischen Leben und Tod. Erst sechs Wochen später wachte er aus dem Koma auf. Als Weltmeister.

Drei Jahre später kostete er Real Madrid 73,5 Millionen Euro. Nie zuvor hatte ein Club eine derartige Summe für einen einzigen Spieler aufgebracht. Sein Trick gehörte längst zum Repertoire eines jeden Mittelklassekickers. Die einstige Haarbracht war längst einer imposanten Glatze gewichen. Direkt im ersten Jahr mit ihm gewann Real Madrid die Champions League im Glasgower Hampden Park. Nicht, dass dies für mich nur eine logische Konsequenz war, nein. Mich wunderte nicht einmal, dass er das vorentscheidende 2:0 schoss – natürlich per Seitfallzieher aus zwanzig Metern in den linken Winkel. Ich dachte nur beim Anblick dieses, ohne Frage weiteren Künstlerstücks, wieso er den Ball nicht hätte auf diese Weise im Tor unterbringen sollen. Es war ja schließlich er und nicht irgendein daher gelaufener Nobody, der sein Glückstreffer dem Zufall zu verdanken hatte. Was soll ein 73,5 Millionen-Euro-Mann schon mit einer Flanke anfangen. Richtig. Genau das. Achso, der Gegner im Finale hieß übrigens Bayer Leverkusen und Carsten Ramelow war sein Gegenspieler. Belanglosigkeiten gehören eben an den Schluss.

2006 ist das Jahr der Informatik. Kalkulation und Programmierung negieren Überraschungsmoment und Affekt. Bereits vor der WM war klar, dass er nach dem Turnier seine Karriere beenden würde. Die Équipe Tricolore hatte kein Buchmacher auf dem Zettel. Zu hoch war der Altersdurchschnitt, zu mittelalterlich der Spielstil, zu alt der Kapitän. Das war er. Inzwischen 36 Jahre alt. Er wurde Spieler des Turniers und beendete seine Laufbahn. So in etwa hört sich wohl das Karriereende eines Sterblichen an. Eines Spielers, der nur teuer ist und außer Fußball nichts zu bieten hat. Er aber beschloss in der 7. Minute im Berliner Olympiastadion am 9. Juli, dass ein Elfmeter nicht einfach nur ins Netz gehört. Er zelebrierte einen „Panenka“, der von der Unterlatte hinter die Torlinie sprang. Wer sonst hätte Genie und Wahnsinn so eng zusammen treiben können, wenn nicht er. Sein Abgang hätte groß werden können. Gerade jetzt, wo die auserkorenen neuen „Stars“, allen voran Ronaldinho, wie unerfahrene Pubertäre aufspielten, ausgestattet mit Technik und sonst nichts. Viertelfinale, acht Tage zuvor: Ronaldinho, Kaka, Ronaldo gegen ihn. Er alleine wie Asterix. Brasilien schied das erste Mal seit 1990 vor dem Finale aus. Gerade jetzt, wo die modernen Viererketten aufflammten und dem „10er“, dem edelsten aller Fußlümmler seit Pelé, der Untergang prophezeit wurde. Zeit für die Gunst der Stunde, gegen Jugendstil und bunte Fußballschuhe.

Er aber entschied sich anders. 110. Minute. Kopfstoß gegen Materazzi, Italiens Verteidiger. Mit der Wucht einer Abrissbirne. Platzverweis. Karriereende. Im italienischen Fernsehen gab Materazzi später zu, er habe auf das Angebot, ihm sein Trikot zu geben, wörtlich erwidert: „Preferisco la puttana di tua sorella“ (zu deutsch etwa: „Ich bevorzuge deine Schwester, die Nutte!“). Jeder, der jemals im Vereinsfußball aktiv war, wusste, dass dies nun wirklich keinen Ausraster legitimierte. Weiß doch jeder, dass bei Verbalattacken und Provokationen meistens die eigene Familie herhalten muss. Wer diese rhetorischen Entgleisungen seiner Gegenspieler nicht verträgt, steht beim eigenen Trainer nicht gerade hoch im Kurs. Auch hier gilt die Phrase, dass Fußball im Kopf entschieden wird. Ihm war´s egal. Ihm durfte es egal sein. Majestätsbeleidigungen führen seit Pontius Pilatus eben zu körperlichem Leid. Materazzi sank zu Boden wie ein weinendes Kind, während Zidane schuldgeständig die Kapitänsbinde weitergab. Rein sportliche Leistungen erschaffen eben noch lange keine Statue. Diese folgte ein paar Tage später. Der „Zidane“-Trick fällt mir übrigens heute so schwer wie Brot schmieren. Danke, Zizou.

hrp

Die Geschichte eines Fans

„Es war der 7. April 1990. Michail Gorbatschow war seit ein paar Tagen Präsident der UdSSR, „Pretty Woman“ stand in den Kinocharts immer noch auf Platz 1, James „Buster“ Douglas boxte Mike Tyson K.O. und Eintracht Braunschweig, ja Eintracht Braunschweig schenkte dem jungen Jan Roskosch eines der schlimmsten Spiele, die man sich nur vorstellen kann.“

Ein Bericht unseres Autors Heiko Rothenpieler über 7Std-Bahnfahrten zum Heimspiel, lebenslange Dauerkarten und die Tatsache, dass Vereinsliebe vor allem Realitätsnähe bedeutet. (erschienen im Abseits-Magazin, 11. Ausgabe)

Die Geschichte eines Fans: http://deredelreservist.wordpress.com/2014/04/16/die-geschichte-eines-fans/

 

Betreff: Text-Zusendungen

KURZ WAS IN EIGENER SACHE – in letzter Zeit erreichen uns zu unserer Freude mehr und mehr Text-Zusendungen von euch. Dabei bekommen wir häufig die Frage gestellt, ob der eigene Text „gut genug“ für eine Verlinkung sei. Lasst euch gesagt sein, dass wir nicht mit „gut“ oder „schlecht“ urteilen. Wir glauben vielmehr, dass jeder Text einen Kern hat, der etwas Besonderes erzählt. Schön zu sehen im letzten Artikel, „The Son of Southampton“ von Lukas Stermann. Die Furche ist kein Schreibwettbewerb oder Print-Magazin.

Daher freuen wir uns weiterhin über jede Art von Text und vor allem darüber, dann mit euch gemeinsam an dem Artikel zu feilen. Schreibt uns einfach!

Eure Furche

Ein Schnuller für den Kosovo

„Welcher junge Spieler will schon immer wieder gegen die gleiche Bolztruppe des Nachbarortes antreten? Für Fußball-Anarchisten ist der Kosovo deshalb ein Paradies. Hier ist Macht nicht mächtig, weil sie nicht mächtig sein kann.“ – Eine Reportage unseres Furchenautors Heiko Rothenpieler aka Der Edelreservist über das erste Länderspiel des Kosovo, schweizer Volksentscheide und drei kosovarische Jungs auf einem südwestfälischen Sofa. Nach der Veröffentlichung in der Siegener Zeitung hier nun der Artikel in ungekürzter Fassung. Lesenswert!

Zum Artikel: http://deredelreservist.wordpress.com/2014/03/29/ein-schnuller-fur-den-kosovo/

The Son of Southampton

In England ist das Wetter bereits seit Wochen chaotisch. Sturm und Regen sorgen in Kleinstädten für menschenleere Straßen. Die Zugverbindung an der Südküste nach Cornwall ist abgeschnitten. Bahngleise wurden unterspült. Weite Teile des Binnenlandes sind überflutet, Straßen unbefahrbar und dem hilflosen Krisenmanagement steht das Wasser selbst bis zum Hals. Mit Regen hatte in England nun wirklich niemand rechnen können. Mitten in diesen stürmischen Zeiten stirbt mein englischer Großvater.

von Lukas Stermann

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Mein Wecker funktioniert tadellos. Es ist 3:00Uhr. Schnell stehe ich auf. Schnell stehe ich am Bahngleis. Im Zugabteil tobt eine Schlafwandlerarmee aus Frühschichtlern und Trunkenbolden. Orte namens Eystrup und Dörverden rauschen vorbei. Eine Ticketkontrolle später steige ich aus. Bremen Hauptbahnhof. Schnell weiter. Hier ist der Fußball grausam. Meine Mum winkt mir zu. Dann schon ein Fluglotse. Der Flug nach London-Stansted dauert eine gute Stunde. Er fühlt sich länger an.

Kurz nach der Landung stehen wir erst einmal still. „Ladies and Gentleman, you may worry why we still didn‘t open the doors. Although we land 2 – 3 times a day in Stansted, the airport crew seems to be surprised today“. Scheinbar rechnet man auf der Insel momentan mit mehr als nur schlechtem Wetter. Kameras überall, Polizisten mit Maschinengewehren im Flughafenfoyer, Kontrollen à la Ausnahmezustand. Gestatten, Stermann mein Name. Terrorist und Trauergast.

Southampton war einst Englands wichtigster Handelshafen. Nach der britischen Expansion übernahmen dieses Prädikat Plymouth und Liverpool. Dann wurde Southampton beliebtester Erholungsort, bis sich dieses Prädikat Brighton schnappte. Erst kein Handel, dann keine Badegäste mehr. Also baute man Schiffe. Viele Schiffe. Ein ziemlich bekanntes verließ 1912 den Hafen in Richtung Eisberg. Zu diesem Zeitpunkt war der FC Southampton bereits 15 Jahre alt und musste sich zwei Mal im FA-Cup Finale geschlagen geben.

In der Stadt angekommen. Wir bleiben über das Wochenende bei meinem Onkel. Ein Leihwagen bringt uns dorthin. Es regnet. Nach der Ankunft bekomme ich von meiner Mutter einen Hinweis auf ein Versteck. Mein Onkel schaut mich an. Dann greife ich nach einem Umschlag. Gemeinsam öffnen wir ihn. In meiner Hand liegt eine Karte für das Spiel gegen Stoke City. Heute! Tasse Tee kann warten. Nein, doch nicht. Ich schlürfe den Tee wie einen Schluck besten Wein. Dann schnell wieder rein ins Auto. Matchday!

Während der Autofahrt kommen wir an riesigen Heideflächen vorbei. „Entstanden während der historischen Rodungen für den Häuser- und Schiffsbau“, sagt mein Vater. Einige Kilometer weiter tut sich das Hafengelände auf. „Hier hat dein Großvater an der Queen Elizabeth 2 gebaut“, sagt meine Mutter. Wir parken das Auto in der Stadt und gehen von dort zu Fuß weiter.

Auf dem Weg zum Stadion machen wir für einen Pint im „The Joiners Arms“ halt. Mein Onkel zeigt auf den Tresen: „Lies mal!“ In dieser Spelunke, die eine Kneipe im Vorderraum und einen Durchgang zu einem sehr kleinen Konzertraum weiter hinten hat, haben die größten UK Popbands der letzten 20 Jahre die Gitarren geschwungen. Die Liste ist unglaublich: Radiohead, Kasabian, The Kooks, Oasis, PJ Harvey.

Der Barkeeper kann wie aus dem Zapfhahn geschossen das Auftrittsdatum der Künstler nennen und hat mindestens zwei Anekdoten zu jeder Band parat. Im aktuellen Party-Kalender kenne ich niemanden, außer übermorgen: A Wilhelm Scream. Stark! Als I-Punkt finde ich im Konzertraum ein großes Banner, auf dem ein Manifest nieder geschrieben ist. Überschrift: SUPPORT LOCAL MUSIC. Es gibt sie also noch, die Bühnen auf denen etwas gewagt wird, wo scheitern ok ist, wo Träume bleiben oder platzen. Schnell austrinken. Kick off in spürbarer Nähe.

Das St.Mary‘s Stadium ist als Bauwerk kein architektonischer Blickfang. 32.000 Zuschauer fasst der einfache Rundbau, eine Dauerkarte kostet 700 Pfund. Premier League-Mittelmaß, Bundesliga-Upper Class. Wirklich besonders ist das Umfeld des Stadions. Alte Stahlskelette von Gasaufbereitungsanlagen stehen wie Götzen einer vergessenen Welt vor maroden Fabrikanlagen. Im Gegensatz zu meinem Großvater kann ich die ehemalige Industriephalanx dieser Stadt aber nur erahnen.

Nicht nur ein Bier täte nun gut. Durch den ad hocen Aufbruch direkt nach Ankunft knurrt auch der Magen. Der Tee ist schuld. Wahrscheinlich. Dann wird mir schnell das Ausmaß des modernen Fußballs klar. Nichts, aber auch gar nichts darf mit in den Block. Nicht einmal Wasser. Verzehr nur in den Katakomben unter den Tribünen. Ordner braucht es kaum, wacht doch stets das digitale Auge Saurons auf jede Bewegung der schwer bewaffnneten Fan-Hobbits.

6., 38., 41. Minute. 2:1. Ein aufregender Kick. Mein Onkel geht schon mal in die Katakomben um sich am Bierstand anzustellen. Für ihn beginnt eine hektische viertel Stunde, in der er warten, bestellen und leer trinken muss. Immer den Wiederanpfiff im Nacken. Er wird es schaffen, dieser Teufelskerl. Etwas aber verpasst er. 44. Minute: An der rechten Eckfahne legt sich der Schotte Charlie Adam den Eckball für Stoke zurecht. Tumult im Strafraum, Peter Crouch steigt zum Kopfball hoch UUUND…

Ich glaube ich habe nie einen Spieler gesehen wie Peter Crouch. Eine 2,03m lange Hybridform aus Besenstiel und Averell Dalton, mit schiefem Gebiss und unwirklichen Grimassen. Eitelkeit ist hier so fehl am Platz wie ein Spieglein an der Wand. Vor dem Spiel erzählte mir mein Onkel: „You know, Crouch is in a relationship with a famous model. He was once asked by a journalist: „What would you be, if you wouldn‘t have become a professional football player?“ And Peter Crouch said: „A virgin“. Symphatisch, dieses menschenähnliche Wesen…UUUND köpft eiskalt ins rechte Eck. 2:2. Halbzeit.

Nach der Pause passiert so viel Schönes wie in einem Schweiger-Tatort. Wenig bis kaum Handlung, geprägt von miesen Darstellern, das Ende herbeisehnend. Doch darum geht es nicht. Nicht an diesem Wochenende. Das fehlende Happy End flüstert mir zu, dass nicht alles immer perfekt laufen kann. Schon gar nicht im Leben. Mein Großvater, Familienmensch und einer der letzten mir bekannten humorvollen Realisten, hätte das Remis wahrscheinlich nicht so eng gesehen wie ich und eine passendere Metapher gefunden.

Ein paar Überwachungskameras später fragt mich eine ebenfalls nicht ganz perfekt aussehende Stewardess: “Möchten Sie einen Kaffee oder Sekt? Snacks oder Sandwich? Interesse an einem Gewinnspiel?”. Kurz denke ich an Peter Crouch. An dieses Wetter. An dieses Bier ohne Blume. An den FC Southampton. An die kaputten Industriebauten und die Titanic. An alles nicht Perfekte. Ich bestelle Sekt, Snacks und drei Lose. Auf Opa. Cheers!

Die Arbeitsbiene

Es gibt wohl kaum eine Bezeichnung in der Welt des runden Leders, die sich derart treffend auf die Spielweise eines Fußballers anwenden lässt wie der Begriff der Arbeitsbiene. Auf dem Spielfeld charakterisiert der Ausdruck bestimmte Spieler, die sich durch hohe Einsatzbereitschaft und Disziplin in den Dienst ihrer Mannschaft stellen. Von Axel Roos über Yves Eigenrauch bis Gunther Metz …“This is just a Tribute“:

Bee MovieBesonders markant ist vor allem das rigorose Befolgen der zugetragenen Aufgaben. Dies bedeutet nicht, dass der Rest des Teams zwangsläufig durch Lustlosigkeit und Eigensinn in Erscheinung tritt, jedoch sticht die Arbeitsbiene mit Hilfe ihrer enormen Physis in den Bereichen Zweikampf und Laufbereitschaft besonders heraus. Im Gegenzug sind ihre technischen und spielerischen Fähigkeiten meist erheblich schwächer wie die der Mit- oder Gegenspieler. Von Trainerseite ist daher das richtige taktische Einsetzen von Arbeitsbienen ebenso wichtig wie das Definieren klarer Aufgaben. Im Fußballjargon spricht man deshalb auch gerne davon, dass Arbeitsbienen, ähnlich wie die zweikampfaffinen Vertreter der Kategorien Raubein, Wadenbeißer, Axt, Zerstörer, Pferdelunge usw., im sogenannten „Rahmen ihrer Möglichkeiten“ spielen. Diese Umschreibung beinhaltet zwei Wertungen.

Zum einen wird auf diese Weise der Spieler in Schutz genommen, indem man auf subtile Art sein offensichtlich fehlendes Talent relativiert und damit solidarisch anerkennt. Zum anderen bestätigt der „Rahmen der Möglichkeiten“ das Erbringen maximal möglicher Leistung und negiert folglich den Vorwurf, nicht „alles probiert zu haben“. Zweites, elementares Merkmal der Arbeitsbiene ist ihre elefantöse Disziplin. Sowohl neben als auch auf dem Spielfeld sind sie für Integrität, Fairness und Bodenständigkeit bekannt! Spieler wie Axel Roos (22 Jahre FCK), Willi Landgraf  (508x 2. Liga) oder Uwe Bin-de-wald-Fußballgott (Spitzname „Zico“) waren aufgrund ihrer Spielweise bzw. ihrer Aufgaben oft in Zweikämpfe vermittelt und sahen nicht selten berechtigte gelbe Karten. Dass Spieler nie mit allen Entscheidungen des Schiedsrichters d‘accord sind, liegt in der Natur des prestigebedingten Wettkampfes. Doch waren diese Spieler nicht dafür bekannt, jene Entscheidungen auf eine Weise zu kritisieren, die den oder die Unparteiischen persönlich anfeindeten oder eine Lappalie nutzten um Rudelbildungen zu provozieren.Bildhaft gesagt, begeht eine Arbeitsbiene ein Foul und während sie die Ahndung dessen akzeptiert, besinnt sie sich schon wieder ihrer eigentlichen Aufgaben und „schwirrt“ davon.

BindewaldDas Gleiche gilt für den Umgang mit Gegenspielern. Frei nach Platon, der wusste, dass er eigentlich nichts wusste und so seine menschliche Beschränktheit zum Ausdruck brachte, sind sich Arbeitsbienen sehr wohl bewusst über ihren spielerischen Horizont. Ich wiederhole das gern nochmal für manch jene, die sich gerne überschätzen: „Sie sind sich bewusst über ihren spielerischen Horizont!“ Es geht also um Wahrnehmung und dergleichen.

So begegnen sie ihren Gegnern zwar mit Härte, jedoch auch mit dem nötigen Respekt, basierend auf der platonisch-adaptierten Erkenntnis (wie gerad erwähnt) spielerischer und technischer Unterlegenheit. Yves Eigenrauch z.B. machte im Viertelfinale des UEFA-Cups 1998 gegen Weltfußballer Ronaldo von Inter Mailand auch deshalb das Spiel seines Lebens, weil er sich seiner begrenzten Mittel in Relation zu Superstar Ronaldo von Beginn an bewusst war. In 112 kräftezehrenden Parkstadion-Minuten foulte er Ronaldo ein einziges Mal, bevor dieser ausgewechselt wurde. Nach dem Foul entschuldigte er sich kurz, verhalf ihm wieder auf die teuersten Beine der Welt und drehte ab / schwirrte davon. Kein Anpöbeln, kein Provozieren. Der Journalist Klaus Hoeltzenbein fasste in der Berliner Zeitung am 19.03.1998 auf zusammen: „Die übrige Fußballwelt aber wird sich Videos besorgen. Über Yves Eigenrauch, den Verteidiger und Student, der früh schlafen geht. Und der das Geheimnis, wie man Ronaldo stoppt, unter der Decke hält.“ Verbales Nachtreten gegenüber Gegenspielern ist für eine Arbeitsbiene ebenso wenig bedeutsam wie Lorbeeren und Ehrenhymnen.

In einem animalischen Bienenstaat finden sich diesbezüglich jede Menge Parallelen. Sobald eine Biene das Licht der Welt erblickt, beginnt sie umgehend mit der Arbeit für die Gemeinschaft. Nur das pausenlose Aktiv-Sein im Auftrag des Kollektivs garantiert ein funktionierendes System. Während ihres kurzen, ca. 40-tägigen Lebens wird eine Arbeitsbiene in der Hierarchie weder aufsteigen, noch anerkannt sein. Denn obwohl sich mit ihrem Alter die Aufgaben ändern, wird sie für den Staat, die Drohnen und die Königin immer nur eines tun: Zuarbeiten. Dies passiert in sechs Schritten, die man vereinfacht so beschreiben kann: Putzen (1.-3. Tag), Futtervorbereitung (4.-5. Tag), Versorgung (6.-13.Tag), Wachsausscheidung (14.-16. Tag), Bewachung (17.-19. Tag), Sammeln (ab 21. Tag bis Tod).

Axel RoosMan könnte an dieser Stelle viele weitere Vergleiche zwischen der Arbeitsbiene auf dem Fußballfeld und der eines Bienenstaates formulieren. Es wäre sicherlich nicht uninteressant darüber zu philosophieren ob die Königin demnach die „Nr. 10“ bzw. der Spielgestalter ist, ob „Putzen“ etwas mit „Vorstoppen“ à la Georg „Katsche“ Schwarzenbeck zu tun hat oder ob das Sammeln von Wasser und Pollen mit dem Abgrätschen von Bällen gleichzusetzen ist. Doch die essentiellste Beobachtung findet auf einer weitaus abstrakteren Ebene statt. Ab dem Zeitpunkt des Schlüpfens bzw. des Anstoßes eines Fußballspiels, vergeht für die Arbeitsbiene beiderseits keine Sekunde des Nichtstuns. Dies erscheint derart maschinell und automatisiert als sei sie für Aufgaben aller Art geradezu dankbar. Die Abhandlungen passieren schnell, gezielt und loyal. Alles wirkt wie die Schichtarbeit eines industriellen Betriebes, in der ausschließlich das fertige Produkt zählt.

Übertragen auf den Fußball ist der Erfolg das Produkt. Um dies zu erreichen, müssen u.a. Reparaturen (meist im Mittelfeld) durchgeführt werden, die im Fußballjargon auch unter der Umschreibung „Löcher stopfen“ bekannt ist. Gemeint sind freie Räume, die der gegnerischen Mannschaft zu viel Platz bieten, oft hervorgerufen durch zu langsames Umschalten in die eigene Rückwärstbewegung Taktische Fouls, weite Laufwege und hochkonzentriertes Zweikampfverhalten sind Elemente des Reparaturverhaltens und gelten für viele Spielertypen als undankbare, sogenannte „Drecksarbeit“. Für diese Arbeit benötigt man Spieler, die sich dieser ohne Einschränkung annehmen. Dies ist nicht selbstverständlich, da die „Drecksarbeit“ oft durch lässiges oder überhebliches Spielverhalten der Mitspieler entsteht und zu unnötigen Ballverlusten führt.

Doch die Tage der Arbeitsbiene sind gezählt. Fallen sie in Amateurligen noch relativ häufig auf, gehören sie in höheren Spielklassen zu den bedrohten Arten. Die modernen Spielsysteme, die u.a. auch die Gattung des Liberos in die Reservate der Kreisligen zurück drängte, zielen seit der revolutionären Einführung der Viererkette und der damit einhergehenden kontrollierten Offensive auf technische Perfektion.

22_Gunter MetzZwischen 1987 und 1999 absolvierte Gunther Metz 287 Spiele für den Karlsruher SC. Wie schon viele Arbeitsbienen vor ihm, avancierte der 1,74m lange Dauerläufer, bekannt für seinen kämpferischen und schnörkellosen Spielstil, zum Publikumsliebling. Diese Huldigung schritt soweit voran, dass ihn die KSC-Fans nur noch „Magic-Metz“ riefen. Man kennt das von Michael „Magic“ Prus von Schalke 04. 210 Ligaeinsätze, kein Tor. MAGIC! Ein Oxymoron in Reinform also. Zurück zu „Magic-Metz“. Ende der Neunziger verringerte sich die Zahl seiner Einsätze jedoch, da seine geringe technische Versiertheit den Ansprüchen der Moderne nicht genügte. Bereits mit der Verpflichtung von Slaven Bilić rückte der KSC, wie auch viele andere Vereine, von dem Vertrauen in einseitige Spielertypen ab.

Das wohl endgültige Abtreten der ursprünglichen Arbeitsbiene war gleichzeitig auch ihr größter Moment. Otto Rehhagels Europameistertitel 2004 mit Griechenland begründete die letzte große Sternstunde eines „Bienenstaates“. Viele Gönner des ansehnlichen, modernen Fußballs kritisierten Rehhagel und seine vorgegebene „Mauertaktik“. Doch Rehhagel blieb nach eigener Aussage gar nichts anderes übrig, als seine griechischen Arbeitsbienen defensiv einzustellen. Diese folgten den Anweisungen der deutschen „Königin“ aufs Wort und gewannen den Titel mit mittelalterlicher Fußballkunst. Danach manifestierten sich im Mittelfeld endgültig „Raute“ und „Doppelsechs“. Der Bienenstaat zerfiel und Spieler Carsten Ramelow verloren ihren Job. (Bis heute eines dieser ungelösten Rätsel, wie dieser Mann Tore schießen konnte!)

Doch das veränderte die Arbeitsbienen nicht. Lässt sie nicht mutieren. Bienen wie „Magic-Metz“ ändern nur ihren Kurs, doch niemals ihren Spielstil. Und wenn sich irgendetwas bewahrheitet hat in den unterschiedlichen Epochen des Fußballs, dann die Wechselhaftigkeit der taktischen Marschroute. Vielleicht werden ja die Kinder unserer Kinder unserer Kinder eines Tages wieder als Fußball-Arbeitsbienen in einem Kollektivsystem ausgebildet. Einem 2-3-5-System z.B. – eben das der Schottischen Furche.

Ein Kellergespenst geht um in Europa

34 Stunden einfache Fahrt . Wenn man vorher mit dem Bus wegen 90min Fußball in Manchester oder Barcelona war und dachte, man sei „anders als die Anderen“, musste man nur auf seine blutunterlaufenen Knöchel oder die inzwischen dritte Währung in der Geldbörse schauen, um zu realisieren, dass eine Tour bis hinter die Karpaten eine andere Hausnummer ist. Ein Bericht über Straßenhunde,  Costa Cordalis & Friends, unzähmbare Eisenlungen, charakterlose Spieler und die Tatsache, dass Hartz IV mit dem Begriff „Armut“ so rein gar nichts zu tun hat. – Von Heiko Rothenpieler

München 413km. Ausfahrt Friedberg wäre rechts gewesen. Verpasst. Ich weiß nicht ob ich weinen oder lachen soll. Vor ein paar Tagen ergaunerten sich hier in der Nähe elf Knappen ein bemitleidenswertes 3:3 in der letzten Minute. Die Zeiten von breiter Brust, Kohlenpott-Proll-letariat und totaler Identifizierung mit der eigenen Truppe sind längst im Winde verweht. Später wird uns ein Reporter von Schalke-TV fragen, was wir „vom Spiel erwarten“. In der ungeschnittenen Version des Interviews (kritisch ist und darf nicht mehr, weil ja alles so super läuft im Verein) lautet unsere Antwort, dass der Begriff „erwarten“ zu stark und er durch „erhoffen“ zu ersetzen sei. Denn wir „erhoffen uns ein ganz kleines Brötchen, einen Torwart z.B., der seine Abschläge über die Mittelinie schießen kann, ja sogar im Spielfeld lässt. Mehr wollen wir zunächst gar nicht.“ Völlig überraschend wurde dieser Teil des Interviews im „Schalke-TV“ nicht berücksichtigt. „Ein Gespenst geht um in Europa?“. Pustekuchen. Jens Keller ist bestenfalls das „Kleine Gespenst“ von Otfried Preußler, das am Tage dunkel wird und sich vor bösartigen Fragen hinter dicken Mauern versteckt, damit es nicht verbrennt. Neuerdings versucht er es mit der Verarschung von Journalisten: „In Hoffenheim haben wir 45 Minuten schlecht gespielt, in Frankfurt nur zwölf. Von daher ist eine Steigerung da.“ Dumm nur, dass der zahlende und fahrende Fan ebenfalls mitliest.

Doch warum sich über Vereinspolitik den Kopf zerbrechen, wenn man auf 90 Kisten Bier in einem Raucherbus sitzt und Costa Cordalis zeigt wo der Hammer hängt. Alles ist gut. Die Welt ist auch irgendwie gut. Hoffe ich. Googelt man „Rumänien“, erstreckt sich die Auswahl von „Hunde“ über „Straßenhunde“ bis „Tierquälerei“. Was mache ich hier eigentlich? Von Sonntagabend bis Donnerstagmittag habe ich ausreichend Zeit dies zu beantworten. Zunächst freut man sich wahnsinnig über die Bestätigung von Vereinsseite, dass man in Gelsenkirchen „Bus Nummer 1“ aufzusuchen hat. Man sagt sich: „Geil. Ich bin nicht allein. Es gibt jede Menge andere, denen auch ein paar Synapsen fehlen.“ Das Gewissen ist beruhigt. 218€ sind gut investiert. Und auf eine Woche Universität lässt sich gut verzichten. Die Freundin findet es sogar super, dass ihr Geliebter eine Leidenschaft hat, die mit Angeln und Golfen nichts zu tun hat. Vor Ort angekommen, sucht man fast vergeblich „Bus Nummer 1“. Fast. Es gibt nämlich nur einen. Ich nehme alles zurück. Ein Psychiater ist aufzusuchen und das auf schnellstem Wege.

Es war wie in Ben Hur. Am Ende bleibt eben nur eine Karre übrig. Nur dass Jens Keller nicht Charlton Heston ist. Schon gar nicht nach zweimal 0:3 gegen Spartacus Chelsea. 4:14Uhr. Laut Wetterbericht droht Blitzeisgefahr. Keine Sorge. Der Busfahrer sagt: „Straße is trocken. So wie ihr Lutscher, haha!“ Ich denke an meine Freundin, an ein warmes Wohnzimmer, an die Tatortwiederholung auf Einsfestival, an die Russ-Meyer-Reihe auf Tele 5. An einfach alles, was gut ist. Sogar an Waldemar Hartmanns „Wer wird Millionär“-Jahrhundertfail und die beruhigende Tatsache, dass drei Weizen mit Rudi noch keine Bildung ersetzen. Vor mir raucht Leo (49) seine 104. Zigarette. Camel. Ganz klassisch. Ein Linienbus überholt uns mit einem Fahrgast auf der Autobahn. Es fühlt sich plötzlich wie Pott an, nur ist es Bayern. Horst Seehofer mit 90% wiedergewählt. Nein, ich bin ganz sicher nicht in Herne. Langsam geht die Sonne auf. Vielleicht die schönste meines Lebens. Falls ich sie durch den Zigarettenqualm erkennen kann, melde ich mich.

Österreich Now, Redux. Endlich in einem Land ohne Koalitionsstreit. Mehr muss man nicht wissen. Eigentlich hätte ich in zwei Stunden „Medientheorie“ in einem muffigen und überfüllten Unisaal, würde mich mit Marshall McLuhan und Walter Benjamin prügeln. Doch nein. Ich sitze lieber mit Leo und meinem Kumpel im 50Mann-Bus und trinke Mariacron zum Wachwerden. Geil. Männlich. Genderfrei. Yeah. Wir machen hier eine Pause. Es ist nämlich alles egal. Scheiß egal. Oder wie Leo weiß: „Hömma, ob Unnerstall oder Hildebrand – dat is doch alles Latte wie Peng!“. Ich komm auf keinen grünen…Baum mehr! Dann schon lächelt uns der Hinweis „Martrica“ an. Wir sind im Ex-Lande des Loddar. Die Stimmung im Bus ist nicht zu toppen. Sind ja auch gleich da. Wie aus hustenden Kriegshörnern schallt es: „Wer köpft den Nagel in die Wand? Ebbe, Ebbe Sand!“ War früher wirklich alles besser? Die Charaktere vielleicht? Nein. Das kann nicht sein. Noch nicht. Noch hat der Trainer „alle vorgegebenen Ziele“ erreicht. Na Herzlichen Glückwunsch. Bis Buda, Bruder!

In Budapest wird der Flughafen angefahren. Zwei Miezen mit Koffer und Strohhut steigen aus dem Taxi vor uns. Malediven, Karibik, wegen mir auch Malle. Ich atme durch. Bestimmt steigen gleich alle aus und kurze Zeit später sitz ich an einer Strandbar vor blauem Meer. „Es steigt keiner aus! Wir füllen nur kurz Bier nach!“ haut es mich aus den wahrlich waghalsigen Träumen. Endstation Sehnsucht. Wenn man in Budapest den Flughafen anfährt, damit von dort aus zugeflogene Busfahrer auf halber Strecke zusteigen, weißt du was Phase und ganz sicher nicht Malediven ist. Kurze Zeit später lachen einen Bockwurst und leckerer, selbstgemachter Nudelsalat an. Mehr Polterabend geht nicht. Ich fühl mich wohl. Und die Welt ist in Ordnung. Prost, ihr Schimanskis! Ich bin übrigens Nicholas Cage in „Leaving Bukarest“. Totsaufen will ich mich. Totsaufen! Und das auf höchstem Niveau. Alles für den Club!

Als zuvor auf Höhe Linz die Rede von Marco van Hoogdalem ist und Leo meint, dass das noch „Typen“ waren, bin ich das zweite Mal der Meinung, dass Alkohol eine Lösung ist. Danach schlafe ich ein. Zum Glück. Denn putzmunter wieder wach, bekomme ich frohlockend mitgeteilt etwas verpasst zu haben. „Vor einer halben Stunde hat sich der Typ hier von oben bis unten vollgekotzt!“. Mein Kumpel kann sich vor Lachen kaum halten, während der „Typ“ seine und die Klamotten seines Nebenmannes gleich mit im Müllsack verschwinden lässt. Die Krönung ist nur noch die Androhung eines weiblichen Wesens vor uns, ihn bei nächster Gelegenheit „aufs Maul zu hauen“. Zum x-ten Male läuft im Repeat-Modus der jetzt schon zum Kult beschworene „Hitmix“, ein endloser Rhythmus mit allen Klassikern der Schlagermusik. Draußen schneit es. Die Kälte klettert durch die Rahmen der Fenster und die Straßenbeleuchtung nimmt langsam aber sicher ab. Sicher sind wir gleich da.

Übrigens heißt es ja immer „wir lassen niemanden zurück“. Dem konnten wir leider keine Folge leisten. Einen hatte es bereits erwischt. Einen, dem kurz vor Österreich einfiel, keinen Personalausweis dabei zu haben. Nur gut, dass Jens Keller seinen Trainerschein dabei hat. Sonst würd ihm das Führen einer Profimannschaft nämlich keiner abnehmen. Es wurde wieder dunkel. Noch kurz erblickte man Umrisse von Land, sehr viel Land. Danach hofft man auf Navi und den lieben Gott. An der Grenze Rumäniens war dann erst einmal Feierabend mit rollenden Reifen. Kaum eine andere Grenze ist so gesättigt von Prostitution und Menschenhandel, von Drogenschmuggel und falschen Fuffzigern. Dies hat eine lange Geschichte, in der Nicolae Ceaușescu bis zum 25. Dezember 1989, dem Tage seiner Hinrichtung, alles Erdenkliche dafür tat, die Grenze nach Westen mit Leichen zu pflastern.

Julian Rubinstein schreibt in seinem Buch „Die Ballade vom Whiskeyräuber“: „Welche Methode auch immer man anwenden wollte, eine sorgfältige Erkundung des Geländes war unerlässlich geworden. Der wilde Sprint durch die Kornfelder zwischen Rumänien und Ungarn war wegen allzu großer Beliebtheit inzwischen nicht mehr durchführbar: Ceaușescu hatte mit einem Gesetz zurückgeschlagen, dem zufolge die Vegetation entlang seiner Grenzen nicht über einen Meter hoch sein durfte.“ Liest man weiter, wird die Geschichte eines Mannes beschrieben, der 1987 von rumänischen Wachleuten auf Pferden verfolgt wurde. Der tödliche Schuss traf ihn, als er die Grenze zu Ungarn bereits überquert hatte. Nur zum Vergleich: ein Jahr zuvor öffnete in Budapest der erste Adidas-Shop und der erste Mc Donald´s Osteuropas. Es ist also irgendwie nachvollziehbar, dass „Osten“ schon damals nicht gleich „Osten“ war. Es gibt Gründe dafür, warum wir auf der Rückfahrt in Budapest in Lidl und dm einkauften, während in Bukarest seit Anfang des Jahres die Proteste gegen wieder zunehmende Zahlen von Straßenkindern lauter werden. Alles hat eben seinen Anfang.

Auch ohne geschichtliches Wissen war jedenfalls jedem der Businsassen klar, dass es nun in den wirklich ernsten Teil der Reise ging. Männer mit Sowjetmützen und Kalaschnikows im Anschlag brachten die Stimmung mitsamt Alkoholpegel schlagartig auf 0,0, gut sagen wir 0,3. Während man dem grimmig reinschauenden Grenzposten den Personalausweis hinhielt und man endlich wusste, warum man diese toternsten biometrischen Passfotos schießen ließ, fährt neben uns ein rostiger Mercedes Sprinter ohne Fenster vor. Zwei Männer steigen aus, öffnen die Türe des Gepäckraumes und bitten ihre insgesamt zwölfköpfige Familie heraus. In diesem Moment wird einem ziemlich schnell klar, dass man selbst eine 5-Sterne-Reise mit maßloser, westlicher Dekadenz gebucht hat. Ab jetzt wird nicht eine Sekunde über vier Tage ohne Dusche nachgedacht. Ab jetzt ist man für alles dankbar. Vor allem für das eigene Leben.

Kurz darauf endet auch schon die Autobahn. Ein Verkehr wie morgens auf der A1 schlängelt sich Meter für Meter über kaputte Landwege und verlassene Dörfer. Nach ein paar Stunden Fahrt durch pure Dunkelheit, stoppt der Bus plötzlich. Ich hatte kurz ein Nickerchen gemacht und war noch nicht ganz bei der Sache, als mein Kumpel mich darauf hinweist: „Ich glaub wir haben uns verfahren. Die geteerte Straße endet hier. Lass uns besser betrinken.“ Das taten wir. Zum vierten Mal. Jetzt im Hier darüber nachzudenken wie weit es noch ist oder was Jens Keller gerade macht, würde auf direktem Wege in der Klapsmühle enden. So denken irgendwie alle im Bus, der Schlager-Hitmix bekommt wieder seine Bühne. Vielleicht ist es auch und gerade das, was die Pöttler so einzigartig macht. Egal was auch ist. Es ist eben so und damit hat man klar zu kommen. Und wenn in diesem Bus nicht alle gleich sind – wo dann bitte?! Also das alte Spiel. Nicht meckern und schon gar nicht mit Mariacron kleckern.

Nur 200km vor dem Schwarzen Meer, wach und natürlich so fit wie Roadrunner, tauchen draußen erste, massive Graubacken auf. Bukarest. Und Bukarest ist vor allem eines: groß. Mit 2,2 Millionen Einwohnern ist sie die sechstgrößte Stadt Europas. In Zeile drei findet man auf Wikipedia: „Die Stadt verfügt über mehrere Universitäten, verschiedene andere Hochschulen sowie zahlreiche Theater, Museen und weitere Kultureinrichtungen.“ Das mag sein und klingt nach einer frohlockenden Stadt mit allem, was das Tourismusherz begehrt. Doch leider sieht man vor allem eines: Hunde. Auf Bürgersteigen, zwischen Autos vor roten Ampeln und im Hinterhof sowieso. Nur bellen diese Tiere nicht mehr. Sie haben traurige Augen, magere Bäuche und nicht selten verkrüppelte Beine. Diese Tiere verloren den Wolf in sich schon vor sehr langer Zeit. Als wir auf den Gehwegen zum Schalker Treffpunkt unterwegs sind, unterhalten wir uns kaum. Zu tief sitzen die Eindrücke jetzt schon, zu viel Dreck und Kot liegt unter einem, dass man nicht auf seine Schritte achten sollte. Da wir einen direkten Weg abseits der Hauptstraße wählten, formten sich die ersten Eindrücke zu einem wahrlich elendigen Gesamtbild. Hatte man vor ein paar Minuten noch H&M gesehen, hörten wir jetzt Kinderstimmen aus nackten Rohbauten, die nicht einmal Fenster besaßen. In einem Hauseingang lagen zwei Kinder und beobachteten uns mit übergroßen T-Shirts und Sandalen. Es schneite leicht bei Minusgraden.

Nur eine Parallelstraße weiter plötzlich wieder das pralle Leben. Endlich konnte sich der Erbrochene sich und seinem Kumpel neue Kleidung kaufen. Was dann passierte, war so surreal wie Dali es nicht besser hätte zeichnen können. Plötzlich eine gepflasterte Nebenstraße. Plötzlich gut angezogene Menschen in Bars und flachsend am Mittagstisch. Hier eine Bar, dort ein Restaurant mit ausgewählter Speisekarte. Eine Parallelwelt. Zion und Matrix direkt nebeneinander. Nach ein paar Metern und offenen Augen nach einer passenden Spelunke, hörte man auch schon laute Schalke-Lieder. Draußen Tristesse und schlechtes Wetter, drinnen „Opa Pritschikowski“ auf Dauerschleife, billiges Heineken und jede Menge singende Meute. Lutz aus Hamburg, einer der Bushelden, fasste es richtig zusammen: „Dort hinten sterbe die Leute und wir trinken hier als gäb´s kein Morgen mehr.“ So ist es wohl immer am Ende einer Odyssee. Es passiert zu Vieles zu schnell, als dass man Zeit hätte, zurück zu blicken. Hier also endete unsere Reise. Zwischen den Opfern Ceaușescus und neodemokratischen Kapitalwahnsinn.

In dieser Kneipe lassen sich die nächsten sieben Stunden schnell zusammenfassen. Während inzwischen auch das rumänische Fernsehen Bock auf Mob hatte und wir nach dem anfangs erwähnten Schalke-TV-Interview nicht nur Hunger und Durst hatten, entwickelte sich eine Party der Extraklasse. Auch wenn keiner wirklich über das Spiel später diskutierte. Ein älterer Mann sprach wahre Worte. Er sagte: „Ach Junge, mach dir keinen Kopf wegen heute Abend. Es ist nicht mehr so, dass alles eine Familie ist. Manager, Trainer und Mannschaft machen ihr Ding und wir machen unseres. So ist das nun einmal inzwischen. Und kritisieren wir das, steht Jermaine Jones nach einem Heimdebakel gegen Greuther Fürth vor der Kamera und beschwert sich über fehlende Unterstützung.“ Amen. Absoluter Höhepunkt war, als auf sämtlichen Fernsehern vergangene Spiele der Champions League eingeschaltet wurden. Wie kann ein rumänischer Pubbesitzer auch ahnen, dass wegen der Partie Arsenal gegen Dortmund sein Laden fast dem Erdboden gleichgemacht würde. So richtig wusste er nicht was passierte. Er kapierte aber, dass sein Pub in ernsthafter Gefahr schwebte. Er zappte um, brachte Bier umsonst und ersparte seinen Mitarbeitern dicke Augen.

Als das Tageslicht langsam der dritten Nacht wich, entschlossen wir uns mit allen anderen Schalkern zum Stadion zu marschieren. 1400 Fans hätten trotz Schneegestöber den Weg ganz sicher alleine gefunden. Den Pub verlassen, wurde man jedoch von schwerbewaffneten Polizisten, eher Soldaten mit dem Drang zum Hobbyfunk, zu bereit stehenden Bussen geleitet. Zehn Minuten später durchschritten wir ein Meer von Kontrollen, was aufgrund der Wetterlage ein wahrer Genuss war. Zudem waren die Zärtlichkeiten der Ordner-Soldaten so hart wie die Reise selbst. „Das nächste Mal zieh ich mir ne Pampers an, dann tun mir die Klöten nicht so weh“. Ist ja alles schön und gut mit „internationaler Härte“, aber Quetschungen im Genitalbereich dürfen ruhig als Tätlichkeit geahndet werden. Es gibt eine Grenze, Freunde der Sonne. Ein paar hundert Meter weiter geleiten einen die Betonstufen in den Nationaltempel Rumäniens: Arena Naţională. Klassifikation: Elitestation. Kapazität: 55600. Kosten: 234 Millionen Euro. Wir hätten da nur eine Frage: Wieso baut man eine Arena mit schließbarem Dach, gibt aber Wind und Schnee die Chance den Zuschauer von hinten in den Nacken zu jagen? Ist ja jetzt nicht so, dass man sich in den klimatischen Gefilden der Balearen befindet.

So entstand bereits vor Anpfiff ein erbärmliches Bild. Ein Bild, wie man es von Heimspielen der Löwen in der Allianz Arena kennt. Und das in der Champions League. Eigentlich trägt Steaua seine Heimspiele im geliebten Ghencea-Stadion im Westen der Stadt aus. Ein offenes Stadion mit vier Flutlichtmasten, einer Haupttribüne und 27.000 lautstarken Anhängern. Wegen Auflagen der UEFA musste nun der Verein in das 13km entfernte, im Osten liegende Nationalstadion umziehen. Jenes „Stadion“, indem ausgerechnet Erzfeind Dinamo manchmal seine Spiele austrägt. Höhere Eintrittspreise gabs zudem als Bonbon dazu. So sangen wenige zwar viel, aber wer der 22 Akteure hört schon auf ein paar einsame Wanderer in den Weiten der Wildnis.

Dort unten, in siebzig Meter Entfernung, lief er nun ein, der Mann, von dem wir kerzengerade und ultraharte Abstöße bis in des Gegners Hälfte „erhofften“. Ralf Fährmann spielt für Timo Hildebrand. Im Prinzip muss man sagen, dass Not für Elend aufläuft. Klingt hart, ist aber so. Der FC Schalke besitzt drei ebenwürdige Keeper, von denen jeder einzelne derart prekäre Schwächen aufweist, dass es durchaus für einen Stammplatz im unteren Teil der Liga reichen würde, jedoch nicht für die Champions League. Aber wir haben keine Ahnung. Oder wie Herr Keller das rhetorisch zum Politikum der Dummen deklariert: „Wenn Sie das so sagen. Bitte.“ Der Mundtot ist des Fans größtes Leid. Charly Neumann wusste das. Jens Keller kann es nicht wissen. In der Sporthochschule Köln steht das nämlich an keiner Tafel.

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Spielbericht erscheinen. Ein Bericht über Aufopferungskämpfe und Siegeswillen, über laufstarke Spieler und technische Versiertheiten. Man könnte hier nun Phrasen rausschmettern über den Sinn eines Sieges. Man könnte es wie die Vereinshomepage machen und immer wieder dieselben Kicker ans Mikrofon lassen um revolutionäre Aussagen zu erhalten wie „Wir haben jetzt sehr wichtige Wochen vor uns“ (R. Neustädter) oder noch babylonischer: „Wir haben uns vorgenommen, bis Weihnachten Gas zu geben.“ (C. Fuchs). Machen wir aber nicht. Sprechen wir es einfach aus. Der Verein steht am Scheideweg. Nach dem Endzeitszenario am letzten Spieltag in Freiburg, den „überragenden“ Auftritten gegen PAOK Saloniki und einer bestenfalls mittelmäßigen Bundesligaplatzierung, steht nicht nur und wiedermal Keller ohne Konzept, sondern Horst Heldt nun auch ohne Spieler dar. Es darf nach Konzepten gefragt werden. Wenn nicht nach solch einem Spiel, wann dann? Doch lassen wir an dieser Stelle Einzelkritik sein, vor allem an Spielern. Diese tun einem nämlich fast schon leid. Jeder einzelne von ihnen erleidet seit Monaten einen Baustopp der Entwicklung. Manch einer sogar eine erschreckende Form der Rückentwicklung. (Matip, Neustädter, Szalai u.a.) Die Mannschaft ist mit Körper und Geist am Ende. Nur gut, dass Obasi als „topfit“ vermeldet wird. Dies konnte er in Bukarest satte zwei Minuten unter Beweis stellen. Alles eine Trainerfrage. Und kein bisschen weniger.

Dann ein Highlight. Abpfiff. Noch bevor die „Kicker“-Redaktion die Spielnote 5 notieren konnte („die Partie wurde Champions-League-Ansprüchen in keiner Beziehung gerecht“), war bereits der Großteil der Schalker Spieler in den warmen Katakomben verschwunden, Benni Höwedes gab schnell die alles entscheidende Analyse auf Sky und wir? Ja, wir warteten vergeblich auf eine Mannschaft, die ihren weitgereisten Fans dreimal in die Hände klatscht, ja sogar einmal winkt. Fehlanzeige. Doch dann passierte Unglaubliches. Ein kleiner Asiate mit schwarzen Haaren und gesengtem Kopf kam aus siebzig Metern in Richtung Gästeblock geschlendert. Eine Körperhaltung, die einen Hauch Demut verriet. Atsuto Uchida stellte sich im wahrsten Sinne „vor“ die Mannschaft und verbeugte sich wie er es immer tut. 1400 Schalker aus dem Häuschen. Diesen Moment holte die Sky-Regie ins Bild. Klatschende Fans nach einem hirnlähemden 0:0 in glirrender Kälte. Nur dumm, dass sie Uchida nicht zeigten. So sieht sie dann wohl aus, die Wahrheit. Kurz darauf kam auch Höwedes und Obasi. Kein Trainer, kein Manager, keine 90minutler weit und breit.

Das ist dann der Punkt, an dem man aufhört zu schreien oder zu schimpfen. Das ist der Punkt maßloser Depression. Wie es der ältere Herr doch so weise sagte: „Die machen halt ihr Ding und wir machen unseres. So ist das inzwischen.“ Und wisst ihr was. Genau deshalb sitzen auch in Zukunft zahlreiche Fans in Bussen ans Schwarze Meer. Genau deshalb findet man 34 Stunden Busfahrt und Costa Cordalis nahezu genial. Weil der Fan bereit ist Opfer zu bringen. Weil der Fan „inzwischen sein eigenes Ding macht“. Das ist eine traurige Tatsache. Daher Danke an ALLE Fans da draußen, die an etwas Größeres ohne Beweis glauben und den Irrwegen ihres Vereins weiter blind folgen. Alles wird gut. Denn „wir haaaben ein Idoool….Stan Libuuuda!“.

Is gleich wieder vorbei

ingwerSie sagt mir, ich sei das Normalste, das Sie je erlebt habe. Mit einem Tee in der Hand! Das Normale sei das Ehrliche, sagt sie. Das sei auch gut so. Aber es sei auch das Eintönige. Der Zeiger springt auf sieben Uhr. Ich müsste eigentlich längst los. Eine Stunde nur noch bis Anpfiff. Sie steht auf und geht zum Fenster. Reihenhäuser mit ein paar Lichtern so grell wie das einer Polizeiwache. Ein Hobby wäre generell eine Macke, sagt sie. Daher dürfe es, also ich, auch radikal sein. Ihr Tee ist so gut wie leer. Das höre ich am Geräusch. Sie schlürft verzweifelt, doch tut so als nehme sie tiefe Schlücke. Ingwertee. Also nicht dieser Fertigtee aus Beuteln. Nur heißes Wasser mit kleinen Stücken, nur nicht zu groß schneiden, wegen des Ziehens, der Wirkung, was weiß ich. Gut für das Immunsystem, sagt sie. Für was auch sonst, denke ich. Ich müsste längst los. Normal bin ich also. So wie ihre Haare. Sie geht zum Kühlschrank und brabbelt irgendwas vor sich her. Irgendwas mit Butter und Fett. Licht im Kührschrank geht auch nicht mehr. Jaha, sehe ich, weiß ich. Ich muss jetzt los. Ich könne ruhig erstmal weg bleiben, wenn mir das andere, die Macke also, jetzt so wichtig wäre. Wichtiger als dieses Gespräch gerade. Wichtiger als Ingwer und Butter also, denke ich. Sie fragt, wie es nun weiterginge und ob es weiterginge und wenn ja, was genau ich als weitergehend definieren würde. Ich hasse dieses Wort. Definieren! Sie macht den Kühlschrank wieder zu. Sonst ist der Stromverbrauch zu hoch, ich weiß. Ich bin also normal.  Na dann will ich mal los. Sie weint, als ich ehrlich zu ihr werde. Keine Umarmung. Mitleid ist Lüge. Also sage ich Tschüss. Mehr nicht. Der Bus kommt. Fußball ist also normal, denke ich. Ich müsste längst los! Na dann. Ich hasse mich dafür so zu ihr zu sein. Aber nur jetzt gerade, wenn ich ehrlich bin. Nur jetzt gerade. Is gleich wieder vorbei.

Sein größter Fan

Hier sitzt er nun. Halbglatze, etwas blass und mit einsamen Bartstoppeln im Gesicht. Er ist alleine. „Ist er immer“, behauptet die Kellnerin, während sie dreckige Biergläser in dreckiges Wasser tunkt. Kurz muss ich nachdenken. Über alles an ihm. Seine ungewaschene Holzfällerjacke, seine abgelatschten Rentnerschuhe, seine gelben Fingerkuppeln, seine Falten, seine traurigen, müden Augen. In den letzten zwanzig Jahren besuchte er seine Heimat nur ein einziges Mal. Schon damals, bei seiner Ausreise aus Nordirland, war er müde gewesen. Müde von Politik, von Religion. Müde von lauten Schreien, die in der Welt immer leiser wurden. Doch an diesem einen Tag, einem regnerischen, schmierigen Belfaster Nachmittag, stand er mit hunderttausend anderen Menschen an den bröckelnden Bordsteinen im Osten der Stadt Spalier. Es war der 25. November 2005: George Best, der größte Fußballer Nordirlands, wird zu Grabe getragen nachdem er trotz mehreren Operationen den Kampf gegen den Alkohol verloren hatte. Für den alten Mann war Bests Beerdigung eine Reise in die Kindheit. Als er noch lachte und keine müden Augen besaß. Als er noch in der Jugend von Glentorian FC spielte und die Schule, wie bei allen anderen Kindern auch, bestenfalls an zweiter Stelle kam. Hier sitzt er nun. In einer Kneipe in Recklinghausen. Auf der Großbildleinwand in Fernsehergröße flimmert Manchester United gegen West Ham United. George Best spielt nicht mehr. Sein größter Fan dreht sich eine Zigarette.

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…zur Lesung:

Der Mensch Kutte

Kutte ist sein Name. Kutte trägt er. Deswegen heißt Kutte auch Kutte. Nicht alle sind so wie er. Sonst heißt es nachher noch, dass alle so sind, die Kutte tragen. Kuttes Haare sind feucht. So scheint es jedenfalls immer. Wenn es regnet ganz sicher. Regnet es nicht oder steht Kutte unter einem Stadiondach und nicht wie daheim unter freiem Himmel, sehen sie zwar feucht aus, sind aber in Wahrheit fettig und von Schmalz und Schuppen umgarnt. Oft alleine, dieser Kutte. Nur im Block dann nicht mehr. Kutte und seine Jeanskutte. Nach längerer Lagerung weist dieser Denim-Artikel oft gelbliche Stellen auf, die nach dem Waschen heller als der Rest des Kleidungsstückes sind. Kutte wäscht aber keine Kutte, weil das der Kutte wehtut und dem Verein eine Niederlagenserie beschert. Helle stellen also Fehlanzeige. Außerdem pro Denim, weil es einen deutlich höheren UV-Schutz als andere Stoffe bietet, somit besonders dicht gewoben und fest ist. Kutte zu tragen ist also für Kutte eine auf Zukunft angelegte Investition gewesen. Und praktisch. Sehr sogar. Viele Taschen. Für Kippen. Kutte ist da aber eine Ausnahme. Kutte liebt Schnupftabak. Rauchen und Schnupfen wäre des Guten zuviel, sagt Kutte immer zu anderen. So denken alle sofort, dass Kutte auch Prinzipienmensch ist. Passt ja auch zur Kutte.

Denim

Irgendwann in der der Saison ´98 wurde eine Lappalie an der Bushaltestation Uechtingstraße, gegenüber Kurt-Schumacher-Apotheke, zur Sache des Volkes. Zwei Jugendliche mobbten Kutte auf ihrem minderjährigen Alkoholstreifheimzug und zündeten im Sitzen die Kutte von Kutte an, der direkt vor ihnen stand und wegen Bonnie Tylor auf seinen Ohren mehr als gehörlos war. Außer ein paar Brandlöchern so groß wie Pfennige, endete die Sache schlussendlich im kurzen Streit. Fast. Auf der anderen Straßenseite, es war Spieltag gewesen, wurde die kleine Zündelei von einer Gruppe Volljähriger gesehen, die Kutte aussem Block 5 kannten. Vom Sehen versteht sich. Kutte sprach kein Wort und als er den Bus betreten hatte, konnte er nur im Wegfahren sehen, wie einer der beiden Feuerteufel den Grund einer Regenpfütze genauer untersuchte. Kutte lebt alleine. Ist auch oft alleine. Nur im Block nicht mehr.

„abseits“ wird zwo – wir gratulieren!

Europapokalmonolog

„Geht schon klar, das mit der Kohle. Ist ja ne einmalige Sache. Andere fliegen dafür in´ Urlaub. Is eh nix für mich. Familie. Bla. Außerdem maloch ich danach wieder. Also nur noch irgendjemand fragen wegen Vorstrecken und so. Wird schon. Wann nochmal? Nur um sicher zu gehen. Fuck. Eigentlich noch Termine an dem Tag. Der eine egal, das andere scheiß egal. Ich bestell jetz. Basta. 218€ Busfahrt inkl. Eintrittskarte. Einfache Fahrt laut Google-Maps dreißig Stunden mit dem PKW. Also sagen wir vierzig Stunden mit dem Fanbus. Thrombosespritzen nicht vergessen! Nicht wie beim letzten Mal in Trondheim. Kein Bock auf Blutstau. Auch keine engen Tennissocken diesma. Nix mehr gespürt da unten! Sekunde. Kurz RyanAir checken. Vielleicht ja zufällig extrem billiger. Nein. In etwa gleich. Sogar ohne Eintrittskarte. Außerdem wär das mim Bus ne einmalige Tour. Erzähl ich meinen Enkeln noch von und die dann ihren Enkeln. Falls ich jemals wiederkomme. Drei Punkte sind da zweitrangig. Völlig. 2095Km einfache Strecke für 90 Minuten. Ja, wen juckts denn?! 218 Tacken sind ok und später kann ich so Zeug eh haken wenn die Plagen da sind. Bestellungsfrist…Sekunde…morgen früh um acht Deadline. Erstma hören was die Jungs dazu sagen. Obwohl. Ich fahr ja eh. Also erstma buchen. Genau. Dann aufstehen.“

Cup-holder

Danke und gerne wieder!

„Wichtig is auf’m Sofa!“

Weiter geht es mit fußballbiographischen Texten aus dem Hildesheimer Uni-Seminar „Fußballkultur revisited“. Heute taucht Alexander Schröder in die Welt der Fußball-Games ab. Ob zerstörerische Wut am Controller, verlorene Cyberehre oder Rasenduft im Wohnzimmer – Zocken bedeutet Ekstase.

… „Der Ball ist polygonförmig“ und „Ein Spiel dauert zwischen 8 und 16 Minuten“. Pro Evolution Soccer, FIFA, International Superstar Soccer, Kick Off, Nintendo World Cup Soccer: Ein Spielplatz für Couchfußball nach Feierabend oder das Partywarmup mit Freunden. Doch, was haben diese Spiele eigentlich mit Schweiß, Rasenduft und Teamgeist zu tun? Wenig bis Einiges.

Champions League Sieger 2018: Hannover 96! Lionel Messi und Karim Benzema befinden sich mittlerweile in den Reihen der „Roten“ und haben gerade die beste Saison ihres Lebens hinter sich. Die geschlagenen Finalgegner vom AC Mailand lassen enttäuscht die Köpfe hängen und trotten langsam vom Platz. Ich lege den Controller zufrieden beiseite und fühle mich wie der Wegbereiter für einen längst fälligen Erfolg. Der Verein konnte meine starke Hand sehr gut gebrauchen, denn 2013 hatte es die Mannschaft von Hannover gerade einmal so in die obere Tabellenhälfte geschafft. Der Europa-League-Traum platzte im Winter bei einer herben Niederlage gegen Anschi Machatschkala und Probleme zwischen Fans und Präsident hatten ein raues Klima in der Landeshauptstadt entstehen lassen. Zwei Wochen nach dem letzten Spieltag der Bundesliga ist der große Erfolg jedoch da: Die Fans sind zufrieden und die Zukunft sieht rosig aus. Der Schwierigkeitsstufe „Halbprofi“ sei Dank.

FIFA Textbild Schröder

Auf „Halbprofi“ ist der Computergegner der FIFA-Spiele meist sehr gnädig gegenüber dem Spieler und verzeiht ihm grobe Fehler und verpasste Chancen. Die meisten Spiele kann man selbst mit unterlegenen Mannschaften oft sehr hoch für sich entscheiden. Als Spieler wählt man aus, wie stark die eigenen Gegner sind. Hannover konnte daher mit Leichtigkeit gegen Anschi und Mailand bestehen. Eine zu niedrige Schwierigkeitsstufe kann auf Dauer aber ermüdend und langweilig werden. Spieler brauchen Herausforderungen und Wettkämpfe. Sucht man den Wettstreit in Fußball-Simulationen, so findet man sich schnell in On- und Offline-Spielen gegen menschliche Gegner wieder. Egal ob gegen Freunde oder gegen Fremde, die Spannung steigt, wenn man etwas so wichtiges wie die Ehre verlieren kann.

Meine letztes FIFA-Turnier mit Freunden wurde jäh unterbrochen, als ein wütender Nachbar klingelte und sich über den Lärm beschwerte, den wir veranstalteten. Welchen Krach die Jubel- und Frustschreie, die geworfenen Controller und Einrichtungsgegenstände machten, wurde uns erst später klar. Das Zimmer war zum Schlachtfeld geworden. In zwei Stunden waren Freundschaften gekündigt und wieder neu geschlossen worden, Mannschaften wurden verflucht und geliebt, Ehre wurde verdient und verspielt.

Fußball-Simulationen kommen ihrem Vorbild recht nahe, wenn man mit ihnen in einen Wettstreit eintritt, der dem Bolzplatzkick von seiner Intensität und Härte durchaus sehr nahe kommen kann. Im Wettstreit wird geschwitzt und gestritten, auf Schultern geklopft und gejubelt. Die Namen der Spieler auf dem virtuellen Platz werden genauso unwichtig, wie die Rückennummern der Spieler auf dem Bolzplatz. Es geht nur noch um das Ziel, den Gegner zu besiegen, ob 1-gegen-1 oder 11-gegen-11. Denn in der Rivalität des Sports liegt der Kern der Emotionen, die Fußballfans und -Spieler ihren Mannschaften jede Woche mit in das Stadion und auf den Platz bringen.

Diese Emotionalität wurde durch die Mehrspieler-Option in Fußball-Simulationen gut in die heimischen Wohnzimmer übertragen. Der Rahmen des Spiels ist zwar weitaus kleiner, aber dennoch sind die Emotionen vergleichbar. Denn: Auch wenn Hannover in der nächsten Saison nicht international spielen wird, so wird es sich dennoch wie ein Champions League-Gewinn anfühlen, wenn 96 die Eintracht wieder in die zweite Liga entlässt.

(Uni Hildesheim, Juni 2013; Alexander Schröders Gaming-Blog findet ihr hier: http://anothervideospielblog.wordpress.com)

„Ja, zur Übeltätigkeit, ja, dazu ist man bereit!“

Wilhelm Busch sagte mal, dass „Neid die aufrichtigste Form der Anerkennung“ sei. Nun ja, hätte der gute, bärtige Busch gewusst, dass die Rotation des Alltäglichen eines Tages nicht mehr in Caféhäusern unter Intellektuellen debattiert, sondern in einem sogenannten Web 2.0 von Primaten destruiert würde, hätten in „Max und Moritz“ wohl bestenfalls die Hühner überlebt.

Als es Manuel Neuer zwischen Kalkalpen und Donau zog, war die Empörung groß. So groß, dass kaum ein Bordstein-Smalltalk in Gelsenkirchen-Buer ohne die Begriffe „Judas“ oder „Nestbeschmutzer“ auskam. Es soll keine Relativierung der Zustände sein, aber im Ruhrgebiet ticken die Fußballuhren anders und in den Tagen vor seinem Wechsel zu den Bayern öffentlich zu sagen, er „müsse“ nicht, aber er „wolle“ wechseln, gehört in Pottgefilden nun einmal zu jenen Herzensbrüchen, die nicht gerade mit Rosenmeeren beantwortet werden. Hinzu konnte man durchaus verstehen, dass so mancher Fan plötzlich Hitzewallungen beim Durchblättern des Jahrbuches bekam: „Innerhalb von Deutschland ist für mich ein solcher Schritt nicht denkbar. Manuel Neuer beim FC Bayern München – das passt nicht. Ich habe früher in der Kurve gestanden und nicht gerade nette Dinge über die anderen Vereine geschrien…Wie soll ich denn da das Trikot dieser Clubs tragen?“ (S. 18) Auch sein legendärer Eckfahnen-Wurf 2009, in Gedenken an Olli Kahn nach einem 1:0-Sieg der Knappen in München, fällt eher in die Kategorie „unglaubwürdig“.

Dass solche semiförderlichen Mediendenkmäler im Allgemeinen nichts weiter produzieren als den Maus klickenden Pöbel, dürfte die Profis von heute nicht überraschen. Der Fußballfan selbst befindet sich in einem nie dagewesen Kulturkampf, indem seine Werte und Rechte wöchentlich mit Füßen getreten werden. Nur logisch, das derart plötzlich auftretende Schizophrenien bei Spielern des eigenen Clubs das Fass zum überlaufen bringen. Beinahe unnötig zu erwähnen, dass es keinen Uhrzeigerschlag weiter brauchte bis erste Hass-Seiten im Internet wie Pilze aus dem Boden schossen. Doch diese Seiten, so minderbemittelt sie auch sind, ja wahrscheinlich reicht der IQ ihrer Administratoren gerade einmal für das Drücken des On/Off-Schalters (siehe auch: Facebookseite „Marcel Reif – Kommentarverbot“), erweisen sich durch den primitiven Inhalt  und die elitäre Struktur auf paradoxe Weise als ungefährlich. Konkret gesagt bleiben Erbsenhirne ungewollt unter sich, sodass solche Inhalte nie ernst genommen werden. Zumindest noch nicht.

schürrle

Als vor einigen Tagen Tobias Levels nach einem Pfeifkonzert in Tränen ausbrach, rührten die Unmutsäußerungen auf nicht erbrachten Leistungen in Form verschuldeter Gegentore. Stimmen wurden laut. Stimmen über das „Vermächtnis des Robert Enke“. (http://www.spox.com/myspox/blogdetail/Das-Vermaechtnis-des-Robert-Enke,199192.html)  Das Problem entsteht hierbei jedoch durch mangelnde Leistung und stürzt sich nicht auf die „Würde des Menschen“. Denn stünden jene buhenden Zuschauer vor Gericht, würde die Verteidigung auf „Handlung im Affekt“ plädieren. Irgendwie, wenn auch mit vielen bedenklichen Ausrufezeichen versehen, nachvollziehbar und möglicherweise veränderbar. Denn nach Enkes Suizid ist wenigstens die Phrase über die Selbstverständlichkeit maschinellgleicher Leistungen („Bei dem Gehalt muss ein Profi da durch!“) in der Altkleidersammlung des modernen Fußballs gelandet.

Viel schlimmer hingegen entpuppen sich solche Strömungen auf direktem und somit unkalkulierbarem Wege. Eher aus Zufall machte es klick auf die Facebook-Präsenz von André Schürrle. Als bekannt wurde, dass der gebürtige Ludwigshafener ausgerechnet gegen Manchester United sein erstes Spiel für die „Blues“ von Beginn an bestreiten würde, wollte die Neugier durch eine Schürrle-Statusmeldung ein wenig gefüttert werden. Leider Fehlanzeige. Hingegen dauerte es keinen scrollenden Atemzug, bis man sogar hier den Pöbel und seine „Übeltätigkeit“ entdeckte. (siehe Abb.) Beim Lesen solcher Kommentare, obendrein zu einem Post, dessen Inhalt sich auf ein Wiedersehen mit der Nationalmannschaft in Mainz bezog, bekommt man ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Irgendwie denkt man dann doch wieder an Burn-outs, das „dreckige Geschäft“ und den unbändigen Druck der modernen Bourgeoisie. Nebenbei soll er 2014 in Brasilien glänzen und die DFB-Elf mit zum Titel schießen. Na dann viel Spaß beim Public Viewing, Sonnenschein und lecker Bierchen. Lieber sitzt man da doch einsam in stickigen Büros und versucht verzweifelt daraufhin zu weisen, dass bei solchen Dingen nicht weggeschaut werden darf.  Die Option „Kommentar melden“ gibt es bei Facebook übrigens wirklich.

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Durch den Tunnel ins Spiel

Dritter fußballbiographischer Text aus dem Hildesheimer Uni-Seminar „Fußballkultur revisited“. Heute ein Essay von Stephan Meier über die Faszination Spielertunnel: „Es macht einen großen Unterschied, ob man zu einem Spielfeld aus den Katakomben heraufsteigt oder eine schmale, kleine Treppe hinabgeht.“

Noch zu DM-Zeiten war ich in München. Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr es genau war, sondern nur noch, dass ich, um das Münchener Olympiastadion anzusehen, 50 Pfennig Eintritt bezahlen musste. Ich schritt nun gemächlich durchs Stadion und durch den gesamten Olympiapark. Hier war Sportgeschichte geschrieben worden, das wusste ich nicht nur, seitdem mein Mathematiklehrer uns erzählt hatte, wie er 1972 bei der Olympiade als Vermesser oder Messhilfe an diesem Ereignis teilgenommen hatte. Das wunderschön geschwungene Dach des Stadions zu sehen, war für mich in Kinderjahren ein Traum und die Faszination für halbüberdachte Stadien war in mir geboren. Nicht zuletzt dadurch, dass mein erster Stadionbesuch in Hannover im Niedersachenstadion auch dadurch geprägt war, dass nur die Haupttribüne überdacht war und ich im Regen stehen musste.

Der Blick ins Weite, über den Tellerrand des Runds herüber, die Flutlichtmasten deutlich zu sehen, die diese, nicht nur für ein Kind, gewaltige Architektur umrahmte. Der Spielertunnel, durch den die Spieler in den Innenraum treten mussten, war das, was mich am meisten am alten Niedersachsenstadion begeisterte. Der Tunnel war eine schmale Röhre aus Plexiglas, die an der Seite der Osttribüne, also der kleinsten Tribüne des Stadions, hinab lief. Oberhalb des Tunnels befand sich ein relativ breiter Turm, der die sehr flache Tribüne überragte. Der Tunnel selbst war fast genauso lang wie die Tribüne tief ist, schätzungsweise 17-20 Meter. Dadurch, dass die Röhre nur so schmal war, dass maximal zwei Menschen sehr eng nebeneinander durch sie hindurchgehen konnten, hatte sie in meiner Vorstellung immer eine besondere konzentrations- und motivationsschaffende Eigenschaft. Leider hatte ich nie die Möglichkeit in die Rolle eines Spielers zu schlüpfen und den Tunnel auf dem Weg zum Spielfeld einmal zu durchschreiten. Aber ich stellte mir immer vor, wie es wohl gewesen sein muss durch diesen Tunnel gehen zu müssen oder zu dürfen.

Schaue ich mir heute zum Vergleich Spielertunnel aus anderen Stadien an oder den neuen im Niedersachsenstadion, scheint es mir, als dass der schmale Tunnel früher verstärkt einen gewissen Druck auf die Psyche eines jeden einzelnen Spielers auf dem Weg zum Spielfeld aufgebaut hat. Der Spielertunnel im Olympiastadion von Berlin, der mir durch Zinedine Zidane aus dem Weltmeisterschaftsfinale 2006 noch gut in Erinnerung geblieben ist, steht durch seine breite Treppe, die nach unten führt, in einem räumlichen Gegensatz zum Tunnel aus dem alten Niedersachsenstadion. Es macht für mich außerdem auch einen großen Unterschied, ob man zu einem Spielfeld gewissermaßen aus den Katakomben heraufsteigt oder eine schmale, kleine Treppe hinabgeht. Die Inszenierung für den Auftritt auf die „Bühne“ Spielfeld wird im amerikanischen Sport zum Beispiel viel aufwendiger und pompöser, teils auch in Begleitung von Cheerleadern ausgeführt. Die Sportler betreten durch eine Art Torbogen die Arena, was im europäischen Fußball auch zu einer Art Modeerscheinung geworden ist.

Der alte Charme ist also ausgegangen aus dem Niedersachsenstadion, welches ja nun auch „Arena“ heißt. Ein prachtvoller, starrer Betonklotz hat in der neuen Architektur Einzug erhalten, sowie auch in vielen anderen Kultstadien in Deutschland und England. Stehplätze wurden durch Sitzschalen ersetzt und auf den teureren Plätzen sind sogar bequeme Stühle installiert worden. Natürlich sind marode Holzkonstruktionen aus Sicherheitsgründen entfernt worden. Jedoch ist auch etwas verloren gegangen, was nicht wieder aufzubauen ist. Für viele Stadionbesucher stellte das Niedersachsenstadion eine Art Festung dar, in der etliche Kämpfe ausgetragen wurden, ob nun von Club- oder Nationalmannschaften. Was für mich aber emotional am Schlimmsten wiegt, ist die Tatsache, dass der Spielertunnel fehlt und die Spieler nun durch einen breiten Gang, mit aufrechter Brust und stolzem Siegeswillen ins Stadion hineintreten. Es ist nicht mehr wie früher, dass die Spieler ehrwürdig gebückt und dicht gedrängt, von allen beobachtet, jedoch selbst niemanden richtig erblickend durch die Röhre gehen. Dieses Bild, den einen Mannschaftskameraden vor mir und direkt hinter mir den nächsten, ohne die Möglichkeit zu haben aus Angst wieder zurücklaufen zu können, demonstriert für mich den Mut, sportliche Herausforderungen anzunehmen und machte für mich jedes Fußballspiel im Niedersachsenstadion besonders.

(Stephan Meier, Uni Hildesheim, Juni 2013)

„Ob Papa mal mitkommen wird? Ich glaube nicht…“

Weiter geht es mit fußballbiographischen Texten aus dem Hildesheimer Uni-Seminar „Fußballkultur revisited“. Dieses Mal ein Text von Philipp Hecht über das „erste Mal“ mit Eintracht Braunschweig,  1:4-Klatschen gegen Wuppertal, zwischenzeitlichen Stadionverboten und Fahrten zur polnischen Grenze während der Schulzeit.  

DAS ERSTE MAL MIT EINEM MÄDCHEN

Seit einigen Minuten schaue ich auf die Tabelle der 2. Bundesliga. Eintracht Braunschweig Platz 2. In der zweiten Bundesliga. Eintracht Braunschweig 2. Platz. Ich blicke kritisch meinem Laptop entgegen. Ist das auch wirklich kein Anzeigefehler? Irgendwo in Südeuropa, fernab von der Heimat entsinne ich mich und blicke zurück.

Mein erstes Spiel im Stadion an der Hamburger Straße fand im Jahre 2005 statt – gegen die Amateure vom Hamburger SV. Eigentlich wollte ich schon immer in der Aufstiegssaison 2001/2002 ins Stadion. Doch gab es in meiner Verwandtschaft keinen großen Bruder, Cousin oder Onkel, der zu dieser Zeit regelmäßig ins Stadion fuhr und auf mich Pimpf hätte Acht gegeben. Mein Papa war zwar auch Sympathisant, aber sein letzter Stadionbesuch zu Bundesligazeiten gegen Eintracht Frankfurt war lange verjährt.

So war es ein Mädchen, mit dem ich das erste Mal die magischen Stufen von Block 9 aufstieg. Nach dem ersten Spiel folgten unzählige weitere Heimspielbesuche, bereits mein drittes Spiel war das Aufstiegsspiel zur 2. Bundesliga gegen die Amateure von Arminia Bielefeld. Die komplette Nordkurve samt Gästebereich konnte mit Anhängern der Blau-Gelben gefüllt werden. Wir standen diesmal nur in Block 5, aber immerhin noch in der Südkurve – hätte ja auch schlimmer kommen können… Eintracht schaffte nach einem ähnlich spektakulären Finale wie im Jahre 2002 den erneuten Aufstieg. 2. Bundesliga, das ist doch was. In Braunschweig feierte man es wie den Gewinn der Deutschen Meisterschaft und des Europa-Cups zugleich.

FREITAGSABENDS AN DER POLNISCHEN GRENZE

Nun ein halbes Jahr später – zurück in Deutschland – sitze ich im Auto auf dem Weg nach Berlin, Olympiastadion, Montagabend, Topspiel. Die A2 zwischen Peine und Berlin-Charlottenburg ist von Autos mit blau-gelben Fanutensilien gesäumt. In jedem dritten Auto ist ein Eintracht-Schal auf der Rückbank zu erkennen, die rechte Fahrspur, gesäumt von LKWs meist osteuropäischer Herkunft, wird aufgelockert durch Reisebusse mit Kennzeichen aus dem Braunschweiger Land.

Es werden Geschichten ausgetauscht. „Was man sich auch für Kicks angeschaut hat…“ Als unser Fahrer berichtet, dass sein letztes Auswärtsspiel irgendwann in den 90ern beim TuS Celle in der Regionalliga gewesen sei – damals seien auch 10.000 mitgefahren – plaudere auch ich aus dem Nähkästchen. Jetzt, so kurz vor dem Sprung in die erste Liga, für meine Generation das erste Mal überhaupt, steigt ein Gefühl in einem auf, das Bestätigung gibt. Bestätigung, dafür, seinen Freitag mit Auswärtsfahrten des BTSV gegen die zweite Mannschaft von Energie Cottbus zu verbringen. Parallel hatte die erste Mannschaft von Energie ein Auswärtsspiel in Nürnberg, somit waren die 300 mitgereisten Braunschweiger die einzigen Fans im Stadion der Freundschaft. Wir wurden vom Ordnerpersonal nach deren besten Möglichkeiten von Kopf bis Fuß durchsucht, um später mit einer 1:0 Niederlage den Heimweg anzutreten. Der Busfahrer verpasste die richtige Ausfahrt und wir „Zonengrenzgebiet’ler“, früher aus dem Bus ausgestiegen, mussten von der Ausfahrt-Helmstedt-West im strömenden Regen gen Stadt laufen, da unser Abholdienst an der Ausfahrt Zentrum wartete. Um halb 3 nachts erreichte ich völlig durchnässt mein Auto, das ich nach der Schule um 13 Uhr am Bahnhof abgestellt hatte, um von dort aus nach Braunschweig zum Treffpunkt zu fahren. Mitschüler waren nachmittags zum Sport und abends in eine Bar gegangen, ich schaute mir lieber einen grottigen Drittligakick nahe der polnischen Grenze an. Ich selbst erkannte in diesem Moment meine allmählich extrem werdende Hingabe zum blau-gelben „Virus“.

DER TRAUM VON LIGA 1

Saison 2008/2009. Als man bald darauf Zuhause gegen den Wuppertaler SV auch noch 1:4 verlor, verließen wir den Fanblock. So eine Schmach ging den meisten Ultras, in deren Dunstkreis ich mich zu der Zeit befand, eben auch zu weit. Gerade so schaffte man den Verbleib in der neu gegründeten 3. Liga mit dem Erreichen von Platz 13. Thorsten Lieberknecht, einstiger Eintracht-Spieler, übernahm die Leitung der Mannschaft, zu Beginn nur mit einer A-Lizenz. Bald darauf wurde Marc Arnold, der ebenfalls früherer BTSV-Akteur gewesen war, sportlicher Leiter und auch Eintracht-Torschützenlegende Jürgen Rische erweiterte das Trainer-Team. Mit einem neuen dynamischen Konzept schaffte es der Verein in Kürze seine Schulden zu begleichen und wirtschaftlich wieder besser dazustehen. Auch sportlich ging es seitdem bergauf und das einstige Stadion an der Hamburger Straße bekam mit Hilfe von Sponsoren den Namen „Eintracht-Stadion“ zurück, eine traditionelle Seltenheit in der kommerzialisierten Profifußballwelt. Nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga folgte eine gute Saison, die man auf dem 6. Platz beendete. Als Aufsteiger! Und jetzt: Platz 2. Da steht wirklich Platz 2 – 12 Punkte Vorsprung vor Lautern und Köln, einen Zähler hinter Hertha.

Auch wenn das Auswärtsspiel in Berlin mit 3:0 verloren ging. Wichtig bleibt beim BTSV nur eines: eben jene Eintracht. Der Verein an sich, aber eben auch Eintracht unter den Fans. Wenn über 10.000 Braunschweiger an einem Montag Zeit aufbringen, um ein Spiel, bei dem kaum eine Gewinnchance gesehen wurde, live mitzuerleben, möchte man sich nur zu gern vorstellen, wie blau-gelbe Fahnen wieder die 1. Bundesliga bereichern. In Braunschweig singt man seit Wochen vom „Traum von Liga 1“. Wird er Realität?

WORUM ES EIGENTLICH GEHT

Selbst wenn ich schon seit längerem keine Dauerkarte mehr besitze, schon lange keinen Kontakt mehr zur Ultraszene habe und durch ein zwischenzeitliches örtliches Stadionverbot auf Bewährung – keine Klopperei, nur Protest – die Lust an Heimspielen verloren habe (ganz davon abgesehen, dass es nahezu unmöglich ist überhaupt Karten für die Heimspiele zu bekommen). In der ersten Liga reizt es einen doch an Wochenenden durch die Republik zu reisen, 10 Stunden in der Mitte der Rückbank eines VW Polo, eingeengt zwischen zwei stämmigen Mitfahrern, zu sitzen oder mit überfüllten Regionalzügen an abgelegene Orte Deutschlands zu reisen, stets umgeben von betrunkenen, grölenden Fans. Nach Bier, Schweiß und Zigarettenrauch riechend und ohne Stimme nachts um 2 Uhr wieder in Braunschweig anzukommen, dort auf den ersten Zug zu warten und morgens um 6 Uhr nach einer gefühlten Weltreise ins Bett zu fallen mit der Gewissheit, dass unser BTSV wahrscheinlich sowieso schon wieder nach einer Saison sang- und klanglos mit höchstens 15 Punkten den Heimweg in Liga 2 antreten wird.

Ja, da bin ich dabei! Ob Papa mal mitkommen wird? Ich glaube nicht…

(Philipp Hecht, Uni Hildesheim, Juni 2013)