Kategorie: Furchentexte

Pass in die Gasse #26

Pass in die Gasse #25

Furche@MillerntorGallery#6

Vom 14. bis 17. Juli öffnet die phänomenale Millerntor Gallery wieder ihre Pforten in Hamburg. Für einen Text zum Thema „Persönlicher Raum im Stadion“ musste man uns nicht zweimal fragen, sodass die Furche nun Teil des dazugehörigen Katalogs ist. Stolz wie Bolle gibt´s hier den Text vorab, und natürlich sehen wir uns vor Ort:

MILLERNTOR GALLERY #6
14. Juli – 17. Juli
Von 14. Juli um 18:00 bis 17. Juli um 20:00
Heiligengeistfeld 1, 20359 Hamburg

Kommt rum!

wsaswaswaswa

Harter Kater

Mit der inneren Wärme einer Pizza Calzone aufgewacht. An die Decke starrend, schelmisch grinsend. Dann ein Scroll-Marathon von Spox bis Kicker, dann die internationalen Pressestimmen inhaliert, den Zaza-Tanz geloopt, die Tränen Barzaglis getrunken und Urs Siegenthaler am schollschen Marterpfahl betanzt. Welch glückliches Leben! Ein paar tausend Effzeh-Klicks von befreundeten Facebook-Befreundeten später schaltet man den Fernseher ein und will sich zu den Höhepunkten auf tagesschau24 befriedigen. Doch plötzlich ZDF-Fernsehgarten. Andrea Kiewel schreit „Halbfinaaaaaale!“. Zu Gast: Henry Maske. Schland dreht durch. Warten auf Island.

gr4.jpg

Stiflers Mum und Böhse Onkelz

…oder: unsere Eindrücke als RE:Ticker aus Lille

Lille_02

10:23Uhr. Wache auf mit Seifenresten im Mund.

10:26Uhr. Schlande die Treppe des Airbnb-Lochs herunter in Richtung Bad. Bissspuren in der Seife. Eine zerstörte Akustik-Gitarre. Das Klose-Trikot ist getränkt in 9 prozentiges Starkbier. Auf der Partymeile vor unserer Tür singen bierbäuchige Altnazis „Mexiko“ von den Böhsen Onkelz in Dauerschleife.

12:30Uhr. Ein kühles Blondes mit der Konterstärke von Leroy Sané. Ob der spielen wird? „Die Nummer 1…die Nummer 1…die Nummer 1 der Weeelt sind wir!“ stimmt Gauland Ecke Rue Amiens im Sportpalast an. Das Thema Startelf ist seit 48 Stunden so omnipräsent wie die Gefahr eines Terroranschlags. Falls wir hier draufgehn, sagt bitte unseren nicht geborenen Kindern, dass wir den Fußball sehr geliebt haben. Die Bardame ist übrigens Stiflers Mum und wir nur kindische Märtyrer der Fußballkultur. Ein Kette rauchender (Reval) Kahn-Verschnitt mit Großkreutz-Trikot sagt seinem Kumpel in Lederhosen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Anschlag laut BILD bei 40 Prozent liegt. Dann singen beide wieder Arm in Arm „Mexiko“ und bestellen bei Stiflers Mum „this beer da“.

14:10Uhr. Die fünf Engländer von gestern grätschen stümperhaft in den Laden. Hugs ohne Ende. Und Gelächter über das Remis gegen Russland. Der geliebte Feind. Fußball verbindet – vor allem am Glas. Laut Lukas habe ich die Seife für weiße Schokolade gehalten und die Gitarre per Dropkick genommen. Verzweiflungsschuss. Gestern um 4:23Uhr aus Versehen Bilder via WhatsApp an Mama gesendet. Keine Antwort erhalten. Und daaaaaaa macht Luka Modric aka Beatrix von Storch das 1:0 für Kroatien.

17:16Uhr. Auf dem Weg zum Stadion kommen wir am Place du Général-de-Gaulle vorbei, wo gerade das Oktoberfest stattfindet. „Steht auuuf, wenn ihr Deutsche seid!“ skandieren die mitgereisten AfD-Wähler.

18:33Uhr. 55€ das Ticket. Drei Kontrollen. Kein Terror. Kein Sané. Nur Fußball und Böhse Onkelz. Mustafiiiiiii jaaaaa!

Unsportlicher Sport

sasaaaaaa

Es ist ja schon komisch mit der EM. Da steht ein sportliches Highlight vor der Tür und es geht um alles – nur eben nicht um Sport. Einerseits die großen Zweifel hinsichtlich der Sicherheitslage rund um die Spiele, andererseits die Debatten um die Aussage eines AfD-Politikers, der offensichtlich den Verstand verloren hat. Umsäumt wird all das Unsportliche von einer Marketing-Welle, die an Konsum-Perversion nur schwer zu überbieten ist und sich jeder Supermarkt anfühlt wie die Kabine der deutschen Elf.

Und der DFB? Der steht als „gemeinnütziger Verein“ dem ganzen Wahnsinn natürlich vorbildlich gegenüber und schreibt sich in seiner Satzung die „Förderung gesunder Ernährung (…) als gesundheitliche Prävention“ auf die Fahnen. Deshalb entschied man sich in Frankfurt auch guten Gewissens für Verträge mit Ferrero („Steck deine Stars in die Tasche!“) und McDonalds („Sport und McDonald’s gehören einfach zusammen“) und schnürte mit Coca Cola einen „Premium-Partner“-Deal. Während Erwachsene mit Brauspar-Aktionen ein alkoholisches Konto eröffnen, können so besonders Kinder die EM bei Schokolade, Burger und Cola kalorienarm genießen. Gesundheit ist eben alles, besonders in Satzungen.

Ein Supermarkt-Regal weiter kann man den Liter Milch heute übrigens ab 47 Cent erwerben. Und während zig Bauern in ganz Deutschland um ihre Existenz fürchten, entscheiden sich eben doch viele für die 24 Sammeldosen von Coca Cola – natürlich wegen des gesundes Inhaltes und nicht wegen den abgebildeten Mats Hummels oder Manuel Neuer. Die Welt ist verrückt geworden. Darauf ein Prosit, lieber DFB!

Pass in die Gasse #20

Pro Samstag 15:30

20141214_014435

Der Kühlschrank brummt wie eine Mischung aus einem Atomkraftwerk und einer V2-Rakete. Niemand wird überleben. Im Park gegenüber schreien sie bereits. Hildesheim-Marienfriedhof halt. Hartz4 vs. Studenten vs. Polizei vs. Netto-Bourgeoisie. Pünktlich um 9Uhr geht es los, freundlich gesinnt, wie immer, jemand spielt Gitarre, singt „No Woman, No cry“. Erst alleine, dann mit allen, wie im Stadion nach zehn Mal 0,5l-Alarm. Gegen 12Uhr kippt dann die Stimmung, wie immer, Bier leer. Neue Leute kommen, alte bleiben. „Ich hab gestern schon geholt, du Affe! Und wo ist Claudia!?“ Daneben Flunky-Ball. Lehrämter leben einfach das Leben, träumen nicht nur. Maximal Regionalliga. Alle anderen wahrscheinlich beim Yoga, oder am See chillen. Hauptsache kein Fußball. 13:00Uhr. Es läuft bereits die Konferenz der 3. Liga. Erzgebirge Aue steigt auf. Würzburg vielleicht auch. Die Waschmaschine läuft, auch ohne Ariel. English Breakfast, das erste Bier: Bayreuther Hell. Fast fühlt man sich schlecht, ja dekadent. Eier, Bohnen, Speck, das Leben leben! Anpfiff Bundesliga, Sky Go vom Vadder gemopst, er ja selbst auf Schalke, der Arme. Bayern wird Meister blabla, gib ma Kippe. Nach 18 Minuten sehe ich das erste Mal Schalke, vorher viermal Bayern, bei denen es schließlich noch um einen Scheißdreck geht. Sky go fuck you. Schorsch, von Beruf Schalker, mit Hobby Kulturwissenschaften, trinkt einfach weiter und baut Ziggis so sicher wie die VFB-Abwehr. Kiste Veltins fast leer. Aus Frust. Jetzt Xbox, irgendwas mit Medien, Fifa 2006, 1:1 gegen Augsburg, No Schalke, No Cry.

 

Pass in die Gasse #15

Von Mihajlović bis Lichy

Tacheles zum x-ten “Weckruf”

Der 2:1-Anschlusstreffer durch Harry Kane war die bezeichnende Szene des Spiels. Eine kurze, schnelle Drehung reichte dem 22-Jährigen, um dann durch einen Beinschuss ins lange Eck zu treffen. Seine beiden Gegenspieler Müller und Özil führten dabei einen Synchrontanz vor, der eher an eine königliche Eskorte erinnerte als an einen Zweikampf. Das ganze zehn Meter vor dem eigenen Tor, wo selbst auf diesem Niveau das Tribünendach nie die schlechteste Lösung ist.

kcmscs

Doch hatte man sich über dieses Laissez-faire schon während des gesamten Spiels echauffieren müssen, bekam man von Thomas Müller im späteren Interview noch einen Nachtritt, indem er klarstellte: „Wir konnten den Testspielcharakter irgendwie nicht abschütteln. Wir als Mannschaft sind nicht an die 100%, auch vom Einsatz, von der Aggressivität, rangekommen. Das ist leider nichts Neues, dass wir bei Testspielen nicht ganz so gut aussehen.“ Man darf fragen, was es also braucht für die richtige Einstellung. Der größte europäische Klassiker inklusive ausverkauftem Olympiastadion scheint das nötige Adrenalin und die richtige Einstellung nicht hervorrufen zu können. Auch Testspiele waren zwischen diesen beiden Nationen seit jeher von Prestige geprägt und stellten immer weit mehr dar als ein Trainigskick. Englands 5:1-Kantersieg in München inklusive Michael Owens Drei-Tore-Gala ist bis heute ebenso Thema im Pub wie Didi Hammans „Abrissbirne für Wembley“, die vielen Inselbewohnern immer noch den Magen umdreht.

Der Irritation nicht genug. Im Aktuellen Sportstudio spricht Löw das aus, was man als Zuschauer von Minute eins an gesehen und gefühlt hatte: „Wir hatten, selbst als wir 2:0 geführt haben, eigentlich kein gutes, dynamisches Spiel. Wir hatten auch nicht immer in diesem Spiel die Kontrolle.“ Nur fünf Minuten zuvor waren Gomez und Khedira, offensichtlich vom 2:0-Vorsprung geblendet, vom Gegenteil überzeugt. Wusste zunächst Gomez, dass man „bis zum 2:0 und auch die paar Minuten danach ein richtig, richtig gutes Spiel gemacht“ hat, war sich auch Khedira sicher „bis zum 2:0 vieles richtig gemacht“ gemacht zu haben. Offenbar ist es nicht nur ein Problem der Einstellung, sondern auch eines mit dem Realitätsempfinden eines Weltmeisters.

Doch dass Fußball nicht ausschließlich Kopfsache ist, wurde gestern ebenfalls bewiesen. Der 11 Freunde-Ticker brachte das 2:2 von Jamie Vardy auf den Punkt: „Was für eine Bude! Ausrufezeichen! Und Jogi Löw? Bringt Lukas Podolski. Jeder wie er kann.“ Was sich hier so humorvoll anhört ist leider bittere Wahrheit. Die derzeitige Personalsituation im DFB-Team ist mehr als nur bedenklich. Wer das nicht wahrhaben will, dem empfehlen wir auch weiterhin unsere Tugenden, Turniermannschaftsgene und das 7:1 gegen Brasilien zu feiern. Es ist zwei Jahre her, basta. Wachwerden, schlandsche Couch-Potatoes!

Die EM-Qualifikation wurde mit Hängen und Würgen abgeschlossen und in Spielen gegen Polen, Irland und Georgien verwies man immer wieder gerne auf die mentale Schwierigkeit mit dem Umgang „kleinerer Gegner“. Doch England ist ein anderes Kaliber wie beispielsweise Schottland, weshalb auch die „Weckruf“-Phrase gestern so deplatziert wirkte wie André Schürrles Stellungsspiel beim 2:3. Wir gehen noch weiter und posaunen, dass es bei manchen Spielern für nicht mehr reicht.

Dass Jonas Hector ein guter linker Verteidiger ist, aber eben nur ein guter. Einer, der zwar ein solides Repertoire abruft, dass bestenfalls aber gut genug für die Gruppenphase ist, da er immense Probleme mit schnellen, an der Linie klebenden Gegenspielern hat und folglich die Abstände nicht halten kann. Dass Antonio Rüdiger noch Luft nach oben in der Entwicklung hat und diese auch atmen wird. Für die EM allerdings kommt der Auftritt von Beginn an zu früh. Das weiß übrigens auch die italienische Presse, die ihn regelmäßig wegen seinen Sekundenschläfen kritisiert. Dass André Schürrle wegen fehlender Spielpraxis und Spiellaune gerade ebenso wenig hilft wie Lukas Podolski, der bei Galatasaray zwar dauerhaft spielt, aber „Gala“ eben zurzeit auch ein Club ohne Anspruch ist und mit 22 Punkten Rückstand auf Besiktas auf Platz sechs einer Mittelklasse-Liga klebt. Auch will man Sebastian Rudy nichts Böses, aber ja, lassen wir das mit Hinblick auf die Bundesliga-Tabelle.

So weiß man außer bisher schwachen bis durchschnittlichen Auftritten über die deutsche Mannschaft nur zwei Dinge ganz sicher: der jetzige Kader ist einerseits zu schwach für den EM-Titel, andererseits sollten gestandene Spieler wie Thomas Müller ihre „Leichtigkeit des Seins“ besser ganz schnell ablegen und vielleicht auch den ein oder anderen coolen Spruch erst nach getaner Arbeit bringen.

Frohe Ostern!

Kommentar zum 11FREUNDE-Artikel „Was uns wichtig ist“

Ein User verlinkte den veröffentlichten Text mit dem einleitenden Satz: „11Freunde nimmt Stellung zu Hasskommentaren“. Genau darum geht es nicht. Das Magazin muss keine Stellung beziehen. Schon gar nicht zu dem Irrsinn, dass Fußball „nur“ Fußball und eben keine Politik sei.

yyyyyyy

Fußball war und ist nämlich genau das: Sport, Kultur und Politik. Wer das nicht wahrhaben will, sollte sich dringend ein Geschichtsbuch zulegen. Unser geliebtes Rundes Leder wurde im Kaiserreich als „undeutsche Engländerei“ diffamiert, im Nationalsozialismus als arische Stärke instrumentalisiert, war im „100-Stunden-Krieg“ Auslöser von Gefechten zwischen Honduras und El Salvador mit 1200 Toten und wird heute als Werbeträger von seinen eigenen Verbänden benutzt und weggeworfen. Immer wieder auf das friedliche Miteinander hinzuweisen gehört deshalb in jede Kurve dieser Welt, in den Mund eines jeden mündigen Fans und erst recht auf die Tastatur von Journalisten.

Wenn ein Fußballmagazin wie 11Freunde wegen eines Posts angefeindet, beschimpft, ja gar bedroht wird, weil es ein „Refugees Welcome“-Banner von Werder Bremen Fans zeigt, sollten bei allen Journalisten, Bloggern und Redakteuren die Alarmglocken läuten. Das Magazin „nimmt keine Stellung“, sondern unterschreibt „Was uns wichtig ist“ im Namen aller MitarbeiterInnen und tut damit etwas, das definitiv „wichtig“ ist: es wehrt sich.

Selbst unser kleiner Blog steht regelmäßig vor der Frage, ob man auf die in Dummheit getränkten Mails oder Kommentare antworten oder diese doch besser direkt blocken, ignorieren oder löschen sollte. Letzterer Vorgang fällt nie leicht und stellt ein Paradoxon dar, steht man schließlich mit jeder veröffentlichen Zeile hinter dem Artikel 5 unseres Grundgesetzes. Mehr noch – man glaubt an ihn. Eine Meinung zu „löschen“ greift deshalb das Gewissen an. Immer. Doch handelt es sich hierbei nicht um Meinung, sondern um Hetze und Diffamierung.

Ein Beispiel: 2015 lief auf ARTE der Dreiteiler „Nordkurve“ an. Wir verlinkten den Trailer und wiesen auf den Sendetermin hin. Neben einem Mord handelt die Serie vor allem von privaten Problemen, die sich äquivalent zu denen in Verein und Fanszene verhalten. Unter anderem thematisiert das Drama, wie ein junger Fan an seiner Homosexualität fast zu Grunde geht. Es dauerte keine zehn Minuten nach Sendeausstrahlung bis zum ersten Kommentar („Was hat diese ganze Schwuchtelscheiße mit Fußball zu tun!?“) und keine zwanzig bis zum nächsten geistfreien Hieb („Wahrscheinlich seid ihr auch schwul, sonst würdet ihr so ein Schwachsinn nicht ankündigen“). Die „persönlichen Nachrichten“ mit den Usern führten in eine Richtung, die man eigentlich vor Gericht hätte weiterführen müssen.

Nun ist unser Blog in etwa so groß wie die Betreffzeile von 11Freunde. Man kann sich also in etwa vorstellen, was ein Magazin wie dieses (80.000er Auflage, 400.000 Abonnenten auf Facebook, 130.000 Follower bei Twitter) an Hasskommentaren und Drohungen aushalten muss. Daher gebührt es dem seit 2000 erscheinenden Blatt Respekt auszusprechen. Denn mit dem Artikel ist man im Hause Köster auch der Gewissheit entgegengetreten dem digitalen Mob eine weitere Breitseite anzubieten. Doch sagte man sich: Sollen sie doch. Sollen sie weiterhin versuchen unsere Zeilen und Bilder an den Pranger/ Galgen zu bringen. Egal.

11Freunde hat Haltung gezeigt und nur das zählt. Die Redaktion ist (endlich) eingesprungen für Fußball, Kultur, Politik – und für Menschen, die an die „universelle Sprache“ dieses Sports glauben.

hrp

P.S.: „NACHTRAG: Um 16:59 Uhr haben wir die Kommentare unter diesem Artikel abgeschaltet, weil es keine Diskussion zum Thema gab, sondern nur eine sinnlose Aneinanderreihung von Beleidungen, Beschimpfungen und Drohungen. Danke an alle Leser, die versucht haben, dagegen zu halten und uns auch in unserer Meinung bestärkt haben.“ (11Freunde)

Die sogenannten „Emotionen“

dsas

Es war noch nicht einmal das Schmidt´sche Schauspiel selbst, das einfach nur nervte. Noch viel schlimmer war das Nachtreten auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Viele Trainer scheinen inzwischen eine eigene „emotionale Ebene“ für sich zu beanspruchen, die aus ihrer Sicht „nun einmal passieren kann“. Man will und kann es nicht mehr hören. Erst recht dann nicht, wenn derjenige ein Wiederholungstäter par excellence ist, dem sein Verhalten „natürlich in erster Linie für die Mannschaft“ leid tut. Solche Phrasen scheinen inzwischen so salonfähig zu sein wie die Geldstrafen, die sie bewirken.

Es ist beschämend, dass die Arroganz eines Trainers nur noch von der Selbstüberschätzung gesteigert wird für jede Entscheidung des Schiedsrichters eine Erklärung einzufordern. Dass ein Schiedsrichter über eben jene Entscheidungen auch einmal den Kapitän eines Teams und nicht den Trainer informiert, ist nicht nur legitim, sondern wird in jeder Kreisliga als völlig normal empfunden. Wie sich in diesem Kontext diese Trainer inszenieren, kann ohne Weiteres als „Generation Klopp“ geltend gemacht werden. Intelligent, smart und egal wie tadelnswert man sich auch verhält, es wird als „leidenschaftlich“ und „voller Emotionen“ verkauft und somit – das ist der Wahnwitz – als „nur menschlich“ verteidigt. Man stelle sich einmal Max Mustermann vor, wie er am Montagmorgen durch den Flur seines Büroskomplexes schlendert und aus dem Nichts einen Mülleimer über den Gang drischt: „Ja gut, mir ist gerade ein Kunde abgesprungen. Wenn man sich mit dem Beruf identifiziert, dann passiert das eben mal.“ Hier werden nicht Äpfel mit Birnen verglichen, handelt es sich schließlich in beiden Fällen noch um „echte Typen“, die für ihre Sache „noch leben“.

Trainer wie Schmidt sind inzwischen derart „brutal“  bei der Sache, dass sie natürlich nicht bewusst die Kontrolle verlieren, sondern stets Opfer dieser sind. Dieses Gefühl sehen Fans naturgemäß ein, da sie diese Haltung nur zu gut kennen. Die Schmidts des Fußballs glauben deshalb Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern narrenfrei kommentieren zu dürfen und auch zu müssen. Das Erregen von Aufmerksamkeit und das gleichzeitige Erhaschen von Verständnis, ja gar Mitleid, war schon immer eine Strategie der (schlechten) Verlierer. Bedenklich ist dabei nur, dass es inzwischen als Tugend referiert wird. Genau aus diesem Grund darf man von den Selbstinszenierungen solcher „Normal & Special One-Trainer“ ruhig Abstand nehmen. Sogar  emotionslos.

hrp

Handball, Kirschneck, Piqué

Von Südamerika & Südwestfalen

OOOOH!

Pöbelalarm 7:48Uhr. Livestream. Immer noch. Der Laptop röhrt so laut und verboten wie ein gottverdammtes Atomkraftwerk. NEWCASTLE JETS VS. PERTH GLORY. 1:1 nach 38 Minuten. Nur Diego Castro sagt einem was. Gijon und Getafe, Dauerbrenner, nie verletzt! Die ham 20 Grad übrigens. Ein müder Sommerkick also, ihr F*****! Ne Stimmung wie auf ner Beerdigung, niemand singt, weil….OOOOOH 1:2! Und wer macht es??? Castro, of course! Und das ist noch nicht einmal verdiiiiiient…meine Meinung. Man könnte nämlich….OOOOOH Platzverweis Nigel Boogaard! Ein Name wie Winnetou Koslowski! Fußball, du bist ein Teufelskerl! OOOOOH 1:3! Torschütze Daniel Mullen vom chinesischen Erstligisten Dalian Aerbin. Zudem 13facher U20-Nationalspieler. Abwehr. 185cm. HOHES BEIN!!!! 1:4.

wsaaaaaaaa.jpg

Budenzaubermysterium

Vorsatz für 2016?

20151231_183624.jpg

 

‚Traditionalisten aller Länder, vereinigt…‘ sorry nein, das hat der alte Marx nicht verdient. Doch betrachten wir rückblickend das Fußballjahr 2015, so ist das geliebte runde Leder nur noch mit einer Vereinigung aller Fankurven -und kulturen zu retten. Mit einer Revolution, einem Manifest vielleicht, das Mindestgehälter festlegt und ein Verbot von Vermarktung jeder Art ausspricht. Das klingt nach Utopia, mag sein. Doch andererseits gibt es bisher keine kollektive Antwort auf den Ausnahmezustand, in den sich der Fußball im Jahr 2015 hineinmanövriert hat.

Wir echauffieren uns über steigende Ticketpreise und bezahlen sie trotzdem. Wir heulen Flutlichtmast und 15:30 nach, kaufen aber Sky-Abos wie Toilettenpapier. Wir wollen von Gazprom, VW und Red Bull eigentlich nichts wissen, tolerieren sie aber aus Angst vor Wettbewerbsunfähigkeit. Und wenn uns der Protest doch einmal von der Couch holt und laut wird, gibt es ja immer noch Oberwachtmeister Dimpfelmoser aka. Rainer Wendt, der Nackstscanner „absolut richtig und vernünftig“ findet, „Stehplätze abschaffen“ und „Zäune erhöhen“ will und meint, dass man „die sogenannten Fanbetreuer […] von Zeit zu Zeit daran erinnern [sollte], auf welcher Seite sie stehen“, da sie „in zunehmenden Maße als Verharmloser“ auftreten. Wer diesen Themen gegenüber resistent ist, zieht sich eben 35 Minuten die Leiden des Wolfgang Niersbach oder die zukünftigen Fernsehgelder der Premier League rein.

Und selbst das bekommen wir Fußballnarren natürlich nur oberflächlich mit. Was inzwischen hinter den Kulissen abläuft, lässt sich nur erahnen, liest man in und zwischen den Zeilen, die Yves Eigenrauch dem „Kicker“ entgegnete: „Im Fußball war und ist es leider auch so, dass man sich gegenseitig versucht, über den Tisch zu ziehen, und dass sich Spieler und Vorstandsleute profilieren wollen. Der Unterschied zu damals ist nur, dass das mittlerweile mit einer extremen Professionalität betrieben wird.“
In einer E-Mail monierte vor wenigen Tagen ein User, dass der Fußball „immer einen Weg gefunden“ habe und wir zu sehr „typisch traditionalistische Schwarzmalerei“ betreiben würden. Ehrlich gesagt fällt uns zum Komapatient Fußball im Augenblick kein Szenario ein, was schlimmer sein könnte.

In Katar sterben täglich Menschen auf Baustellen, nur damit wir uns wieder Helene Fischer in Autokorsos geben können. FIFA und UEFA kommen der Cosa Nostra gleich und der DFB, selbst einst mit erhobenen Fingern auf andere zeigend, repräsentiert mit seinem Kaiser keinen Verband, sondern die „Farm der Tiere“ nach George Orwell. Und wer es sich nicht hart, sondern eher romantisch besorgen will, kann sich ja Ralf Rangnick im Interview geben. Sprich, wir können gar nicht anders als flächendeckend das Hackebeil zu schwingen und diesem Katastrophenzustand bestenfalls mit Zitaten von Kabarettisten begegnen: „Es kann passieren, dass der Sinn des Fußballs in ein paar Jahren komplett darauf reduziert wird, Gelder aus Asien einzusammeln. Wenn dann die englische Liga um zwei Uhr nachts angepfiffen wird, weil das besser in die Planung des chinesischen Fernsehen passt, dann ist vielleicht der Punkt erreicht, an dem man sich mal für die rumänische Liga interessieren sollte.“* Vielleicht sollte Dieter Nuhr mehr über Fußball reden anstatt über…egal. Dem Fußballgott sei Dank sind jetzt endlich Hallenturniere. Da macht man wenigstens keinen Hehl daraus, dass es eigentlich gar nicht um Fußball geht. Es gibt nichts schön zu reden.

Grätscht gut ins neue Jahr!

Eure Furche

(*Hohenloher Zeitung, 31.12.2015; S. 25)

Europapokalflucht Teil 1

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnd da sitzt man dann. Berlin-Schönefeld. Drei Grad. Drei Uhr. Man wartet auf eine Fluggesellschaft, die behauptet, sie könne einen in drei Stunden sicher nach Athen bringen. Für 21€. Man fragt sich, wo diese verfluchten Eulen sind, von denen alle immer reden. Nach bestandener Drogenkontrolle in einer H&M Umkleidekabine mit aufgezogenem Vorhang und Nacktscanner, wartet man mit kochendem Dosenbierwasser (4,50€) auf grauen, metallischen, extra nicht gepolsterten Sitzen. Abflug in drei Stunden. Ein junger Zwitter schlendert nervös mit seinem/ihrem Trolley vorbei und knickt bei jedem dritten Schritt in lila Pumps von einer Fliesenfuge in die andere. Zwei Erasmus-Studentinnen schießen ein paar Spiegelreflex-Selfies. Sie strahlen, schauspielern ein letztes Mal beste Freundschaft und glauben fest daran, etwas total Tolles erlebt zu haben. Es ist warm. Trockene Luft, welche Achseln und Stirn ins Schwitzen bringen, ohne dass man auch nur den Finger bewegt. An der Decke hängen Flachbildfernseher an umgedrehten Periscopen, die jedoch kein Land in Sicht, sondern Beate Zschäpe auf n-tv zeigen. Schnitt. „Holyfield tippt auf Klitschko“. Beitrag ohne Ton. Schnitt. „Frau stirbt bei Teufelsaustreibung“. Beitrag ohne Ton. Schnitt. „VW gibt Entwarnung“. Beitrag in Splitscreen ohne Ton. Linke Bildhälfte: Beate Künast. Rechte Bildhälfte der TV-Tagestipp: Dirty Dancing. Ich sage mir, dass 21€ ein durchaus fairer Preis sind, um aus Vietnam rauszukommen. Um 6:20Uhr öffnet das Gate. Eine Flughafen-Angestellte mit der Stimme von Roseanne sagt „Tschüss“, als wir an ihr vorbeigehen. Ich antworte: „Ja, Glück Auf!“. Sie: „Nee, Tschüss.“ Auf n-tv klettert die Afd im Osten auf 16%. Abflug. Drei Punkte. Oh Herr, Hauptsache drei Punkte. Und Walter Faber als Sitznachbar.

Sportstudio: Alles außer Fußball

1qaq1Bei aller Sachlichkeit: dass das ‚aktuelle Sportstudio‘ inzwischen nicht auf RTL läuft, ist mit gesundem Rezipientenverstand nicht mehr nachzuvollziehen. Man ist sich nicht ganz sicher, ob sich die Moderatoren und Moderatorinnen überhaupt noch ernsthaft auf die Studiogäste vorbereiten. Denn hinterher weiß man genauso viel wie vorher, der Gast hat in einem pseudolockeren Smalltalk achtzig Prozent Fragen beantwortet, zu denen er oder sie eigentlich gar nichts sagen kann, die 3D-Analyse des Abendspiels gleicht einem digitalen Reißbrett alkoholisierter Sportstudenten und die despektierlichen Fragen der rasenden Reporter in den Stadionkatakomben lösen ganze Salven von Fremdschamattacken auf der Wohnzimmercouch aus.

Und wenn man kurz durchatmet, weil Sven Voss trotz George Clooney-Grinsen wirklich, wirklich, wirklich keine News, Gerüchte oder Erdbeben erhaschen konnte, kommt Boris Büchler („Wat woll’n se?!“) um die Ecke gegrätscht und tritt noch einmal in Richter Alexander Hold-Manier nach. Danach geht es zurück ins Studio zu Katrin Müller-Hohenstein und dem Ablesen oberflächlicher und totaaal witziger Twitter-Fragen, bevor dann endlich sinnlos auf die Torwand (wer nicht klatscht, wird erschossen) geballert werden kann. So ging es schlussendlich wieder einmal um alles im „Tatort“ für Fußballgeschädigte – nur nicht um Fußball.

[P.S.: Noch eine abschließende Frage, Herr Gruschwitz: darf man die Trikots (maximal Größe XS – M), die den Zuschauern vor Sendebeginn übergestülpt werden, eigentlich hinterher, quasi als Schadenersatz für blutige Ohren, mit nach Hause nehmen?]

Druck, Drucksen, Draxler

Vorweg gesagt: Druck kann furchtbar sein. Und wenn man nicht mehr weiter kann, hat man ihm nicht Stand gehalten. Das gilt für Fußballprofis ebenso wie für Ingenieure, Kfz-Mechaniker und Bäckergesellen. Druck sollte nicht unterschätzt werden, schon gar nicht, wenn er sich als schwere Last entpuppt und die Gesundheit angreift. Für Mike Wunderlich, Sebastian Deisler, Markus Miller, Martin Amedick oder Ralf Rangnick wurde dies im Geschäft des Fußballs eine ebenso bittere Tatsache wie für Sven Hannawald im Skispringen, Jan Frodeno im Triathlon oder Jennifer Capriati im Tennis. Die traurige wie dumme Phrase, welche versucht das Gehalt von Profisportlern in Relation zu ihren Leistungen zu bringen, taugt nicht einmal als Zwischenruf nach drei Bieren: „Wenn ich so viel verdienen würde wie die…!“. Ja, man verdient aber nicht so viel wie die, kann es folglich null beurteilen und sollte vielmehr jene hinterfragen, welche die Gehälter und Ablösesummen überhaupt erst gestalten und sie wie Despoten dominieren. Frodeno umschrieb das Mensch-Maschine(rie)-Paradoxon vor Jahren einmal hilflos wie unmissverständlich: „Es gibt kein Plan B, deshalb muss Plan A funktionieren!“ Deshalb gelten immer nur hundert Prozent für Profisportler. Deshalb entsteht Druck. Druck auf Dauer. Denn diese hundert Prozent sind es, welche schlussendlich die Gefahr einer Erschöpfung hervorrufen und welche von den Medien nicht selten kolportiert, in jedem Falle aber forciert werden – vielleicht der einzige Aspekt, der nicht auf Ingenieure, Industriemechaniker und Bäckergesellen zutrifft.

800397107-julian-draxler-homepage-wolfsburg-werder-bremen-1OOypBK9zna7

Das Beispiel Julian Draxler zeigt das alles nicht. Seit seinem entscheidenden Tor im DFB-Pokal 2011 gegen den „Club“ aus Nürnberg mit dessen damaligen Trainer Dieter Hecking, kann man Draxler bestenfalls punktuell hundert Prozent attestieren. Eine Konstante bleibt er bis heute Fans und Verein schuldig.

Zugegebenermaßen lag das primär an seinem Alter. Man stelle sich nur einmal vor, man selbst ballere mit 17 Jahren einen großen Bundesligaverein in der 119. Minute nach Lehrbuchübersteiger und 20 Meter-Hammer ins Halbfinale des Pokals. Wie läuft da der nächste Schultag ab? Wie empfindet man die Blicke in der S-Bahn, wie im Supermarkt? Für extreme Vergleiche steht Boris Becker sicherlich gerne zur Verfügung, der Mitte Juli 2015 im aktuellen Sportstudio noch einmal resümierte, dass sein Wimbledon-Sieg menschlich gesehen viel zu früh kam, sehr vieles danach in die falsche Bahn gelenkt wurde und er sich erst Jahre später wieder auf Tennis konzentrieren konnte.

Zugegebenermaßen spielen auch Draxlers Verletzungen keine untergeordnete Rolle. Gerade die Art Fußball, die Draxler abseits seines großen Talents so außergewöhnlich macht, fordert hundertprozentige Fitness. Schnelle Dribblings, abruptes Abstoppen, von außen nach innen ziehen, ein, zwei Übersteiger und nicht selten wartet ein Schienbein des Abwehrspielers – eine extreme, und stets der Perfektion unterworfene Spielweise, die unter hundert Prozent keiner Mannschaft weiterhilft. (siehe: Arjen Robben und Frank Ribéry) Das ständige Ausscheiden und das Vielleicht-Auflaufen tun den Besten ihrer Gattung auf Dauer weh.

Summa summarum jedoch kommt man nicht um die Tatsache herum, dass Draxler ein ad hoc-Genie ist, der es in vier Jahren Schalke zwar immer wieder zu Galaauftritten wie beim 2:0 CL-Erfolg bei Arsenal London oder im Derby 2013 brachte, die Leistung aber bis heute nie länger als über zwei, maximal drei Spieltage halten konnte. Druck entsteht nun einmal durch erbrachte oder eben fehlende Leistung. Es waren nicht die Fans des FC Schalke, die Draxler in die Nationalelf geschrien haben und es war auch nicht der Verein allein, der ihn auf heroischen Werbebanden wie einen Zenturio durchs Ruhrgebiet zog. Zuvor hatten Spieler und Berater in puncto Vertragsverlängerung lange taktiert und nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit Glaubwürdigkeit und Vertrauen gepokert.

Es ist doch sehr verwunderlich, dass gerade jetzt, wo Schalke kein Saisonziel vorgibt, der Kader von Platzhirschen wie Jones und Boateng befreit wurde und mit Andre Breitenreiter ein Trainer mit schützender Hand in Gelsenkirchen arbeitet, Julian Draxler von „zu viel Druck“ spricht. Mehr noch. Absurd ist vor allem Draxlers Aussage „bis jetzt zwar keine Narrenfreiheit“ in Schalke genossen zu haben, aber in Wolfsburg „jetzt im Training noch mehr gefordert zu sein“. Ohne große Interpretationen macht ein Spieler also klar, dass er nah dran war, Narrenfeiheit zu genießen, gleichzeitig aber dem Druck und der Erwartungshaltung nicht mehr gewachsen ist. Dazu passt, dass Draxler nie einen Hehl daraus machte, die „Zehnerposition“  für sich zu beanspruchen, obwohl er dort trotz vieler Einsätze nie glänzte und seine besten Spiele immer auf den Außenbahnen absolvierte.

Die Definition von Druck ist hier Farce und Alibi in einem. Der Wechsel ruft abseits von 36 Millionen Euro Ablöse nach Gründen, und Draxler nennt welche, die für jeden Schalke Fan einem Schlag ins Gesicht nahe kommen. Denn Draxler wurde von den Fans stets behütet. Mitspieler, die in grausamen Partien weder besser noch schlechter waren als er, wurden weitaus mehr angegangen als das Schoßkind mit der Nummer 10. Soll er einfach sagen, dass ihn das Gehalt gelockt hat und er enttäuscht war über den geplatzten Juventus Deal, träumt er doch bekanntlich auch jetzt noch vom Ausland. Vielleicht würde dieser Umgang mit Ex-Vereinen und Ex-Fans und weniger Herumdrucksen einigen Profis viel Ärger ersparen. Machen Ingenieure, Kfz-Mechaniker und Bäckergesellen ja auch.

hrp

Boleynsche Tränen

Es geht um Liebe. Und Schmerz. Eine lange Beziehung geht in ihre letzte Runde. Sehnsucht jetzt, Trauer schon gestern. Heute Abend fühle ich mich wie bei meinem ersten Besuch. Es sind keine drei Minuten vorbei, als ich das erste Mal tief Luft holen muss. Der Kommentator erzählt, dass die folgende Saison für die Fans eine sehr emotionale werden würde. Dass man als Fan von jetzt an sehr stark sein müsse und jede Minute genießen sollte. Der Kommentator erzählt von den Menschen dieses Viertels. Seit jeher Multikulti, Arbeitervolk, Familie – erzählt davon, wie die Menschen dieses Viertels nach dem zweiten Weltkrieg zuallererst ihr Stadion wieder aufbauten. 111 Jahre Liebe gehen nach dieser Saison zu Ende. Die Liebe zu einem Stadion, das nie große Erfolge feierte und doch jeder kennt. Halbzeit. AC/DC volle Lautstärke. Stiernacken, Tattoos, Cockney Rejects. Im Hintergrund Reihenhäuser. Weit weg von Piccadilly Circus und Buckingham. Erinnere mich daran, wie ich nach einem Spiel gegen Wolverhampton in der Stadt kein Bier wegen meines Schals bekam. („No, it´s too dangerous, I´m very sorry!“) Eines der beeindruckendsten und zugleich kontroversesten Stadien beginnt seine Abschiedstournee. Danach ist Schluss. Kein Museum, nichts. Stattdessen Parkplätze und Wohnkomplexe. Ich weine schon wieder. Ich sagte ja: Es geht um Liebe. Ich bin so unendlich traurig.

11411908_803539329745332_4811415229283163022_o

Oooooh! Aaaaah!

Unbenannt3:49Uhr. Hellwach. Soeben ging zu Ende: Chile vs. Mexiko. 3:3. Meine Nerven liegen blank. Das soll nicht heißen, dass ich auf Phrasen stehe. Ich meine es wirklich so. Meine Nerven liegen blank! Komplett! Ein unglaubliches Spiel liegt hinter mir. Ein Spiel, das so viel Taktik inne hatte wie das 13:11 meiner ersten E-Jugend-Schlacht. Rauf und runter. Scheunentore so unendlich offen wie das bekackte Universum.

Die Kommentatoren sind Amerikaner. Beide null Ahnung. Der eine versucht sich mit Vidals Kilometerstatistiken. Der andere schreit einfach nur. 90 Minuten. Kann nicht schlafen. Höre ihn immer noch: „GREAT BALL…OOOOOOOH“. 2. Minute. Das bei einer Ecke, die aussieht wie der Freistoß eines Balljungen. „VERY VERY CLOSE AGAIN!“, he said…he screamed! Acht Meter drüber. Zwei Amerikaner, die von Fußball noch weniger Ahnung haben als Katrin Müller-Hohenstein im Kitzbühel-Urlaub mit Steffen Simon. Die Nerven liegen komplett…..“OOOH…GOOD BALL! MAGNIFICANT! ALEXIS IS JUST….ARE YOU KIDDING ME!?”. Auf dem Spielfeld wird der Schatz der Azteken gesucht. Alles zehn Meter wird der Boden umgepflügt. Danach eine Chance nach der anderen. Ding, dong…“TAKA-TIKI“, he said. Fühle mich wie beim Autoscooter, bin 16 und auf meiner Dorfkirmes, ohne Mädchen. Alles schreit, lacht, heult, der Typ in Freeman T. Porter Hose brüllt mich wieder an: „OOOOH VIDAL….AAAAAAH WHAT A RESPONSE! AAAAAH!“ Mexiko mit einer B-Elf. Zum zehnten Mal in zehn Minuten. Aber…“LOOK AT THIS!!!“ Steve Irwin lebt! Wieder ist der Ball drin. Wie heißt dieser Kommentator nur. Gebt ihm noch mehr Drogen. Bitte! Dann bleib ich jede Nacht wach. Chile schießt zwei Tore. Abseitstore. Die Nerven liegen blank. Komplett. „UUUUH, A PENALTY!“. Vidal läuft an…und…eine riesige Abrissbirne durchschlägt meine Wohnzimmerwand. Auf ihr tanzt ein Amerikaner mit einem Mikrofon so naturgeil wie Katie Perry beim Superbowl. „YEEEEEEEES! AAAAAAH! I´VE NEVER SEEN THIS BEFORE!“ Das erste Mal, dass er keinen Scheiß redet. Er hat wirklich noch nie Fußball gesehen. Wirklich: noch nie. Aber was ist das? „LOOK AT THIS! WHAT A BALL!“. Das Spiel ist seit Sekunden unterbrochen, alle Spieler drehen sich bereits teilnahmslos weg. Nur Steve Irwin will ihn einfach nur versenken wie….OOOOOOOOOOHHHH!!!!! AAAAAAHHHHH!!!!

Manchmal gewinnst du allein

Beim Hinrunden-Auftakt in Hannover legten sich die Schalke-Fans via Choreographie fest: „Du gewinnst nie allein!“ Seit dem Sieg gegen Paderborn am vergangenen Samstag wissen wir: manchmal gewinnst du allein. Sogar in der Bundesliga. Ja, sogar einsam. Platz 5. Europa League. Trotzdem eine Stimmung wie seit Günter Eichberg nicht mehr. Was sich „Auf Schalke“ vor, während und nach dem Spiel gegen den aufopferungsvoll kämpfenden SC Paderborn abspielte, ist als Novum im deutschen Fußball zu betrachten.

Boykott_04

Zu keinem Zeitpunkt nämlich ging es an diesem Tag dem weiten Rund um das von den Verantwortlichen so hoch proklamierte „Hauptsache drei Punkte“-Gerede. Das alles war zweitrangig. Ein 1:0-Heimsieg war zweitrangig, ja sogar die Europa League. Es ging um die legitimierte, laut Satzung so wunderbar klingende Teilhabe der Fans, die Zukunft ihres geliebten Vereins mitzubestimmen. Und somit um ein Thema, was viele Vereine betrifft, in denen der Graben zwischen Vereinsführung und Fans immer größer wird. Das Gelsenkirchener Barock ist nur ein wenig rauer und mit 130.000 Mitgliedern massiver aufgestellt als dass es sich Verschmutzung gefallen ließe.

Es gab da dieses Plakat der Ultras-GE, das als repräsentativ der Schalker Zustände über den Medienäther geblasen wurde: „Der Fisch stinkt vom Kopf!“ Das c und t sind dabei als Initiale des Vereinsbosses Clemens Tönnies rot markiert worden. Man könnte denken, dass es dem Aufstand der Pott-Plebejer also um ein oder zwei Köpfe (Horst Heldt) ginge. Doch bei genauer Betrachtung geht es um die Gesamtstruktur der oberen Etagen und dauert schon sehr viel länger an als eine schlechte Rückrunde. Es ist kein Zufall, dass die Fischkopfmetapher nicht das erste, sondern eines der letzteren Plakate war, welches die Ultras an diesem Tag in Großbuchstaben präsentierten. Auf dem Allerersten war die zweite Zeile des Vereins-Leitbildes zu lesen, die für manche Schlagzeile nur etwas zu lang und vielleicht auch etwas zu langweilig klingen mag: „Er ist und bleibt immer noch ein eingetragener Verein im Sinne des deutschen Vereinsrechts!“. Ein Plakat wie ein demokratischer Dosenöffner. Ein Plakat, das weitaus bedeutender ist als ein „Fischkopf“ namens Tönnies. Ein Plakat, das klarmacht: an uns kommt ihr nicht vorbei!

Wer nach zahlreichen Gazprom-Protesten, epischen Viagogo-Fails und legendären Jahreshauptversammlungen nach diesem Samstag immer noch denkt man könne in Schalke die Rechnung ohne das Mitglied machen, wird sehr tief fallen. So wie der einstige Präsident Günter Eichberg im Zuge eines ominösen Schuldenbergs von 17 Millionen DM. So wie der einstige Präsident Günter Siebert, der 1975 für die Verpflichtung eines Brasilianers die Eintrittspreise erhöhen wollte. Alleingänge der Führungsetage führen in Schalke seit jeher dazu, dass die Kasse hinterher leerer ist als vorher. Sollten Tönnies, Peters und Co. ernsthaft eine Ausgliederung der Fußball-Abteilung anpeilen, stehen die Zeichen auf Sturm. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Nein, nach diesem Samstag müsste auch der letzte Funktionär am eigenen Leibe erfahren haben, dass ein Verein wie Schalke eben keine Firma ist und sich die Angestellten besser nicht vom Chauffeur zum Training fahren lassen sollten (Boateng). Die Stimmung kochte. Und die Proteste gingen nicht allein von den Ultras aus, sondern von einem lautstarken Kollektiv, das nach der Halbzeit zunächst Huub Stevens, kurz darauf Gerald Asamoah und schließlich Ebbe Sand besang. Ja warum nur? Das fragte sich 2013 nach einem Heimspiel aus der Hölle gegen Greuther Fürth auch Jermaine Jones vor laufender Kamera, der die Sympathien für Asamoah nicht verstehen wollte. Wie auch. Selbsterklärend. Auch er geht als eine Personalie in die Schalker Annalen ein, die rückblickend ebenso viel Unruhe und Fragen zur Personalpolitik hinterließ als der Prince höchstpersönlich. Ein Jeder merkte, dass die Gesänge am Samstag kein Scherz oder der Anflug von Resignation waren. Es waren Ausrufe, die ein beinah romantisches Bild einer Fankultur zeichneten und die unterstrichen, dass es den Fans nicht bloß um Meisterschaften, Champions League oder drei Punkte geht.

Völlig unangemessen ist, das derzeitige Verhalten der Fans als unverhältnismäßig zu beurteilen. Seit Saisonbeginn sind Arena und Gästeblöcke ausverkauft und werden mit großartiger Unterstützung unterlegt. Doch geboten bekamen die Fans nicht bloß eine schwache Nullnummer, nein. Es waren fassungslose Auftritte im Derby oder zu Hause gegen Freiburg, bevor es schließlich in Mainz gipfelte, in Köln explodierte und gegen Paderborn eskalierte. Eine Eruption war zu erwarten, nur das Ausmaß war unklar. Zu lange schon steht die Vereinsführung in der Kritik, die abseits der „großen“ Themen immer wieder gut für völlig deplatzierte „Aktionen“ ist.

Vor dem Spiel gegen Paderborn wurde unter den Linsen von Fotografen und Kameraleuten auf dem Spielfeld ein Banner mit den besten Grüßen an Zenit St. Petersburg entrollt. Der russische Club stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Gewinn der Meisterschaft und wird neunzig Jahre alt. Zwischen den Fanlagern gibt es keinerlei Verbindung. Vor allem steht Zenit immer wieder wegen seiner rassistischen und homophoben Fans im Fokus, die nach der Verpflichtung eines schwarzen Spielers kurzerhand ein Dogma mit 12 »Selektions-Regeln« aus dem Ärmel schüttelten, das an fremdenfeindlicher Ideologie schwer zu überbieten ist. Was das alles mit Schalke zu tun hat? Ganz genau – nichts. „Schalke war immer ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Nationalitäten und soll es immer sein. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein.“ So heißt es im Leitbild, nur scheint Gazprom inzwischen mehr als nur einen Fuß in der Tür zu haben. Anders sind solche symptomatischen Griffe ins Klo, obendrein an einem solchen Tag in der Arena, nicht zu erklären.

Am Ende war es nicht überraschend, dass die niedergeschlagenen Gäste stehende Ovationen der Schalker Anhängerschaft empfingen. Dabei taten sie nicht mehr als zu kämpfen, nach Abpfiff den Mitgereisten Beifall zu klatschen und sich geschlossen in einem Kreis zu formieren. Summa summarum also all das, was bei der Heimmannschaft zurzeit völlig undenkbar erscheint und doch eigentlich typische „Kumpel“-Eigenschaften von Kuzorras Erben sein sollten. DIE Mannschaft gibt es in Schalke nicht, nur Kleingruppen unterschiedlichen Alters, die Woche für Woche willkürlich zusammengewürfelt werden.

Drei traurige Beispiele: Leroy Sané (19) macht in Madrid das Spiel seines Lebens, trifft vier Tage später gegen Berlin und muss nach einer schwächeren Leistung gegen Leverkusen wieder 90 Minuten zuschauen. Marvin Friedrich (19) rutscht in Wolfsburg aus dem Nichts in die Startelf, ist mit Fährmann der beste Schalker an diesem Tag und steht danach nie wieder auch nur im Kader. Und Max Meyer (19) weiß inzwischen wahrscheinlich nicht einmal auf welche Tribüne, Ersatzbank oder Position er eigentlich hingehört. Die Liste dieser Beobachtungen ist lang und man kann nur, auch im Sinne deutscher Auswahlmannschaften, sehr hoffen, dass die großartigen jungen Talente der „Knappenschmiede“ bei dieser Tour nicht vor die Hunde gehen.

Bei kaum einem anderen Verein werden solche Beobachtungen kritischer wahrgenommen, was eigentlich kein Fluch sondern ein Segen sein sollte. Wappen küssende Boatengs, „Wir leben dich!“-Mottos und Bergbau-Spielertunnel braucht es in Schalke nicht. Es braucht weder einen Facebook-Höger im Cabrio, noch einen Twitter-Fuchs, der nach beschämenden Spielen die Anstrengung der Flugmeilen moniert. Es braucht Menschen wie Jiri Nemec, der in neun Jahren Schalke kein einziges Interview gab und laut Rudi Assauer nur deshalb keine Tore schoss, weil er Umarmungen hasste – und so gesehen letzten Endes nur eines tat: Malochen. Damit ist man in Gelsenkirchen nie allein.

hrp

Hineininterpretiert!

Aqasay

Die Schlagzeilen von heute, 22.04.2015 (übersetzt von Bing): 

+++219+++ Allrounder, die braucht der Dieter. Am besten jene, die Abwehr und Mittelfeld vereinen. Logisch in Zeiten der 3er-in-5er-Ketten-Transformers. Christian Träsch, der Optimus Prime von VW. Ein wandelbarer Kicker im mittleren Fußballalter entscheidet sich für Geld, Champions League, wenig Ansehen und den Ersatzbankplatz neben Aaron „Bumblebee“ Hunt.

+++220+++: Jobgarantie. Ein Wort aus der Hölle. Ich verspreche dir, Schatz: es war rein körperlich! Beziehungen in der Bundesliga sind nicht einmal das. Ab wann wird also am Stuhl gesägt? 1, 2 oder 3…und ob du wirklich richtig stehst, siehst du wenn das Licht ausgeht. Kommt jetzt Neururer?

+++221+++ Und nächsten Samstag punktgenau 17:15Uhr isses wieder alles Kokolores und ohne Eier und, ach komm hör auf! Unterschriften! Verträge! Handschläge! Vetrauen! Pff! Dat kann ja jeder sagen! Teletext Lügenpresse!

+++224+++ Liebe Kinder, ihr braucht gar nicht so zu tun als ob ihr das auf dem Bolzplatz untereinander einfach so geregelt bekämt! Fußball ist inzwischen ein Geschäft und alles unter 100% ist nicht mehr Fußball. Aber wenn ihr erwachsen seid, versteht ihr das sicherlich. Bis dahin noch einen schönen Abend. Euer Claus Kleber!

+++225+++ Jugend von heute, ey! Alles nur noch Checker und Chiller und Twitter! Wir mussten unsere Bälle noch selber aufpumpen! Und einen „Test“ gab es bei uns gar nicht. Es ging immer direkt los, und wenn der Gegenspieler auf die Toilette musste, dann ging man mit! Ja, noch ein Pils bitte! Danke!

+++226+++ Mein Gott, Calgiari, du schönes Cagliari. Sardinien, Dom, Basilika, Opernhaus, Platz 19. Aber halt, Stopp! Jetzt rede ich, Gianluca Festa! Ich bin in Cagliari geboren, war Profi in Cagliari, kenne die Menschen, das Umfeld, ja, ich BIN Cagliari! Unserem nächsten Gegner Florenz rufe ich zu: „Gomez kann gar nichts!“

Ich habe das Grauen gesehen!

Es ist, als sei es 1000 Jahrhunderte her. Es regnete. Überall war Dreck. Unter meinen Füßen der Urschleim Darwins. Und dann war mir, als würde ich durchbohrt. Durchbohrt von einer ledernen Kugel, die durch mein Stirn schoss und ich dachte: Mein Gott, diese Schöpferkraft, dieser Gegner, dieser Wille, den Sieg zu erringen, Katharsis. Und dann wurde mir klar, dass sie viel stärker als wir waren, weil sie alles auf sich genommen hatten. Das waren keine Ungeheuer, das waren Brüder, geschulte Einheiten auf Wasser und Brot, aus Demut geboren. Diese, die mit ihren Herzen kämpften, die Familien waren, Kinder eines Vereins, die erfüllt waren von Leidenschaft und Liebe, jener ehrwürdigen Kraft, das Große zu vollbringen.

Ich hab das Grauen gesehen. Das Grauen, das alle Schalker gesehen haben. Sie hatten kein Recht mich zu erschlagen, sie hatten kein Recht, das zu tun, sie hatten kein Recht über mir die Verzweiflung, den Abgesang des Himmels hereinbrechen zu lassen. Es ist unmöglich diese Vernichtung mit Worten zu beschreiben, was notwendig wäre, für jene, die nicht wissen, was das Grauen bedeutet. Das Grauen! Das Grauen hat ein Gesicht und man muss sich dem Grauen stellen. Das Grauen und der moralische Terror kommen plötzlich. Sehr plötzlich. Wir verließen das Stadion erst, nachdem sich alle Spieler endgültig ihrem Schicksal ergeben hatten. Über dem Schlachtfeld heroische Adler, kreisend, greifend nach Resten von Gedärmen. Da kam ein alter Mann hinter uns hergelaufen, der weinte, er konnte nichts sagen.

Prometheus_Adler

Der Fußpfad zur Bahn, eine Schneise der Furcht, der Erniedrigung. Die Adler verfolgten uns weiter, kreischend, dämonisch, und rissen aus den herumliegenden Kutten die weinenden Herzen einfach heraus und ließen sie von hoch oben auf die Tribünendächer fallen. Und ich erinnere mich…wie ich schrie…weinte…wie ein altes Waschweib…ich wollte mir die Zähne herausreißen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war, die Dunkelheit war über meinen Verstand hereingebrochen. Und ich werde mich daran erinnern. Ich werde niemals vergessen. Niemals.

Wenn wir Spieler von solcher Einheit hätten, dann wären wir unsere Ängste los, denn dazu gehören dem Verein Ergebene, die Überzeugungen haben, imstande sind ohne Hemmungen ihre Instinkte einzusetzen, mit Willen. Mich zermalmt der bloße Gedanke, dass mein Sohn vielleicht nicht verstehen wird, worum es wirklich bei einem Fußballspiel geht. Und falls ich dem Fußball entsagen werde, in der Welt umherirre wie ein verloren gegangener Götterbote, möchte ich, dass jemand zu meinem Hause und das meiner Vorfahren geht und es meinem Sohn erzählt. Alles. Alles, was ich empfunden habe an jenem Oktobertag im Jahre 2005. Alles, was ich gesehen habe. Denn es gibt nichts, was mein Geist mehr verabscheut als den Gestank von Lügen über eine karthagische Niederlage. Das interessiert vielleicht keinen Spieler, aber mein Sohn soll sie erfahren. Die Wahrheit über kampflose Niederlagen.

hrp

Allesfahrer

Sie sagt mir, ich sei das Normalste, das Sie je erlebt habe. Sagt sie mir mit einem Tee in der Hand. Der Zeiger springt auf 10Uhr. Ich müsste eigentlich längst los. Sie steht auf und geht zum Fenster. Reihenhäuser mit Mehrgenerationenhaushalten und Vorwerk-Verträgen. Ein Hobby sei generell ja eine Macke, meint sie. Aber mein Hobby sei ja eben kein Hobby mehr. Ihr Tee ist so gut wie leer. Das höre ich am Geräusch. Sie schlürft verzweifelt und tut so als nehme sie tiefe Schlücke. Ingwertee. Also nicht dieser Fertigtee aus Beuteln, nein, nein. Nur heißes Wasser mit kleinen Stücken, nur nicht zu groß geschnitten, wegen des Ziehens, der Wirkung, was weiß ich. „Gut für das Immunsystem!“, sagt sie. „Für was auch sonst!?“, denke ich. Ich müsste eigentlich längst los. Da draußen wäre ich ja anscheinend ganz lebendig, sagt sie. Was auch immer sie mit „da draußen“ meint. Aber bei ihr sei ich ganz normal, zu normal, viel zu normal. So wie ihre Haare.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Sie geht zum Kühlschrank und brabbelt irgendwas vor sich her. Irgendwas mit Butter und Fett und Gesundheit. „Licht im Kühlschrank geht auch nicht mehr!“, sagt sie. Sehe ich, weiß ich. Ich muss jetzt los. Wenn ich jetzt gehen würde, könne ich ruhig erstmal wegbleiben – wenn mir das Andere jetzt so wichtig sei. Zumindest wichtiger als dieses Gespräch gerade, die Beziehung und so. „Wichtiger als Ingwer und Butter also.“, denke ich. Sie fragt wie es nun weiterginge und ob es weiterginge und wenn ja, was genau ich als Weitergehen „definieren“ würde. Ich hasse dieses Wort. Definieren. Sie macht den Kühlschrank wieder zu. Sonst ist der Stromverbrauch zu hoch, ich weiß. Ich bin also normal. „Dann will ich mal.“ sage ich. Sie weint, als ich ehrlich zu ihr werde. Keine Umarmung. Mitleid wäre jetzt eine Lüge. Also verabschiede ich mich. Mehr nicht. Der Bus kommt. Ich bin also normal. Aber nur jetzt gerade. Ist gleich wieder vorbei. Drei Punkte!

hrp

Gestatten, Lügenpresse!

Furchenautor Rothenpieler aka  Der Edelreservist war mal wieder für das abseits-Magazin tätig und genoss auf der letzten Seite der aktuellen Ausgabe Narrenfreiheit. Verfasst in harten Zeiten, die alles andere als vorbei sind, eben nur nicht mehr bei Jauch auf der Tagesordnung stehen. Daher: lesenswert!

„Eine Heftseite ist wirklich wenig für diese Zeiten, liebe Leute. Übrigens sollte man als Autor auch die Ich-Form vermeiden. Zu persönlich und so. „Eigentlich aber auch total egal!“, dachte ich mir, da ja eh alles Lügen sind. Eigentlich sollte ich mich in die Berge zurückziehen und einen zähdicken Buchschinken abseits jeder Zivilisation schreiben um diesen Wahnsinn adäquat verarbeiten zu können. Mmh, ich frage mich gerade ob jemals ein Journalist gestreikt hat. Piloten, Lokführer, klar, kein Ding. Aber Journalisten? Es geht mir nämlich nicht gut derzeit. Ich schlafe schlecht und weine häufig. Nach dem Aufwachen ist mir mulmig, ja gar schlecht. Das volle Programm. (Mitleidsbekundungen werden gern entgegen genommen!) Liest, hört oder schaut man dann die ersten Nachrichten am Morgen, ist endgültig der letzte Appetit auf „lecker Frühstück“ vergangen: NSU-Prozesse hier, Pegida dort und Marine Le Pen fordert die Todesstrafe. Täglich kotzt das Murmeltier.

Gerne würde ich mir ein Schild basteln mit Parolen wie „Ein Journalist geht um in Europa!“ oder „Der Journalismus ist tot, es lebe der Journalismus!“, auf die Straße gehen und für die Freiheit der Presse demonstrieren. Geht aber leider nicht. Keine Zeit, denn Zeit ist Geld. Und wir haben gerade keine Zeit, weil wir neben Artikeln über Boko Haram, IS und den ganzen Scheiß auch noch über Pegida und die beknackte Angst vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ berichten müssen. Indes macht es wahnsinnig viel Freude über Menschen wie Lutz Bachmann, den Führer – Pardon, Organisator von Pegida, zu recherchieren um dann herauszufinden, dass der nette Herr selbst einmal Flüchtling war und einen Vorstrafenregister besitzt, der so gerade auf eine Toilettenrolle passt. Sie können mir glauben, liebe Leserinnen und Leser, dass sich ein Text über die FIFA dagegen nicht einmal wie Arbeit anfühlt.

Nein, streiken – das darf, das kann ich nicht. Wäre ja noch schöner! Nachher stellt sich noch heraus, dass es „Die Medien“ gar nicht gibt, sich die taz und die FAZ inhaltlich voneinander unterscheiden und wir vielleicht keine Lügner, sondern die netten Nachbarn mit Spießergrill sind. Ich darf sogar einen fußballlosen Artikel in einem Fußballmagazin schreiben, und das ganz ohne Zensur! Ist das zu fassen!? Artikel 5 sei Dank! Übrigens ja: Wir sind alle gleich! Keiner von uns Autoren war je auf einer Journalistenschule oder hatte vor der ersten Text-Veröffentlichung mit Journalismus zu tun, nein. Ist ja auch kein Beruf, nur eine Art lebenslanges Praktikum ohne Gratiskaffee. Wir sind natürlich alle Autodidakten und dachten uns irgendwann einmal im Chemie-Unterricht, dass Journalismus vielleicht auch etwas mit Wahrheit und moralischer Verantwortung zu tun haben sollte, könnte, müsste.

Wissen Sie, seitdem auch dem letzten Schreiberling klar gemacht wurde, dass Printmedien aufgrund fehlender Absätze in naher Zukunft eh aussterben werden, macht das Schreiben umso mehr Spaß. Ich bekenne mich in diesem Zuge übrigens klar zur „Lügenpresse“. Muss ich ja. Denn was in mancher Tageszeitung steht, stammt teils auch aus meiner Feder. Entschuldigen Sie dies bitte vielmals, Herr Bachmann. Ich mache mir deshalb große Sorgen, nicht mehr zum „Volk“ zu gehören. Schließlich sind Journalisten die wahren Geschichtenerzähler und konstruieren Märchen nur des Geldes wegen. Ja, so einer bin ich dann wohl, ich finde nur gerade den Schlüssel meiner S-Klasse nicht.

Also muss ich dann doch wieder in die Tastatur hämmern, wissen wir doch seit Sokrates, dass es durchaus Sinn macht, Gedanken nicht nur auf dem Marktplatz zu verbreiten, sondern auch aufzuschreiben. Gut, Pegida weiß das vielleicht nicht. Pegida denkt bei Griechenland mitsamt Sokrates auch nicht an die Säulen der Demokratie, sondern an die „Schuldenfalle Europa“, die schlechte Pita von gestern oder einfach nur an „Socrates äh Socratis, den Kicker vom BVB halt.“

Ja, zurzeit ist es nicht einfach nur über Fußball zu schreiben, da es automatisch und unausweichlich zu Kontroversen führt. Pegidas Blind- bzw. Spaziergänger, bejubeln in ein paar Wochen wieder die Tore von Migranten und tragen deren Namen auf dem Trikot und im Amateurbereich ist jeder „Schwatte“ herzlich willkommen, der den Ball mehr als zehn Mal hochalten kann. Man ist extrem verwirrt, wie Fußball-Deutschland für Pegida einmal aussehen soll. Flüchtlinge müssen prinzipiell also raus aus Deutschland, wenn er oder sie aber gut kicken, laufen, schwimmen kann, wird noch einmal ein Auge zugedrückt oder wie oder was? Solch großartige Visionen machen sich in den Augen unserer Verbündeten bestimmt richtig gut. Oder ist dann Marine Le Pen unsere Verbündete? Mir wird schon wieder schlecht. Und soll sich bloß kein Fußballfan dieser Frage entziehen, indem „das eine ja Politik und das andere nur der Fußball“ sei. Politik und Sport wurden nämlich noch nie getrennt. Ungelogen!“

hrp

(Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe des abseits° Magazins auf der “Letzten Seite”, in deren Kolumne Autoren “Frei nach Schnauze” schreiben)

Marens Tivoli-Renaissance

20150207_102034Maren geht seit 15 Jahren zum Tivoli. Seit 2009 zum „Neuen“. Sie sagt, sie habe in dieser Zeit so gut wie alles miterlebt, was eine gescholtene Fußball-Seele so miterleben kann. Das 2:1 im Jahrhundertspiel am 4. Februar 2004 gegen die Bayern. Die DFB-Pokalfinalteilnahme und das Europapokaljahr im selbigen. Der Wiederaufstieg in die Bundesliga nach 36 Jahren zur Saison 2006/2007. Der Abstieg nach nur einem Jahr in Liga 2. Der Abstieg aus dem bezahlten Fußball im Jahr 2012. Der „Fast-Abstieg“ als Tabellenzwölfter in der Saison 2013/2014 aus der Regionalliga West-Südwest.

Ja, Maren, da ist schon wirklich viel passiert in nur sieben Jahren. „Achterbahnfahrt“ ist gar kein Ausdruck dafür. Doch nun ist Samstag, der 7. Februar 2015. Die Sonne scheint. Nicht nur in Aachen sagt man „Kaiserwetter“. Doch hier passt es eben am besten. Zuerst sind wir nur zu viert. Dann kommen aus vielen kleinen Straßen und Gassen die Menschen auf den gemeinsamen Weg der Krefelder Straße. Maren huscht ein Lächeln übers Gesicht. Ich sage nichts. Verstehe ihren Blick zu deuten. Was hier passiert ist selbsterklärend. Eine ganze Stadt erwacht aus dem Fußballkoma, das seit Anfang dieser Saison endgültig nach sieben Spielzeiten Tristesse zu verschwinden scheint.20150207_132515 „Der TSV, der TSV, der TSV ist wieder da“ skandieren eine Handvoll schwarz-gelber Schalträger, die aus einer der Seitenstraßen dieser mittlerweile unüberschaubar großen Gruppe an Menschen bilden. Wie ein Sog werden sie zusammen gezogen. Schnell bekommt man Probleme in der Viererkonstellation zusammen zu bleiben. Völlig egal – hier geschieht gerade etwas lange nicht Dagewesenes. Der Tivoli wird wiederbelebt, der Mythos erwacht. Im Stadion angekommen wirkt alles etwas unkoordiniert. Die Anstehschlangen reichen bis zur Hauptverkehrsstraße.

Die Ordner und „Bodychecker“ sind der anströmenden Menschenmassen sichtlich überfordert. Am Würstchenstand sind interessanterweise sämtliche Preisschilder abgeklebt und mit neuen Aufschriften versehen. Oche, ich gönne es dir! Gerne zahle ich die bundesligakonformen 3 Euro für ne Brat und 3,50 fürs Bierchen 0,4. Wir gehen zu unseren Plätzen. Wir sitzen. Ok, wirklich nur der einzige Makel an diesem Tag. Die eingestaubten Sitzschalen auf der Gegengeraden deuten auf das Millionengrab Tivoli hin. Doch Schluss mit dem Quacksalber und Negativgeplänkel, heute ist Kaiserwetter! Heute steht der ewige West-Klassiker auf dem Programm: Oche empfängt Essen. Tivoli gegen Hafenstraße.20150207_131144 Frank Mill, „Ente“ Lippens und Helmut Rahn. Der Boss versteht sich. Erik Meijer, Willi Landgraf und Rainer Plaßhenrich. Meine Fresse, ist das Was? Geht mehr? Für Maren wohl kaum an diesem Tag. Aachen siegt in einem durchschnittlichem Spiel mit 1:0. Will ich den Jungs da unten aber auch nicht übelnehmen. Vor 30.313 Zuschauern haben wohl die Wenigsten von ihnen gespielt. Aber wen interessiert bitte das Spiel, geschweige denn der Verlauf, taktisches Verschieben, Umschaltspiel oder Gegenpressing? Ehrenrunde der Mannschaft ist Ehrensache.

Wir verschwinden nach kurzen Ovationen ebenfalls aus dem Stadion und Schlängeln uns in der Menschenschar durch die Stadt. Eines hat der Rück- mit dem Hinweg gemeinsam. Die Leute strahlen, Maren strahlt. Sie sagt nicht viel. Kein Typ für überschwängliche Emotionen. Trotzdem meine ich, pures Glück aus ihr heraussprießen zu sehen. Nur halt so innerlich. Als schreie ihr Herz mit aller Kraft: „Der TSV, der TSV, der TSV ist wieder da“.

tdic

(Alemannia Aachen vs. Rot-Weiß Essen 1:0 (Behrens, 39. Min.); Sa. 07.02.2015, 14:00, 20. Spieltag, Regionalliga West)

1987: Soccermaster

Die Floppy Disk liegt in dreifacher Ausgabe in einer Plastikbox. Ende des Jahres wird aus dem Retro-Trio ein Quartett werden. Sorgfältig von Papierhüllen ummantelt, penibel archiviert. Staubfrei versteht sich, weit entfernt von Kellerregalen oder Dachböden. Feuchtigkeit oder Hitze sind der Tod jeder Diskettenfamilie. Noch wird die Familie größer, noch gibt es über zehn „nackte“ Disketten, die ihre je 664 freie Blöcke bzw. 166 KB dem jährlichen Kopierritual eines jeden Commodore 64-Fetischisten zur Verfügung stellen. Eine Opfergabe. Ein Tribut. An all die Ahnen, die nicht mehr leben, weil Mutti in irgendeinem Sommer der Neunziger die Jalousien hochzog und die grellen, heißen Sonnenstrahlen das schwarzmatte Plastik der 5,25er Disks zum Schmelzen brachten, während die „Generation Joystick“ in der Schule kauerte und Kohl sich mit Gorbatschow noch in Hinterzimmern traf. Eine Überlebende aus jener Zeit ist Disc Nummer 412 mit den Spielen „Summer Games“, „Boulder Dash 1-3“ und „Soccermaster“. Allein diese drei Begriffe lösen bei C64-Ludolfs leidenschaftliche Orgasmen aus. Soccermaster aber öffnete für Fußballfans eine neue Dimension und wurde wegen seiner Geilheit und graphischen Unterwerfung zugleich einfach nur „SM“ genannt.

sddefault

Zunächst einmal ist es ein Ding. Ein echtes Ding, diese Diskette, die aussieht wie eine quadratisch, praktisch, gute Ritter-Sport für Satanisten. Pechschwarz, spindeldürr. Ein Ding, das man benutzen kann und keine Datei aus dem Internet oder ein Befehl zu einem Download ist. Das Ding schiebt man in einen Floppy, das Mutterschiff aller C64-Dinge. Erst dann kommt der Befehl: LOAD “SOCCERMASTER“ ,8,1. Es folgt eine Wartezeit von 124 Sekunden. Der Floppy röhrt dabei wie ein Uhrwerk, manchmal auch wie ein Staubsauger von Vorwerk. Je nach Tageslaune. Plötzlich eine Grafik vor rotem Hintergrund. Auf schwarzen Buchstaben wird dem Spieler der Vater dieses Fußball-Managers nähergebracht: Soccermaster written by Thorsten Wölki, 5. September 1987. Aha, es wird also noch geschrieben und nicht produced by. Von anonymen Chiffre wie „EA Sports“ (I´ts in the game!) ist noch keine Rede. Man weiß sofort, wer verantwortlich ist für den folgenden Scheiß oder Meilenstein. Romantik der Nerds.

Thorsten Wölki also, der Christoph Kolumbus der Fußball-Manager. Weitere 90 Sekunden Wartezeit folgen. In der Zwischenzeit fummelt man an zwei rot-runden Knöpfen herum und drückt einen Miniknüppel in alle Himmelsrichtungen. Standard während der Wartezeiten. Wohlwissend, dass dies keine Auswirkungen auf das Spiel nimmt. Keine Esc-Tasten oder plötzliche Windows-Fenster, die Thorsten Wölkis Namen demontieren, nein, keine Chance. Der Floppy ist nun in seinem Element. Er läd. Und läd. Kontamination ausgeschlossen. Ein Abbruch dieses Atomkraftwerks ist nur möglich durch das Trennen von sämtlichen Stromquellen. Man weiß nur, dass sich irgendwann ein neues, noch unbekanntes Bild öffnen wird und mit diesem hat man klarzukommen. Pixelpornoklassiker wie „Swedisch Erotica“ (1986) schmiss man also nur dann an, wenn wirklich und auf absehbar lange Zeit wirklich niemand im Haus war.

Die Triebwerke des Floppys verstummen. Es folgt das Auswählen eines Vereins der 1. Bundesliga. Waldhof Mannheim, FC Homburg oder Bayer Uerdingen – die Entscheidung fällt immer wieder schwer. Wer es sich wirklich hart besorgen will, wählt den FC Homburg aus. Nicht, weil dieser Verein mit seiner damals ersten Kondom-Werbung auf einem Trikot einen bundesweiten Skandal entfachte, sondern weil dessen Kicker in Soccermaster durchweg die Stufe „schwach“ bis „sehr schwach“ zugewiesen bekommen. Es dauert also ein paar Spiele (Tage, Wochen), bis man sich ins Mittelfeld der Tabelle retten kann. Dafür gibt es auch keine Cheats oder andere Umwege. Man kann auch nicht wählen zwischen irgendwelchen Schwierigkeitsstufen. Man muss mit dem klarkommen, was Thorsten Wölki geschrieben hat. Auch der Bekanntheitsgrad von Spielernamen hilft aus heutiger Sicht nicht wirklich weiter. Kauft man den damals 25-jährigen Lothar Matthäus, kauft man einen „schwachen“ Spieler für 220.000 DM. Englands Gary Lineker hingegen ist einer der ganz wenigen, denen Wölki einen „weltklasse“-Status zuweist. Dieses Chaos ist das SM-System und macht das Spiel so einzigartig. Man stelle sich vor, Lionel Messi würde beim neuen FIFA 2015 mit Spielerstärke 40 beim FC Sandhausen auf der Bank sitzen, während Tobias Werner nicht für Augsburg, sondern für Barcelona netzt wie früher nur Müllers Gerd. Ist Chaos eigentlich eine Eigenschaft für Kultspiele? Für SM ganz sicher.

Es dauert weitere Joystick-Moves in astronomischer Anzahl, bis der erste Spieltag beginnt. Wer aber jetzt denkt, dass beim Fußball das „Runde ins Eckige“ muss, ist auf dem Holzweg. Man sieht nämlich kein Tor und auch keinen Ball. Von Spielern und Publikum kann keine Rede sein. Stattdessen wird der komplette Spieltag aufgelistet. Nichts passiert. Fast nichts. Am unteren Bildschirmrand laufen mit digitalem Hochdruckbeschleuniger die 90 Spielminuten herunter. Bis man seinen FC Homburg überhaupt auf der Liste gefunden hat, steht es bereits 0:1. Torschütze: unbekannt. Zuschauerzahl: unbekannt. Ein –und Auswechslungen: nicht möglich.

Wenn die Uhr stehenbleibt, eröffnet sich nach einer gefühlvollen Rechtsbewegung mit dem Joystick die Team-Übersicht. Matthäus ist nach der 0:4-Klatsche nun „sehr schwach“, Hans-Peter Briegel bekam die Rote Karte („R“) und Rudi Völler ist, wie meistens bei dem Spiel, verletzt („V“). Achso, einen „früheren Spielstand laden“ um den Abstieg zu vermeiden, ist zu diesem Zeitpunkt der Game-History noch nicht möglich. Der Computer muss weiterlaufen. Tag und Nacht. Im Zimmer breitet sich dieser wunderbare Zockerduft aus und man hofft, dass der Floppy nicht abstürzt – oder Mutti in einem Anflug pädagogischen Wahnsinns den Stecker zieht. Am Ende steigt man ab. Mit Homburg oder Bayern München. Darum geht es.

HRp

shortcut_03_11_2014

Ein Victor und ein Lutscher stechen mit 40 Knoten in See. 2:1-Auswärtsenterung in Mainz nach Di Santos Kabinettstückchen. Eigentlich hätte es 2:2 ausgehen müssen. Nicht aufgrund von Leistungsgleichheit, nein. Es wäre nur schön und gerecht gewesen, wenn jemand Herrn Prödl nicht nur die Goldene Himbeere verliehen, sondern auch so hart ins Gesicht geschossen hätte, dass der Ball im eigenen Tor gelandet wäre. Aber der Fußballgott schaut eben gerne billigen Trash, das weiß ja jeder. Deswegen spielt auch Köln lieber wieder Abstiegsk(r)ampf anstatt nach vorne. Nee, wat unschön! Freiburg im Stile einer klasse Mannscha…nee, einfach nur drei Punkte. Mund wahrscheinlich spätestens auf der A3 abgewischt und jetzt weiter, weiter, immer weiter. Schalke drei Punkte, Arbeitssieg. Nicht mehr, nicht weniger. Is ne Phrase, ok. Aber auch nicht mehr und nicht weniger.

i-hsv-b04-leno-fliegt

Also schnell zu „mehr“. Hamburg und Leverkusen im Kampf um Minas Tirith. Nazgûl Schmidt kommentiert mal wieder alles, am liebsten völlig unberechtigte Elfmeter. Vielleicht sollte er u.a. mal Grischnákh Spahic zurückpfeifen, der in Sachen „dreckiges Geschäft“ seit Wochen neue Maßstäbe setzt. Zinnbauer hingegen auch kein Hobbit von Traurigkeit. Alles in allem ein erbärmliches Bild, das kein junges Publikum verdient hat. Bayern schlägt den BVB 2:1. Denn wenn es eng wird, wechselt Pep den Franck und der Jürgen den Adrián ein. Das ist einfach zurzeit der Unterschied und nicht Klöpse à la Subotić, lieber STERN. Ansonsten gab´s noch einen hochverdienten Dreier von Tasmania Paderborn gegen grässliche Alte Damen, Wolfsburgs klare Ansage in Stuttgart inklusive eines VW-Gehirnwäsche-Versuchs von Dieter Hecking im aktuellen Sportstudio sowie ein Madlung-Eigentor der besseren Sorte. Was bleibt? Lucien Favre bleibt! Alles Gute, kleiner, großer Mann. Der Hennes wäre stolz auf dich!

In Liga zwo ist alles wie gehabt: so richtig hart oben liegen will einfach keiner. Platz eins bis drei mit drei Mal Remis. Heute dann noch Red Bull gegen die Jünger Fritz Walters. Wem drücken wir die Daumen? Richtig, dem Fußball. Vielleicht lässt der Fußballgott ja soviel Trash zu?! 1860 geht plötzlich aber rechtzeitig steil, Bochum steckt nach sechs Spielen in Folge ohne Sieg in der Krise. Ja, man darf wirklich von Krise sprechen, ganz ohne Konsequenzen. Insgesamt nur 17 Tore. Die beste 2. Liga aller Zeiten – ist wohl eher die Dritte. Wöchentlich neue Spitzenreiter, zwischen Platz eins und zwölf liegen nur fünf läppsche Pünktchen. Bielefeld verliert in Kiel und rutscht zack, von eins auf vier. Football, bloody hell! Die Zwote des BVB wartet seit nunmehr zwölf Matches auf einen Dreier und ist nun– Vorletzter. Football, bloddy hell, hell, hell!

In der Regionalliga West rangieren der RWE und die Alemannia punktgleich mit dem Ersten, Viktoria Köln. Wird es wirklich wahr, dass einer der großen Namen zurückkehrt? Tivoli und Hafenstraße unter Flutlicht gegen Osnabrück oder Dresden – nicht so ungeil, meine Damen und Herren. Ein Kumpel aus Aachen meinte neulich: „In erster Linie wollen wir aufsteigen, um nicht weiter von Jörg Dahlmann gequält zu werden.“ Soviel Weitsicht sollte belohnt werden!

Auf Weitsicht bleibt auch Manchester United nach der Derbyniederlage gegen den Stadtrivalen (0:1) oder auch der AC Milan nach einer 0:2-Folterorgie daheim gegen Neuling Palermo. 3:1 verliert auch die Fiorentina bei Sampdoria. Gomez eingewechselt, Marin 90 Minuten auf der Bank. Mustafi schürrt Doppelpack beim 3:1 seines FC Valencia bei den Gelben U-Booten. Das ist nur noch zu toppen von Manuel Friedrich, der beim 1:0 seines Mumbay City FC 1:0 gegen Kerala Blasters FC 90 Minuten durchhielt! Keralas Spieler-Trainer ist seit dieser Saison übrigens David James. Muss man wissen! Football, bloody fuck!

Nein, Jens, ich will das nicht mehr!

von Heiko Rothenpieler (völlig neutral)

„Schiri ey maaan, der 5er hat ja mehr Leben als Jens Keller!“ hallte es am Sonntag in der Bezirksliga 4 Westfalen über den Platz. Nuhnetals Trainer Arno Deimel tobte am Spielfeldrand wie das HB-Männchen in seinen besten Zeiten. Auch die spitze Nase und das schwarz-gelbe Outfit ließen die beiden nur schwer auseinander halten. Arno ging es wohl sehr schlecht da draußen. 1:3-Rückstand. 81. Minute. Hilflos, allein, machtlos. Nur sieben Punkte aus acht Spielen. Ich stand in der Nähe und verstand HB-Arno, ihn und seinen genialen Geistesritt in den Metapherkeller.

Heute wurde Keller entlassen. Mein auf lautlos gestelltes Smartphone kämpfte mit 47 WhatsApp-Nachrichten in 13 Chats. Akku leer. Ich antwortete in kleinen Sätzen, versuchte in Kürze episch zu antworten. Schrieb Sätze wie „Ein Volk atmet auf“ oder „Das Leiden hat ein Ende“ bis zu internen Glückseligkeiten wie „Max Meyer darf nun durchspielen“ oder „Roman ‚Bolt‘ Neustädter bekommt es nun schwer haha“. Zwischen neun und zehn Uhr telefonierte ich durchgehend. Danach kommentierte ich like HB-Arno das ein oder andere von Freunden oder ehemaligen Keepern: „Hoffenheim ist doch nur die Spitze des Eisbergs. Du weißt doch selbst wie das ist mit deinen Vorderleuten. Rückt man sie in jedem neuen Spiel zurecht wie Schachfiguren, geraten sie in ausweglose Situationen. Verletzte hin, Verletzte her. Es hat schon viel früher begonnen. Erinnere mich an Höger als rechter Verteidiger beim Pokal-Aus in Dresden. Erinnere mich an eine klar offensive Marschroute in Gladbach mit einer C-Elf und Boateng als Zehner: „Wir hatten einen Plan, der nicht aufgegangen ist.“ (Höwedes) Erinnere mich an Ayhan als rechter Verteidiger in Hannover, der zentral, aber auch nur zentral einer der besten Fußballer auf Schalke ist. Das reicht aber Keller nicht als Einsicht – gegen Maribor musste Ayhan wieder rechts ran. Erinnere mich an Neustädter, der gerade wegen seiner fehlenden Schnelligkeit jemand flottes neben sich braucht. Keller stellt ihm Matip zur Seite. Welch Wunder endet das mit Gelb-Rot. Die Liste an taktischen Fehlern ist so lang wie seine ganze Trainerzeit. Und soll mir bloß keiner mit dem Derbysieg kommen. Auch da weißt du bestens, dass dies über Emotionen geht und eigene Gesetze beinhaltet. Hannover, Hoffenheim, Frankfurt, Ligaalltag – darum geht es leider Gottes eben auch! Spätestens das Auftreten gegen Saloniki hätte als letzte beispielhafte Phase das Ende des Trainers bedeuten müssen.“ 

Nun ist es 13Uhr und ich habe beschlossen einen Strich unter dem Ganzen zu ziehen. Ich reg mich nicht mehr auf. Nein, Jens, ich will das nicht mehr! 21 Monate habe ich das getan und mich jedes Mal gefragt, warum keiner außer dem Trainer selbst vor laufender Kamera seine Monate Auf Schalke derart penibel zählt. Das hat jetzt ein Ende. Ich wollte dem Mann nie etwas Böses, schon gar nicht wegen seines traurigen Blickes, was – wie ich finde – in die unterste Schublade gehört und an denunzierender Kritik kaum zu überbieten ist. Für einen Jugendtrainer, der mit Kölner SpoHo-Kladde die Kabine betritt, wird es für Keller immer reichen. Für mehr aber auch leider nicht. Das weiß auch HB-Arno.

hrp

Der traurige Torero

von Benjamin Quaderer

Still liegt der Gardasee an den Ufern, blau leuchtend, flankiert von den Alpen. Die Sonne legt ihre Strahlen auf die Dächer des verschlafenen Örtchens Riva del Garda. Katzen streifen gemächlich durch leere Gassen, aus den Wohnungen hört man Besteck auf Porzellan aufkommen. Die Glocke des Kirchturms schlägt zwölf. Die Glocke des Kirchturms schlägt für Mario Gómez.

gallery1_bGerade hat Halbspanier Gómez sein letztes Interview im Trikot des FC Bayern München gegeben. Im Trainingslager. Vor Palmen. Mit nostalgischem Blick. Die Locken des Interviewers haben im Sonnenlicht golden geleuchtet. Mario ist stark geblieben. Er hat mit fester Stimme gesprochen. Nur selten ist sie brüchig geworden. Nur ein einziges Mal. „Es ist immer schwierig, den besten Verein der Welt zu verlassen.“ Immer? Hat er das auch gesagt, als er den SV Unlingen verlassen hat, bei seinem Abschied vom FV Bad Saulgau? Waren das die Worte, die er benutze, als er dem SSV Ulm oder dem VfB Stuttgart den Rücken kehrte?

Jetzt steht Gómez, den seine Fans liebevoll „Torero“ nennen, im dritten Stock des 5-Sterne Hotels Lido Palace und blickt auf den Gardasee. Der FC Bayern hat es komplett gemietet. Der offene Koffer liegt auf dem Bett der Junior Suite. Was erwartet ihn in Florenz? Ebenfalls Kingsize Bett und 42 Zoll Satellitenfernseher? Sanitäranlagen aus Corian, tiefe europäische Badewannen? „Ich liebe den Fußball an sich. Ich wollte einfach mehr spielen“, gibt sich Gomez bescheiden. Tränen sind Stierkämpfern fremd. Es ist die Melancholie, die ihnen gehört.

Wenn doch endlich Sonntag wäre

5f24_ohren_zuhaltenIch will es alles nicht mehr hören. 11 Freunde weiß „5 Gründe für den deutschen Erfolg“, Andi Brehme zieht Parallelen zu 1990, Jens Lehmann adelt Manuel Neuer, Argentinien hat seit 2006 kein einziges WM-Spiel mehr verloren, außer 2x Deutschland versteht sich (vom „Hattrick“ ist die Rede) und Karlheinz Förster weiß, dass ein Spieler allein Messi nicht ausschalten kann. Ich will es nicht mehr hören. Wenn doch endlich Sonntag wäre. Ob Di Maria nun doch spielt? So wunderbar überragend wie im gesamten Turnier also? Es ist mir egal. Ich möchte raus an die frische Luft, möchte spazieren gehen und den blauen Himmel betrachten, möchte mich an Briefmarkensammlungen erinnern, möchte an Schnitzeljagden auf Kindergeburtstagen denken, möchte wieder Weltmeister werden. Bixente Lizarazu sagt dem „Kicker“, dass Deutschland im Gegensatz zu Argentinien ein Team hätte. Weiß ich doch. Heißt aber nichts. Ich will es nicht mehr hören. Wenn doch endlich Sonntag wäre. Sonntag, ein wunderbarer Tag. Keine Geschäfte offen, keine Verpflichtungen, nicht einmal Rasenmähen. Eine wunderbare Zeit. Wimbledon war, Tour de France ist, die WM gipfelt und beim HSV ist alles beim Alten. Wenn doch nur endlich Sonntag wäre.

Klose 1:0

Kaputte Straßen. Joghurt 0,99€. Überall kaputte Straßen. Wahrscheinlich ist die Stadt verarmt. Alkohol. Apotheken mit netten Damen, Milfs. Politik hier, mal da. Der Netto wurde umgebaut. Schmelzer im Aufgebot. Angebot. Raus. Lachs 3,59€. Nachhaltige Fischerei. Für die WM in Brasilien gibt es nun Angebote, also diese Angebote eben. Wie von Mike Krüger und Hagebaumarkt. Bewegung in der Ukraine-Krise. Stefan Kießling. Zu Hause bleibt sich´s am besten mit OBI. Heckauswurf-Rasentraktor „Mastercut 155-92“: 1599 Euro. Am nächsten Morgen legte ich mich wieder eine Weile ins Bett. In der Küche fand ich ein paar leere Flaschen, die ich zu Geld machte. Dann onanierte ich langsam und genussvoll, schlief ein. Über 15.000 sind dabei – stellen sie jetzt ihr WM-Team auf. Alkohol. Kicker. Irgendwas mit Herberger. Wieder am Schreibtisch. Nein, doch auf der Couch. Plötzlich. Die „Sesamstraße“ erhält Preis für Programm mit dem größten Einfluss auf die Entwicklung des Kinderfernsehens in den vergangenen 50 Jahren. Fujuma völlig unterschätzt. SKANDAL! Alkohol. 06.Juni. Temperatur 7,4 °C. Südwind 4,0 km/h (1 bft). Luftdruck auf NN 1.018,2 hPa. 06. Juni 1961: In Stuttgart unterschreiben die Ministerpräsidenten der Länder den Staatsvertrag zur Gründung des ZDF. Müller-Hohenstein 4 Jahre alt. Alkohol. Alkohol. Raphael Wolf wird 26 Jahre alt. Werder Bremen. Werden Bremen II. Beim HSV angefangen. Dann abgeschoben. Wie auch sonst. Haben vor in nächster Zeit vorm Hof ca. 650m2 (8cm dick) zu asphaltieren zu einen Preis von 85€/t (ca. 7m² Fläche/t)! Was habt ihr bezahlt bzw. ist es ein günstiges Angebot?? Kaputte Stadt. Spanien wird Weltmeister. Toni Kroos kein Karma. Gianna Michaels. Riesen Brüste. Auch Geburtstag. (* 6. Juni 1983 in Seattle, Washington) Riesen Brüste. Echt. Echt. Die sechs oder sieben Blocks bis zu meiner Pension ging ich immer zu Fuß. Die Bäume entlang der Straße sahen alle gleich aus: klein, verkrüppelt, halb erfroren, ohne Blätter. Ich mochte sie. Ich ging meinen Weg unter kalten Mond. Dann eine Weggabelung. Dann Stefan Kießling. OBI Geschlossen. Grill 9,99€. Wurst aus. Straßenlaternen so nah. Der Marder so da. Stadtdschungel und Puplic Viewing. Ich bin wieder hier, in meinem Revier. Klose 1:0

9b24d358366f09d7c6fe013b6a3b698e_large