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Das Unmögliche möglich machen

Furche Heiko Rothenpieler zu 100 Jahren Betzenberg

Wie viele Stadien ist man angefahren, wie viele Spiele behält man in Erinnerung? Bei allen Groundhopping-Touren in der Welt oder Fanfahrten durch deutsche Stadien, ruft der Betze dann doch wieder das Besondere hervor. Vom ersten Besuch 1994 gegen den VfB Leipzig zum Beispiel, damals selbst neun Jahre alt und Jürgen Rische noch im gegnerischen Team, bleibt vor allem das extreme Auspfeifen des Gegners beim Aufwärmen in Erinnerung. Diese Lautstärke! Ein Neunjähriger vergisst das sein Leben lang nicht. Es entbehrte zudem jeder Logik, warum ein Verein, mit dem es überhaupt keine Rivalität oder Fehden gab, derart niedergemacht wurde. Die Auswechselspieler der Leipziger verlagerten ihre Dehnübungen in die Mitte des Feldes, weil sie an der Eckfahne durchweg mit Bierbechern beschmissen wurden. Ja, so etwas bleibt hängen in den ersten Stadionschritten des Lebens.

„JEDES MAL, WENN ICH KAISERSLAUTERN SEHE, GIBT ES FAUSTHIEBE UND RIPPENSTÖSSE. ES IST UNWÜRDIG, DAS LAND DER WELTMEISTER ZU VERTRETEN.“ (VUJADIN BOSKOV, TRAINER SAMPDORIA GENUA)

Es gehörte schlichtweg zur DNA des Betze, den Gegner von Beginn an in maximalem Ausmaß zu verunsichern, vor allem Torwarten galt alle Konzentration der Anfeindung. Kamen sie auch nur in die Nähe der Westkurve, war die Spielverzögerung wegen Wurfgeschossen oft vorprogrammiert. So werde ich auch nicht vergessen, wie Ordner mit Schneeschiebern und Besen in den Händen, Berge von Bananen aus dem Sechszehner von Oliver Kahn entfernen mussten, damit es endlich losgehen konnte. „Hölle Betzenberg“ sollte definitiv kein bloßer Slogan sein, sondern die offizielle Adresse des Teufels.

„IN KAISERSLAUTERN SPÜRTE MAN DEN HASS. WENN MAN DA ZU NAH AM ZAUN STAND, KONNTE ES PASSIEREN, DASS EIN ZUSCHAUER EINEN MIT EINEM SCHIRM DURCH DIE ABSPERRUNG STACH. HEUTE FAHREN DIE TEAMS IM BUS ZUM STADION, ABER DAMALS MUSSTEN WIR VORM SPIEL MIT DEN KOFFERN DURCH DIE MENGE. IN LAUTERN WURDE EINEM ANGST UND BANGE, DASS DIE EINEN ABSTACHEN.“ (FRANZ „BULLE“ ROTH)

Ich erinnere mich, wie bei Fritz-Walter-Wetter der Schiedsrichter lange vor dem Spiel mit Regenschirm aus seinem Auto stieg, in Richtung Katakomben ging und ihm ein Fan in weiser wie froher Erwartung zurief: „Den wirst du auch im Spiel brauchen!“ Auch so ein Bild, das ich immer mit Besuchen auf dem Betze in Verbindung bringe: Nach Halbzeit- oder Schlusspfiff eilen obligatorisch zwei, drei Ordner zu den Unparteiischen und beschützen sie mit aufgespannten Regenschirmen vor Wurgeschossen – selbst wenn sie ordentlich gepfiffen hatten.

„DAS IST DAS EINZIGE STADION, IN DEM ICH WIRKLICH ANGST HABE.“ (GERD MÜLLER)

Es ist überhaupt nicht kleinzureden, wie unfair und aggressiv es oftmals ablief, niemand kann das gutheißen oder beschönigen. Alles ging eben einher mit dieser völligen Selbsverständlichkeit: Wer auf unserem Berg punkten will, muss schon mehr liefern als fußballerische Klasse. Und darin lag auch immer der tiefsitzende Walter-Glaube, das Unmögliche möglich zu machen. Eben so, wie es die fünf FCK-Spieler beim Weltmeistertitel 1954 in Bern für alle Zeiten vorgelebt hatten. Diese feste Überzeugung brachte weit überlegene Gegner regelmäßig zu Fall, weil sie keine Mentalität auf Augenhöhe mitbrachten. Manchmal hatte man daher den Eindruck, dass gegnerische Teams nicht verloren hätten, wären sie nicht in Führung gegangen. Der Rückstand als Willensprobe, nicht mehr als ein Charaktertest und wehe dem im eigenen Trikot, der nicht bis zum Äußersten gegen ihn ankämpfte. Trotzdem lag über allem Agon die Bescheidenheit Fritz Walters.

„AM BESTEN SCHICKEN WIR DIE PUNKTE GLEICH MIT DER POST.“ (PAUL BREITNER)

Die Zeiten, in denen der FCK als gefüchtetstes Heimteam Deutschlands galt, gehören längst der Vergangenheit an. Die sportlichen Talfahrten lassen die einstige Bastion inzwischen wie ein poröse Sandburg erscheinen. Die Geschichten des Betze aber bleiben, weil sie nicht nur von extremer Atmosphäre, sondern auch vom Bruch mit jeder Wahrscheinlichkeit und vom ständigen Aufbegehren gegen vermeintliche Goliaths erzählen. 100 Jahre Betzenberg bedeuten auch 100 Jahre deutsche Fußballgeschichte. Dazu herzlichen Glückwunsch, 1. FC Kaiserslautern.