Katharsis des Fußballs

Wie ahnungslos wir doch waren! Da dachten wir naiven Konjunktur-Propheten beim Bierchen doch immer, dass sich das ganze fußballkapitalistische Kartenhaus spätestens nach dem 222-Millionen-Transfer von Neymar peu á peu selbst zerstören würde. Dass irgendwann einmal eine Art interner “Schwarzer Freitag“ kommt, weil eine exponentielle Kurve in einer Sackgasse endet. Auf Überbieten folgt Überbieten folgt Überbieten folgt eben Kollaps – das hat die Geschichte der Ökonomie gelehrt. Von zehn, vielleicht zwanzig Jahren sind wir dabei ausgegangen. Eine prozesshafte Implosion, bei der FIFA, UEFA und Ligaverbände am Ende die Schuldfrage gekonnt weiterleiten würden.

Und jetzt? Innerhalb von nur zehn Tagen geht der ganze so mächtige Apparat komplett vor die Hunde. Ein Apparat, der binnen Stunden seine Spieler nicht mehr bezahlen und seine Wettbewerbe nicht mehr auffangen kann. Welche eine Blase, die da gerade platzt! Selbst der Pizzaladen um die Ecke kann ad hoc mehr B-Pläne für die Existenz aus der Schublade holen, als so mancher Champions-League-Teilnehmer. Nie zuvor wurde auf derart radikale wie transparente Weise sichtbar, wie abhängig und fragil der moderne Fußball wirklich aufgestellt ist. Kein Tag vergeht, an dem man die Angst der Funktionäre nicht riechen kann, der ganze Karren steckt im Dreck. So grausam und tödlich das Coronavirus wütet, so sehr offenbart es Fans und Prosumenten die Fassade des Profifußballs. Es herrscht eine crashende Endzeitstimmung, die sich paradoxerweise auch als befreiende Katharsis entpuppen kann. Möge es dem Fußball eine Renaissance bescheren.

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