„Ich saß auf den Schultern meines Bruders und war glücklich.“

Im Seminar “Fußballkultur revisited“ befassten sich Studierende der Uni Hildesheim mit der Sozialisation des runden Leders. Dabei entstanden u.a. einige fußballbiographische Zeilen, die wir euch nicht vorenthalten möchten. Wir beginnen mit “Familienbande“ von Alice Müller – über die beste Saison ihres Lebens, fehlenden Ehrgeiz und…Ak-po-bo-rie.

FAMILIENBANDE

Im Sommer 1996 war ich neuneinhalb. Mit neuneinhalb war ich ein halbes Jahr zu jung, um mit meinen drei älteren Geschwistern ins Ferienlager zu fahren. Mit neuneinhalb, beschloss mein Vater, sei ich genau im richtigen Alter, um das Gottlieb-Daimler-Stadion kennenzulernen. Und zwar am ersten Spieltag der Saison 1996/97.
Auf den 80 km Richtung Stuttgart strich ich immer wieder über die Dauerkarte meines Bruders und ordnete die Fransen des VfB-Schals meiner Schwester. Mein Vater erklärte mir die Sache mit Gelsenkirchen und Schalke, ich schaute nur stumm und aufgeregt aus dem Fenster.

In der U-Bahn zum Stadion sah ich zum ersten Mal die echten, lauten Fans. Keine Angst, sagte mein Vater und ich stolperte an seiner Hand an den Polizeipferden vorbei, die extra für uns die Straße absperrten. Im Stadion begrüßte mein Vater seine Sitznachbarn: Ich lernte Kalli und Günther kennen. Bei der Mannschaftsaufstellung rief ich die Namen der VfB-Spieler zögernd mit, (Günther nickte meinem Vater anerkennend zu), ich kannte sie alle aus dem Kicker. Soldo! Elber! Bobic! Balakov! Noch heute kitzelt mich bei Erwähnung dieser Namen eine glückliche Nervosität im Magen. Auch der Moment, in dem mein Körper wie von selbst vom Sitz hochgerissen wird und meine Arme unkontrolliert durch die Luft wirbeln, wird mich auf ewig faszinieren. Vier mal schrie ich in diesem Spiel Tooor! ohne meine eigene Stimme zu hören. Am Ende hatten wir gewonnen, ich sagte Tschüss zu Günther und dass ich jetzt wüsste, warum dieser Verein Schalke 0:4 hieße. Er zeigte seine gelben Zähne und befahl meinem Vater, mich unbedingt öfter mitzubringen.

Ich hatte mir eine hervorragende Saison ausgesucht, um VfB-Fan zu werden. Im nächsten Sommer war ich zehneinhalb und noch bevor ich ich ins Ferienlager fuhr, stand der VfB im DFB-Pokalfinale gegen Energie Cottbus. Ich saß mit meiner Mutter und meinen Schwestern vor dem Fernseher. Zur Feier des Tages gab es Eistee. Mein Vater war mit meinem Bruder nach Stuttgart gefahren, wo man auf dem Marktplatz eine Leinwand aufgebaut hatte. Der nächste Tag wurde der beste Sonntagsausflug meines Lebens: Wir fuhren alle zusammen noch einmal nach Stuttgart, um die Mannschaft und den Pokal auf dem Rathausplatz zu begrüßen. Meine Mutter kaufte mir und meinen Schwestern Balakov-, Bobic- und Elber-Shirts, die uns bis in die Kniekehlen hingen. Ich saß auf den Schultern meines Bruders und war glücklich.

Nach diesem Sommer ging Elber zu Bayern. Ich verstand das nicht. Elber zerstörte ohne mit der Wimper zu zucken das magische Dreieck. Meine aufblühende Fußballliebe bekam ihre ersten Kratzer. Und dann auch noch zu Bayern, sagte mein Bruder. Ich drehte meiner kleinen Schwester schnell das Elber-T-Shirt an und trug jetzt Balakov zum Schlafen. Ein guter Spieler, der Mittelfeldregisseur, klug und vor allen Dingen treu. Den Namen des neuen Stürmers konnten die Reporter und ich kaum aussprechen. Ak-po-bo-rie. Von mir aus. Ich wollte mich nicht so schnell versöhnen. Fußball? Konnte ich auch selbst spielen.

Für die Familienfeste, die im Garten meiner Großeltern gefeiert wurden, planten wir ausgefeilte Turniere. Teamnamen und Trikotfarben wurden bestimmt, die Zeit exakt gestoppt und gelbe Karten verteilt. Ich stand immer öfter im Tor. Weißt du, du bist echt gut im Tor, sagte mein Bruder. Ich glaubte ihm. Als meine kleine Schwester nach einem verlorenen Spiel jedoch bitterlich weinte, während ich mich nur auf den Kuchen freute, merkte ich, was mir zur Fußballspielerin vor allem fehlte: der Ehrgeiz.
Ich unternahm trotzdem noch einige Versuche, ein Fußballmädchen zu werden. Ausgerechnet an einem matschigen Novembertag begleitete ich eine Freundin zum Training ihrer Mädchenmannschaft. Es wurden Kopfbälle geübt. Durch den Regen zu traben und einen harten Ball an den Kopf zu bekommen, begeisterte mich nicht. Durchnässt gestand ich mir ein, dass ich Fußball lieber sah als spielte.

Anders meine kleine Schwester: Ihre Karriere begann mit gleichaltrigen Jungs in der F-Jugend, die ihr weit weniger Mühe bereiteten als der Dialekt des Trainers. Ich stand am Spielfeldrand und sah ihr dabei zu, wie sie ein paar Jahre später flink um große, dicke Mädchen herumtribbelte, die einfach nur den Ellbogen ausfuhren, während der Schiedsrichter mit den schlauen Papas quatschte. „Du scheiß fette Tonne!“ schrie ich mit Tränen in den Augen und war endlich wieder das, was ich sein wollte: Fan. Bin ich bis heute. Zumindest doch von meiner Schwester. Sie macht jetzt ihren Trainerschein, spart auf die neusten Schuhmodelle aus der Bundesliga und arbeitet beim Karlsruher SC, dem Erzrivalen des VfB.

Mein Vater kommt überraschend gut damit zurecht. Ist aber eben auch nicht seine Liga. Als es 2001 so aussah, als ob es bald mal wieder ein Stuttgart-Karlsruhe-Hass-Derby geben würde – der VfB nämlich um ein Haar in die zweite Bundesliga abgestiegen wäre – waren wir ausgerechnet am letzten Spieltag auf den 65. Geburtstag meines Großonkels geladen. Mein Vater verschwand für 90 Minuten vom Kuchenbuffet. Mit dem Taschenradio am Ohr fanden wir ihn später sehr erleichtert auf dem Spielplatz hinter dem Restaurant wieder.

Wenn es mich heute samstagnachmittags mal in eine Kneipe treibt, dann kenne ich kaum einen Namen auf dem Feld und bin genervt von den Sky-Kommentatoren. Zugegeben: Die Liebe meines Lebens ist der Fußball nicht geworden. Wir zwei sind eher wie Verwandte, die sich einander zwar nicht ausgesucht haben, sich aber auch nicht missen möchten. Denn wenn in Stuttgart ein Tor für uns fällt, kann ich mich immer noch tierisch freuen. Mir wird plötzlich ganz heiß im Gesicht, ich schreibe eine SMS nach Hause, denke an den Garten meiner Großeltern und an die Saison 96/97, der besten aller Zeiten.

Alice Müller, Uni Hildesheim, Juni 2013

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Ein Kommentar

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