Kategorie: Gästehoppblock

Nur ein Speerwurf vom Tor entfernt

Nach 112 Jahren wechselte West Ham United vom altehrwürdigen Upton Park in das umgebaute London Stadium, in dem 2012 die Olympischen Spiele stattfanden. Für viele Fans gleicht das immer noch einer Katastrophe und beschwört einen Kulturkampf zwischen Tradition und Moderne herauf. Gastautor Marian Thiel war vor Ort und machte sich selbst ein Bild.

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West Ham United vs. Burnley FC, 1:0
14.12.2016
London Stadium
Zuschauer: 56.990

Ein kleiner, dicklicher Junge spielt in den frühen 2000er Jahren mit seinem Bruder FIFA ’98. Er scrollt durch die Liste der Premier League-Vereine und entscheidet sich aufgrund seines positiven Verhältnisses zu Schinken für einen Club namens West Ham United. Trotz oder genau wegen dieses banalen Grundes bleibt der Junge dem Arbeiterverein aus dem Osten Londons über Jahre hinweg freundlich gesinnt.

Im voranschreitenden Alter schaute er sich dann auch mehrere Spiele im Upton Park, der legendären, inzwischen ehemaligen Spielstätte der „Hammers“, an. Schon der Weg zum Stadion verriet ihm, dass er hier nicht auf dem Weg zur Stamford Bridge oder zum Craven Cottage war (Fulham ist eine wirklich schöne Gegend). Nein, er war auf dem Weg zum Upton Park, hier marschiert man vorbei an tristen Reihenhäusern, schmierigen Fast Food Läden und Halal Metzgereien. Genau so hatte es sich der Junge vorgestellt. Er war so entzückt wie Snorre von Wickies starken Wikingern.

Shopping Center und moderne Appartements

Nach knapp zwei Jahren in London hatte mein Stadiontourismus in letzter Zeit doch ein wenig nachgelassen, auch West Ham hatte ich im neuen Stadion noch nicht erleben dürfen. Daher war ich umso glücklicher, als mir meine Burnley-Connection Will mitteilte, dass er für zwei Spiele seiner geliebten „Clarets“ ins ferne London aufbrechen würde. Da eines der Spiele gegen meine „Hammers“ ging, war ein Treffen vorprogrammiert.

Dezember 2016: Ich treffe mich mit Will auf ein fixes Pint in der Innenstadt, bevor es mit der Tube in Richtung Stratford zur neuen Heimat von West Ham geht. Anstelle von Pubs und Reihenhäusern, gibt es hier das Westfield Shopping Center und allerlei moderne Appartements zu bestaunen. Es ist nicht leicht, diese ersten Eindrücke auf dem Weg zum Stadion zu verdauen. Nach zwanzig Minuten entlang von Bauzäunen und anderweitigen Absperrungen, verliere ich nicht nur die Lust auf das neue Stadion, sondern sogar meinen doch eigentlich unstillbaren Hunger auf den obligatorischen Stadion-Pie.

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Einmal auf der Tribüne angekommen, wird es leider nicht besser. Es ist offensichtlich, dass das London Stadium in seinem Fundament wahrlich nicht als Fußballstadion erbaut wurde. Ober- und Unterrang sind durch große, ungenutze Flächen voneinander getrennt, was hinsichtlich der Stimmung Schlimmes befürchten lässt. Besonders die Gesamtgröße der neuen Heimstätte erscheint riesig. Während man im Upton Park die Eckfahne bespucken konnte, sind die Haupttribünen im London Stadium dank der vormaligen Laufbahnkrümmung einen Speerwurf vom Geschehen entfernt. Ich selber stehe hinter einem der Tore und bin schockiert darüber, wie weit das Tor gegenüber entfernt ist.

Zu wenig Teleskope, zu viel Anzeigetafel

„Besser zurücklehnen und das Spiel genießen“, denke ich. Doch ein paar gestolperte Minuten später wird klar, dass von Genuss heute keine Rede sein kann, weshalb ich zum Spiel auch nicht zu viele Worte verlieren möchte. West Ham spielbestimmend, aber lust- und ideenlos. Burnley robust und mit limitierten Mitteln, aber mit mehr Herz. Spannende Szenen sind Mangelware. Symptomatisch fällt das einzige Tor pe Strafstoß. Ich kann aber bis heute nicht sagen, ob es Foul-, Hand- oder weiß Gott was für ein Elfmeter war, da ich leider mein Teleskop zu Hause vergessen hatte. Wenigstens konnte ich bei jeder Spielunterbrechung die bunten Farben der riesigen Anzeigetafeln bewundern, die von Heineken-Bier bis zu maßgeschneiderten Anzügen ein lückenloses Repertoire anpriesen.

Die Stimmung im Stadion will ich natürlich nicht vergessen: Es gab keine. Während die überschaubare Anhängerschaft wenigstens ab und an noch Schunkel-Klassiker wie „We are the Bastards in claret and blue“ intonierten, kam vom Rest des Stadions wirklich gar nichts. Ich musste an ein Spiel in der vierten Liga denken, wo ich in Accrincton von 2.000 Zuschauern mehr auf die Ohren bekam.

Endlose Spaziergänge in charakterloser Landschaft 

So bin ich fast erleichtert, als das Spektakel nach 90 Minuten endet. Mein Abend im London Stadium war aber noch lange nicht zu Ende. Mein Dank gilt an dieser Stelle den Organisatoren im Queen Elizabeth Olympic Park: Der sich ewig hinziehende Rückweg gibt jedem Fan reichlich Zeit zur Reflexion und Verarbeitung des gerade Erlebten. Zum Beispiel kann man darüber nachdenken, wie heile doch die Welt der „Hammers“ in FIFA 98 war.

Alles in allem bleibt der Besuch als ziemlich schmerzhaftes Erlebnis in Erinnerung. Der Club mit all seinen Ecken und Kanten, der mich über Jahre so sehr verzückt hatte, existiert nicht mehr. Seinem angestammten Viertel entrissen, in ein Leichtathletik-Stadion verfrachtet, platziert er nun in einer charakterlosen Landschaft aus Einkaufsmeile und modernen (vermutlich unbezahlbaren) Wohnblocks. Da kann ich fast nachvollziehen, dass keiner mehr Bock auf Singen hat.

Marian Thiel

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Gästehoppblock: Derby di Milano!

Match: Inter Mailand vs. AC Mailand
Date: 13.09.2015, 20.45 Uhr
Ground: Stadio Giuseppe Meazza, San Siro
Zuschauer: 79.154
Rahmen: leichter Regen, geschätzte 15 Grad, Flutlicht, perfektes Derby Wetter
Torschützen: 1:0 (58., Freddy Guarin)
Bier: 0,4l für 5€, kalt einigermaßen genießbar
Essen: Keine Zeit

Fotos und Text: Jan Gawron

Mailand empfing uns Sonntagmittag mit strömendem Regen und 15 Grad. Frisch aus der Toskana kommend, fühlte sich das in etwa so trostlos an wie die letzte Saison der beiden lombardischen Traditionsklubs. Die Vorfreude war dennoch grenzenlos, schließlich waren wir nicht zum Shoppen angereist, sondern zum 299. Derby di Milano. Und das sollte in jedem Fall beeindruckend werden, denn egal wie gut die aktuelle Form der 22 Hauptdarsteller auch sein mag – der Geist von Maldini, Zanetti oder den Baresi-Brüdern weht so elektrisierend durch San Siro, dass man sich ihm nicht entziehen kann.

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Ganz so romantisch war das Vorspiel dann allerdings nicht. Die Karten hatten wir online für einen hohen zweistelligen Eurobetrag erstanden, der unseren Geldbörsen einen „Schwarzen Freitag“ bescherte. Für 5€ Shipping-Gebühren erwarben wir daraufhin das Recht, mit einer ausgedruckten E-mail am Spieltag zwischen 11 und 14Uhr in ein Hotel marschieren zu dürfen, um gegen Ausweisvorlage (witzigerweise nur der des Bestellers, egal wie viele Karten letztendlich bestellt worden waren) Tickets zu erhalten. Der Mehrwert dieses Umwegs erschloss sich uns nicht zu einhundert Prozent. Vielleicht aber liegt es auch einfach nur daran, keine Mitglieder der Ndrangheta zu sein. Jedenfalls warteten wir in der wohl durchschnittlichsten Hotellobby, in der wir je waren, auf unsere Karten. Wäre ich ein Hotelgast gewesen, ich hätte mich wegen der gut hundert Fußballfans, die mein Hotel belagerten und ziemlich unbegehbar machten, beschwert. Naja, Derby is’ nur zwei Mal im Jahr und übersteigt jede Vernunft. Irgendwann hielten wir unsere Karten dann tatsächlich in den Händen. Wir? Das waren übrigens Michael und Joseph S. Zumindest laut Tickets. Bald hatten wir glücklicherweise ein Schreiben entdeckt und übersetzt, welches besagte, dass unsere Tickets Rückläufer seien und somit die Namen auf den Tickets nicht notwendigerweise mit unseren übereinstimmen müssen. Ein ausgeklügeltes, freundliches, ja gar weltoffenes System, das keinerlei Fragen offenlässt. Michael und Joseph S. starben eines ganz natürlichen Todes, versicherte man uns.

Dann ging es los nach San Siro: ein weniger schöner Stadtteil Mailands mit einem weniger schönen Stadion (Baujahr 1926), dafür aber mit jeder Menge Kribbeln und Gänsehautpotential. Rein ging’s erstaunlich zügig und dann über einen parkhausähnlichen torre nach oben in den dritten Stock. Nachdem wir dann die vermeintlich einzige Toilette im ganzen Stadion gefunden hatten, konnten wir die Atmosphäre endlich so richtig genießen. Schon eine Stunde vor Spielbeginn wirkte das ganze Stadion angespannt. Die Angst vor einer möglichen Niederlage gegen den Erzfeind, gepaart mit gleichzeitiger Hoffnung auf einen Sieg und die Vorherrschaft in der Stadt, waren deutlich spürbar. (Für gewöhnlich verfluche ich Kommentatoren für die Floskel, die Spannung sei  „greifbar“, jedoch kann man es besser nicht umschreiben. Die Spannung war schlicht und einfach greifbar!)

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Da Inter offiziell ein Heimspiel hatte, war blau die etwas stärker vertretene Farbe auf den Tribünen. Trotz aufgeheizter Derbyatmosphäre und gegenseitiger Liebes- bis Hassbekundungen, blieb alles friedlich. Die Dichte an Geschwistern mit verschiedenfarbigen Trikots war enorm. Hinter uns saß ein Inter-Vater, der das ganze Spiel über völlig verzweifelte, da sein jüngster Sprössling beharrlich bei den AC Fans mitklatschte und sich über jede einzelne vergebene Adriano-Chance ärgerte (und das waren einige!). Das alles war äußerst amüsant, denn der Kleine steckte von oben bis unten in Inter-Klamotten. Allem Anschein nach also total freiwillig. Bottom-line: Der Austausch zwischen den Fan-Lagern lief ausschließlich auf verbaler Ebene ab. Daumen hoch dafür! Pünktlich zum Einlauf präsentierten sowohl die Curva Nord (Inter), als auch die Curva Sud ihre Choreographie.

Beide Mannschaften hatten ihre guten wie schlechten Phasen. Die ersten zwanzig Minuten gehörtem dem AC. Dessen Angriffsbemühungen scheiterten aber in Regelmäßigkeit an Adrianos katastrophaler Entscheidungsfindung und Chancenverwertung, oder Hondas Stoppproblemen, oder am Inter-Riegel, oder am Fußballgott. Die Partie war insgesamt über weite Strecken „typisch italienisch“ und von „Taktik geprägt“ – wie man im Fachjargon so wunderbar sagt. Icardi und Adriano tauchten ein paar Mal völlig frei vor Lopez, beziehungsweise Handanovic auf und vergaben jeweils kläglich. Ansonsten wurde viel abgesichert und wenig kreativ nach vorne gespielt. Beide Mannschaften beschränkten sich doch sehr häufig auf unkontrolliertes Ballwegschlagen in Drucksituationen oder langen Bällen auf die Außen, die dann in die Mitte zogen und alsbald an der Verteidigung hängen blieben. Unterhaltsam war es dennoch und bezeichnend der Treffer: Milan minutenlang am Drücker, Inter verteidigte abenteuerlich und mit viel Glück, schlug dann aber diesen einen Ball weg, der zufällig (oder falls geplant: weltklasse!) bei Santon landete, welcher Guarin auf die rechte Außenbahn schickte, der die Murmel zum Erstaunen aller einmal nicht verhaspelte, sondern kaltschnäuzig links im Tor versenkte.

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Dann wurde es laut. Noch lauter wurde es allerdings vier Minuten später. Dreiviertel der Zuschauer verlor vollkommen die Nerven und es folgte mit Sicherheit das lauteste Pfeifkonzert, das ich jemals gehört habe: Einwechslung Balotelli! Der fand das Ganze gewohnt geil, schritt direkt zum Freistoßpunkt und brachte die Flanke gezielt auf einen Inter-Kopf. Durch ihn kam Milan nochmals in Schwung und hätte den Ausgleich verdient gehabt. Die Nerazzurri feierten nach Abpfiff ausgelassen und sind nun Tabellenführer. Milan hat sich offensiv zwar verstärkt, muss aber aufpassen, im Stadtduell nicht dauerhaft ins Hintertreffen zu geraten.

Zum Abschluss noch ein kurzer Aufruf: Geht zeitnah ins San Siro! Milan plant zur Saison 2019/20 den Bau eines eigenen Stadions. Wer auf Parkhaus-Charme, teures Bier und viele laute Leute in verrückter Atmosphäre steht, wird sich im einzigen Stadion, welches zwei Champions League Sieger beheimatet, wohlfühlen.

Oh Joey Garner, I’ll let you shag my wife!

League One Play-Off Finale
24.05.2015, 17.30 (GMT)
Preston North End vs. Swindon Town 4:0
Ort: Wembley Stadium
Zuschauer: 48.363

Text und Bild: Marian Thiel

Nach abgeschlossenem Studium und zwei Monaten Arbeitssuche packte ich mir Ende April meinen Koffer und kehrte in das Land der schönen Menschen und leckeren Rezepte zurück – dieses Mal mit einem One-Way-Ticket. Anders als zu Zeiten meines Auslandsstudiums zog es mich jedoch nicht in den rauen Norden, sondern in den verweichlichten Süden. Ich entschied mich in Harrow im Großraum London zu leben und zu arbeiten, fernab meiner fußballerischen Heimat Lancashire, wo ich stets mit Pies, Bovril und galaktischen Traumtoren verwöhnt wurde.

Preston North End hat wie auch in den letzten Jahren eine gute Saison gespielt, nur um am letzten Spieltag aus den direkten Aufstiegsplätzen rauszurutschen. Den Platz an der Sonne nahm niemand anderes ein als Milton Keynes Dons, ein Verein, der soviel Charakter und Sympathiepunkte besitzt wie Anschi Machatschkala in seinen besten Zeiten. Also ging es für Preston mal wieder in die Play-Offs. 9x war man zuvor in den Play-Offs angetreten, 9x hatte man die Sache verbaselt. Im Falle eines erneuten Ausscheidens stand Preston also vor seiner ganz persönlichen La Décima.

Im Vorjahr scheiterte man noch an der Fußballmacht Rotherham United, jedoch deutete Joe Garner’s Traumtor schon damals an, dass Preston eigentlich zu Höherem berufen ist. Dieses Mal ging es zunächst gegen Chesterfield und siehe da: zwei Spiele, zwei Siege und plötzlich hieß es: „Wembley Park Station. Please, mind the gap.“ Auf Kohlen sitzend wartete ich auf die Möglichkeit Tickets zu ergattern, um zum ersten Mal seit meiner Ankunft wieder Stadionluft zu schnuppern. Tickets der ersten Kategorie lagen bei schlappen 82 Pfund, daher scrollte ich schnell runter, bis einigermaßen erschwingliche Preise auftauchten. Zwei Tickets der fünften Kategorie für je 32 Pfund waren im Rahmen des Machbaren. Deal!

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Ich streifte mein Preston-Trikot über und machte mich auf den Weg zur U-Bahn. Meine Angespanntheit löste sich, als mir die vereinzelt anreisenden PNE-Fans zunickten. Ich scheine also noch nicht zu einem “soft southern bastard“ verkommen zu sein. Jedenfalls rede ich mir das gerne ein. Viel besser in diese Kategorie passt da schon Prestons Gegner im Endspiel: Swindon Town aus dem gleichnamigen Städtchen westlich von London. Im Wembley Park erwartete mich schon Paul “Simey“ Simmonds, mein alter Freund und Kupferstecher aus gemeinsamen Prestoner Studententagen. Von der Station läuft man geradeaus auf das Stadion zu, eine wahrhaftige Champs-Élysées für jeden Fußballfan. Nach Ticketabholung und kurzem Fotoshoot mit lebensgroßer IRN BRU-Dose trieb uns der Durst. Wir klapperten Straße um Straße ab, doch alle Pubs, die wir vorfanden, gewährten nur Swindon-Fans Einlass. Nach zehn Minuten sahen wir endlich eine weiß-blaue Fahne an einem… einem Social Club! Obwohl dies nach Diskriminierung schrie, zahlten wir den Eintritt und begaben uns zielstrebig an die Bar.
Alles war exakt so, wie man sich einen britischen Social Club vorstellt: muffig, schwül und mit einem Interieur, welches wahrscheinlich zu Zeiten von Maggie Thatcher schon altbacken war. Doch anstatt Ale schlürfenden alten Herren, die das Weltgeschehen diskutierten, war der Laden an diesem Tag gut gefüllt mit Fans des “One and only North End“. Der nicht enden wollende Andrang ließ mehr und mehr tropische Bedingungen entstehen. Das Klientel enttäuschte nicht: Viele Menschen in Jogginghosen, die wenig gesund aussahen. Ich fühlte mich wie zuhause.

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Ohne auf den Sauna-Aufguss zu warten, machten wir uns nach zwei Pints dann doch auf den Weg zurück ins Stadion, um dort traditionsgemäß den Pie des Hauses zu genießen. Wir gingen von Snackbar zu Snackbar, doch nirgends gab es Pies. Aus Angst wurde Panik, aus Panik wurde traurige Gewissheit: es gab keine Pies. Sowas habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Es gab pulled pork-hotdogs, Falafel, Hamburger mit Champignons (!!!), Roséwein und eine stattliche Auswahl von Ales vom Fass…aber keine Pies. Nicht nur, dass dem kleinen Mann der Stadionbesuch durch horrende Eintrittspreise schon genug erschwert wird, nein, jetzt wird ihm zudem noch die Nahrungsgrundlage entzogen.
Natürlich waren wir nicht die einzigen, denen dieser nicht tolerierbare Umstand auffiel. Gerade im Norden wird der Pie gelebt und dementsprechend an diesem Tage besonders schmerzlich vermisst. Das aus PET-Flaschen “gezapfte“ Carlsberg für 4.95£ machte es nicht leichter, mit dieser Situation umzugehen. Weil der Hunger stärker war, sprangen wir dann aber doch über unseren Schatten und holten uns schließlich ein Hotdog, welcher zwar überraschend gut, aber mit 5£ eine weitere Vergewaltigung des Portemonnaies bedeutete. Es half ja alles nichts, also gab es noch ein Bier obendrauf. Nach einigen weiteren verstörenden Momenten, wie dem schändlichen “Come on you Blues-Finger“ oder dem Stuhlgang bei offener Tür, machten wir uns auf den Weg zu unseren Plätzen.

Auf der Tribüne angekommen, sahen wir gleich, dass zuschauertechnisch noch ordentlich Luft nach oben war. Ich gehe einfach mal davon aus, dass die Pie-Abstinenz vorher die Runde gemacht hatte. Dennoch schien der Norden weitaus stärker vertreten zu sein. Das Spiel begann und ich lauschte dem Klang alter Klassiker wie “Stand up, if you hate Blackpool“ und neuen Kreationen wie “Oh Joey Garner, you are the love of my life. Oh Joey Garner, I’ll let you shag my wife. Oh Joey Garner, I want ginger hair too“. Leider machten sich nun unsere Kategorie 5-Plätze bemerkbar. Während das Gros der Preston-Fans sich halbnackt feierte und (be)sang, saßen wir auf dem Oberrang vor einem Jungen, der alle drei Sekunden Preeeeeeston schrie. Nichts anderes. Die ganze Halbzeit.

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Zum Spiel selber gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Jermaine Beckford und Simey’s alter Schulkollege Paul Huntington sorgten bereits in der ersten Halbzeit für klare Verhältnisse. Beckford war es dann auch wieder, der mit seinem dritten Tor des Abends den Endstand besorgte: 4:0. Das sind gefühlt mehr Tore als in meinen bisherigen Preston-Spielen zusammen. Standesgemäß wurde zur Überreichung der Trophäe das inoffizielle Vereinslied “Can’t help falling in love“ gespielt, welches das Erlebnis abrundet.

Alles in allem ein erlebnisreicher Tag mit Höhen und Tiefen. Von Euphorie über den Sieg bis Hirn-Aneurysma aufgrund fehlender Fleischküchlein war heute wirklich alles dabei. Preston in der Championship, la Décima kann warten. Ich freue mich schon jetzt auf die Spiele, die ich in der kommenden Saison im Raum London im Auswärtsblock verfolgen kann. Oben ohne und mit Pie in der Hand. So wie es sich für einen waschechten Northerner gehört.

Wigan Athletic – Blackpool FC 0:2

Championship, 45. Spieltag

26.04.2014, 15:00 Uhr
DW Stadium, Wigan
Zuschauerzahl: 19,137

Text und Bild: Marian Thiel

cEs war mal wieder Zeit, die Universitätsroutine mit unterklassigem Fußball zu verdrängen. Hatte ich doch in letzter Zeit eine verhältnismäßig ruhige Kugel am Schreibtisch geschoben. Ganz im Gegensatz zu meinen Mitbewohnern und eigentlich allen anderen hier in Preston, die derbe im Prüfungsstress steckten. So ging es an diesem sonnigen Samstag auf eigene Faust ins schöne Wigan. Ist es deprimierend, sich alleine ein Wigan-Spiel anzugucken? Ich bin mir nicht sicher. Vom Spiel erwartete ich jedoch alles andere als eine ruhige Kugel. Für Wigan, trainiert von ManCity-Legende Uwe Rösler, ging es schließlich darum, in die Play-offs einzuziehen.

Angekommen am Bahnhof Preston erwartete ich eigentlich eine orangefarbene Invasion aus dem benachbarten Blackpool. Die Fans der Seasiders, aka Tangerines aka Donkey Lashers (abwertender Name, den Preston-Fans gebrauchen) haben in Preston nicht den allerbesten Ruf, wurden in der Vergangenheit doch regelmäßig diverse Einrichtungen während des Fan-Durchzugs neu angestrichen. Begrüßt wurde ich am Bahnhof jedoch nur von vier Halbstarken, bewaffnet mit orangefarbene Flaggen und Jogginghosen. „Donkeys!“ dachte ich. Fast beängstigend.

Vom Bahnhof Wigan ging es dann zügig zum DW Stadium. Als gutgläubiger Mensch vertraute ich dem Ticketverkäufer bei der Platzwahl. Fünf Minuten später fand ich mich auf der Kinder- und Rentnertribüne wieder. Besten Dank. Steht es wirklich so schlimm ums Studententum? Da half nur eins: Pie holen. Kenner der Szene werden sicherlich gleich erkannt haben, dass es sich wieder mal um einen Holland’s Pie handelt, wie er auch in Burnley serviert wird. Bedeutet: Allererste Güteklasse. Gratulation an Wigan für diese Delikatesse.

aVon Beginn an machten die Auswärtsfans ordentlich Stimmung. Mit dem ersten Gesang wurde direkt meine frische Liebe Preston North End verunglimpft, interessanterweise mit dem gleichen Lied, mit dem die Seestädter sonst in Preston geschmäht werden. Die Welt ist klein und Lancashire offensichtlich noch kleiner. Ich konnte den Schmähgesang verkraften, denn wenigstens kam so Stimmung auf. Anders die Wigan-Anhänger, die sich gepflegt zurückhielten (hatten mit hoher Wahrscheinlichkeit alle gerade einen dieser göttlichen Pies im Gaumen). Es dauerte dann doch 15 Minuten, bis ich erahnen konnte, wo der harte Kern der Latics-Fans saß. Doch auch diese Truppe konnte nicht verhindern, dass es sich über 90 Minuten wie ein Blackpool-Heimspiel anfühlte.

Das Spielgeschehen plätscherte in der ersten Hälfte lustlos vor sich hin. Ein Kick im Mittelfeld. Keine echten Torchancen. Eben Fußball wie wir ihn lieben und brauchen um hinterher anzuklagen, warum man sich das eigentlich immer und immer wieder antut.

Da war es nur logisch, dass ein elendig dreckiger Elfmeter herhalten musste. Kann man geben, muss man aber blabla. Das Fazit eines Blackpool-Fans während der Rückreise: „Der ist über seine eigenen Beine gestolpert.“ Daher wohl eher fragwürdig die Entscheidung. Doch es juckte eh niemanden, denn den durchaus gut gesetzten Elfer parierte Matthew Gilks in beeindruckender Manier mit einer Hand. 0:0. Es ist schwer ein 0:0 zu bewerten. Soll ja Menschen geben, die immer wieder ein „0:0 der besseren Sorte“ proklamieren. Gerade fällt mir auf, dass ich für die Charakterbeschreibung der ersten Spielhälfte einfach nur die Shift-Taste gedrückt lassen muss: =:=

In der Halbzeit ging es unterhaltsamer zu Werke. Zuerst entzückte das Wigan-Maskottchen, welches von Weitem gewisse Ähnlichkeit mit H.P. Baxxter hat. Feinbritischer Humor stieg empor, als das Publikum die Jugendspieler aus der Nachbarschaft bei ihrer Ehrenrunde auslachte, als diese vom Rasensprenger erfasst wurden.

bIn der zweiten Hälfte präsentierten sich die Mannschaften wie ausgewechselt. Gab es vielleicht Pies zum Pausentee? Wigan spielte druckvoller und erarbeitete sich mehr und mehr Chancen. Mitten in die Druckphase der Gastgeber erzielten die Gäste jedoch den glücklichen Führungstreffer nach mustergültigem Konter. War zuvor schon jede Ecke wie ein Tor bejubelt worden, gab es jetzt auf der Gästetribüne gar kein Halten mehr. Und was macht man wenn man glücklich ist? Genau, menschenunwürdige Schmählieder gegen Preston singen. Ich liebe dieses Land. Wigan blieb spielbestimmend. Die Blau-Weißen reagierten mit weiteren Angriffen, die jedoch allesamt erfolglos blieben. Blackpool hingegen eiskalt. Nur 10 Minuten nach der Führung erhöhten sie in gleicher Manier zum 0:2. Wieder stand Wigan hoch, wieder setzte es den tödlichen Konter. Nach dem Treffer schien auch das Heimteam eingesehen zu haben, dass der Drops gelutscht war. So gab es nach 95 Minuten die Wiedergeburt der Tangerines zu feiern.

Die Rückfahrt entschädigte mich dann auch noch für die unspektakuläre Anreise. Neben den Schaffnern war ich wohl der Einzige im Zug, der weder Orange trug, noch sieges(be)trunken war. So war ich wenigstens in der geistigen Lage, den Herren Knüppel in der Polizeikontrolle plausibel zu erklären, dass ich nur in Preston wohne und überzeugter Pazifist bin, der doch eigentlich nur zwei Dinge mag: Fußball und Pies.

The Son of Southampton

In England ist das Wetter bereits seit Wochen chaotisch. Sturm und Regen sorgen in Kleinstädten für menschenleere Straßen. Die Zugverbindung an der Südküste nach Cornwall ist abgeschnitten. Bahngleise wurden unterspült. Weite Teile des Binnenlandes sind überflutet, Straßen unbefahrbar und dem hilflosen Krisenmanagement steht das Wasser selbst bis zum Hals. Mit Regen hatte in England nun wirklich niemand rechnen können. Mitten in diesen stürmischen Zeiten stirbt mein englischer Großvater.

von Lukas Stermann

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Mein Wecker funktioniert tadellos. Es ist 3:00Uhr. Schnell stehe ich auf. Schnell stehe ich am Bahngleis. Im Zugabteil tobt eine Schlafwandlerarmee aus Frühschichtlern und Trunkenbolden. Orte namens Eystrup und Dörverden rauschen vorbei. Eine Ticketkontrolle später steige ich aus. Bremen Hauptbahnhof. Schnell weiter. Hier ist der Fußball grausam. Meine Mum winkt mir zu. Dann schon ein Fluglotse. Der Flug nach London-Stansted dauert eine gute Stunde. Er fühlt sich länger an.

Kurz nach der Landung stehen wir erst einmal still. „Ladies and Gentleman, you may worry why we still didn‘t open the doors. Although we land 2 – 3 times a day in Stansted, the airport crew seems to be surprised today“. Scheinbar rechnet man auf der Insel momentan mit mehr als nur schlechtem Wetter. Kameras überall, Polizisten mit Maschinengewehren im Flughafenfoyer, Kontrollen à la Ausnahmezustand. Gestatten, Stermann mein Name. Terrorist und Trauergast.

Southampton war einst Englands wichtigster Handelshafen. Nach der britischen Expansion übernahmen dieses Prädikat Plymouth und Liverpool. Dann wurde Southampton beliebtester Erholungsort, bis sich dieses Prädikat Brighton schnappte. Erst kein Handel, dann keine Badegäste mehr. Also baute man Schiffe. Viele Schiffe. Ein ziemlich bekanntes verließ 1912 den Hafen in Richtung Eisberg. Zu diesem Zeitpunkt war der FC Southampton bereits 15 Jahre alt und musste sich zwei Mal im FA-Cup Finale geschlagen geben.

In der Stadt angekommen. Wir bleiben über das Wochenende bei meinem Onkel. Ein Leihwagen bringt uns dorthin. Es regnet. Nach der Ankunft bekomme ich von meiner Mutter einen Hinweis auf ein Versteck. Mein Onkel schaut mich an. Dann greife ich nach einem Umschlag. Gemeinsam öffnen wir ihn. In meiner Hand liegt eine Karte für das Spiel gegen Stoke City. Heute! Tasse Tee kann warten. Nein, doch nicht. Ich schlürfe den Tee wie einen Schluck besten Wein. Dann schnell wieder rein ins Auto. Matchday!

Während der Autofahrt kommen wir an riesigen Heideflächen vorbei. „Entstanden während der historischen Rodungen für den Häuser- und Schiffsbau“, sagt mein Vater. Einige Kilometer weiter tut sich das Hafengelände auf. „Hier hat dein Großvater an der Queen Elizabeth 2 gebaut“, sagt meine Mutter. Wir parken das Auto in der Stadt und gehen von dort zu Fuß weiter.

Auf dem Weg zum Stadion machen wir für einen Pint im „The Joiners Arms“ halt. Mein Onkel zeigt auf den Tresen: „Lies mal!“ In dieser Spelunke, die eine Kneipe im Vorderraum und einen Durchgang zu einem sehr kleinen Konzertraum weiter hinten hat, haben die größten UK Popbands der letzten 20 Jahre die Gitarren geschwungen. Die Liste ist unglaublich: Radiohead, Kasabian, The Kooks, Oasis, PJ Harvey.

Der Barkeeper kann wie aus dem Zapfhahn geschossen das Auftrittsdatum der Künstler nennen und hat mindestens zwei Anekdoten zu jeder Band parat. Im aktuellen Party-Kalender kenne ich niemanden, außer übermorgen: A Wilhelm Scream. Stark! Als I-Punkt finde ich im Konzertraum ein großes Banner, auf dem ein Manifest nieder geschrieben ist. Überschrift: SUPPORT LOCAL MUSIC. Es gibt sie also noch, die Bühnen auf denen etwas gewagt wird, wo scheitern ok ist, wo Träume bleiben oder platzen. Schnell austrinken. Kick off in spürbarer Nähe.

Das St.Mary‘s Stadium ist als Bauwerk kein architektonischer Blickfang. 32.000 Zuschauer fasst der einfache Rundbau, eine Dauerkarte kostet 700 Pfund. Premier League-Mittelmaß, Bundesliga-Upper Class. Wirklich besonders ist das Umfeld des Stadions. Alte Stahlskelette von Gasaufbereitungsanlagen stehen wie Götzen einer vergessenen Welt vor maroden Fabrikanlagen. Im Gegensatz zu meinem Großvater kann ich die ehemalige Industriephalanx dieser Stadt aber nur erahnen.

Nicht nur ein Bier täte nun gut. Durch den ad hocen Aufbruch direkt nach Ankunft knurrt auch der Magen. Der Tee ist schuld. Wahrscheinlich. Dann wird mir schnell das Ausmaß des modernen Fußballs klar. Nichts, aber auch gar nichts darf mit in den Block. Nicht einmal Wasser. Verzehr nur in den Katakomben unter den Tribünen. Ordner braucht es kaum, wacht doch stets das digitale Auge Saurons auf jede Bewegung der schwer bewaffnneten Fan-Hobbits.

6., 38., 41. Minute. 2:1. Ein aufregender Kick. Mein Onkel geht schon mal in die Katakomben um sich am Bierstand anzustellen. Für ihn beginnt eine hektische viertel Stunde, in der er warten, bestellen und leer trinken muss. Immer den Wiederanpfiff im Nacken. Er wird es schaffen, dieser Teufelskerl. Etwas aber verpasst er. 44. Minute: An der rechten Eckfahne legt sich der Schotte Charlie Adam den Eckball für Stoke zurecht. Tumult im Strafraum, Peter Crouch steigt zum Kopfball hoch UUUND…

Ich glaube ich habe nie einen Spieler gesehen wie Peter Crouch. Eine 2,03m lange Hybridform aus Besenstiel und Averell Dalton, mit schiefem Gebiss und unwirklichen Grimassen. Eitelkeit ist hier so fehl am Platz wie ein Spieglein an der Wand. Vor dem Spiel erzählte mir mein Onkel: „You know, Crouch is in a relationship with a famous model. He was once asked by a journalist: „What would you be, if you wouldn‘t have become a professional football player?“ And Peter Crouch said: „A virgin“. Symphatisch, dieses menschenähnliche Wesen…UUUND köpft eiskalt ins rechte Eck. 2:2. Halbzeit.

Nach der Pause passiert so viel Schönes wie in einem Schweiger-Tatort. Wenig bis kaum Handlung, geprägt von miesen Darstellern, das Ende herbeisehnend. Doch darum geht es nicht. Nicht an diesem Wochenende. Das fehlende Happy End flüstert mir zu, dass nicht alles immer perfekt laufen kann. Schon gar nicht im Leben. Mein Großvater, Familienmensch und einer der letzten mir bekannten humorvollen Realisten, hätte das Remis wahrscheinlich nicht so eng gesehen wie ich und eine passendere Metapher gefunden.

Ein paar Überwachungskameras später fragt mich eine ebenfalls nicht ganz perfekt aussehende Stewardess: “Möchten Sie einen Kaffee oder Sekt? Snacks oder Sandwich? Interesse an einem Gewinnspiel?”. Kurz denke ich an Peter Crouch. An dieses Wetter. An dieses Bier ohne Blume. An den FC Southampton. An die kaputten Industriebauten und die Titanic. An alles nicht Perfekte. Ich bestelle Sekt, Snacks und drei Lose. Auf Opa. Cheers!

Gästehoppblock: Preston North End vs. Nottingham Forest 0:2

Kick off: 05.02.2014, 19.45 Uhr
Pokal: FA-Cup 4th round Replay
Ground: Deepdale, Preston
Zuschauer: 9.744

Von Marian Thiel

1655649_10203369201500834_297114061_oDrei Wochen nach dem pokalschen Clou gegen Ipswich war die Ausgangssituation die Gleiche. Wieder konnte Preston einem höherklassigen Gegner ein Remis im Hinspiel abringen. Wieder ging es zum Replay-Match ins Deepdale. Da Nottingham Forest derzeit um den Aufstieg in die Premier League ein gehöriges Wörtchen mitzureden hat, war jedoch von vorne herein klar, dass ein dickerer Brocken wartete als zuvor Ipswich. Außerdem kamen die Gäste nicht ganz so weit aus dem Süden und waren daher auch nicht ganz so verweichlicht.

Gerüchte über Zauberfußball in Preston hatten die Runde gemacht. Gerüchte über Ballstoppen, ja gar Ballstafetten. Von diesen wundersamen Dingen wollten sich daher fast 4.000 Zuschauer mehr als sonst erquicken lassen. Auch die Studentenschaft trug massiv dazu bei, reisten wir doch in einer stattlichen Neuner-Gruppe mit ebenfalls übermenschlichen Kräften an. Wieder zu Fuß, wieder im Regen, wieder die gleichen Metzchen vor dem Spiel, wieder tolle Fangesänge. Nur den traditionellen Pie ließ ich dieses Mal links liegen, hatte sich meine Lebenserwartung nach dem letzten Abendmahl im Deepdale schon genug verringert.

Beim Einmarsch ins Stadion wurden die Mannschaften von niemand geringerem als der „Deepdale Duck“ begleitet, welche mein Herz im Sturm eroberte. Nicht nur, weil sie das erste Maskottchen war, welches jemals des Platzes verwiesen wurde. Nein, Nein. Es war viel weniger. Kein Maskottchen bringt seine Langeweile durch derart lustloses Schlendern am Spielfeldrand zum Ausdruck wie Deepdale Duck. Zudem ist die Geschichte DER Ente kaum zu überbieten. Für diejenigen, die es genau so sehen wollen, hier die Mini-Doku: http://www.youtube.com/watch?v=JWU1PLmwzFQ Deepdale Duck, du bist mein Held!

deepdale duckGenau wie vor drei Wochen spielte Preston auch an diesem Mittwoch groß auf und war über 90 Minuten die überlegene Mannschaft. Doch anders als Ipswich zuvor, spielte Forest clever und netzte staubtrocken in der 18. Minute ein. Angetrieben durch die Zuschauer erarbeiteten sich die Hausherren in Folge viele Halb- und Großchancen, jedoch fehlte stets das Quäntchen Glück. Letztlich konnte Preston die Feldüberlegenheit nicht ausnutzen. Der gegnerische Pfosten mitsamt Mittelklasse-Torwart reichten den Jüngern Robin Hoods aus um den knapp zehntausend Zuschauern die Zähne zu ziehen. Es sollte nicht sein. Nottingham’s Treffer zum 0:2 in der Nachspielzeit besiegelte schließlich das Schicksal der Whites. Zwei Schüsse aufs Tor, zwei Gegentore. Eiskalt. Bitter.

Der Stimmung im Stadion tat das jedoch keinen Abbruch. Die Spieler von Preston North End wurden trotz Niederlage mit stehenden Ovationen verabschiedet, eben so wie sich das gehört. Dazu gabs „We’re the one and only North End“ bis zum Abwinken. Zweites richtig gutes Spiel von Preston also, diesmal jedoch mit unglücklichem Ausgang. Egal, Preston hat jetzt einen Liebeslied-schmetternden Supporter mehr. Deepdale Duck wird’s freuen.

Gästehoppblock: Preston North End vs. Ipswich Town 3:2

Kick off: 14.01.2014, 19.45 Uhr
Pokal: FA-Cup 3rd round Replay
Ground: Deepdale, Preston
Zuschauer: 6.088

Text und Bilder: Marian Thiel

1779100_803872739629505_1966019510_nWiederholungsspiel im Deepdale. Nachdem die The Lilywhites aus Preston im Hinspiel der dritten Runde des FA-Cups den Pferdeliebhabern aus Ipswich ein 1:1 ab(t)rotzten, kam es nun zum Wiederholungskick im Deepdale. Standesgemäß machte ich mich mit meinen Mitwbewohnern „The Big Country Fist“-McGreevy und „Turdbird“-Simmonds zu Fuß auf den Weg in die 20 Minuten entfernte Geburtsstätte guten Fußballs. 1889 war Preston nämlich der erste englische Fußballmeister. Standesgemäß war auch der Regen, der uns dabei um die Ohren flog. Studententickets gab’s für nen 10er, läuft. Dann ging’s auf die Tribüne. In freudiger Erwartung auf das Spiel gegen die höherklassigen Gäste aus Ipswich hatte sich ein stattliches Rudel von über 6.000 Besuchern zusammengefunden. Der ganz harte Kern. Um diese eingeschworene Truppe in Schwung zu bringen wurde auf ungewöhnliche pre-match Musik zurückgegriffen. Mit dabei: „Sweet Caroline, Oh Oh Oh“ und „Falling in love with you“. Nice, bei mir hats gewirkt.

Dann ging’s auch schon los. Vor allem abseits des Platzes. Was ist denn hier los?! Mit dem Einlaufen der Spieler brandete eine fantastische Stimmung auf. Nach dem enttäuschenden Besuch im Celtic Park zuvor, war ich schon nach wenigen Minuten vertröstet. Die nicht abebbenden Gesänge waren schon Highlight genug, doch plötzlich wurden sie auch noch von Trommel und Trompete (Nein, zur Attacke wurde nicht geblasen) unterstützt. Wow! Herzrasen. Den Tränen nahe. Das Gesangsrepertoire war durchaus stattlich, und beinhaltete einige Ohrwürmer. Das Allzeit-Stimmungslied war in seiner Einfachheit nicht zu unterbieten: „We’re the one and only North End. We’re the one and only North End.” Aber Recht haben sie nun mal. Neben anderen Mitsingklassikern, gabs jedoch auch anspruchsvolleres Material. Wie Burnley zuvor, hat auch Preston einen Hauptrivalen, der gerne auch mal trotz Abwesenheit besungen wird. In diesem Fall handelt es sich um den Blackpool FC aus der gleichnamigen Küstenstadt mit zweifelhaftem Ruf für Junggesellenabschiede und Geschlechtskrankheiten. Mein Favorit des Abends: „When I was just a little boy, I asked my mother, what should I be? Should I be Blackpool or PNE? Here’s what she said to me: Wash your mouth my son! Go get your fathers gun! Shoot some Blackpool scum, shoot some Blackpool scum! Was in Deutschland undenkbar, gehört hier sowas zum guten Ton.

1902749_803872746296171_1951715366_nNun aber mal zum Spielgeschehen. Schon früh wurde klar, dass Preston sich nicht versteckt, vor allem nicht vor Südengländern. Eine frühe Verletzungspause eines Ipswich-Spielers wurde direkt mit „Soft southern bastard!“-Rufen gewürdigt. Das Spiel in der ersten Hälfte blieb jedoch leider ohne Treffer, war jedoch dank des munteren Auftretens beider Mannschaften recht ansehnlich. Die Highlights wurden jedoch für Hälfte zwei aufgehoben. Mitten in einer Druckphase von PNE kam Ipswich zum glücklichen Führungstreffer in der 58. Minute. Trotz der Action auf der anderen Seite des Feldes konnte ich als Experte den Schuldigen ausmachen. Torwartfehler, keine Frage. Sind ja schließlich in England. Weiß der liebe Gott, warum Thorsten Stuckmann, ehemals Preußen Münster, Eintracht Braunschweig, Alemannia Aachen und Niedersachsens „Fußballer des Jahres 2006“, nur auf der Bank Platz nahm.

Als Reaktion brachten die „Invincibles“ Joe Garner, der nur sechs Minuten nach seiner Einwechslung ausglich und wiederum nur eine Minute später spektakulär zur 2:1 Führung traf. Das Deepdale bebte. Ipswich erzielte jedoch leicht glücklich den Ausgleich in der 78. Minute. Alle stellten sich auf eine Verlängerung ein. Doch Joe Garner hatte wohl andere Pläne für den Abend und erzielte zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit die erneute Führung. Der nackte Wahnsinn. Auch sieben Minuten Nachspielzeit und ein planloses Pferde-Anrennen der Gäste konnten an dem Ergebnis nichts mehr ändern. Die nächste Runde war erreicht. Ein herrlicher Fußballabend ging zu Ende, doch es blieb ein bitterer Nachgeschmack, und das im wörtlichen Sinn. Mein traditioneller Pie vorm Spiel war ein Desaster. So trocken, dass er nur mit einer PET-Flasche Fosters runter ging. Letzter Platz, Preston. Aber nun gut, das änderte auch nichts mehr daran, dass heute meine Leidenschaft für diesen Club geweckt wurde. Ach, das Leben ist schön.

Gästehoppblock: Celtic FC vs. Partick Thistle 1:0

Kick Off: 01.01.2014, 16:00
Liga: Scottish Premiership, 20. Spieltag
Ground: Celtic Park
Besucherzahl: 52.670

Text und Bilder: Marian Thiel

Mit meinem Mitbewohner Daniel „The Big Country Fist“ McGreevy ging es über Neujahr ins schöne Glasgow. Für den 01.01. wurde neben einem stattlichen Kater natürlich auch das traditionelle Neujahrsspiel angepeilt, und wie es der Zufall so wollte, lud Celtic zum Heimspiel. Daher wurde nicht lange gefackelt und wir sicherten uns lange im Voraus Tickets. 26 Pfund das Stück. Grenzwertig.

1503427_786869691329810_995743463_nFür mich war es der erste Besuch im Celtic Park. Trotz des vorhersehbaren Unwohlseins war es ein wahrer Genuss, dieses Stadion von Innen zu sehen. Eine echte Schönheit. McGreevy war weniger begeistert, aber schließlich war er schon öfters vor Ort gewesen. Zudem war nicht zu übersehen, dass er deutlich mehr litt als ich. Der Gegner hieß Partick Thistle und musste gar nicht weit anreisen, stammt er doch aus dem Westen von Schottlands Abstech-Hauptstadt (Effekthascherei, in 3 Tagen Glasgow wurde ich noch nicht einmal ausgeraubt). Da sich die Rangers immer noch in den Untiefen des schottischen Ligabetriebs befinden, handelte es sich also um das momentan einzige Glasgow-Derby. Partick machte übrigens jüngst mit einer interessanten Strafaktion auf sich aufmerksam: Der trainingsfaulste Spieler der Woche musste das Training in einem rosa-farbenen Tütü absolvieren. Meine Meinung: Recht so.

Der Vorspann verhieß Gutes. Zunächst wurden Celtic-Klassiker aufgelegt, gefolgt von Dropkick Murphys. Mit dem Anpfiff war es jedoch vorbei mit der Stimmung. Meine Vorahnung, der Kick würde nicht durch Traumpässe und Ballstafetten geprägt, wurde mehr als bestätigt. Das Spiel war in etwa so schlecht wie der Gesundheitszustand McGreevys. Zurückblickend an meine eigene Karriere weiß ich, dass man nicht gerne bei 3°C und Regen spielt. Dennoch war es erschreckend, was hier vor sich ging. Einer meiner Sitznachbarn schien gar so desinteressiert, dass er die Stadionbroschüre in der ersten Hälfte mehrmals verschlang. Gut, es gab noch die ein oder andere „Flutschfinger-Aktion“ von Torwart Fraser Forster und einen Pfostentreffer für Partick. Aber viel mehr gab es bis zum Führungstreffer nicht zu berichten.  Der Treffer fiel in der 39. Minute für Celtic. Torschütze: Joe Ledley. Aus dem Nichts heraus. Dreckiger Aufsetzer ins Eck. Undankbar für jeden Torwart bei diesem Wetter.

1003937_786869681329811_858500991_nDann war die erste Hälfte auch (endlich) vorbei. „Freizeit ist Pie-Zeit“ – daher begab ich mich in der Pause in die längste Pie-Schlange aller Zeiten und bekam als Resultat eine wahre Augenweide in die Hand gelegt. Der Pie präsentierte sich in feinstem schottischem Stil, mit hohem Rand und Einschussloch. Geschmacklich klasse, viel Fleisch, preislich mit 2,50 auch erschwinglich. Leider jedoch ein wenig zu klein. In der Summe macht das den zweiten Platz in meiner bisherigen Stadion-Rangliste.

Schließlich begann die zweite Halbzeit. Stimmung und Spielqualität bewegten sich weiter knapp über dem Gefrierpunkt. Über das Niveau auf dem Spielfeld konnte ich noch hinweg sehen. Als Celtic-Sympathisant aber, der es zum ersten Mal ins „Paradise“ geschafft hatte, tat eines richtig weh: die fehlende Atmosphäre! Mit Ausnahme einer einzigen, verzweifelt tanzenden, singenden und Fahne schwenkenden Gruppe von etwa 30 Leuten gab es rein gar nichts Hörbares zu vermelden. War das schon die Auswirkung der Verbannung der „Green Brigade“ aus dem Stadion oder lag es an dem bescheidenen Auftritt der Boys in Green? Ich habe keine Ahnung. Der Schlusspfiff wurde auf jeden Fall mit einem Pfeifkonzert quittiert. Noch nie zuvor habe ich ein Stadion gesehen, das sich so schnell leerte.

Alles in Allem also eine durchaus enttäuschende Erfahrung. Jedoch habe ich die Hoffnung auf mich verzückenden Fußball in diesem so wunderbaren Land noch nicht aufgegeben.

 

Gästehoppblock: Huddersfield Town vs. Burnley FC 2:1

Kick Off: 30.11.2013, 15:00 Uhr
Liga: Championship (2. Liga England), 17. Spieltag
Ground: John Smith’s Stadium, Huddersfield
Besucherzahl: 17.390 (ca. 3.600 Gästefans)

Text und Bilder: Marian Thiel

Es war mal wieder so weit. Mein Kollege Will fragte mich, ob ich Interesse an einem Burnley-Auswärtsspiel hätte. Da meine letzte Auswärtsreise (PSG vs. BVB) schon ein paar Jährchen her ist, überlegte ich natürlich nicht lange. Ziel der Reise: Huddersfield. Auch wenn das Ganze nur eine Stunde Autofahrt trennte, konnte man nicht wirklich von einem Derby sprechen. Die Antipathien der Burnley-Fans gelten nämlich hauptsächlich den Nachbarn aus Blackburn. Nun ein Club aus Yorkshire gegen einen Club aus Lancashire. Mmh, da war doch was. Richtig. Rosenkriege. Also konnte ich mich doch auf eine historisch aufgeheizte Atmosphäre freuen.
Auch die sportliche Situation lies alles andere als Langeweile erwarten: Burnley war Tabellenprimus, doch in den letzten Wochen leicht aus dem Tritt geraten. Drei Unentschieden aus den letzten drei Partien hatten Leicester und QPR punktetechnisch aufschließen lassen. Huddersfield hingegen befand sich vor dem Spiel im Tabellenmittelfeld, abseits jeglichen Interesses.

1450736_764645126885600_1456600449_nDie Anfahrt führte uns durch beschauliche Land- und Ortschaften. Dies war schon einmal ein großer Pluspunkt, verglichen mit meiner letzten Auswärtsreise, in der es gefühlte acht Stunden durch Belgien ging. Gegen 15 nach 2 kamen wir dann am John Smith’s Stadium in Huddersfield an, wo ich mir natürlich direkt einen Pie gönnte. Der war solides Mittelmaß, aber kein Vergleich zu der göttlichen Fleischpastete aus dem Turf Moor in Burnley.

Kurz darauf gab Huddersfield Gas und zwang die Gäste so früh zu Fehlern. Fehlpässe, verunglückte Ballannahmen etc. Das alles präsentierten die Clarets en masse. Einzig der Unfähigkeit einiger Huddersfield-Akteure war es zu verdanken, dass es mit einem 0:0 in die Pause ging. Aus den vergebenen Chancen stach besonders ein Versuch von Huddersfield’s Vaughan hervor, der die Kugel aus drei Metern Torentfernung auf die Tribüne bugsierte. Mein persönliches Highlight der ersten Hälfte war jedoch der mir namentlich nicht bekannte Verteidiger der Hausherren, der es tatsächlich vollbrachte, den Ball über das Dach der Haupttribüne zu dreschen.

Auch das Duell der Supporter begeisterte mich. Auf der einen Seite Burnley, dessen Anhängerschaft nicht den allerbesten Ruf in England hat. Und wenn der Ruf erstmal ruiniert ist, was macht man dann? Richtig. Man bedient sich am musikalischen Repertoire der noch unbeliebteren Konkurrenz aus Millwall. „No one likes us, we don’t care“ schallte es von den Rängen. Natürlich durften auch „Blackburn Bastards“-Gesänge nicht fehlen. Huddersfield’s Anhänger hatten dem nur wenig entgegenzusetzen. Mit einer Ausnahme. Ein leicht übergewichtiger Kollege nahm es fast im Alleingang mit den Auswärtsfans aus. Er tanzte, entblößte die Brust und präsentierte „Masturbationsgesten“. Das gefiel der anwesenden Polizei nur bedingt und man sah ihn für längere Zeit nicht mehr.

In der zweiten Halbzeit kam Burnley besser ins Spiel. Der eingewechselte Junior Stanislas machte ordentlich Druck über seine Seite. Das Tor machte jedoch Huddersfield. Feine Direktabnahme nach einer Ecke. Aufsetzer. Nicht unhaltbar.
Fünf Minuten später entschied der Schiedsrichter auf Handelfmeter für die Gastgeber. Halt, Moment mal. Das sah aber arg nach außerhalb des 16ers aus. Vaughan war es egal, lief an, verzögerte gefühlte zwei Sekunden, und traf. Meine Meinung als Torwart: Verzögern geht gar nicht.

1465261_764644976885615_535137096_nBurnley machte jetzt natürlich mehr und mehr Druck. Sogar ein Tor wurde erzielt, aber aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition nicht gegeben. Fragwürdig. Dann flachte das Spiel wieder ein wenig ab und das Duell spielte sich hauptsächlich auf den Rängen ab. In Anlehnung an den alten Zwist, begannen die Huddersfield-Fans „Yorkshire, Yorkshire“ zu skandieren. Die Antwort folgte prompt: „Sheep, sheep, sheep-shaggers!“ hallte es zurück. Jaja, den Bewohnern von Yorkshire wird wohl seit geraumer Zeit nachgesagt, allerlei Unzucht mit Schafen zu treiben. Dann zündete der harte Kern der Burnley-Anhänger auch noch zwei Bengalos. Unterhaltsam.
Dann kam die Schlussviertelstunde. Burnley drückte und erzielte den folgerichtigen Anschlusstreffer in der 84. Minute. Doch auch sechs Minuten Nachspielzeit brachten dann nicht mehr als das eine Tor ein. Vielmehr musste Burnley’s Duff dann auch noch nach wiederholtem Foulspiel vom Platz gehen (90+3).

Mal wieder muss ich den Vergleich zu meinem letzten Auswärtsspiel ziehen und wieder gewinnt das gestrige Spiel. Kampf, Atmosphäre und Tore. Alles gab’s zu sehen. Huddersfield siegte verdient, jedoch hatte der Sieg einen bitteren Beigeschmack. Die Schiedsrichterleistung war absolut unterirdisch und nachdem ich mir die strittige Elfmeterentscheidung mehrmals angeschaut habe, bin ich der Meinung, dass das Handspiel (wenn es überhaupt Handspiel war) außerhalb des Strafraums stattfand. Entscheidet selbst: http://www.youtube.com/watch?v=FniDxBE-rrs

Auch bei anderen Entscheidungen machte der Ref einen alles andere als sicheren Eindruck. Aber nun gut, die Niederlage muss sich Burnley letztendlich selber ankreiden. Ich, als mittlerweile stolzer Lancastrian, hätte natürlich eher Burnley den Sieg gegönnt. Aber warten wir doch mal den Rest der Saison ab. Wer hat noch mal die Rosenkriege gewonnen? Richtig!

Gästehoppblock: Burnley FC vs. West Ham United 0:2

29.10.2013, Capital One Cup, 4. Runde

Text und Bilder: Marian Thiel

Vorwort:
Für mein Auslandssemester habe ich mir Englands schönste Stadt ausgewählt: Preston, Heimat des ersten englischen Fußballmeisters Preston North End, auch bekannt als die „Lilywhites“ oder die „Invincibles“ (ob sie wirklich so unschlagbar sind, wird vom Autor akut bezweifelt, aber später auch noch einer ausgiebigen Recherche unterzogen). Weiterhin ist Preston Partnerstadt von Recklinghausen, vermutlich aufgrund des ähnlich einladenden Stadtbildes.

Burnley_02

Heute gings jedoch nicht ins Deepdale sondern ins Turf Moor in die Nachbarstadt Burnley. Die ist vor allem für den Miner’s Club bekannt, einem Etablissement mit dem weltweit höchsten Konsum an Bénédictine Kräuterlikör. Außerdem wohnt dort mein alter Reisegenosse Will, dessen Support für die Clarets (Vorsicht, Verwechslungsgefahr) beinahe so feurig ist wie seine Haarfarbe. Kurz nachdem die Paarungen für die vierte Runde des Capital One Cup ausgelost waren, lies er mich wissen, dass er mir für humane 15 Pfund ein Ticket gesichert hat. Auch ihm ist bekannt, dass ich ein glühender Anhänger der Hammers bin.

Burnley stellt sich übrigens momentan im englischen Unterhaus mehr als anständig an. Nach 8 Siegen in Folge steht man gar an der Tabellenspitze und träumt von alten Glanzzeiten. West Ham dagegen steht ohne wirklichen Stürmer eher mittelprächtig da, daher wird ein Duell auf Augenhöhe erwartet.

Erlebnisbericht:
Mit dem Zug gings am 29.10. ins beschauliche Nachbarstädtchen Burnley, wo Will mich direkt in Empfang nahm und in den Pub seiner Wahl geleitete. Kredenzt wurde Dortmunder Union Pils, die erste heimische Erfrischung seit 2 Monaten. Nach und nach trudelten dann noch seine Kumpels Brownie und Simon ein und wir wechselten die Örtlichkeit. Es ging endlich in den Miner’s Club. Der ausufernde Konsum des feinen französischen Tropfens Bénédictine ist seit der Rückkehr heimischer Soldaten aus Frankreich nach dem ersten Weltkrieg zu verzeichnen. Ich ließ mich also nicht zweimal bitten und gönnte mir einen Benny & Hot, also Bénédictine mit heißem Wasser. Perfekt für das elendig englische Wetter draußen. Geschmacklich übrigens ebenfalls überragend und mit ausreichend Zündung ausgestattet.

Burnley_01Derart gewappnet machten wir uns auf den Weg ins Turf Moor, wo noch mal ein Benny & Hot für preiswerte 1,50 nachgelegt wurde (Schnaps in deutschen Stadien wäre vermutlich nicht die beste Idee). Dazu nen Steak- und Kartoffelpie. Nach den Enttäuschungen in Sachen Pies, die in England bisher erfahren musste, war dieses Gebäck eine äußerst angenehme Überraschung. Geschmacklich 1a und dazu mit 2,50 auch preislich Premier League. Ein Pie von Gottes Gnaden, möchte ich fast sagen. Dann gings auf die Tribüne. Beste Sicht. Es war Dienstag und dennoch ließen sich 14,376 Besucher blicken. Überraschend stark waren auch die Anhänger von United vertreten, die natürlich standesgemäß ein eingeschränktes Gesangsrepertoire präsentieren. Aber das eine Lied ist natürlich unser All-time-favourite.

Von der positiv überraschenden Atmosphäre angetrieben, spielte Burnley in der ersten Halbzeit einen starken Stiefel runter. West Ham machte GAR nichts! Es spielt zwar nur eine bessere B-Elf aber dennoch war es erschreckend. Lustlosigkeit gepaart mit Allardyce’schem Langholzfußball mag zwar mit einem guten Stürmer noch irgendwie funktionieren aber nicht mit der aus Mitleid zurück verpflichteten Valiumtablette namens Carlton Cole.

In der Halbzeitpause sorgte „Bertie the Bee“ für Stimmung. Letzte Woche im Spiel gegen QPR machte Bertie auf sich aufmerksam, als er dem Linienrichter die Brille eines Fans reichen wollte und prompt vom Schiedsrichter des Feldes verwiesen wurde. Bertie hat jedoch schon ganz andere Dinge gerissen. Im Lokalderby gegen Preston North End wurde ein flitzender Preston-Fan in allerfeinstem Rugby-Stil in die Schranken gewiesen. Das Video gibt’s hier: http://www.youtube.com/watch?v=DJEFY87w_Uw  (sehenswert auch, wie sich Bertie im Anschluss feiert)

Burnely_03Die zweite Halbzeit war dann ausgeglichener und beide Teams erarbeiten sich mehr und mehr „Halbchancen“. Es bedurfte jedoch erst einer Elfmeterentscheidung, bevor ein Treffer fiel. West Ham’s Matthew Taylor netzte den ersten Torschuss der Hammers in der 76. Minute zur schmeichelhaften Führung ein. Der Stimmung unter den Burnley-Anhängern tat dies jedoch keinen Abbruch. Die Mannschaft kämpfte weiterhin verbissen, nach Abstimmungsproblemen in der Abwehr bekam West Ham jedoch in der Nachspielzeit den zweiten Elfmeter zugesprochen, welcher ebenfalls saß (Collison, 90+3). Zusätzlich muss Treacy mit Rot vom Platz, was eventuell nicht mehr ganz so spielentscheidend war. Als der Sieg dann unter Dach und Fach war, bebte der David Fishwick Stand auf dem die Hammers-Fans untergebracht sind und der Klassiker wurde angestimmt.

Epilog:

Burnley_05Alles in allem ein unterhaltsames Spiel, vor allem dank des aufopfernden Einsatzes der Heimelf. Zusätzlich muss ich lobend erwähnen, dass die Stimmung echt knorke war. Als ich das letzte Mal im Anfield war, war da deutlich weniger los (mag jedoch auch daran gelegen haben, dass Liverpool damals gegen die Wolves verlor). West Ham effizient, aber ansonsten enttäuschend. Trotz schwindender Kräfte in der zweiten Halbzeit, hätte es Burnley verdient gehabt als Gewinner vom Platz zu gehen. Die Statistik gibt mir da nicht ganz Unrecht.

Das war’s soweit von meiner Seite. Da ich noch ein Weilchen hier oben bleiben werde, könnten noch weitere Berichte folgen. So long.

Marian

Gästehoppblock: Rosenborg Trondheim vs. Vålerenga Oslo 0:0

Text und Bilder: Krissi und Jan

Liga : Tippeligaen, Norwegen
Datum: 17. August 2013, 18Uhr
Ground: Lerkendal Stadion
Zuschauer: 13845 Zuschauer
Eintritt: 17,00€
Essen: Hot Dog 5€, nicht wirklich gut
Bier: Tuborg, 5€/0,5l, alkoholfrei!!!
Tore: gab´s nicht

Blog_02

Alkoholfreies Bier und kontrollfreie Kontrollen

Angekommen in einer neuen Stadt, alles ist neu, alles ist anders. Da verbringt man am Anfang gern die Zeit im gewohnten Umfeld. Das heimische Stadion lässt sich zwar nicht importieren, aber man kann ja mal auschecken wie die Mannschaft vor Ort so drauf ist. Also haben wir (drei Erasmus Studierende aus Deutschland) uns nach zwei Tagen in der neuen Stadt auf den Weg gemacht um Tickets für den kommenden Samstag zu kaufen. Im Endeffekt war‘ s okay. Mit Studentenrabatt bezahlten wir 17€ für Sitzplatzkarten. Stehplätze gibt‘s hier aber auch gar nicht. Die Vorfreude stieg mit jedem Tag.
Der Samstag war gekommen und sogar die Sonne ließ sich blicken. Gerade von einer Wandertour wiedergekommen, ging es ins Stadion. Die Lust auf Bier war übertrieben groß. Das lag vor allem daran, dass hier ein Bier im Durchschnitt mindestens 3 bis 4 Euro kostet und wenn man ausgeht, darf man auch gerne mal 8 bis 10 Euro auf die Theke legen. Das Stadion liegt ein wenig außerhalb des Zentrums. Überhaupt nicht schlimm, weil wir auch außerhalb wohnen und so einfach nur fünf Minuten Bus brauchten. Um das Stadion herum strömten alle nur in eine Richtung. So viele Menschen hatten wir bis dato in Trondheim noch nicht auf einem Haufen gesehen. Bei den Kontrollen fiel auf, dass man nicht mal die Taschen öffnen musste. Oder anders gesagt: die Kontrolleurin wollte dies vielleicht schon, aber wir haben sie einfach nicht verstanden. Spätestens beim dritten Mal sagen „Sorry I don‘t speak norwegian“ hatten wir kein Bock mehr und sind einfach weiter. Gestört hat es niemanden. Wir betraten das Stadion, suchten unsere Plätze, die beiden Jungs machten sich auf den Weg zum Bierstand. Nach endlosen Minuten kamen sie mit leeren Händen wieder. „Hier gibt‘s nur Alkoholfreies…“ Wir waren fassungslos. Alkoholfreies Bier im Stadion? Wie sind die denn drauf? Der Schock war noch nicht verarbeitet, da begann auch schon das Spiel.

Smartphones und andere Zeitspiele

Das Einlaufen der beiden Mannschaften war weniger aufregend als in den meisten deutschen Stadien. Ähnlich unspektakulär verpufften auch die ersten Spielminuten. Vålerenga hatte dabei ein leichtes Übergewicht, aber abgesehen vom raumsuchenden Kapitän Fredheim Holm (kam aus Trondheim!) war auch bei den Blauen sehr wenig Bewegung. Dennoch sprangen einige Torchancen heraus. Den Stürmern beim kläglichen Vergeben dabei permanente Absicht zu unterstellen, wäre dann aber doch eine zu gewagte These. Je länger das Spiel dauerte, desto mehr Spielanteile erarbeitete sich Rosenborg. Die individuelle Überlegenheit kam immer deutlicher zum Tragen. Dennoch waren waghalsige Abwehraktionen auf beiden Seiten keine Seltenheit und so machte es über die gesamte Spieldauer nie den Eindruck, als könne nicht doch noch ein Tor fallen. Erstaunlich war, dass das Defensivverhalten beider Mannschaften sehr häufig ziemlich improvisiert wirkte. Irgendwie hatte man da ein bisschen mehr Ordnung erwartet – Rosenborg spielt immerhin regelmäßig Europa League. Das größte Entertainment lieferte aber der Gäste-Keeper ab, der sich schon ab der 20. Minute auf‘s Zeitspiel verlegte und sich so den Unmut aller Fans (außer der knapp neun Auswärtsfans) auf sich zog. Sämtliche anderen Fans, die um uns herum saßen, waren von dem Spielverlauf derart angetan, dass sie sich lieber mit ihren Smartphones als dem Spiel beschäftigten. Eigentlich war auch nur im Fanblock von Rosenborg so richtig Stimmung. Falls man das bei den paar feiernden Fans wirklich als Stimmung bezeichnen kann.

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Taksdal Kongshavn und Mülltonnensnacks

In der Pause wollten wir natürlich etwas essen und trinken. Da wir uns aber gegen das alkoholfreie Bier entschieden hatten, sind wir auf Cola und Kaffee umgestiegen. Ganz vernünftig, so wie es Norwegen von uns verlangt wird. So probierten wir allerlei Kladderadatsch aus: Die Hot Dogs am Rande des Erträglichen, das Popcorn weit darüber hinaus – wir hatten mit salzigem Knallmais gerechnet, wurden aber wie schon beim Bier eines Schlechteren belehrt. Schnell ließ sich auch feststellen, warum das ganze Stadion etwas gegen Herrn Gudmund Taksdal Kongshavn hatte. Er ist aus Bergen. Und Bergen ist der Erzfeind Trondheims. Warum schreiben wir darüber? Leider waren seine Aktionen die mit Abstand spannendsten zwischen der 46. und 70. Minute. Spätestens mit der Einwechslung von Publikumsliebling Nicki Bille Nielsen kam dann doch noch frischer Wind in die Partie und Trondheim war nun klar am Drücker. Es ergaben sich noch einige Chancen, aber Unvermögen, Pech und der immer wieder zu ungenaue letzte Pass verhinderten schließlich das späte Siegtor für Rosenborg.
Mit einem etwas enttäuschenden 0:0 verließen wir also das Stadion. Irgendwie haben wir uns das alles ein wenig anders vorstellt. Aber es kann ja nicht alles sein wie zuhause (Jadestadion). So kann sich Rosenborg sicher sein: wir kommen wieder!

Gästehoppblock: Standard Lüttich vs. Club Brügge 1:3

Text und Bilder: Nils, Siegen

Liga : Jupiler League
Datum: 23. Dezember 2012, 14:30Uhr
Ground: Maurice-Dufrasne-Stadion
Zuschauer: 29800 Zuschauer
Eintritt: 40€
Essen: Hot Dog 4€, Geschmacksache
Bier: Jupiler, 1,80€/0,2l, lecker
Tore: 1:0 Ezekiel (´1), 1:1 Lestienne (´51), 1:2 Lestienne (´76), 1:3 Bacca (´94)

„Vamos a la Playa“ und freies Parken

Sonntag, 23. Dezember, die Bundesliga befindet sich im Winterschlaf und man sollte meinen, dass fußballerisch im Allgemeinen gähnende Leere herrscht. Doch dann das: in der belgischen Jupiler League wurde das runde Leder bewegt und einen Tag vor Weihnachten stand das Topspiel zwischen Standard Lüttich und Club Brügge an. Klar nimmt man da die ca. 200km lange Strecke gerne auf sich um das Duell im Maurice-Dufrasne Stadion (30023 Plätze), näher zu analysieren! Erster Unterschied zur Bundesliga: kostenlose Parkplätze rund ums Stadion! Nach kurzem Fußmarsch standen wir im Mittelpunkt des lütticher Fanherzens, einer Kneipenstraße direkt am Stadion. Spelunke an Bar an Kneipe und umgekehrt und alle beschallten die Straße mit extra aufgestellten Boxen und Partymusik a la Loonas „Vamos a la Playa“ und Co.!

Sauerkraut-Hot Dog mit Senf und noch mehr Topzuschlag

Auf ging’s zum Kartenkauf, der dank Topspielzuschlag und sämtlicher Zuschläge die man sich überhaupt vorstellen kann, den Geldbeutel zum Weinen brachte. 40€! Skandal! Außerdem personalisierte Tickets? Uncool! Aber was tut man nicht alles um die Fußballsucht zu befriedigen…
Mit dem Ticket in der Tasche ging es zum kulinarischen Teil des Tages: Hot Dog und Bier.Wer jetzt einen 1€- Ikea Gedächtnis-Hot Dog erwartete, wurde enttäuscht. Der belgische Hot Dog besteht aus Brot, Bockwurst, Sauerkraut und Senf. Die spinnen die Belgier! Immerhin das Bier, Marke Jupiler, schmeckte super. Leer getrunken, Einlass, Anstoß, Tor! 1:0 Lüttich! Das ging schnell, und daher war die Stimmung von Beginn an gut, zumindest auf Seiten der Lütticher. Vom Gästeblock kam während der ersten 45 Minuten wenig, weniger, am wenigsten.
2. Halbzeit, Anstoß, Tor! 1:1, für den Gästeblock der eigentliche Beginn des Spiels. Und dies nicht zu knapp: nach etwa 25 weiteren vom Kampf lebenden Minuten fiel das 1:2! Die Stimmung kippte. Ein paar fragwürdige Entscheidungen des Schiris produzierten echte Hitze. Ich habe noch nie so viele französische Pöbeleien gehört. Es folgte viel Kampf, Lüttich erfolglos am Drücker und in den Fängen eines eiskalten Winterkonters in der 94. Minute. 1:3! Feierabend. Brügge entschied das Spiel unverdient für sich. Frohes Fest, Royal Standard Club de Liège.

Gästehopp Lüttich vs Brügge

Neue Rubrik: “Gästehoppblock”

Match: FC Isla Cristina vs. AD Almonte Balompie 4:2 (1:1)

Text und Fotos: Sven Rp, Feudingen

Liga: Primera Andaluza G 1 (4. Liga)
Datum: 06.10.2012
Ground: Estadio Municipal de Isla Cristina
Zuschauer: 202 (inkl. 2 Deutsche)

Tore: 1-0 Javi Faneca 20′, 1-1 Sebas 39′ (FE), 2-1 Gui 51′, 3-1 Nico 70′, 4-1 Dani 86′, 4-2 Felix 90`
Bes. Vorkommnisse: Rote Karten wegen Meckerns für Bañez (78.) und Barto (89.), beide Almonte
Feste Nahrung: keine, denn es war deutlich zu warm (30°C)
Bier: 1 €, Pappbecher 0,25l (erstaunlich gut)
Sitz-/Stehplatz: 5€

Eigentlich nur Flitterwochen

Nach zwölf Jahren gemeinsamen Lebens war es dann für mich und meine Freundin dieses Jahr soweit – wir haben geheiratet. Dem Klischee folgend standen auch die sogenannten Flitterwochen auf dem Programm. „Ok, kein Thema“, dachte ich, aber großartig darum kümmern wo es genau hingeht, das machte ich erst einen Tag vor dem Abflug. Meine Eingabe im Internet lautete: Isla Cristina. Das Ergebnis war die spanische Atlantikküste, Provinz Huelva. „Sehr schön“, dachte ich und klickte aus reiner Routine noch schnell auf die Karte. Man will ja schließlich wissen, was die Umgebung des Hotels zu bieten hat. Eigentlich gab es dort nichts Besonderes. Natur, viel Strand und ein kleines Städtchen mit noch kleineren Gässchen. Doch was war das?! War es wirklich das, wofür ich es hielt?! Sollte das Ovale wirklich ein Stadion direkt neben unserer Unterkunft sein?! Wahnsinn! „Hochzeitsreise“ und ein „Hotel in Stadionnähe“ – mit diesen zwei Eckpfeilern und ohne jegliche Weiterplanung ging es am nächsten Tag los in Richtung Andalusien.

Auf dem Weg ins Hotel sagte ich im Bus dann zu meiner Frau: „In 2-3 Minuten sind wir da.“ Ungläubig guckte sie mich an und fragte: „Woher willst du das denn wissen, du warst doch noch nie hier?!“ Mit einem Lächeln im Gesicht antwortete ich: „Da, siehst du die Flutlichtmasten hinter den Dächern hervorblitzen? Direkt daneben ist unser Hotel.“ Und ich sollte Recht behalten. Genau gegenüber unserer Bleibe war ein kleines Stadion mit Tribüne. Mir war direkt klar, dass ich mich nach dem Check-In sofort erkundigen musste, wer gegen wen dort wann spielt. Der Internetzugang in der Lobby sollte mir dann die frohe Kunde bringen. Ausgerechnet am Samstag dieser Woche war ein Heimspiel des FC Isla Cristina. Gegner des Tabellenzehnten der Primera Andaluza G1 war das Schlusslicht Almonte BP.

Fußballhut mit Schießscharte

Meine Frau, mittlerweile viel Kummer und Sorgen wegen des runden Leders gewohnt, wollte zu meiner Freude auch mit ins Stadion. Früher als sonst ging es raus aus dem Liegestuhl, denn ich hatte schließlich Besseres zu tun als die Sonne zu genießen. Bevor es jedoch losging, war zunächst einmal mein eigener Verein via russischem Livestream an der Reihe. Am Stadion angekommen, gingen wir zum erst besten Eingang hinein. Zu unserer Verwunderung standen wir plötzlich auf der Laufbahn vor der Tribüne. Dass uns keiner daran hinderte lag vielleicht am frühen Erscheinen, denn der „Deutsche“ geht schließlich früh ins Stadion. Kaum eine Zuschauerseele war mit uns anwesend. Als wir dann auf der Tribüne Platz nahmen, sahen wir den Haupteingang. Pflichtbewusst also wieder raus aus dem Stadion um draußen Tickets zu kaufen. Wir fragten uns, ob das ein Spanier bei uns auch gemacht hätte?! Egal, das Kassenhäuschen war ein Betonklotz mit Fußballhut und Schießscharte, aus der lediglich zwei Hände heraus ragten, die uns die Karten überreichten. Der Preis von 5 Euro war nirgends zu lesen. Keine Ahnung ob wir die einzigen waren, die überhaupt bzw. diesen Preis bezahlten. Nach und nach füllte sich dann die Tribüne mit etwa 200 Zuschauern. Überwiegend Männer und heranwachsende Jugendliche. Frauen waren die Ausnahme.

Fallsucht, rote Karten und sechs Tore

Bevor das Spiel begann, wurde uns die Leitung des Spieles vorgestellt: eine Schiedsrichterfrau. „Spanische Mentalität und eine Frau als Spielleitung, das wird was geben.“ dachte ich ein wenig besorgt. In der ersten Hälfe war es eine ausgeglichene Partie mit der frühen Führung für die Gastgeber. Kurzpassspiel war angesagt, auch wenn der holprige Naturrasen dies nicht immer zuließ. Aufgrund der nahezu chronischen Fallsucht gab es die eine oder andere Unterbrechung. So auch in der 39. Minute. Aus mir bis heute völlig unerklärlichen Gründen und ohne Einwirkung des Gegners kam ein Gästespieler im Strafraum zu Fall. Die Schiedsrichterfrau pfiff, was die gute, alte Rudelbildung zu Folge hatte. Auch die Tribüne wurde etwas unruhig. Das Dach trug zur Lautstärke bei und erweckte den Eindruck, es wären weit mehr als 200 Zuschauer anwesend. Der anschließende Elfer führte zum 1-1 Pausenstand.
Im zweiten Abschnitt erspielte sich Isla Cristina immer größere Vorteile und war klar überlegen. Das 2-1 und das sehr schön herausgespielte 3-1 entschieden das Spiel frühzeitig. Die Niederlage vor Augen, Schauspieleinlagen und das Publikum gegen sich, hatte nicht jeder Gästeakteur seine Emotionen im Griff. Zwei rote Karten wurden verteilt. Am Ende hieß es nach nervenaufreibenden 90 Minuten 4-2.

„Respect“ mit schönem Abschluss

Hut ab vor dem Durchsetzungsvermögen der spanischen Schiedsrichterfrau. War zwar nicht jeder Pfiff glücklich und richtig, brachte sie die Partie konsequent über die Bühne. Dies sind jene Momente, in denen man merkt, dass der Fußball überall gleich ist, sei es hier bei uns, in Spanien oder sonst wo. Durch das unnötige Exaltieren über Entscheidungen des Unparteiischen hat schließlich noch keine Mannschaft gewonnen. Lieber einmal auf die eigene, nämlich indiskutable Leistung gucken. Isla Cristina gewann verdient und konnte sich im Mittelfeld der Tabelle festsetzen.
Ein sehr schönes und von neuen Erfahrungen geprägtes „Auswärtsspiel“. Das Niveau der Begegnung vergleiche ich mit unserer Landes-/Oberliga. Die Spielweise war die des Ballhaltens und des Kurzpasses. Der für mich weitaus größte Unterschied zum heimischen Amateurfußball waren die schauspielerischen Einlagen auf beiden Seiten. Es hat sich mehr als gelohnt, auch wenn es nicht die größte Bühne des Fußballs war. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel und deshalb gab es abends noch das „Aktuelle Sportstudio“ mit heimischer Bundesliga…einfach rundum schöne Flitterwochen.