Kategorie: Furchentexte

Good bye, „Traut the Kraut“!

Von der Queen geadelt, zwei Herzattacken überlebt, trotz Genickbruch weitergespielt, von Rüsselsheim bis Burma trainiert, für City 508 Spiele absolviert: Während des Krieges geriet Bert Trautmann in britische Gefangenschaft und weil die Engländer in ihren Lagern mal ausnahmsweise nur grottenschlechte Keeper hatten, musste Bert zwischen die Pfosten. Nach dem Krieg blieb er dort und die Citizens kauften ihn Ende der Vierziger. 1952 Wollten die Schalker ihn verpflichten, konnten aber keine 200.000 DM (!) aufbringen. Also blieb Bert, wurde 1956 FA-Cup Sieger und Fußballer des Jahres. „The Guardian“ zitiert Joe Corrigan, einen seiner Nachfolger: „Bert was a fantastic man and was one of the greatest goalkeepers of all time, and I’m proud to have called him both a friend and a mentor.“

Ruhe in Frieden, „Traut the Kraut“!

Bert Trautmann

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Rubrik: KURZ & KNAPP

Heute: Hooligans Feyenoord Rotterdam

Heute wird der Arbeiterverein 105 Jahre alt. Ein Verein voller Geschichte und der Kontroverse, irgendwo zwischen Hafenarbeitern, großen Spielern (Dudek, van Persie, Koeman, Gullit, Larsson, Kuyt, Makaay) und gefürchteten Hooligans. 14x niederländischer Meister, 11x Pokalsieger. Besonders in den 70ern waren die Rot-Weißen eines der größten Team Europas. 1970 gewann Feyenoord als erster niederländischer Verein den Europapokal der Landesmeister. Wochen darauf sogar den Weltpokal. Doch schon zu jener Zeit machte der Verein neben seinen Erfolgen auch durch die Gewalttaten seiner Hooligans Schlagzeilen. „70er Jahre und Hooligans? In den Niederlanden?“ – Feyenoord war einer der ersten Clubs abseits der Insel mit „Firm“-Strukturen. Im UEFA-Cup-Finale 1974 datieren die ersten blutigen Szenen zwischen den S.C.F. Hooligans und Gruppierungen der „Spurs“ mit 200 Verwundeten. Von Bombenanschlägen in Alkmaar, Messerstechereien bis zu bewaffneten Raubüberfällen auf Tankstellen und Geschäften, machte die erste Generation der S.C.F. (the ‚old‘ hard core) vor nahezu nichts halt. Immer gern und zwischendurch: Massenschlägereien mit AJAX-Hools.

Feyenoord third generation Rotterdam

Die Zusammenstöße eskalierten derart, dass sie zur Staatsangelegenheit wurden und öffentliche Kritik produzierten. Die Polizei reagierte mit größeren Aufgeboten, Infiltration und V-Männern. Die „old hard core“ löste sich auf. Eine neue Welle lies jedoch nicht lange auf sich warten. Techno und Goa als Warm-up-Droge, das FIIIR-Tattoo (Feyenoord third generation Rotterdam) auf dem rechten Unterarm, galt die „wiederbelebte“ S.C.F. als gewalttätigster „Core“ in Europa: „This group was among others involved in the ‚Battle of Beverwijk‘ (http://tdifh.blogspot.de/2012/03/23-march-1997-battle-of-beverwijk.html), where Feyenoord hooligans killed F-side boy Carlo Picornie. Several other people were seriously injured. […] It was a miracle that „just“ one man was killed.“ Bereits Jahre zuvor, 1991, erlag FC Twente-Hool Erik Lassche seinen Verletzungen nach einem Kampf mit Feyenoord Holligans der „new hard core“. Erik Lassche gilt als erstes dokumentiertes Todesopfer durch Gewalt im Fußball. Wie auch in England folgte der technisierte „Überwachungsstaat“. Kameras, Observationen und Stadionverbote gehören seitdem zur Tagesordnung. Den „Kern“ der S.C.F. berührt dies allerdings wenig. Vor allem nicht gegen Erzfeind AJAX.

„Ich saß auf den Schultern meines Bruders und war glücklich.“

Im Seminar “Fußballkultur revisited“ befassten sich Studierende der Uni Hildesheim mit der Sozialisation des runden Leders. Dabei entstanden u.a. einige fußballbiographische Zeilen, die wir euch nicht vorenthalten möchten. Wir beginnen mit “Familienbande“ von Alice Müller – über die beste Saison ihres Lebens, fehlenden Ehrgeiz und…Ak-po-bo-rie.

FAMILIENBANDE

Im Sommer 1996 war ich neuneinhalb. Mit neuneinhalb war ich ein halbes Jahr zu jung, um mit meinen drei älteren Geschwistern ins Ferienlager zu fahren. Mit neuneinhalb, beschloss mein Vater, sei ich genau im richtigen Alter, um das Gottlieb-Daimler-Stadion kennenzulernen. Und zwar am ersten Spieltag der Saison 1996/97.
Auf den 80 km Richtung Stuttgart strich ich immer wieder über die Dauerkarte meines Bruders und ordnete die Fransen des VfB-Schals meiner Schwester. Mein Vater erklärte mir die Sache mit Gelsenkirchen und Schalke, ich schaute nur stumm und aufgeregt aus dem Fenster.

In der U-Bahn zum Stadion sah ich zum ersten Mal die echten, lauten Fans. Keine Angst, sagte mein Vater und ich stolperte an seiner Hand an den Polizeipferden vorbei, die extra für uns die Straße absperrten. Im Stadion begrüßte mein Vater seine Sitznachbarn: Ich lernte Kalli und Günther kennen. Bei der Mannschaftsaufstellung rief ich die Namen der VfB-Spieler zögernd mit, (Günther nickte meinem Vater anerkennend zu), ich kannte sie alle aus dem Kicker. Soldo! Elber! Bobic! Balakov! Noch heute kitzelt mich bei Erwähnung dieser Namen eine glückliche Nervosität im Magen. Auch der Moment, in dem mein Körper wie von selbst vom Sitz hochgerissen wird und meine Arme unkontrolliert durch die Luft wirbeln, wird mich auf ewig faszinieren. Vier mal schrie ich in diesem Spiel Tooor! ohne meine eigene Stimme zu hören. Am Ende hatten wir gewonnen, ich sagte Tschüss zu Günther und dass ich jetzt wüsste, warum dieser Verein Schalke 0:4 hieße. Er zeigte seine gelben Zähne und befahl meinem Vater, mich unbedingt öfter mitzubringen.

Ich hatte mir eine hervorragende Saison ausgesucht, um VfB-Fan zu werden. Im nächsten Sommer war ich zehneinhalb und noch bevor ich ich ins Ferienlager fuhr, stand der VfB im DFB-Pokalfinale gegen Energie Cottbus. Ich saß mit meiner Mutter und meinen Schwestern vor dem Fernseher. Zur Feier des Tages gab es Eistee. Mein Vater war mit meinem Bruder nach Stuttgart gefahren, wo man auf dem Marktplatz eine Leinwand aufgebaut hatte. Der nächste Tag wurde der beste Sonntagsausflug meines Lebens: Wir fuhren alle zusammen noch einmal nach Stuttgart, um die Mannschaft und den Pokal auf dem Rathausplatz zu begrüßen. Meine Mutter kaufte mir und meinen Schwestern Balakov-, Bobic- und Elber-Shirts, die uns bis in die Kniekehlen hingen. Ich saß auf den Schultern meines Bruders und war glücklich.

Nach diesem Sommer ging Elber zu Bayern. Ich verstand das nicht. Elber zerstörte ohne mit der Wimper zu zucken das magische Dreieck. Meine aufblühende Fußballliebe bekam ihre ersten Kratzer. Und dann auch noch zu Bayern, sagte mein Bruder. Ich drehte meiner kleinen Schwester schnell das Elber-T-Shirt an und trug jetzt Balakov zum Schlafen. Ein guter Spieler, der Mittelfeldregisseur, klug und vor allen Dingen treu. Den Namen des neuen Stürmers konnten die Reporter und ich kaum aussprechen. Ak-po-bo-rie. Von mir aus. Ich wollte mich nicht so schnell versöhnen. Fußball? Konnte ich auch selbst spielen.

Für die Familienfeste, die im Garten meiner Großeltern gefeiert wurden, planten wir ausgefeilte Turniere. Teamnamen und Trikotfarben wurden bestimmt, die Zeit exakt gestoppt und gelbe Karten verteilt. Ich stand immer öfter im Tor. Weißt du, du bist echt gut im Tor, sagte mein Bruder. Ich glaubte ihm. Als meine kleine Schwester nach einem verlorenen Spiel jedoch bitterlich weinte, während ich mich nur auf den Kuchen freute, merkte ich, was mir zur Fußballspielerin vor allem fehlte: der Ehrgeiz.
Ich unternahm trotzdem noch einige Versuche, ein Fußballmädchen zu werden. Ausgerechnet an einem matschigen Novembertag begleitete ich eine Freundin zum Training ihrer Mädchenmannschaft. Es wurden Kopfbälle geübt. Durch den Regen zu traben und einen harten Ball an den Kopf zu bekommen, begeisterte mich nicht. Durchnässt gestand ich mir ein, dass ich Fußball lieber sah als spielte.

Anders meine kleine Schwester: Ihre Karriere begann mit gleichaltrigen Jungs in der F-Jugend, die ihr weit weniger Mühe bereiteten als der Dialekt des Trainers. Ich stand am Spielfeldrand und sah ihr dabei zu, wie sie ein paar Jahre später flink um große, dicke Mädchen herumtribbelte, die einfach nur den Ellbogen ausfuhren, während der Schiedsrichter mit den schlauen Papas quatschte. „Du scheiß fette Tonne!“ schrie ich mit Tränen in den Augen und war endlich wieder das, was ich sein wollte: Fan. Bin ich bis heute. Zumindest doch von meiner Schwester. Sie macht jetzt ihren Trainerschein, spart auf die neusten Schuhmodelle aus der Bundesliga und arbeitet beim Karlsruher SC, dem Erzrivalen des VfB.

Mein Vater kommt überraschend gut damit zurecht. Ist aber eben auch nicht seine Liga. Als es 2001 so aussah, als ob es bald mal wieder ein Stuttgart-Karlsruhe-Hass-Derby geben würde – der VfB nämlich um ein Haar in die zweite Bundesliga abgestiegen wäre – waren wir ausgerechnet am letzten Spieltag auf den 65. Geburtstag meines Großonkels geladen. Mein Vater verschwand für 90 Minuten vom Kuchenbuffet. Mit dem Taschenradio am Ohr fanden wir ihn später sehr erleichtert auf dem Spielplatz hinter dem Restaurant wieder.

Wenn es mich heute samstagnachmittags mal in eine Kneipe treibt, dann kenne ich kaum einen Namen auf dem Feld und bin genervt von den Sky-Kommentatoren. Zugegeben: Die Liebe meines Lebens ist der Fußball nicht geworden. Wir zwei sind eher wie Verwandte, die sich einander zwar nicht ausgesucht haben, sich aber auch nicht missen möchten. Denn wenn in Stuttgart ein Tor für uns fällt, kann ich mich immer noch tierisch freuen. Mir wird plötzlich ganz heiß im Gesicht, ich schreibe eine SMS nach Hause, denke an den Garten meiner Großeltern und an die Saison 96/97, der besten aller Zeiten.

Alice Müller, Uni Hildesheim, Juni 2013

Aus der Höhle des Löwen

Von Heiko Rothenpieler

Björn Kluft wechselte vor der Saison als vielversprechender Neuzugang von Preußen Münster nach Braunschweig. Im Juni 2012 verletzte sich der 22jährige beim Testspiel in Peine jedoch so schwer, dass die komplette Saison in der Reha endete. Nun trainiert er wieder mit der Mannschaft und strotzt vor Selbstvertrauen. Für ihn “geht es jetzt erst richtig los.“

bjoern-kluft

Sommer, Sonne und Schockstarre

Die Sonne schien. Blauer Himmel erhob sich. Ein Bierchen hier. Ein Lacher dort. Weiße Rauchschwaden von gut Gegrilltem zogen über die fünf einbetonierten Tribünenstufen der von Gras und Bäumen umgebenen Sportanlage in Peine. Der MTV Vater Jahn feierte sein 150-jähriges Vereinsjubiläum. Anlässlich dessen gastierte an diesem Tag kein geringerer Verein als Eintracht Braunschweig an der Fritz-Stegen-Allee.
Ja, für die 1300 Zuschauer war der 23. Juni 2012 ein herrlicher Tag, auch wenn es für den Kreisligisten am Ende 0:15 hieß. Um das Resultat scherten sich von vorne herein eh die Wenigsten. So blieben in Peine nicht wenige Besucher noch lange, um Anekdoten aus 150 Jahren Vereinsgeschichte zu erzählen oder sich über Marco Reus EM-Traumtor gegen Griechenland vom Vortag zu unterhalten. Dreißig Kilometer weiter östlich aber sah die Welt anders aus. Mehr noch. Man stand unter Schock. Und irgendwie fühlten sich die 15 Tore wie eine bittere Niederlage an.

Es war die dreißigste Minute gewesen. Björn Kluft wurde im Sechzehner regelwidrig von den Beinen geholt. Nach dem Spiel teilten erboste Eintracht-Fans via Internet die Schuld dem klischeebehafteten Trittgeist der Kreisliga-Kultur zu. Es war ein übles Foul gewesen, wie es jedes Wochenende zig Mal in sämtlichen Spielklassen passierte. Doch hier es war ausgerechnet Kluft gewesen. Jener junger Spieler, der für viele auf länger gesehen die Fäden im Mittelfeld hätte ziehen können. Diese Hoffnungen gingen keineswegs unbegründet hervor, hatte er doch in Münster mit teils herausragenden Leistungen maßgeblich zu deren Aufstieg beigetragen. „Für mich war es wirklich ein Schock als ich mein Knie anschaute. Das sah wirklich schlimm aus.“ erinnert sich Kluft heute. Erste Diagnose: Kniescheibenluxation. Allein der Begriff ruft bei dem einen oder anderen Laien Gesichtslähmungen hervor. Zweite Diagnose: Operation. Dritte Diagnose: Drei Monate Pause. Maximal. So dachte man. Auch Björn Kluft dachte das.

Talente, Träume und Tapentenwechsel

Rolle rückwärts. Kluft begann seine Karriere beim TuS Grün-Weiss Wuppertal. Da sein Vater Michael vor Ort als Torwart-Trainer agierte, stellte sich auch Björn zunächst zwischen die Pfosten. Kurze Zeit später folgte ein Jugendturnier, bei dem Scouts von Bayer Leverkusen anwesend waren. Linksfüße fallen bekanntermaßen immer auf – selbst als Torwart. Björn wechselte nach Leverkusen, wo er zum Mittelfeldspieler umgeschult wurde: „Schon mit neun Jahren wollte ich Fußballprofi werden. In Leverkusen spielte ich dann 11 Jahre lang. Ich hatte immer nur ein Ziel und das war die erste Liga.“ Kein unrealistisches Ziel für einen Youngstar, betrachtet man z.B. die Karrieren seiner späteren Mitspieler Richard Sukuta-Pasu (Kaiserlautern, Sturm Graz) oder Marcel Risse (Mainz 05). Doch die sportlichen Perspektiven in Leverkusen stellten sich diesem Wunsch in den Weg und Kluft schlug einen Umweg ein. Er wechselte zu Rot-Weiss Ahlen in die 3. Liga. Dort angekommen, machten ihm das erste Mal Verletzungen einen Strich durch die Rechnung. Innerhalb kurzer Zeit folgten eine Leistenoperation, ein Wirbelbruch und ein Bänderriss. Zu diesem Zeitpunkt war Björn Kluft 20 Jahre alt. Während andere Talente in diesem Alter ihren sportlichen Durchbruch schafften, musste Kluft lernen mit Rückschlägen umzugehen. In 22 Partien wurde er 15 Mal eingewechselt. Grenzerfahrungen wider Willen.

Aber dem nicht genug. Als Kluft nach nur einer Saison vom insolventen Ahlen zu Preußen Münster wechselte, plagten ihn Schambeinprobleme, die ihm sechs Mal einen Platz auf der Reservebank bescherten. Kluft kämpfte sich jedoch heran und avancierte zum Garanten für den Meistertitel der Regionalliga West. Preußen Münster stieg in die 3. Liga auf. Kluft, dem bei seinen Ballkontakten inzwischen ein lang gezogenes „Kluuuft“ hinterher hallte, reichte dies nicht. In ihm brach der neunjährige Junge aus Wuppertal heraus, der immer und immer nur Bundesliga spielen wollte: „Für mich gab es keine andere Wahl. Ich hatte in Münster eine gute Zeit. Die Fans unterstützten mich immer super und es war schon nicht einfach zu gehen. Aber hier bei der Eintracht hat es einfach gepasst.“ Kluft wechselte und rückte damit trotz Verletzungen seinem Lebenstraum ein weiteres Stück näher.

Eltern, Eintracht und Eroberung 

Nach dem Katastrophentag in Peine unterzog sich Kluft der nötigen Operation in Köln. Wer jedoch an eine schnelle Rückkehr glaubte, wurde schnell enttäuscht. Nicht umsonst wird das Herausspringen der Kniescheibe in Ärztekreisen als „häufig unterschätzt“ beschrieben. Es wurde weitaus mehr als das und die Operation im Rheinland sollte nur der Anfang eines langen Leidensweges sein: „Ich wurde immer wieder operiert. Fünf Mal insgesamt. Immer wieder konnte ich etwas Neues nicht machen. Erst konnte ich nicht Beugen, dann nicht Strecken, dann folgte noch eine Infektion. Wenn man immer wieder anfängt zu trainieren und man merkt, dass es einfach nicht geht, dann fällt einem die Motivation umso schwerer.“ Gleichzeitig erbrachten seine Mannschaftskameraden auf dem Rasen große Leistungen und es schmerzte daher auch auf einer psychischen Ebene nicht mitwirken zu können. Doch so schlimm solche Situationen auch sind, offenbaren sie umso mehr die Wichtigkeit von Werten abseits des Fußballs: „Man muss dann mental stark sein und eine Familie haben, die hinter einem steht. Ich konnte oft nach Hause zu meiner Freundin und meinen Eltern. Da wurde ich immer aufgebaut. Auch der Verein hat mir Rückendeckung gegeben. Das hatte ich alles.“

William Shakespeare schrieb einmal, dass ein Leid umso schwerer drückt, sobald es sieht, dass man es kleinmütig trägt. Kluft stellte sich diesem Leid. Nicht wenige junge Sportler werden von derart vielen Verletzungen an den Rand der Invalidität gedrängt. „Klufti“ hingegen, wie er in Münster liebevoll genannt wurde, kehrte nun nach Monaten des Herankämpfens wieder ins Mannschaftstraining zurück und feierte prompt den Aufstieg mit. Wer die Bilder im Fernsehen oder im Stadion aufmerksam verfolgte, konnte einen stets strahlenden und in allen Belangen mitfeiernden Spieler sehen. Es schien, als würden Lasten von ihm abfallen. Lasten, die beinahe den Traum von der Bundesliga erdrückt hätten. Das erste Mal, dass man ihm seinen langen Weg durch die Reha nicht anmerkte. Alles schien plötzlich so weit weg. Peine schien so weit weg. „Wenn man nach sechs Tagen im neuen Verein so rausgerissen wird, ist es schwer Bindung zu finden. Aber seitdem ich wieder zurück bin, bin ich total integriert. Es ist einfach so, dass wir eine geile Einheit sind und auch diejenigen, die nicht so oft gespielt haben sind voll drin. Ich selber habe so etwas auch noch nicht erlebt, dass ein Team so zusammenhält.“ schildert Kluft zufrieden nach der Trainingseinheit am Vormittag.

Unzufriedenheit findet keinen Platz mehr in seinen Worten. Denn trotz 31 gespielter Minuten steigt er in die erste Liga auf. Der Traum, den er seit seinem neunten Lebensjahr immer wieder träumte, wird nun wahr. Vielleicht ist es Schicksal, dass gerade ihm diese Ehre zu Teil wird. Vielleicht schaut er abends in den Spiegel und sagt sich, dass er es verdient hat. Und vielleicht ist dies der Startschuss für mehr als nur ein Neuanfang. Glaube und Willen dazu hat er jedenfalls bereits bewiesen: „Man darf einfach nicht aufgeben, muss immer weiter machen und immer nach vorne gucken, egal was passiert.“ Lasst ihn endlich los. Es ist Zeit die Höhle zu verlassen und die Felder zu erobern.

(Der Artikel wurde in der Sonderausgabe des Fußballmagazins „abseits“ abgedruckt.)

„Gefällt mir nicht mehr!“

Das „Typen“-Geschwür. Das „Eier“-Problem. Die „Sich-selbst-hinterfragen“-Masche. Der Generationskonflikt. Angetrieben von disziplinierter Disziplinlosigkeit. Vollendet in skandalträchtigen Interviews. Manifestiert in Vereinswechseln nach Erfolglosigkeit. Ein Depp, so wie meiner einer, findet jenes alles irgendwo zwischen Lewandowski-Eilmeldungen, dem großen Gatsby bzw. Hoeneß und dem achtzehnjährigen Frischsenior in der Haubergsliga, der beim Aufpumpen der Bälle chillt. Sie haben es bereits gemerkt. Hier spricht ein Wutbürger des Fußballs. Entschuldigen sie bitte, beinahe hätte ich ein Wort vergessen. Es muss natürlich des „modernen“ Fußballs heißen. Ganz wichtig in diesen Zeiten! Nicht dass man das Traditionsgewicht relativiert.

Apropos. „Tradition tritt man nicht mit Füßen!“ posaunt gerade Vorzeigepöttler Joachim Hopp über den 11Freunde-Äther. Doch da schon tickert und zitiert der „Reviersport“ um 16:43Uhr MSV-Boss Jürgen Marbachs Appell an die Anhänger: „Es ist eine todtraurige Atmosphäre. Aber ich hoffe, dass es wie in den letzten Tagen auch friedlich bleibt. Wir können alle zusammen ein oder zwei Bier trinken, aber bitte ohne Gewalt.“ Gut, dann bitte ein Stadionbier! Hab´s aber nur in bar! Schnell den Kanal wechseln. Durchatmen. Sport1. 21Uhr Anstoß Confed-Cup. Brasilien trifft auf Mexiko. Endlich wieder Fußball! Der „Kicker“ begrüßt in den „voraussichtlichen Aufstellungen“ den Geld fressenden Hulk sowie den alleinerziehenden Jungpapa Neymar. Verdammt, wo ist Joachim Hopp wenn man ihn braucht!? Tab geschlossen. MSV abgestiegen.

Derweil Joachim Watzke im sozialökonomischen Progress: Süddeutsche Zeitung, 18. Juni: „Robert wird nun definitiv in der nächsten Saison bei Borussia Dortmund spielen. Wir brauchen Planungsklarheit.“ Ruhr-Nachrichten, 19. Juni: „Der Sachstand hat sich nicht geändert. Allerdings steht das Fenster für Interessenten nicht mehr lange offen. Es ist richtig, dass wir Planungssicherheit brauchen“. Ich möchte doch kein Bier. Vielleicht ein Schnaps, Herr Blatter? Sorry, ich vergaß. Der Fußball ist ja ihren Aussagen nach Kulturgut (richtig) und deshalb…Sekunde, ah, da haben wirs: „Deshalb müssen wir Alkohol und Tabak aus den Stadien nehmen. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand im Konzertsaal oder der Oper trinkt und raucht.“ Wann fängt denn endlich der Confed-Cup an?! Diese Hitze macht einen ja wahnsinnig!

Plötzlich die U21 im Kopf. Dann Kopfschütteln. Dann plötzlich dank Bernd Lenos Anti-Titanismus gegen die Niederlande ein Torwartproblem vor Augen. Ebenso schnell gibt mir die spanische Sportzeitung „AS“ eine Qualitätsschelle: „Schnappt Barca sich ter Stegen und leiht ihn wieder aus?“ Der Vater des Ganzen laut transfermarkt.de: der mindestens, ebenso, ja gar sicher Anti-Titan und spanische Pannen-Olli Andoni Zubizarreta. Was gibt’s noch vom irren Reiseführer „Per Anhalter durch den Fußball“? Fernandinhos Marktwert erhöht sich um schlappe 18 Millionen Euro, Goretzka klagt gegen seinen Ex-VFL und der 54jährige Gerhard Delling hält Lesungen über sein Buch „50 Jahre Bundesliga – wie ich sie erlebte!“. Bezahlt man gerne für die Emotionen eines vierjährigen Universalgelehrten! Wie gut nur, dass der Confed-Cup gleich auf Sport1 kommt. Dort ist die Werbung so lang, dass nicht einmal Katrin Müller-Hohenstein zu Wort kommt. +++Eilmeldung: „Schalke und der HSV erhöhen Ticketpreise erneut.“ Gefällt mir nicht mehr. Teilen!

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Trends & Styles, yeah!

„Es ist dieses Warten. Im Cafe. Beim Frisör. Warten auf etwas. Der Waschsalon. Das Wartezimmer beim Arzt. Allerhand liegt zur Hand um das Warten zu verkürzen. Fokus. Die Bunte. Bild der Frau. Nein, heute kein Fußball. Mal kein Kicker, 11 Freunde oder Ballesterer. Ich greife mir die „Gentlemen´s Quarterly – Das Männermagazin für Style & Anspruch“. Kein rundes Leder heute. „Mal kein Peter Neururer!“ denke ich und blättere die Seiten wie ein Kind sein Bilderbuch. Ausgabe Mai 2013. Trends und Styles, yeah. Mode vor allem. Sehr viel davon.

Dann plötzlich: Reus und Götze im Interview. Leichte Fragen mit leichten Antworten. „Was verbindet sie beide?“ fragt das Männermagazin. Beide gleichzeitig (lachend): „Justiiiiiiiiiin!“ Reus kennt und singt alle Lieder von Justin Bieber auswendig. Im Auto. In der Kabine. Trends & Styles, yeah. In Abschnitt zwei bekommt der Interviewer die Kurve zum Sport. Es folgt ein Abschnitt, der mich kurz zusammenzucken lässt. Ich schaue noch einmal auf das Cover: Ausgabe Mai! Weiß der Teufel, wann das Interview geführt wurde. Jedenfalls vor Bekanntgabe des Götze-Megatransfers nach München. Hmm. Ich lese die Zeilen noch einmal und denke: „Trends & Styles, yeah!“. Kein Bock mehr auf Warten. Wann werd ich endlich aufgerufen, verdammte Axt?!“

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(Foto: weder Style noch Klasse – das Samsung S5360 Galaxy)

Kampf der Kreisliga

Nein, die Welt der Asche ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Nicht jeder Huf vermag einer filigranen Technik zu entspringen. Schreiende Proleten aller Generationen bedienen sich der Stimmgewalt des fehlenden Linienrichters. Bei Verletzungen stürmen keine Müller-Wohlfahrts heran, sondern bestenfalls Ersatzspieler, die den Inhalt des lecken Eiskoffers nicht einmal kennen. Nein, Pobackenverbrennungen von Kunstrasenplätzen der ersten Generation, tränende Augen von Schmiercremerorgien in der Kabine und Zicke-zacke-zicke-zacke-hoi-hoi-hoi-Aftershowpartys unter kalten Duschen sind nicht jedermanns Sache. Und wer sich in diesen Gefilden noch nie aktiv oder passiv aufgehalten hat, bekommt wahrlich nicht viel zu hören außer Geschichten von alkoholausschwitzenden Gegenspielern oder gewissenlosen Wadenbeißern. Diese ganze, vom Hörensagen abgelaufene Backmischung wird nur noch durch ein biertrinkendes Rentnerpublikum ohne Verbalgrenzen glasiert.

Durchwühlt man zudem ausschließlich Massenmedien und wendet den Blick nicht völlig abseits der unterklassigen Fußlümmelei, springen einem Schlagzeilen wie „Tatort Kreisliga“, „Schlägerei mit Verletzten nach Kreisliga-Spiel“ oder „Amateurfußballer prügeln Schiedsrichter zu Tode“ geradezu ins Gesicht. Fazit: Das Image der deutschen Kreisklassen sinkt seit Mitte 2010 beträchtlich. Damals sorgte ein Artikel der Süddeutschen Zeitung für Aufsehen, indem ein Spiel wegen einer Massenschlägerei abgebrochen wurde. Nur ein Jahr später scheint sich die Gewalt in Kreisklassen zu determinieren. So titelt die RuhrNachrichten Mitte Mai 2012, als ein Spiel in Schwerte im Polizeieinsatz endet: „Erneut Ausschreitungen in der Kreisliga“. Wiederhole: erneut. Die Kreisligen stehen von nun an im Fokus sämtlicher, nicht selten provinzieller, Tagesblätter. Journalisten, die früher Jahreshauptversammlungen mieden und diese u.a. wegen Tagesordnungspunkten wie „Ehrungen“ als lästig empfanden, rücken plötzlich in „Problemspielen“ (WDR Inside) freiwillig an. Eine Welle der Empörung schwillt seitdem unaufhaltsam durch die Gesellschaft, getragen durch die ständige Litanei an den DFB, das „Problem viel zu lange verkannt“ zu haben. Der biertrinkende Kreisklassen-Krakeleer aus Halbzeit drei hatte scheinbar endlich die Aufmerksamkeit, die ihm sonst nie zugesprochen wurde. Fazit Nummer zwei: alle Kreisligen im gesamten Bundesgebiet sind gleich, haben identische Probleme und stehen für ausufernde Aggressionen, besonders gegenüber Schiedsrichtern. Ausnahmen bestätigen die Regel. Alle Angaben natürlich mit Gewehr.

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(Foto: SV Feudingen, Tannenwaldstadion; Kreisliga A)

Doch wer oder was ist eigentlich diese Kreisliga?! Für den Laien klingt dieses befremdliche Wort wie ein grässliches Wort. Ein Klingelwort wie „Katar“. Ein Schimpfwort wie „Sepp“. Ein Zyklop wie „Hoyzer“. Im Gegenteil. Es ist weitaus mehr als Kippen, Bier und Schlägereien. Keineswegs sollen hier Tatsachen in Frage gestellt werden oder Medien für ihre Spießroutenschreiberei verurteilt werden. Formen fragwürdiger Berichterstattung soll hier kein Thema werden. Auch das Thema „Gewalt“ ist in keinster Weise zu relativieren, geschweige denn zu beschönigen. Besonders die unfassbare Attacke dreier Amateurfußballer in den Niederlanden, die Anfang Dezember zum Tod eines Schiedsrichters führte, sorgte für Entsetzen. Trotz dieser Tragödien wäre es töricht mit dem Brandeisen über die Länder zu wetzen und die Vereine an ihre Verantwortung zu erinnern.

Es gibt nämlich eine Kehrseite der achso rostigen Medaille. Leider, das muss man indessen zugestehen, sind Themen wie „Ehrenamt“, „Gemeinschaft“ oder schlichtweg „Bewegung“ nicht gerade mediale Gassenhauer. Doch würde es sehr erfreuen, wenn die Arbeit in unterklassigen Vereinen nicht bloß degradiert oder auf Gewalt und Ausschreitungen reduziert würde. Die nette Dame, die heißen Kaffee ausschenkt und sich zum Waffeleisen umdreht. Der Kassenwart, der sich die Böschung für die paar Penunsen hinauf quält. Die Mutter von Spieler X, die ihren Waschkeller freimacht um die verdreckten Trikots zu waschen. Das Zigarillo-Original, das zu jedem Auswärtsspiel mit seinem Herkules-Moped hinterher eiert. Die „freien“ Samstage, an denen Hacke und Rechen solidarisch zum Arbeitseinsatz laden. Der Ersatzspieler der Reserve, der nebenbei fünzehn E-Jugendliche trainiert. Oder die „arme Sau“, deren letzte Aufgabe nach dem Spülen der Gläser darin besteht, den Kabinenboden zu putzen, weil die eingeteilten Spieler Y und Z nach der 0:4-Heimschlappe keine Lust mehr dazu hatten. Die Liste dieser Beispiele ist lang. Sehr lang. Vielleicht sogar unendlich. Aber vor allem stehen diese Dinge für weitaus mehr als Gewalt und Alkoholismus bis in den Werktag hinein.

2012 zählte der DFB 25.641 Vereine, in denen insgesamt 6.800.128 Mitglieder aktiv sind. Die meisten der heute aktiven Profis begannen in kleinen Vereinen, deren Seniorenmannschaften alles andere als Bundesligisten sind. Wie in allen sozialen Gruppen befinden sich auch in Vereinen des Fußballs nicht wenige Krethi und Plethi. Ende März griff ein 21jähriger Spieler des Polizei-Sportvereins Trier einen Gegenspieler derart an, dass dieser noch auf dem Platz von Rettungskräften und Notarzt behandeln werden musste. Trier reagierte umgehend und schloss den Täter aus dem Verein aus. Derartige Taten sind zu verurteilen. Den Bogen jedoch pauschal in Richtung Vereinswesen zu spannen oder das ganze Thema mit dem Begriff „Kreisliga“ zu torpedieren, ist absolut inakzeptabel. „Kreisliga“ ist weder eine Lachnummer noch ein Kriegsschauplatz, sondern eine in erster Linie gemeinschaftsstiftende Sozialstruktur, die durch den Sport lebt und gefördert wird. Es wäre an der Zeit, dass der DFB dies in deutlicher Form der Öffentlichkeit mitteilt um die Vereine im Amateurbereich vor dem Visier der Medien zu schützen.

hrp

Kein Fan von Braunschweig, aber…

Alanis Morissette wird 11, Heidi Klum 12, Ron Wood 38 und Morgen Freemann 48  Jahre alt. Auf Sat1 kommentiert Werner Schulze-Erdel von 15:30Uhr bis 16:30Uhr die „Musicbox“. Herbert Grönemeyer singt „Bochum“ vor 40.000 Zuschauern im Bochumer Ruhrstadion. Noch „tiefer im Westen“ pfeift Schiedsrichter Peter Corell aus Heilbronn vor 12.000 Zuschauern um 15:30Uhr die Erstligapartie Bayer Uerdingen gegen Eintracht Braunschweig an. Das Spiel an der „Grotenburg-Kampfbahn“ entscheiden die Gäste aus Niedersachsen nach Toren von Worm und Bruns mit 2:1. Es ist der 33. Spieltag. Bayer Uerdingen wird eine Woche später die Saison mit den Funkel-Brüdern und Trainer Feldkamp als Tabellensiebter beenden. Für Eintracht Braunschweig hingegen sollte die Auswärtsfahrt in Krefeld die letzte in Liga 1 für 28 Jahre sein. Als Schiri Corell das Spiel gegen 17:15 Uhr abpfeift, befindet sich meine Mutter bereits im 150km entfernten Kreißsaal des Jung-Stilling-Krankenhauses in Siegen. Meine Mutter kann sich nicht mehr an Vieles erinnern. Bis auf die Tatsache, dass ich ein „ziemlicher Brocken“ war (58cm, 4100g; ein längeres Kinderbett musste her), weiß sie nur noch, dass es draußen brütend heiß war und einen die warme Luft in den nicht klimatisierten, weißen Räumen geradezu erdrückte. Für Eintracht Braunschweig, Gründungsmitglied der Bundesliga und Deutscher Meister 1967, beginnt ein langer Weg durch die Stadionwüsten unterklassiger Vereine. Um 18:31Uhr erblicke ich das Licht der Welt. Es ist der 1. Juni 1985.

Inzwischen passierte Vieles. In Rom wird Deutschland zum dritten Male Weltmeister, Schalke und Dortmund holen sieben Jahre später gleich beide internationalen „Pötte“ in den Pott. Von Trapattonis „Flasche leer“ über Okochas Jahrhunderttor gegen Kahn und Karlsruhe bis hin zu „Vier Minuten in Hamburg“ zog die Bundesliga alle emotionalen Register. Von Eintracht Braunschweig fehlte derweil im großen Geschäft jede Spur. Die „Löwen“ drückten beim Lastenaufzug gleich mehrere Male auf Knopf zwei und drei…und repeat. Von Erfolg gekrönten Entwicklungen, geschweige denn Ansprüchen auf mehr, konnte keine Rede sein. Immerhin erreichte man durch einen Sieg über Borussia Dortmunds Reserve die Qualifikation für die neu gegründete 3. Liga, aus der man sich 2011 als Meister vor Hansa Rostock und Dynamo Dresden in Richtung zweite Liga verabschiedete. Am 17.07.11, dem ersten Spieltag der Folgesaison, zähmten die Blau-Gelben die „Löwen“ aus München mit 3:1. Zuschauer: 22.200. Trainer: Lieberknecht. Torschützen: Kruppke, Zimmermann, Kumbela. Zwar war das Ergebnis nicht sonderlich hoch, doch reichte es für die Tabellenführung am ersten Spieltag aus. An jenem Tage wurden im Raum Braunschweig sicher nicht wenige Videotext-Tabellen abfotografiert, Tagebucheinträge mit „Jaaaaaaaa!“ begonnen oder Online-Spielberichte per Mailbombe versendet. Alles eine Mischung aus selbstironischer Momentaufnahme und träumerischen Zukunftshoffnungen. Man kennt das ja.

FC Ingolstadt v Eintracht Braunschweig- 2. Bundesliga

(Bild: Spiegel)

Klar, ich horchte auf. Doch bis auf diverses Mediengebabbel von „Wieder da!“ oder hirnlähmenden Phrasen à la „Früher waren die…“ konnte ich selber der Eintracht aus Braunschweig nicht mehr zugestehen als eine typische Eintagsfliege beim Jungfernflug zu sein. „Im Laufe der Saison wird man sehen…“ folgerte ich kurz, mehr aber auch nicht. Zumal ich Torschütze Dennis Kruppke (immerhin Jahrgang 1980), bestenfalls als Lübecker Regionalliga-Kicker oder Verzweiflungsverteidiger aus Freiburg einzuschätzen vermochte. Den Namen Domi Kumbela hatte ich zwar schon einmal gehört, doch außer „Rot-Weiß Erfurt, glaub ich…“ brachte ich nicht viel über die Lippen. Zu Nico Zimmermann konnte ich rein gar nichts sagen, auch wenn ich ihm an diesem Tag zu seinem 2:1-Traumtor gerne persönlich gratuliert hätte. Was blieb war Torsten Lieberknecht, den ich ohne Recherche mit der Bezeichnung „Betzebub“ in Verbindungen bringen konnte. Auch wusste ich, dass seine Vereinswechsel als Spieler bei den Fans nicht gerade zu einem Kuschelkurs geführt hatten. Von Kaiserslautern nach Waldhof nach Mainz nach Saarbrücken in neun Jahren. Addiert man alle Wechsel kann man es in etwa mit einem Wechsel von Schalke nach Dortmund vergleichen. Als neutrale Person schließt man daraus verschiedenste Dinge in positive wie negative Richtungen. Lieberknecht, ein ständig Reisender ohne Durchsetzungsvermögen. Lieberknecht, ein Wahnsinniger mit dickem Fell. Lieberknecht, ein Einzelgänger mit Zielen. Viel mehr hatte ich zu Braunschweig im Jahr 2011 nicht zu sagen.

2013. Vor ein paar Wochen saß ich im Zug zwischen Hildesheim und Salzgitter. Ein Mann im Rentenalter saß mir gegenüber und bemerkte, dass ich in einer Ausgabe des „Kicker“ herumblätterte. Er hatte einen kleinen Hund bei sich, trug graue Socken in schwarzen Sandalen und machte nicht gerade den Anschein eines Fußballfans. Nach ein paar Sätzen jedoch stellte sich heraus, dass er angeblich Braunschweig-Fan war. Wobei ich mit den Begriffen „Fan“ und „Sympathisant“ gerne spiele. Zuerst befiel mich nämlich der Eindruck eines „Gesprächsuchenden“ mit eher rudimentärem Wissen. Bekanntermaßen schwirren solche Exoten in Zügen nicht selten umher. Durch ein paar trockene Nebensätze ließ er mich aber verstehen, dass er in Sachen Eintracht verdammt auf Draht war. Konnte ich bei Jägermeister-Trikotwerbungen und Paul Breitner-Frisuren noch mithalten, wurde ich spätestens dann zum Schüler, als „Lothar Ulsaß nach seiner Verletzung  gegen Juventus Turin nicht zu ersetzen war“. Und natürlich wusste ich, dass er vom Viertelfinale 1968 in Bern sprach. Auf meine Frage wie er Lieberknecht einschätze, antwortete er mir:  „Nicht alle Wege führen nach Rom, doch manches Joch bringt dich nach Braunschweig!“. Sein Hund bellte. Mauern stürzten ein. Ich stieg aus.

26.04.2013. In Ingolstadt netzt Damir Vrancic in der 92. Minute per Freistoß ein. Eintracht Braunschweig steigt in die 1. Bundesliga auf. Ich empfange die Nachricht über die Kurzmitteilung eines Freundes auf der Autobahn und freue mich. Sehr sogar.  Warum auch immer. Denn Braunschweig ist nicht mein Verein. Und wird es auch niemals sein. Doch denke ich an all das was ich seit meiner Geburt und dem gleichzeitigen Abstieg der „Löwen“ alles erfahren habe. Denke plötzlich doch an Tradition. Denke an Konrad Koch. Denke an die mir damals fremden Namen Kumbela und Kruppke. Denke an den Leonhardplatz. Denke an den fußballwahnsinnigen Sandalenmann im dritten Zugabteil. Denke auch kurz an Hoffenheim. Und denke mir dann: Herzlich Willkommen Eintracht Braunschweig zurück in der Bundesliga!

hrp

Von Händen und Füßen

Wir lockern die fußballpolitischen Gemüter mit ein paar fußballbiographischen Fallrückziehern und freuen uns auf heute abend…naja, wie ein kleines Kind eben:

„Bälle aller Art mit den Händen zu berühren war strengstens verboten. Das Kind konnte erst ein paar Monate auf eigenen Beinen stehen. Immer wenn es seine Arme nach einem Ball streckte um dessen faszinierende Form zu ertasten, schritt sein Bruder hervor und schoss den Ball so lange weg bis das Kind zu weinen begann. Da der Bruder für die vielen Tränen von Seiten des Vaters keiner Schuld bezichtigt, ja geradezu geadelt wurde, heulte das Kind nicht selten. Eher oft. Denn Bälle besaß das Haus viele. Und Kinder wollen Bälle besitzen. Immer. Das Kind war ich. Und ich weinte sehr oft. Doch ist ein Ball ein Suchtgegenstand, dem ein Kind nicht entsagen kann. Irgendwann wurden aus Tränen Wutausbrüche und ich trat nach dem Ball. Ich war klein, ja. Doch glaube ich mich zu erinnern, in diesem Augenblick das erste Grinsen meines Bruders wahrgenommen zu haben. Ab diesem Zeitpunkt entschieden meine Instinkte, nie mehr einen Ball mit den Händen anzufassen. Ich trat den verdammten Ball von morgens bis abends mit den Füßen. Ohne Tränen, ohne Wut. Kurz darauf wurde Deutschland zum dritten Male Weltmeister und ohne es zu merken, hatte mich das Uhrwerk Fußball längst überrollt.“

Furche-Kommentar zum Fall Hoeneß

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Kurz etwas in (fast) eigener Sache. Wir wurden bereits per Email gefragt wie wir zur aktuellen Situation um Uli Hoeneß stehen bzw. warum sich ein Blog, der „kritische Auseinandersetzungen, mehr Demokratie und Kollektivbewusstsein“ als höchste Priorität in seinem Profil ausschreibt, noch nicht Stellung bezogen hat.

Dies wird geschehen, sobald die Ermittlungen abgeschlossen sind. Bis auf die Tatsache, dass Uli Hoeneß Selbstanzeige erstattet hat, gibt es keinerlei Entwicklungen geschweige denn Bestätigungen. Denn was sich seit gut 24 Stunden in den Medien abspielt, spiegelt nur eines wieder: Spekulationen. Dies soll keineswegs Herrn Hoeneß unter Artenschutz stellen. Nur empfinden wir es sehr bedenklich Aussagen zu lesen wie: „Der Chef eines namhaften Bundesligisten sagt, er wolle nichts sagen, zumindest nicht offiziell. Inoffiziell sei er sich aber sicher: Die Sache wird das Lebenswerk von Uli Hoeneß zerstören.“ Danke SZ für diese Info. Hoeneß selbst wird im „Fokus“ zitiert: „Sie können sich vorstellen, dass mir vieles auf der Zunge liegt, aber ich muss erst mit den Behörden meine Hausaufgaben machen.“

In diesem Tonfall könnte man an dieser Stelle einen Kahlschlag durch die Presselandschaft machen. Wir könnten den Auftritt von Hoeneß bei Günter Jauch 2012 verlinken. Wir könnten es wie Arndt Zeigler machen und dem Ganzen mit Humor begegnen. Wir könnten jenes Bild dem „gefällt mir-Button“ ausliefern, in dem Hoeneß mit Breno unter dem Titel „Die neue Bayern-WG“ in Gefängniskluft abgebildet ist. Spätestens wenn diese „ungeklärte Sache“ zur politischen Plattform genutzt wird, erinnert man sich an die Ausgangsfrage der erbrachten Beweise. Hannelore Kraft beschwört: „Wenn Bürger wie Herr Hoeneß ordentlich ihre Steuern zahlen würden, hätte die Gesellschaft auch mehr Geld, um Aufgaben wie bessere Bildung oder gute Straßen besser zu erledigen.“ Na dann ist ja alles klar…

Dass am Ende der Verhandlungen wahrscheinlich mehr herauskommt als „viel Wirbel um nichts „, steht aufgrund der Selbstanzeige außer Frage. Doch Vorverurteilungen erweisen sich als pragmatisch und polemisch zugleich. Also warten wir ab wie sich die Dinge entwickeln. Übrigens: für die „Furche“ sind drei Personen verantwortlich, die keine Bayern-Fans sind. Mehr noch: ein Schalker, eine Dortmunder und ein HSVer. Man kann also nicht gerade sagen, wir hätten Uli Hoeneß in der Vergangenheit an den Mikrofonen dieser Welt als sympathisch empfunden. Doch ein „Endlich!“ ausrufen und sich an Schadenfreude zu amüsieren, sollte auch im Hinblick auf das Image der Bundesliga kein Modell sein. Dann entscheiden nämlich plötzlich Leute über Fußball, die nicht dem Fußball entstammen und dies sollte, bei allen bestehenden Fragezeichen, nicht das Ziel sein. Dann setzen wir uns besser gleich mit Kind und Kegel vor die Glotze und schalten bei Herrn Jauch ein: „Der Fall Uli Hoeneß – vom Saubermann zum Steuersünder“. Zu Gast: Oliver Pocher, oberster Staatsanwalt.

Tunnel, Licht, La Coruña

Wir schauen kurz nach Spanien. Und freuen uns. Freuen uns über einen Club, der im Jahr 2000 noch spanischer Meister war. Erinnern uns an Mauro Silva, Pauleta und an einen Spieler, der in 133 Spielen 79mal netzte: Roy Makaay. 2004 noch durch ein legendäres 4:0-Rückspiel über Milan (Hinspiel 1:4) ins Halbfinale der Champions League einmarschiert, verabschiedeten sich die Galicier 2011 nach zwanzig Jahren Primera División in die zweite Spielklasse. Ein Kunststück der üblen Sorte. Aufprall. Genickbruch. Querelen. Finanznot. Das ganze Programm. Dann die Wiedergeburt. Eine schwere. Katastrophenstart. Ab dem 20. Spieltag aber grüßte man von oben. Aufstieg. Hoffnung. Duelle gegen Erzrivale Celta Vigo in Aussicht. Augenhöhe. Endlich wieder. Von wegen! Niederlagen prasselten so hart und kalt wie keltischer Regen. Trainer José Oltra wurde entlassen. Domingos Paciência übernahm. Für zwei Monate. Dann übernahm Fernando Vázquez. Ausgerechnet Vázquez. Der trainierte zuvor Vigo. „Fernando in der Löwengrube“ oder wie sagt man? Doch sie taten ihm nichts. Ließen ihm Leib, Arbeit und Vertrauen. Wir springen. Schreiben den 13.04.2013. Deportivo La Coruña gewinnt das vierte Mal in Folge und verlässt sieben Spieltage vor Schluss nach einem langen Gang durch die Wüste die Abstiegsplätze. „Weiter, weiter, immer weiter!“ Es lohnt sich.

(Bildquelle: www.transfermarkt.de)

La Coruna

Aus dem Zusammenhang

Fußballzitate einmal anders

0:5 verloren. Was hat da alles nicht gestimmt?
– „Alles hat gestimmt: Das Wetter war gut, die Stimmung war gut, der Platz war gut – nur wir waren schlecht. Und am Montag nehme ich mir vor, zur nächsten Partie zehn Spieler auszuwechseln. Am Dienstag sind es sieben oder acht, am Donnerstag noch vier Spieler. Wenn es dann Samstag wird, stelle ich fest, dass ich doch wieder dieselben elf Scheißkerle einsetzen muss wie in dieser Woche. Trotzdem spiele ich weiterhin mit Risiko. Schließlich profitieren alle davon: Wir, das Publikum und auch der Gegner. Bundesligaspiele sind nämlich keine russischen Wahlen, bei denen immer gewonnen wird, aber dazu möchte ich jetzt keine Stellungnahme nehmen.

Schließen Sie personelle Veränderungen aus?
– „Luciano ist kein Brasilianer, er ist ein Athlet, Klinsmann hat eine perfekte Positionstechnik und Lothar kennt seinen Körper am längsten, weil er der Älteste ist. Der springende Punkt ist der Ball! Wir müssen versuchen, den Gegner durch permanentes Toreschießen zu zermürben. Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv. Wenn sie subjektiv sind, würde ich an meiner objektiven Linie festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven, subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine Objektive einfließen lassen – Konzepte sind da Kokolores!

Wie gehen Sie nach einer solchen Pleite auf die Spieler ein?
– „Wohlstandsjünglinge! Fußballer müssen wieder lernen, dass Qualität von Qual kommt. Wenn mich früher z.B. der Konopka zu sehr geärgert hat, ist der Berti über die Mittellinie gekommen und hat mich gerächt. Das war zwar gegen meine pazifistische Grundeinstellung, aber tief drinnen habe ich eine leichte Genugtuung gespürt. Spieler vertragen kein Lob, sie müssen täglich die Peitsche im Nacken fühlen, denn wenn der Kopf nicht da ist, sondern nur eine Hülle, dann ist es egal, ob du mit einer Viererkette spielst oder einer Schneekette!“

Wir danken Ihnen für die offenen Worte.
– „Ich tue dies, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.“

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(von links nach rechts in chronologischer Zitat-Reihenfolge: 14 Großmeister der Eloquenz – Dariusz Wosz, John Toshack, Aad de Mos, Gyula Lorant, Stefan Engels, Berti Vogts, Erich Ribbeck, Dettmar Cramer, Eduard Preuß, Erich Ribbeck, Berti Vogts, Ewald Lienen, Max Merkel, Klaus Augenthaler, Christoph Daum)

Wer kennt es nicht?!

„Nah am Mann, hoch konzentriert! Die Murmel nur schlagen wenn´s wirklich sein muss. Auch ma dreckig sein. Nur nicht so offensichtlich wie letzte Woche! Versuch vorher am Ball zu sein. Wenn nicht, dahinter stehen und blocken. Keine unnötigen Standards oder gelbe Karten. Die sind brandgefährlich bei Standards! Ihr habt den Schiri gesehen! Ich kenn den nicht. Anscheinend aber en ganz Guter. Junger Bursche halt. Muss sich erst beweisen. Wahrscheinlich unter Beobachtung! Also da ja keine unnötigen Diskussionen! Spiel deine Erfahrung aus. Bitte keine Privatduelle oder Wortgefechte! Das können wir nicht gebrauchen. Nicht in dieser Phase! Und geh bitte nur runter, wenn es unbedingt sein muss. Und wenn du runter gehst, MUSST du ihn haben. Und immer innen am Mann. INNEN! Den Vierer bei Ecken nicht aus den Augen verlieren. Den nimmst du. Der kann zwar kein Fußball spielen, aber Körper hat der! Also immer nah dran! Beim Hochsteigen Kontakt suchen. Dann kriegt der kein Druck hintern Ball. Und wenn der aufs Klo geht, GEHST DU MIT! Zeig direkt im ersten Zweikampf was Sache is. Da muss es direkt mal knallen. Den frisst du auf!“

Ok? Dann raus jetzt!“

Ascheplatz - Kopie

Bobby Moore vs. The Anelkas

20 Jahre nach dem Tod Bobby Moores: Das Aussterben der „One Club Player“ verändert im Fußball grundlegende Werte der Fankultur. Loyalität und Integrität eines Spielers mutieren offensichtlich zu medienunwirksamen Relikten. Mario Balotelli-Dartpfeilwürfe auf Jugendliche scheinen offensichtlich unterhaltsamer zu sein als 400 Liverpool-Spiele von Steven Gerrard. Deshalb schauen wir zurück. Zurück auf einen Star, der keiner sein wollte und der eigentlich nicht mehr machte außer: Fußball spielen.

Ein Denkanstoß der Schottischen Furche

Soccer - Football League - West Ham United

WÄCHTER EINER ANDEREN WELT

Dreißig Minuten dauert die Fahrt vom Piccadilly Circus in den nord-westlichen Stadtteil Brent. 270.000 Einwohner leben dort auf 43km². Brent ist neben Newham einer von zwei Bezirken, in denen die ethnischen Minderheiten die Bevölkerungsmehrheit stellen. Steigt man dort an der „Wembley Park“ Station aus der Londoner Tube aus, sind noch ein paar hundert Meter Fußweg zu bewältigen bis die „Kirche des Fußballs“ ihre Pforten zeigt. Das Gelände wirkt lieblos und unbewohnt. Große, ungenutzte Parkplatzflächen und geschlossene Industriegebäude prägen den ersten Eindruck. Hier ein paar einsame Grashalme, dort ein paar stillgelegte Gleise. Stets beobachtet von bröckelnden Balkon-Fassaden klassischer Reihenhäuser. Nach dem Passieren einer kleinen, steilen Treppe aus roten Ziegeln, unterläuft man eine Brücke. Nicht irgendeine, nein. Fotoapparate dürfen nun ihren Arbeitstag beginnen. Die Heroisierung startet genau jetzt. Es handelt sich um die „Bobby Moore Bridge“, eingeweiht am 8. September 1993 von Ehefrau Stephanie, natürlich „Zu Ehren einer Fußball-Legende“.

Ein paar geschlossene Billig-Burger-Stände und aneinander gekettete Müllcontainer später, verengen sich die Pupillen: Wembley. Mutter aller Nationalstadien. Heiliger Boden. Von weitem erkennt man die Umrisse einer Statue, die am Ende der letzten Brücke (in Deutschland auch bekannt als „Didi Hamann Bridge“) empor ragt. Die Arme kompakt verschränkt, den linken Fuß behutsam und fest zugleich über dem Ball stehend. Wie ein Wächter einer anderen Welt. Da steht man nun. Kopf im Nacken. Mund geöffnet. 6,1 Meter misst die Statue mit samt Sockel. Kein Bobby, kein Jack Charlton, kein Gary Lineker oder Alan Shearer und David Beckham findet man ausschließlich als 5 £-Poster im „Wembley Store“ nebenan. Hier erhebt sich nur einer: Robert Frederick Chelsea „Bobby“ Moore, Sohn eines Fabrikarbeiters. Jener Spieler, der über den größten Erfolg seines Landes sagte: „Da wurde ein Tor anerkannt, was nie ein Tor gewesen ist.“

NR. 6 LEBT!

Am 24. Februar 1993 erlag Englands Kapitän der WM 1966 und West Ham-Legende den Folgen einer Darmkrebserkrankung. „Gentleman of all time“, Vorbild und Held einer ganzen Nation. Pelé beschrieb ihn einst als fairsten Spieler. Für Beckenbauer war Moore ein Idol. Und Alex Ferguson sah in ihm den besten Verteidiger, den er je gesehen habe. Welchen Stellenwert Moore in England erfährt, hält eine Inschrift am heutigen Wembley fest, verfasst von Journalist und einem seiner besten Freunde Jeff Powell: „Immaculate footballer. Imperial defender. Immortal hero of 1966. First Englishman to raise the World Cup aloft. Favourite son of London’s East End. Finest legend of West Ham United. National Treasure. Master of Wembley. Lord of the game. Captain extraordinary. Gentleman of all time.“! Noch Fragen?

Zwischen 1958 und 1974 bestritt Bobby Moore 646 Spiele für seine „Hammers“. Nur Frank Lampard Sr. (Frank Lampards Vater) mit 674 Auftritten und Billy Bonds (792 Spiele) rangieren vor ihm. Für diese Zeit unglaubliche Werte, zumal West Ham keineswegs ein Verein war, der dauerhaft international vertreten war. Nur einmal holten die „Hammers“ einen internationalen Titel. Am 19. Mai 1965 setzte man sich im Europapokal der Pokalsieger gegen Max Merkel und die „Löwen“ aus München mit 2:0 durch. Kapitän: Natürlich Bobby Moore. Stadion: Natürlich Wembley. Zuschauer: 98.000.
Will man sich heute im „West Ham Store“, in den Katakomben des altehrwürdigen „Boleyn Grounds“, sein neu erstandenes Trikot beflocken lassen, wird man freundlich aber deutlich darauf hingewiesen: „No.6 is not allocated by West Ham United.“ – Booby Moores Nummer 6 wird von West Ham United nicht bereitgestellt. Das ist dann wohl der Unterschied zwischen Star und Ikone.

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LEISTUNG VS. IMAGE?

Paolo Maldini ist das Symbol Milans. Er bringt Kontinuität mit und verbindet die fußballerische Antike mit der Moderne.“ bescheinigte AC Milan-Legende Gianni Rivera, der für die „Rossoneri“ schon Tore erzielte, bevor Maldini überhaupt geboren war. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Nicolas Anelka (11 Vereine in 18 Jahren) mit ähnlichen Tributen überschüttet wird. Gibt man bei Google die Begrifflichkeit „Superstar Nicolas Anelka“ ein, werden dem Leser 3.510.000 Ergebnisse angeboten. Ändert man die Suche in „Superstar Iker Casillas“ (seit 1989 Real Madrid), erscheinen 623.000 Angebote. „Superstar Ryan Giggs“ (seit 1987 Manchester United) schafft es auf 322.000 Angebote, während Teamkollege Paul Scholes (seit 1991) auf besorgniserregende 266.000 Ergebnisse hechelt. Das Verhältnis zwischen Leistung und Image schwimmt bedenklich. Doch sind wirklich nur die Medien schuld?

Stephen Lowry, Professor für Medien -und Kommunikationswissenschaften an der HdM Stuttgart weiß: „Aus der Popularität der Stars ergibt sich ihre Funktion für die Massenindustrie. Stars werden gezielt als Attraktion in Werbung und Marketing für Medienprodukte wie Filme, Fernsehserien, Videos oder Tonträger, aber auch für die verschiedensten Konsumgüter eingesetzt.“ Ins Fußballdeutsche übersetzt: Heutige Fußballer sind freigeschaltete Ware. Und Ware wird nun einmal bestenfalls zum Kassenschlager, ist aber zu keinerlei abstrakter Eigenschaften wie Ehre, Treue, Loyalität oder Integrität fähig. Das Bosman-Urteil von 1995 öffnete, vor allem Nachwuchsspielern, sämtliche Möglichkeiten sportlicher Neuorientierung. Unzufriedenheit im Verein, Querelen mit Mannschaft und Trainer, Antipathien bei Fans, stagnierende Leistungen – all das durfte aus Spielersicht für nichtig erklärt werden und ein laufender Vertrag ist seitdem nicht selten mehr als das Nachsitzen auf einer unbequemen Schulbank.

Auf solchen Grundlagen ist es nur logisch, dass Aktionen wie die des Spaniers Joseba Etxeberria, aus Loyalität zu seinem Verein Athletic Bilbao (445 Einsätze) seine letzte Saison 2009/2010 ohne Gehalt zu spielen, als „nostalgischer Akt“ angesehen werden. Und genau dies war es laut Fremdwörter-Lexikon: „Die Sehnsucht nach Vergangenem.“ Doch wen interessiert das schon. Sucht man nach solchen Nachrichten, herrscht, bis auf den Bereich der Fußball-Blogosphäre, gähnende Leere im Netz. Sind wir realistisch. West Bromwichs Liam Ridgewell „…wischt sich Po mit Geldscheinen ab“ titelte „Die Welt“ als Trash des Tages und erntete jede Menge Verlinkungen. Noch mehr kann man den „Stars“ von heute nicht zurufen: „Euch sind keine Grenzen gesetzt!“ Gleichzeitig nehmen sich Spieler wie Steven Gerrard einer Vorbildfunktion für Nachwuchsspieler und dem Vermitteln von Werten an. Irgendetwas läuft verkehrt im Staate Fußball.

BOBBY MOORE, ZEITLOSER RITTER

Ja, die Zeiten haben sich geändert und natürlich braucht jede Nation ihre frühen Helden als Identifizierung der eigenen Fußball-DNA. Vielleicht würde heute auch Sir Stanley Matthews als Statue vor Wembley verewigt sein, hätte er, der „First gentleman of football“ (http://bit.ly/Stanley_Matthews) dem Mutterland des Fußballs die WM-Trophäe beschert und nicht Bobby Moore in Zeiten der „Beatlemania“. Es gibt viele Ansätze um die Größe Bobby Moores zu relativieren. Doch geht es darum?
Es ist mehr als fraglich ob Demba Ba oder Carlos Tevez während ihrer Zeit bei West Ham United überhaupt wussten, was Bobby Moore für die Fankultur der „Hammers“ eigentlich bedeutet. Wahrscheinlich will man die Antwort erst gar nicht erfahren. Es reicht aus zu wissen, dass es Spieler wie ihn gab. Daran ändert sich auch nichts, wenn in absehbarer Zeit der Traditions-Backen „Boleyn Ground“ mitsamt „Bobby Moore-Tribüne“ den Abrissbirnen zum Fraße vorgeworfen und West Ham United ins Olympiastadion umziehen wird. (Der Verein sucht eine neue Spielstätte, da auf dem Gelände des jetzigen Stadions ein Wohngebiet und Einkaufszentrum gebaut werden sollen.) Legenden kennen weder räumliche noch zeitliche Barrieren.

In diesem Zuge gestehen wir uns gerne ein, Spieler wie Anelka, Tevez oder Balotelli als plakative Marionetten benutzt zu haben. „Was wäre der Fußball denn ohne solche ´Typen´?! Es wäre doch nichts mehr los!“ – die Phrase blutet und flutet einem die Ohren. Die Kuzorras, Walters oder Beckenbauers mussten auch kein Gossenverhalten an die Spitze der Tagesordnung legen um Aufmerksamkeit, ja „Stars“ ihrer Generation zu werden. Und ganz nebenbei: Moore trank gerne das ein oder andere Bier und nicht selten sah man ihn mit Zigarette im Mundwinkel. Auch eine Scheidung prägte seinen Lebenslauf und einen Vereinswechsel zum FC Fulham nahm er zum Ende seiner Karriere auch vor. Doch hat er bei all dem nie vergessen, was er dem Sport zu verdanken hat und welcher Verantwortung er sich gegenüber den Generationen nach ihm zu stellen hat. Es geht um zeitlose, gesellschaftliche Werte des Fußballs. Und was dies betrifft, war Bobby Moore ein wahrhaftiger Ritter. Auch in zehn, zwanzig und dreißig Jahren werden wir daher seines Todestages gedenken. Vielleicht hat Schweinsteiger bis dahin nie die Bayern verlassen, holte die Champions-League nach München und wurde Weltmeister. Zu wünschen wäre es.

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Bratwurst-Alptraum Allianz-Arena

Die Pläne waren so gut wie fertig. Monate waren vergangen. Dann der Schock. Ich bekam einen Sitzplatz im Block 244, Reihe 25 und nicht in Spielfeldnähe. Ich schluckte die Nachricht und musste mich erst einmal setzen, mich sammeln. Minutenlang. Mein Verein würde verlieren, egal. Doch wie sollte ich meine Urinstinkte aus solch großer Distanz zum Ausdruck bringen? Nackt zu Hoeneß flitzen, Manuel Neuer umgrätschen, Ribery mit Feuerzeugen treffen oder einfach dem Linienrichter ein Paulaner an die Stirn schmeißen. Jetzt alles unmöglich. „Beschissene Mittelränge!“ fluchte ich. Aus gut sechzig Metern Entfernung alles undenkbar. Bei den Bundesjugendspielen, und da war ich jung und sportlich gewesen, schaffte ich einst 54 Meter. „Mit Anlauf und ohne ein sich bewegendes Ziel“ dachte ich.

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Am nächsten Tag traf ich mit den Jungs auf eine Zigarette am BH (Bahnhäuschen). Bosse meinte, es täte mir nach meinem frisch abgelaufenen Stadionverbot vielleicht ganz gut, vorerst als normaler Fan zu reisen. Sie wollten mir helfen, mich schützen vor dem Tier in mir. Vielleicht hatten sie Recht. Schließlich war ich ja immer noch wegen meines Vereins unterwegs. Und auf den war ich ja so verdammt stolz. Ich wollte eine Nacht darüber schlafen.

Fünf Nächte später stimmte ich dem Rat der beiden zu. Es brachte alles nichts. Aus der letzten Reihe des Blocks 244 einen Bayern-Spieler zu verletzen war so unmöglich wie ein Einbruch im Fort Knox. Ich atmete tief, schlenderte geknickt die Treppen meiner Reihenhauswohnung in Gelsenkirchen-Horst herunter und kochte mir die letzten zwei Eier auf Stufe hart. Sehr hart. Noch zwei Wochen bis zum Spiel.

Erst Tage später war ich endgültig damit einverstanden, mich in München friedlich zu verhalten. „Grad is sowas eh schwierig. Die Bullen sinn zurzeit etwas unausgeglichen.“ meinte Bosse. Ich nickte traurig. Ein Spiel ohne jegliches Auffallen. Sport. Fußball. Mein Verein. Ich war soweit. Die Einstellung hielt bis zur Abfahrt an, auch wenn mir beim Anblick meiner 45€-Sitzplatzkarte gelegentlich der Finger zum eingerollten Plan B (Feuer im Toilettenraum) ausrutschte. Standen deren Fans bei uns doch für unter zwanzig Euro im Gästeblock.

Die Türen der S-Bahn gingen auf. Fröttmanning. Menschen. Viele Menschen beider Vereine. Plötzlich drückte die Blase. Doch kein Pissoir außerhalb der Arena. Ebenso keine Getränke- oder Essenstände. Dann ging alles ganz schnell. Ich urinierte schmerzerfüllt an eine nahe gelegene Mauer. Glücklich und zufrieden drehte ich mich um. „Urinieren auf dem Gelände ist verboten. 15€!“ frohlockten zwei Ordnungshüter. Ein Wunder passierte. Ich blieb besonnen. „Heute nicht, heute bist du friedlich.“ sagte ich mir. Ich bezahlte. Musste mir aber eingestehen, dass ich die beiden am liebsten auf der Stelle erwürgt hätte. Gott weiß, wie ich es schaffte, aber meine Aggressionen, mein Mr. Hide, traten nicht hervor. Ich blieb friedlich.

Endlich. Stadionkatakomben. Bier 4€ x 4 Personen. „Geht schonma innen Block. Ich muss nochma, dann bring ich die Pylönchen gleich mit!“ rief ich noch meinen Jungs zu. Ich steckte meine Allianz-Arena-Karte in das Lesegerät und bestätigte einen Betrag von 16€. Sogar einen Behälter zum Tragen bekam ich. Vorsichtig wendete ich mich zum direkt vor mir liegenden Blockeingang. Ganz klassisch, mit beiden Händen das Bier umklammernd und der Eintrittskarte im Mund. „Bier ist im Block verboten!“ schnurrte mich ein Ordner an. Ich stellte die Getränke neben die ins Stadion führende Treppe. Als ich noch darüber nachdachte, ob ich das gerade richtig verstanden hatte, bemerkte ich eine Schar unterschiedlicher Menschen, die lautstark die Ordner beschimpften, jedoch außer einer kalten Schulter keine Antwort bekamen.

„Nicht einmal beim Exen wollt ihr helfen!“ nahmen es manche mit Humor und schossen Fotos in posierender Haltung mit Bier im Anschlag. Weitere Ordner erschienen. Keine Gewalttäter. Keine Hooligans. Ja nicht einmal besoffener Pöbel weit und breit. Ein Familienvater zückte sein Handy und rief seine Frau an, dass er die zwei Fanta für die beiden Kids und ihre Cola nicht mit hinein nehmen dürfe. Ein anderer diskutierte mit rotem Kopf, dass es nur ums Abzocken ginge. „Nicht mal einen Hinweis am Verkaufsstand habt ihr! Hauptsache man steckt die scheiß Karte da rein!“. Ich beteiligte mich nicht. Heute nicht. Heute war ich die Ruhe selbst. Ich rief die Jungs an, die kamen wieder aus dem Stadion heraus, wir exten die Biere schnell gemeinsam und gingen friedlich in den Block. Hinter uns regte sich inzwischen ein Mann derart auf, dass er einem der Ordner ein Bier über dessen Weste kippte. „Da habt ihr euer scheiß Bier!“ gehörte dabei ganz klar noch zu den harmloseren Kommentaren. „Schikanieren“, „Handeln nach eigenem Ermessen“- man kann es nennen wie man will. Völlig unnötig bleibt es.

Kunde ist König ist im Stadion nur noch ne Floskel!“ ging es im Block eine Reihe unter uns weiter. Halbzeit. Klar, mein Verein verlor. Egal. Hunger. Jetzt ne Bratwurst. 3.50€. „Ich hole!“ sag ich noch. Gekauft und auf dem Weg zurück in den Block, baut sich ein weiterer Ordner vor mir auf. „Bratwurst ist im Block verboten!“. Meine Aggressionen hatten so gut inne gehalten. Ich, der Problemfan. „Reiß dich zusammen!“ flüsterte ich mir leise zu. Ich ging zurück zum Verkaufstand und wickelte die Würste in Servietten ein wie ein Döner zum Mitnehmen. Dann ließ ich noch kurz ein Beweisfoto machen, wie ich drei Bratwürste in meinem Pulli versteckte und grinsend an den beiden Ordnern vorbei schmuggelte. „Das glaubt mir zu Hause sonst kein Mensch!“ sagte ich dem älteren Mann und Teilzeitfotografen.

Stolz ging ich die Treppenstufen hinauf. Das Spiel lief bereits wieder. Fünf Minuten verpasst. Keiner der Zuschauer besaß ein Getränk oder eine Wurst. Ich war der König des Blocks! Fühlte mich jedoch angiftend beobachtet. In Reihe 25 angekommen, erblickte ich hinter mir einen Mann, der in der VIP-Loge ein gläsernes Weizenglas ansetzte und nicht einmal das Spiel verfolgte. Dr. Jekyll verlor seine Macht. Mr. Hide war nicht länger zu bändigen. Ich drehte mich um und zielte, warf mit voller Wucht, von Hass getriebene 64,4 Meter. Neuer Bundesjugendspielrekord! Meine Bratwurst explodierte in tausend Stücke an Riberys Kopf. Er ging zu Boden. Weinte. Blutete die Stirn entlang. Massenschlägerei und Tumulte folgten. Spielabbruch. Plötzlich erwache ich aus meinem Traum.

Panisch schaue ich auf mein Handy. 09. Februar 2013, 5:45 Uhr. Schweißperlen auf meiner Stirn. „Aufstehen! Um halb sieben geht´s los! Willst du noch duschen?“ höre ich meinen Vater fragen. Vor uns liegt eine 600km lange Auswärtsfahrt nach München. Auf Höhe Würzburg denke ich an den Traum, der so erschreckend real und absurd zugleich gewesen war. Ich schaue in meinem Smartphone auf der Domain der Allianz-Arena nach. Nur zur Sicherheit natürlich. Über den Bereich „Service“ gelangt man zur „Stadionordnung“. Dort steht in dritter Zeile: „Zusätzlicher Hinweis für Gästefans – Speisen und Getränke dürfen im Gästesektor nicht in den Block mitgenommen werden.“ Ich schmunzele vor mich hin und denke an „…0% Schlagstock, 100% das Spiel…eine Initiative von ARD, LIGA total, SKY, SPORT1 und ZDF.“ Ich bin Fan. Kein Problemfan. Und was ihr von dieser Geschichte glaubt und was nicht, wisst ihr alleine. Wenigstens weiß ich jetzt endlich ganz genau, was Uli Hoeneß in seiner Wutrede meinte als er sagte: „Was glaubt ihr eigentlich was wir das ganze Jahr über machen damit wir euch für sieben Euro in die Südkurve gehen lassen können?“

Rubrik: Popkultur #3

Gegenstand: Stadion
Eigenschaft: reflexionspotent

Ein Stadion definiert „Pop“ nicht ausschließlich aufgrund seiner Architektur, der dort spielenden Vereine oder des „Mythos“ Fußball oder schlichtweg wegen seines Wettkampf produzierenden Spielformates. Es ist vor allem ein Ort, an dem Gruppen einer Dynamik unterworfen und Teil eines natürlichen Prozesses sind. Nach Warren Bennis bezieht sich das Gruppen-Dynamik-Modell auf drei Phasen: Dependenz (Abhängigkeit), Konterdependenz (Trotz) und Interdependenz (reifes Miteinander). Die Dynamik der Interdependenz scheint für die Sphäre eines Stadions am bedeutendsten hervor zu treten. Von gemeinsamer Harmonie und Solidarität über den Konflikt zwischen persönlichen Wünschen und Gruppendruck bis hin zur Konsensbildung, sprich Arbeitsfähigkeit, bietet die Atmosphäre eines Fußballspiels im Fußballstadion einen emotionalen Ort des Erlebbaren. Es gilt als unwahrscheinlicher Affekt, dass Fans bei einem Tor für die eigene Mannschaft in Zustände von Trauer, Schmerz oder Hass ausbrechen sondern einem Ausdruck der Freude nachkommen. Ähnlich wie bei Konzerten, Kinobesuchen oder Theaterabenden besteht folglich immer die Möglichkeit einer temporären Reflexion der Zustände, hervorgerufen durch das Potential des Erlebten. Eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters z.B. kann für den Zuschauer vor dem eigenen Fernseher zu Wutausbrüchen führen. Eine interaktive Position durch die Kräfte der Gruppen-Dynamik erfährt jene Wut jedoch nur vor Ort im Stadion.

White Hard Lane

Rubrik: Popkultur #2

Gegenstand: Stadion
Eigenschaft: gemeinschaftsstiftend

Haupttribüne, Gegengerade, Gegentribüne, Kurve, Fanblock, Stehplatz, Sitzplatz, VIP-Loge, Oberrang, Unterrang. In einem Fußballstadion erfährt die Gesellschaft eine komplexe, autonom produzierte, willkürliche Spaltung, welche sich keiner sozialen Klassifizierung unterzieht. Der Veranstalter konzipiert lediglich Ort, Zeit und Größe der Veranstaltung (hier: Fußballspiel), nimmt aber bei der Vergabe von Eintrittskarten, abgesehen vom rechtmäßigen Gebrauch der Hausordnung, passiv und daher reagierend teil. Der Eintrittspreis selbst impliziert und offeriert die Wahl des Steh- oder Sitzplatzes und dessen Sichtqualität. Der Komfort, am Beispiel Sitzplatz, (Sauberkeit, Beinfreiheit, gepolsterte Sitze, Wärmedecken, Serviceleistungen im Bereich der Gastronomie etc.), ist zwar ein Bestandteil und Argument für die Höhe des Eintrittspreises, stellt jedoch einen sekundären Faktor hinter der finanziell abhängigen Qualität der Standortperspektive dar.
Dieses Beispiel bezieht sich explizit auf moderne Fußballarenen mit meist hohem Fassungsvermögen. Jedoch ist mit dem Bau von Fußballstadien ab Mitte des 19. Jahrhunderts die gemeinsame und organisierte Teilhabe eine wiederkehrende und vor allem standardisierte Eigenschaft von Fußballstadien, und zwar unabhängig von Komfort oder Preis. Somit bewirkt die Innenarchitektur eines Stadionblocks primär eine kontrollierte Einteilung von Gemeinschaft, die durch eine pragmatische Umgangsweise mit Eintrittskarten und deren Besitzern/ Besitzerinnen gesteuert wird. Ist ein Fußballspiel ausverkauft, so besteht bereits vor dem Betreten des Stadions eine hohe Wahrscheinlichkeit an eingeschränktem Bewegungsspielraum und produziert automatisch den Kontakt, möglicherweise kommunikativ, mit anderen Individuen.

West Ham Fans

Rubrik: Sogar in der Schule lernt man, dass…

…Lazio Rom heute Geburtstag hat. Der Club wurde am heutigen 9. Januar vor 113 Jahren von dem damals 25 Jahre alten Luigi Bigiarelli und acht weiteren Römern gegründet. Vier Jahre zuvor hatten Bigiarelli und seine Kumpels mit großem Enthusiasmus die olympischen Spiele in Athen verfolgt. Den Vorzeigeathleten nacheifernd, wählten sie als Vereinsfarben die griechischen Vereinsfarben Blau und Weiß. Zudem fügte man dem Wappen den Adler der römischen Legionen hinzu und verankerte die Region Lazio im Namen des Vereins. Bereits zwei Jahre später entstand eine eigene Fußballabteilung. Die „Giallorossi“ vom AS Rom gründeten sich erst 1927, was auch einer der Gründe dafür ist, warum die Fans von Lazio darauf pochen, dass ihnen aufgrund der größeren Tradition die „Ewige Stadt“ gehöre. Vielleicht noch wichtig zu erwähnen, dass bis heute insgesamt vier Deutsche bei den Adlern kickten. Der erste war 1990 Karl-Heinz Riedle, der nur ein Jahr später von Thomas Doll besucht wurde. 2010 verlief sich kurz Thomas Hitzlsberger für 6 Spiele in den Katakomben des Stadio Olimpico, bis in der Folgesaison Kloses Miroslav die Qualität des deutschen Fußballs wieder gerade bog.
Zu den Fans will ich nichts sagen. Wir sind ja schließlich in der Schule und mich interessieren nur Fakten. Aber mal ehrlich, Herr Lehrer – was langweilen Sie mich mit solchen Fragen?! (Jonas, 8 Jahre)

Lazio_Luigi_Bigiarelli_

Rubrik: Popkultur #1

Gegenstand: Stadion
Eigenschaften: Originalität und Wiedererkennbarkeit

Der Bau eines Fußballstadions und seinen Tribünen orientiert sich immer nach den Längen und Breiten des Spielfeldes. Diese markierenden, zeitlosen Artefakte lösen folglich eine geographische Unabhängigkeit aus und bewirken das popkulturelle Merkmal der Wiedererkennbarkeit. Für diese Annäherung ist es sekundär, ob ein Individuum Kenntnisse von der Ziegelbeschaffenheit des Craven Cottage (Stadion FC Fulham) besitzt, das Camp Nou (Stadion FC Barcelona) mit 99.354 Plätzen als das größte Stadion Europas identifiziert oder die Arena Auf Schalke mit 518 WC, 409 Urinalen und 5.000 Meter Bierpipeline assoziiert.
Primär steht im Vordergrund, dass ein Individuum durch die Einflüsse der Medialisierung des Sports im 21. Jahrhundert eine ausreichende visuelle Vorstellung des Spielfeldes besitzt (hier: rechteckig) ohne jemals zuvor an einem Fußballspiel als Zuschauer teilgenommen zu haben. Somit stehen die Wiedererkennbarkeit des Spielfeldes und die Originalität des Stadions und seiner Peripherie in einer automatisierten Homogenität zueinander. Diese spezielle, architektonische Symbiose erzeugt jene kulturelle Prozesshaftigkeit in Stadien und ist ein elementarer Bestandteil für die Auswertung von systematischer Massenkompatibilität.

Craven Cottage

Jay Jay Okocha wird heute 39!

Wir gratulieren einem der besten Techniker dieses Planeten. Und nein, was Technik angeht, muss man wahrlich nicht mit Superlativen geizen. Noch heute gehen seine Buden runter wie Butter, hinein in unsere Pupill

en, durch das Fußballherz direkt in jene Gehirngegend, die unsere Mundwinkel in ein glückliches Strahlen versetzen. Gut, bei Reporter Jörg Dahlmann führten Jay Jays außerirdische Künste 1993 wohl eher zu einem direkten Herzstillstand, sodass Kahn mit samt alter Ego Titan den Wildpark herunter lief und nach Hilfe schrie. Wir erinnern uns und jene, die noch zu jung waren für Fußball aus Nigerias Voodookiste:
Es ist an dieser Stelle praktisch unannehmbar, dass Okocha „nur“ für das „Tor des Jahres“ und nicht mit dem „Praemium Imperiale“, dem Nobelpreis für Künste, ausgezeichnet wurde. Doch gehen wir einen Schritt zurück:
Augustine Azuka „Jay-Jay“ Okocha erblickte am 14. August 1973 in Enugu, Nigeria das eckige Licht der Welt. Dieser Ort schäumt übrigens von Koryphäen. Neben Festus Agu, Christian Okpala, Peter Utaka, Edward Ofere, Solomon Okoronkwo wurde dort auch Chinedu Obasi geboren. Betrachtet man Jay Jays Spielweise, hatte wohl auch die elektrisierende Musik von Dr. Alban erheblichen Einfluss, der ebenfalls aus Enugu stammt. Kein Wunder, dass er bei soviel Rhytmus an Kreativität nicht knauserte: Sein häufig angewendeter Trick, den Ball mit der Hacke über den Kopf zu bewegen, wurde nach ihm benannt.It´s my life“ dachte sich 1990 auch der kleine Jay Jay, als er nach Deutschland zog und promt als 17-jähriger in der Oberliga-Truppe der traditionsreichen Borussia Neunkirchen auftauchte. Entgegen vieler seiner Landsleute, beherrschte er nicht nur perfekt die Murmel, sondern hämmerte das Gerät gerne Mal aus 30 Metern in den Giebel des Gegners. Wie das später auf den Bildschirmen dieser Welt, u.a. bei den Bolton Wanderers oder Paris St. Germain aussah, zeigt dieser unwirkliche Mitschnitt:
http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=acb5JztPWvs
Nach 26 Jahren Profifußball bestritt Okocha am 9. Februar 2006 während des Africa-Cups sein letztes Spiel im Nationaltrikot der „Super Eagles“, für die er insgesamt 73 Länderspiele absolvierte und dabei 14 Tore erzielte.
Übrigens: Jay Jay nahm, auch durch seine Zeit bei Fenerbahçe Istanbul (1996–1998), die türkische Staatsbürgerschaft an. Sein zweiter Name: Muhammed Yavuz.Alles Gute Jay Jay und danke für soviel Gott am Ball!

Geträumt von:

Weltuntergang. Katastrophe. Schwarze Löcher. Armageddon. Rache. Robben. Sehnsucht. Fegefeuer. Chaos. Anarchie. Klaus Kinski. Angst. Satan. Panik. Godzilla. Wunden. Finale. Trauer. Hass. Haus der 1000 Leichen. Der Schrei. Robben. Kreuzzüge. Solskjær. Hölle. Schwedentrunk. Hexerei. Schafott. Freddy Krueger. Folter. Elfmeterschießen. Unterdrückung. Azrael. Open Water. Apokalypse. Robben. Kälte. Blut. Melancholia. Galgen. Sky. Leider geil. Hinrichtungen. Verrat. Sünde. Krieg der Welten. Hochmut. Gollum. Erniedrigung. Pein. Robben.

60! Umarmen wir alle Roger Milla!

Viele sehen es noch heute vor sich: Torwart Rene Hinguita vertändelt gegen Milla in unnachahmlicher Manier 25 Meter vor dem Tor den Ball. „Das kann man mit ihm nicht machen! Es sieht so aus als würde er schon lachen“, schallte es aus der ZDF-Kommentatorenbox.
Das alles spielte sich im Achtelfinale 1990 zwischen Kolumbien, angeführt von Carlos Valderrama, und den krassen Außenseitern aus Kamerun ab. An der Anzeigetafel erleuchtete: „106. Min. Milla, 108. Min. Milla.“ Das Spiel endete 1:2 und besiegelte den größten Erfolg einer afrikanischen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft:

Milla hatte seine europäische Fußballzeit nach den Stationen AS Monaco, SEC Bastia, AS Saint-Étienne und HSC Montpellier eigentlich längst hinter sich gelassen. Der 1990 bereits 38 jährige Milla (eigentlich Miller, wahrscheinlich wegen eines Rechtschreibfehlers eines Standesbeamten) wurde über Nacht zum Held eines ganzen Kontinentes und verkörperte durch seine humorvolle und immer positive Denkweise ein Selbstbewusstsein, das beinahe England im Viertelfinale in die Knie gezwungen hätte. Die 2-3 Niederlage ist das das einzig überlieferte Dokument seit den Kreuzzügen, in dem ein Engländer gleich zwei Elfmeter im Netz unterbrachte. (Lineker 83. + 105. Minute).
In der Gruppenphase lochte Milla bereits doppelt gegen Rumänien. Nach seinen Toren gingen wohl die bekanntesten Bilder Millas um die Welt, die bis heute auf T-Shirts, Postern und Graffitis auf der ganzen Welt zu finden sind: Milla rannte zur Eckfahne und tanzte mit ihr den traditionellen Makossa-Tanz. (Nicht wie Reporter Jörg Dahlmann, nebenbei Tanzprofessor, von einem typischen „Lambada“ sprach. Das wäre in etwa so, als hätte damals Marco van Basten nach einem Treffer einen Schuhplattler getanzt. Aber das nur nebenbei.)
Nicht dass Milla dort schon zu den älteren Jahrgängen gehörte, schoss er als 42. Jähriger bei der WM 1994 in den USA ein Tor und wurde bis heute zum ältesten Torschützen in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaft.

Nach seinem Rückzug vom aktiven Fußball ist Roger Milla Sportberater des Kameruner Präsidenten Paul Biya und WM-Botschafter seines Landes. Dies ist daher nicht unwichtig zu nennen, da Biya 1990 noch intervenieren musste, Milla für die WM überhaupt mitzunehmen. Milla wohnt abwechselnd in Kamerun und Montpellier. Darüber hinaus ist er Athletenbotschafter der Entwicklungshilfeorganisation Right to Play.
Wenn er sich eines Tages von dieser Erde verabschiedet, wird man sich vor allem an seine immer offene, freundliche und vor allem ehrliche Art erinnern. Er zählt zu jenen Menschen, die es zu jeder Zeit schaffen, den Bewohnern eines Landes Mut und Hoffnung zu vermitteln – und zwar durch die Leidenschaft einer großen Gemeinsamkeit: den Sport. Genau das ist und wird er immer bleiben, ein wahrer Sportsmann. Alles Gute zum 60. Geburtstag, Roger!

Kosmetik der „hässlichen Fratze“

51.000 Zuschauer im Stadion. Millionen vor den Bildschirmen. Eine Landeshauptstadt im Ausnahmezustand. 90 Minuten fehlen noch um nach 15 Jahren der Augenhöhe mit Köln, Mönchengladbach und Leverkusen wieder Aktualität zu verleihen.  In der bekanntesten Altstadt Deutschlands, in der sich auf einem halben Quadratkilometer über 300 Kneipen, Diskotheken und Restaurants zur „längsten Theke der Welt“ vereinen, liegt spätestens seit dem 1:2 Auswärtssieg in Berlin eine außergewöhnliche Atmosphäre in der Luft. Mehr Fußball geht nicht. Mehr Spannung beiderseits sowieso nicht.

Relegation_01

Dass es jene Luft ohne Weiteres in die häuslichen Wohnzimmer geschafft hat, wird uns spätestens um 20:15Uhr klar, als in der ARD zum ersten Mal die Außenmikrophone zu hören sind. Das letzte Mal, als Reinhold Beckmann einen solchen Einstandsblick in die Objektive bohrte, war Altkanzler Schmidt bei ihm zu Gast. Dann Mehmet, dann ein rot-weißes Fahnenmeer, dann Campino, dann Niersbach, dann 5000 Herthaner, dann wieder Beckmann.

Während im Stadion „Punk Rock Song“ von Bad Religion läuft, scheint alles darauf hinaus zu laufen, dass gleich endlich jemand sagen wird: „Es ist noch alles drin. Wir dürfen gespannt sein.“ Doch stattdessen werden wir auf die Folter gespannt, wie spannend es denn nun wird. Nochmal Mehmet, nochmal rot-weißes Fahnenmeer, nochmal ein Schwenk in den Hertha-Block, Flutlicht, angespannte Gesichter und dann „geben wir ab zu ihrem Kommentator am heutigen Abend – Tom Bartels“.
Hätte ja auch zu spannend werden können. Also doch Skispringen auf RTL. Nur gut, dass wir Deutschen auch in hektischen Momenten stets die Ruhe bewahren. Schiedsrichter Stark interessiert das alles nicht und pfeift die Partie mit einer Coolness an, die selbst Charles Bronson beim Spielen seiner Mundharmonika nervös gemacht hätte.

Doch dann das: HSV-Neuzugang Maximilian Beister schießt Bartels nach 29 taktisch ungeprägten Sekunden ein Loch durch den Statistikordner. 25-Meter-Rakete ins linke, untere Eck. Ansatzlos. Trocken. Ein Aufschrei ertönt, der sämtliche Messgeräte der Flughafenschneise zum Explodieren bringt. Nur gut, dass Bartels Kopfhörer trägt und nicht mit in den Bann gerissen wird.
„Jetzt nur nicht durchdrehen“, denken sich wie Bartels auch die Gäste, verdauen schnell das Altbier der ersten Runde und spielen von nun an gepflegten, technisch inspirierten Fußball. Dirigent Raffael setzt sein Offensiv-Orchester immer wieder gefährlich in Szene. Die Fortuna schwimmt und mit ihr wissen wir nun endlich: „Es ist noch alles drin. Wir dürfen gespannt sein.“
Dann nimmt sich Ben-Hatira einen Löffel vom Düsseldorfer Löwensenf und nickt freistehend ein. Halbzeit. Otto beruhigt. Liverpool-Junk und Halbbrite Campino ist so angespannt „wie seit Istanbul 2005 nicht mehr“. Beckmann & Mehmet im rhetorischen Doppelpass. Bartels notiert: „Zustand kritisch, aber nicht lebensbedrohlich.“

Nicht viel passiert bis zur 54. Minute. „Wie im richtigen Leben sollten neun Minuten Vorspiel aber jetzt auch wirklich ausreichen“ stempelt Ben-Hatira ab und vergisst während seines Anflugs mit gestrecktem Bein alles um sich herum, auch seine gelbe Karte aus Hälfte eins. Bartels kurz irritiert, ob es nicht vielleicht doch ein sauber gesetzter Telemark war. Hertha von nun an in Unterzahl. Ein kurzer Blick in die unteren Reihen des Gästeblocks lässt erahnen, dass ein Eisberg in unmittelbarer Nähe liegt. Fünf Minuten später köpf der Serbe Jovanovic die Fortunen, nach einer Manni-Kaltz-Bananenflanke von Teamkollege Bröker, in Front. In der Blogosphäre auf Facebook wird wild im Kollektiv ausgerufen: „Knockout!“ Dies ist der Startschuss für eine Schlussphase, wie sie  Alfred Hitchcock nicht besser hätte drehen können. O-Ton 11 Freunde-Ticker:

„Jetzt kommt Feuer ins Spiel, und es ist, O-Ton Bartels, »schlimm, dumm, entsetzlich.« Warum? Weil es Bengalos sind. »Ihr gefährdet den Abbruch des Spiels«, rhapsodiert der Stadionsprecher aufgeregt. Das will die Hertha-Kurve natürlich nicht, den Abbruch gefährden, und schickt deshalb einen weiteren Raketenhagel. Ende? […] Jetzt brennt die Werbebande, die – ja, so zynisch kann Fußball sein – Grillwerkzeug anpreist. Ronny löscht eilig, Rehhagel ruft Beate an, will schon heute Abend nach Lanzarote fliegen. Stark pfeift wieder an.“

Natürlich pfeift Stark wieder an. Stark ist so cool, professionell, gut, cooler, am coolsten, er würde selbst anpfeifen, wenn im Strafraum ein Jumbo landen würde. Bartels wittert die „hässliche Fratze“ des Fußballs, verweist auf kriegsähnliche Zustände der noch laufenden Saison. Frei nach Möller: „Köln, oder Karlsruhe – Hauptsache Qualm.“ Kritischer Zustand aufgehoben.
Während das Spiel weiterläuft, erinnern wir uns kurz an Robert Duvall in „Apocalypse Now“, der „den Duft von Napalm am Morgen“ liebt. Stellen dann aber fest, dass es ja bereits Abend ist, genau genommen die Zeit des allseits bekannten Konterfahrens. Hertha torkelt mit zehn kleinen Jägermeistern immer wieder in die Untiefen rot-weißer Katakomben. Otto will am liebsten Hristov, Marschall, Koch und Schjönberg gleichzeitig einwechseln.
Doch es ist nicht nötig. Raffael, Ramos, zack, zack – 2:2. Bartels traut seinen Augen nicht. Der Hertha-Block fackelt wieder als gäbe es kein Morgen mehr. „Das ist wie Silvester, Silvester und Silvester an einem Tag“ frohlockt der kroatische Kommentator neben ihm.

7 Minuten Nachspielzeit. Hunderte Fortunen finden das absolut klasse vom starken Stark. So entgeht man hektischem Gedrängel und kann ganz in Ruhe vorab über die Zäune klettern, den Schal und die Schuhe für den Massensprint nach Abpfiff festbinden. Nicht drängeln, liebe Leute. Es ist genug Platz und Zeit für alle da. Eine Minute vor Schluss stehen bereits tausende Fans vor und hinter den Werbebanden.
Bartels professionell, versucht sich auf das Match zu konzentrieren. „Kritischer Zustand ist ein Ausdruck vollkommener Idylle“, denkt er kurz, als plötzlich tausende Menschen das Spielfeld zu Waterloo erklären um ihre Helden zu umarmen, feiern, tragen, küssen, anhimmeln etc. pp. Nightmare on LTU-Street: das Spiel war noch nicht abgepfiffen! Bartels steht kurz vor seinem ersten Schrei. Alle Mannen wieder rein. Ungefährlich. Stark ist ja bei ihnen.
Draußen erinnert alles an einen Ameisenhaufen, in den gerade aus Versehen ein Wanderer reingetreten ist. Manche flüchten zurück in den Bau, andere suchen ihre Familienangehörigen oder bringen kostbare Materialen wie frischen Rasen in Sicherheit. Viel Dramatik, viele Tränen. Dann beruhigt sich die Lage. Ameisenkönig Stark traut sich wieder heraus und pfeift erneut an. „SKANDAL!“ ruft ihm Janusz Góra zu, während sich die Ameisen neu formieren. 120 Sekunden. 90 Sekunden. 60 Sekunden. Kein Wanderer in Sicht. 30 Sekunden. Dann Abpfiff. Alle wieder drauf. Fackeln und Feiern. Bartels notiert aufgelöst: „Kein Telemark!“ Egal.

Ruf nach Petition!

Lieber Frank Buschmann, wieso musst du uns so lange, ja obendrein so penetrant mit deinen Kommentaren steinigen? Was haben wir dir getan? Wir, das sind Max Musterflanke und Stefan Stehgeiger aus Bottrop-Kirchhellen. Wir haben uns nie an eine höhere Instanz gewendet, nicht einmal als uns deine inhaltlosen Phrasenhiebe sogar auf der Play Station via FIFA attackierten. Lass doch bitte den Peter in Ruhe und geh wieder zurück zum Basketball. Gerade du als alter Pöttler müsstest doch wissen, dass der Montag so schon beschissen genug ist. Dann kommst du noch um 20Uhr daher um uns und dem Heribert, also dem Bruchhagen, zu sagen: „Es ist ein No-Go nach Gefühlen zu fragen – Ich machs trotzdem – Was geht jetzt in Ihnen vor?“
Frank, wenn du uns fragst: Petition gegen deutsche Kommentatoren im Allgemeinen! Ist ja nicht zum Aushalten. Und das Schlimmste vom Schlimmen ist, dass es immer schlimmer wird mit euch.

Grüße vom Commodore 64 (weil ohne Kommentar),

Musterflanke und Stehgeiger

Prägende Pub-Philosophie

„Wir brauchen an dieser Stelle überhaupt nicht weiter zu reden, denn dass ein Dieter Eilts sich nie zu einer Grätsche zwingen musste, ist ja so sicher wie die Hand Gottes. Bei diesem Klingelwort erinnere ich mich an ein „Gespräch“ mit einem Werder-Fan namens Puste (schöne Grüße!), der mir in „Fränkies Vogelnest“, einer Kneipe in Bremen, das Glück Maradonas in Form eines Zeitloches auf einem Bierdeckel darstellte.
Diesen wissenschaftlichen Berechnungen zu Folge, konnte Maradona nur dadurch ein derart großer Fußballer werden, weil Dieter Eilts später geboren wurde! Seit diesem Abend glaube ich an Zeitlöcher – nur durch sie konnte es dazu kommen, dass Yves Eigenrauch 1997 im finalen UEFA Cup Hinspiel gegen Ronaldo spielen „durfte“. Es wurde eine der größten Manndeckerleistungen in der Geschichte des Profifußballs. Nüchtern betrachtet.“ […]

(wieder gefundener Furchentext 01/11)

Das Leben des Brian

251 Tore in 274 Spielen. Trainerlegende in Derby County. Alkoholiker. Sozialist. Reizfigur. Trainerlegende in Nottingham. Konnte nach eigener Aussage übers Wasser laufen. Autobahnen, Tribünen und U-Bahnen tragen seinen Namen. Eine Trophäe sowie Statuen in drei Städten ebenfalls. 44 Tage bei Leeds United. Auch da Trainerlegende. Der „Muhammed Ali Englands“. Faszinierende Bücher und Filme über den Mann, der mit zwei Aufsteigern Meister wurde und mit Nottingham Forest 1979 und 1980 den Landesmeistertitel abräumte. Der 2004 verstorbene Brian Howard Clough würde heute 78 Jahre alt. Wir verneigen uns vor dem „Master of Managers“.

„Ich würde nicht sagen, dass ich der beste meiner Zunft war. Aber ich lag vor Platz zwei.“

Welches Kind träumt nicht davon, dass die Eltern Besitzer eines Süßwarenladens sind!? Für den kleinen Brian wurde der Traum wahr. Doch wenn man mit acht Geschwistern aufwächst, wird ebenso schnell klar, dass jeder ehrlich ergaunerte Lolli mit ausgestreckten Ellbogen verteidigt werden muss. Ellbogenmentalität war für die Jugendzeit in der damaligen Industriehochburg Middlesborough generell nicht die schlechteste aller Eigenschaften. Und die nahe gelegene, von Metall und Schloten wärmend umarmte Nordseemündung galt nicht gerade als der Strand von Rio. Brian reflektierte einmal, M´borough sei sicher nicht der „netteste Platz der Welt“ gewesen, er selbst aber habe die Stadt als den Himmel empfunden. Dass dort braves Benehmen à la royal british nicht gerade an der Tagesordnung stand, kann sich jeder selbst zusammen reimen. Alles hat eben seine Wurzeln.

„Ich habe meinen Spielern im Prinzip jeden Samstag um zehn vor drei das gleiche gesagt: ‚Für drei Punkte heute Nachmittag würde ich auf der Stelle meine Großmutter erschießen.‘ Sie wussten, wie wichtig es war, alles für den Sieg zu tun. Jedes Mal. Deshalb hatte meine Großmutter auch mehr Leben als meine Katze.“

Mit zwanzig Jahren begann Clough bei den Senioren so zu spielen, wie er redete: nach vorne. In sechs Jahren M´borough netzte er 197 Mal ein. Nicht denken. Machen. Es folgten drei Jahre AFC Sunderland mit ähnlichem Dauerfeuer. (54 Tore in 61 Spielen). Wegen schwerer Knieverletzungen, musste er bereits im Alter von 29 die Schuhe an die Schlote nageln. Doch Selbstmitleid und Durchatmen waren für den Fußballbesessenen nie eine Option. Bereits ein Jahr später übernahm er als Trainer den Viertligisten Hartlepool United. Nicht denken. Machen. Kurz darauf steht der Vereinsmeister des roten Laternentragens plötzlich auf Rang 8. Grund genug für Clough und Assistenztrainer Peter Taylor, Höheres anzustreben: Derby County ruft aus zwei Etagen höher.

„Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden. Aber damals war ich ja auch noch nicht dabei.“ 

Cloughs baute sein eigenes Rom. Von Platz 18 auf 1. Aufstieg. Dort katapultierte er „The Rams“ auf Platz vier, bevor ihm ein Jahr später der große Clou gelang: Derby County holte vor Liverpool und Leeds mit einem Punkt Vorsprung die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Unfassbar, aber wahr:  Die Rams legten einen Sieg vor, konnten aber aus eigener Kraft die Meisterschaft nicht beeinflussen. Das Wunder geschah: Liverpool und Leeds verloren beide und machten den Underdog in Reinform zum Überflieger. Trainer und Spieler hatten daran selbst so wenig geglaubt, dass sie am Tag des Titelgewinns bereits in Mallorca am Strand lagen. Clough selbst machte auf den Scilly-Inseln Urlaub und kam sogar so spät zurück, dass er den Empfang von 100.000 Fans verpasste. Vielleicht war dies eines der Gründe, warum er im Jahr darauf seinen Aggressionen beim Halbfinalausscheiden gegen Juventus Turin freien Lauf ließ und alle Italiener als „cheating bastards“ („betrügende Bastarde“) beschimpfte. Nicht denken. Machen.

„Ich war gelegentlich großkotzig. Ich glaube, die meisten Leute sind das, wenn sie im Rampenlicht stehen. Ich nenne mich selbst Großkotz, um mich daran zu erinnern, nicht großkotzig zu sein.“

Cloughs Verhalten („Herrschaft“) führte inzwischen auch intern zu derart großen Querelen, dass sich Derby County 1973 von ihm trennte. Es folge ein erfolgloses Jahr bei Brighton & Hove Albion, bevor die 44 Tage von Sodom, äh Leeds begannen. Darüber gibt es nur eines zu sagen: „The Damned United“ (2009) ist ein hochkarätig besetzter britischer Film von Tom Hopper (The King´s Speech) und schildert die legendären Momente während dieser kurzen Amtszeit Cloughs. Sehenswert weniger auf Grund dargelegter Fakten, sondern viel mehr wegen der gezeigten Emotionalität und den damit verbundenen Spannungen. Die Gleichung endet im Film wie im Leben nach 44 Tagen und 97 Filmminuten mit der Entlassung Cloughs. Nicht denken. Anschauen. (Trailer: http://www.filmstarts.de/kritiken/102309-The-Damned-United/trailer/2770.html)

„Der Fluss Trent ist wunderhübsch. Ich kann das beurteilen, weil ich dort 18 Jahre lang übers Wasser gelaufen bin.“

Was nach dem „Battle of Leeds“  dann aber in Nottingham Forest geschah, ist in Worte kaum zu fassen. Wieder ein Zweitligist. Wieder ein Underdog. Ein Verein, dem ein einziger Mann aus dem Sherwood nicht ausreichte. Cloughs trat 1975 an und machte das, was er am besten konnte. Abstieg vermeiden, aufsteigen um dann 1977 englischer Meister zu werden. Doch irgendwas fehlte ja noch. Ach ja, richtig: Landesmeistertitel. Also holte er mit den „Tricky Trees“ einfach zwei davon in Folge, was bis heute kein anderer englischer Verein schaffte. An den Letzteren kann sich sicher noch so manch HSV Fan erinnern, als man in Madrid mit 0-1 gegen Cloughs Sherwoodbande verlor. Da klingt es fast unwichtig, dass Forest daraufhin 42 Spiele in Folge ohne Niederlage blieb. 1993 beendete Clough nach 18 Jahren seine Trainerlaufbahn in Nottingham auf Grund von Fehleinkäufen, Misserfolg und offensichtlichem Alkoholproblemen. Nicht mehr machen. Denken.

„Ich will keine Grabinschrift mit irgendwelchen tiefgründigen Sachen. Ich hab meinen Beitrag geleistet. Ich würde mir wünschen, dass man das über mich sagt, und ich würde mir wünschen, dass mich jemand gemocht hat.“

Tragisch war dabei besonders der Streit mit seinem jahrelangen Assistenten Peter Taylor, der bis zu seinem Lebensende anhielt. Taylor selbst brach bei dessen Tod in Tränen zusammen. Zu einer Aussprache ist es nie gekommen. Beide sind in einer Statue am Pride Park Stadium in Derby in gemeinsamer Pose verewigt.  Zudem wird 2007 bei jedem Match zwischen Derby County und Nottingham die „Brian Clough Trophy“ ausgespielt.

Der „Mohamed Ali Englands“, wie ihn Sunderlands Trainer und Cloughs ehemaliger Spieler Martin O´Neill wegen seines Charismas bezeichnete, starb im September 2004 nach jahrelanger Alkoholsucht an Magenkrebs, nachdem er sich bereits ein Jahr zuvor einer Lebertransplantation unterzogen hatte. Ruhe in Frieden, Brian. Du hast deinen Beitrag geleistet.

“The first gentleman of football“

Eine Hommage der Schottischen Furche an einen der größten Sportsmänner aller Zeiten.

763 Spiele, Fußballkönig in Nigeria, Stammeshäuptling in Ghana, Ehrenbürger von Stoke, von Königin Elisabeth II. in den Adelsstand berufen. Hunderttausende begleiteten seine Urne ins Britannia Stadium. Heute vor 97 Jahren erblickte der kleine Stan in Hanley das Licht der Welt.

His name is symbolic of the beauty of the game, his fame timeless and international, his sportsmanship and modesty universally acclaimed. A magical player, of the people, for the people.”

Reinhard Libuda hat ihm seinen Spitznamen „Stan“ zu verdanken.  Sein Rechtsaußenvorfahre  von der Insel war der „Erfinder“ des berühmten Matthews-Tricks (= links antäuschen, rechts vorbeigehen) – bis heute dröhnt es aus unser Vaters Munde: „An Gott kommt keiner vorbei – außer Stan Libuda“. Die Außenläufer hatten also schon immer ihre ganz eigenen Gene, nicht selten in rebellischer Lebensweise. Doch anders Matthews: „Vis Unita Fortior“ ist in das Wappen von Stoke eingraviert und könnte treffender den Charakter von „The Wizard oft he dribble“ nicht beschreiben: „Gemeinsamkeit ist die Stärke“.

„When running along Blackpool’s beach, at 7 am, no matter the weather, Matthews wore shoes that contained lead, so that when he changed into his football boots, his feet felt light, giving himself the impression that he could run faster.”

Matthews war ein Teamplayer wie er im Buche steht. Anekdote aus 1936 gefällig? Stoke spielte nie um die Meisterschaft mit und Matthews plagten Abwanderungsgedanken. Die Einwohner der Töpfereistadt aus Mittelengland waren schockiert, protestierten zu Tausenden in der Kings Hall und marschierten mit Plakaten zum Stadion. Matthews war überwältigt, bekannte sich zu seiner erfolglosen Truppe und blieb für 140 Mark die Woche in Stoke. Er war in jeder Hinsicht ein Vorbild auf dem Fußballplatz. Obwohl seine Gegenspieler ihn oft brutal foulten, revanchierte er sich nie. In 35 Jahren Fußballkarriere wurde er nicht einmal des Feldes verwiesen.

“He never smoked, instead he was very conscious of every item of food and drink he consumed. The only time he knowingly consumed alcohol was when drinking champagne out of the FA Cup in 1953.”

 

Matthews beendete seine Karriere 1965 im Alter von 50 Jahren! Er erlebte praktisch die gesamte Entwicklung dieser Sportart aktiv mit. Dies ist umso erstaunlicher, da der Krieg ihm wohl um seine besten Jahre brachte und kein Spielbetreib stattfand. Nach Kriegsende war Matthews 32 Jahre alt und hockte nun in Stoke aussortiert auf der Bank. Was dann passierte, ist nur schwer in Worte zu fassen und fällt in die Kategorie: Wunder.

Für das „Spottgeld“ von 120.000 Mark ging Matthews 1947 zum FC Blackpool und absolvierte in weiteren 14 Jahren 391 Ligaspiele. Seiner früheren Bezeichnung „The Magician“ hatte er nun wahrlich alle Ehre gemacht. Dort holte er auch 1956 in einer der legendärsten FA-Cup Finalspiele (4:3 vs. Bolton) seinen einzigen sportlichen Titel. Weil er drei Tore auf seine unnachahmliche Art vorbereitete, ist das Spiel bis heute in den Annalen als „Matthews Finale“ zu finden. Im gleichen Jahr erhielt er als erster Spieler den neu geschaffenen Titel als „Europas Fußballer des Jahres“.

„Self-willed, strong-minded, humorous, generous of spirit and, for all his fame as down to earth as the folk who once adorned the terraces in the hope of seeing him sparkle gold dust on to their harsh working lives.“

Doch dem nicht genug. 1961 kehrte Matthews mit 46 Jahren zu Stoke City zurück. Der Verein befand sich in einer Krise. The Wizard oft the dribble spielte wie in seinen besten Jahren, die Zuschauerzahlen verzehnfachten sich, der Club kurierte seine leeren Kassen und stieg zwei Jahre später wieder in die erste Liga auf. Matthews hatte sich endgültig unsterblich gemacht. Und das im wahrsten Sinne: Seine Asche ruht bis heute unter dem Spielfeld des Stadions. Bei seinem Abschiedsspiel lief vor 35.000 Zuschauern alles auf, was Rang und Namen hatte: Eusebio, di Stefano, Overath, Law, Charlton, Puskás, Seeler und Co. verbeugten sich vor dem  „first gentleman of football.

3001 – A Stadium Odyssey

Ich fragte meine Seele: „Was kann ich erlangen im Leben?“. Ich bekam keine Antwort. Die Frage war zu materiell für ein Abstraktum wie die Seele, die prompt beleidigt war. So kam es, dass die Seele sich in ihrer Intellektualität angegriffen fühlte und lies ihren Praktikanten, den Verstand, die Frage beantworten. Der Verstand kochte sich Kaffee mit viel Zucker und paukte auf Google Überstunden. Er stieß auf Begriffe wie Arbeit, Geld, Starbucks, Autos, Liebe, Eigentum, bla bla, Area 51, Freundschaft, Frieden und 3298 weitere Begriffe. „Scheiß Google!“, sagte der Verstand und setzte neuen Kaffee auf.

Im diesem Moment kam der Glaube von einer Fortbildung zurück. „Kein Computer der Serie 9000 hat jemals einen Fehler gemacht oder unklare Informationen gegeben. Versteh doch!“, warf er dem Verstand entgegen. Der Zucker war ausgegangen. Aus dem Nebenzimmer hallte es von der Wissenschaft: „Feldstudie! Du musst raus, raus, raus!!!“ Mittagspause. Wir gingen alle gemeinsam ein paar Meter im angrenzenden Park sparzieren. Als ein kräftiger Windstoß durch die Bäume wehte, blickten wir kurz nach oben. Im gleichen Moment löste sich eine Kastanie aus großer Höhe. Die Wissenschaft sprang gazellenartig einen Schritt vor, stellte das rechte Bein in eine neunzig gradwinklige Beuge, spannte den Oberkörper und trat….daneben.

In diesem Moment bekam ich von rechts einen starken Hieb. Ich wachte auf. Anhand meines trüben Blickes folgerten Rudimente meines Bewusstseins einen Zustand erheblicher Trunkenheit. Dann wurde es laut. Sehr laut. Ich stand auf. Um mich herum nahm ich im grellen Licht vereinzeltes Gelächter wahr, das, so schien es, mir gewidmet war. „Ey mach ma deine Pfütze leer! Wir ham leer!“. Meine Sinne addierten und multiplizierten und summierten, dass dies Jockel, ein Hiwi aus der Molekularfoschungsabteilung und somit Arbeitskollege sein musste. Ein Pfiff ertönte. Ich machte die Pfütze aus meinem Becher leer und ging raus, raus, raus an den Sockel des nächsten Bierstandes. „Was darfs sein, junger Mann?“ blondierte mir eine Frau entgegen. „Hätte gern ne Feldstudie…äh nee, 4 Bier.“

 

Geboren um im „Schlamm“ zu sterben

Ein Gefühl der Entfremdung bohrt sich durch uns hindurch, wenn einem Fußballspieler nicht primär der Marktwert zugeteilt wird. Keine Stunde vergeht, ohne dass auf den Webseiten von Kicker und Co ein neuer Transfer bekannt gegeben wird. Die gedruckte Zeitung reibt sich verwundert die Schwärze und fragt sich, warum ihr keine F5 Taste eingebaut wurde. Und wenn dann einmal dieses blöde, völlig unzeitgemäße Transferfenster schließt, kann der Mangel an „News“ schon einmal Überstunden in mancher Redaktion zur Folge haben. War das Tempo zu hoch?

Was berichten, wenn keiner mehr die höchste Ablöse zahlt? Was bloß tun, wenn bei transfermarkt.de über Nacht die „Gerüchteküche“ so leer wie das Nichts ist? Was posaunen, wenn plötzlich alle Bienen ihren Stock gefunden haben? Doch dann schwupp die wupp, Glück gehabt: ein neuer Bestechungsskandal in Mikronesien hier, ein Vereinskauf durch einen Mäzen da. Alles frisch und roh für den Leser, den Interessierten, den stets auf Aktualität geilen Fußballfan, der schließlich nur Blockbuster-Schlagzeilen anklickt. Das „Wer wechselt wohin und wie viel kostet er und wie heftig das eigentlich schon wieder ist“ mutiert nach einer kurzen Wahnphase straßenfegerartig in „Endlich geht´s bald wieder los!“. Das Entfremdungsgefühl hat zu diesem Zeitpunkt endgültig seinen Platz manifestiert.

Als sich der erste Ekel am anderen Morgen über 4x Manchester City, 3x Malaga, 5x Tevez und 13x Magath-F5-News ein wenig gelegt hat, wagt man es kaum noch, den Sportteil der Tageszeitung aufzuschlagen. Für einen kurzen Moment redet man sich sogar ein, der Börsenteil sei spannend. Doch die wahre „Börsenseite“ lässt nicht lange auf sich warten. Doch schlagartig verschwindet der Ekel plötzlich mit einer einzigen Zeile: „Ich lebe meinen Traum!“ Steven Gerrard (31) verlängert seinen Vertrag beim FC Liverpool! Ein Gefühl unerklärlicher Genugtuung macht sich breit. Als vor ein paar Tagen Brasiliens Jungstar Neymar ein Angebot vom FC Chelsea ablehnte, sich für weitere Jahre mit „seinem“ FC Santos entschied und es in 11FREUNDE sogar als Brasiliens möglichen „Beginn einer Zeitwende“ geschildert wurde, keimte dieses Gefühl in ähnlicher Form zustimmend auf.

Doch warum ist dies so? Warum durchfährt uns ein Gefühl der Erleichterung, lässt uns grinsen und applaudieren, nur weil ein Spieler in Liverpool seinen Fans die Treue schwört? Im Prinzip ist es beim Weglegen der Zeitung recht simpel und geht von Grund auf den Weg der Identifikation. „Ein Junge dieser Stadt“ ist für Gerrard vielleicht der größte  Titel, den er jemals holen konnte. Denn was er und seine Familie von der Anfield Road und seinem ganz besonderem Publikum als Dank wiederbekommen, ist mit Geld nicht zu bezahlen. Fernando Torres, auch wenn nicht in Liverpool geboren,  erkannte dies nicht. Und dass Identifikation noch höher als Klasse (bei Gerrard unbestritten) bei den Fans im Kurs steht, ist nicht erst seit heute bekannt. Spieler wie Paolo Maldini konnten vielleicht fußballerisch wie technisch mit vielen anderen ihrer Zunft nicht mithalten, aber jene Spieler werden auch nach ihrem Tod einen Platz in ihrer Stadt, ihrem Verein haben.

In Liverpool, was so viel wie „schlammiger Pfuhl“ bedeutet, werden menschliche Zugeständnisse besonders gewürdigt. Eine Industriestadt mit Jahrhunderten der Bedeutungslosigkeit. Jemand, „der bleibt“, kann den Pfad der Unsterblichkeit erlangen. Doch Gerrard muss sich keine Mühe geben, muss sich nicht profilieren, denn er ist Liverpool. Man bekommt Gänsehaut, wenn man seine kurze Begründung liest:  „Es ist der Klub, den ich liebe und dessen Fan ich bin, seit ich ein kleiner Junge war“. Gerrard sudelt sich im Schlamm seiner Stadt und fühlt sich pudelwohl dabei. Warum auch nicht: Eines Tages wird sein Name in einem Atemzug mit Ian Rush und Ian Callaghan genannt werden. Nach 566 Einsätzen für die Reds, einer Kindheit und Jugend als Fan (Hillsborough inkl.), als Champions League-, UEFA Cup-, FA Cup- und Carling Cup Sieger, Kapitän, und Träger des britischen Verdienstordens kann man jedenfalls davon ausgehen. Schon jetzt.

Ist also alles halb so wild mit F5-Tasten, Transferwahnsinn und Entartungspeitschen von allen Seiten? Ja, denn solange es Fußballer wie Gerrard und Maldini gibt, solange erlangt der „Fan“ ein Gefühl von Identifikation und er empfindet  Bestimmungsbewusstsein – die vielleicht größte Empfindung eines Vereinsfans. In diesem Zustand kann die „Gerüchteküche“ dann ruhig kochen so viel sie will. Denn die Adebayors, Bas und Torres wird es immer geben und über Ware darf man ja schließlich spekulieren ob sie nun 45 oder 70 Millionen Ablöse kostet. Bisher ist jedenfalls nicht bekannt, dass sich Nicolas Anelka irgendwo im Schlamm suhlt und es ihm gut dabei geht. Doch Stop! News, wir brauchen News…!

Historische Proletenphraserei

fuc39fball-im-mittelalterEin aachener Professor erzählte in einer seiner Geschichtsvorlesungen während der WM 2006 von einer Gegend in England, irgendwo in der Nähe von Reading. Zeit: 90min vor den Kreuzzügen. Spielsituation: Ein Stadttor, zwei Soldaten mit ihren Helmen, kein Abseits. Babak Rafati war wiedermal die Sicht versperrt. (nicht persönlich gemeint!) Hierbei muss erwähnt werden, dass Reading bei Tagesende nicht wirklich Nottingham ist und auch kein Robin Petric Hood vom Baum springt und für Action sorgt. Ergänze also: Ein Stadttor, zwei Soldaten mit ihren Helmen, immer noch kein Abseits, Langeweile. Dass Köpfe und Helme irgendwie rund sind, bemerkte nicht erst Horst Hrubesch. Und dass das runde ins Eckige muss, erahnte man selbst in Reading.

Diese zwei Soldaten waren also so dermaßen, so unglaublich gelangweilt, dass einer von ihnen anfing, seinen Helm per Direktabnahme mit dem linken Außenriss in den Giebel des hölzernen Stadttores zu zirkeln. Dieses Rumgebolze nervte den anderen Soldaten so sehr, dass er bei einem Zwischenstand von 0:12 per Hackenvorfallzieher ala Rene Higuita den anfliegenden Helm elegant in die Tiefen des gegnerischen Burggrabens hämmerte.

Der Philosoph Gary Lineker brachte Jahrhunderte später das Gerücht in den Umlauf, Reading sei kurz danach von 11 unbezwingbaren deutschen Tugenden nieder gerannt worden. Da scheiden sich aber die Geister der Gelehrten. Doch in einer Frage waren sie sich einig: Waaaaaaaarum?! Warum zum Ede Geyer pölen sich zwei Soldaten ihre Helme um die Ohren?! Die Komplexität dieser Frage versetzte den kompletten Hörsaal in Starre. Exakt 27 Stunden und 43min vor Deutschland – Argentinien stellt der Professor fest: „Weil es der leidenschaftlichste Weg im Leben ist, dem Alltäglichen zu entfliehen!“

Tagebucheintrag: Shamrock, Siegen

„23.45Uhr. Ganz solide Zeit. Es geht um Prestige. Es geht um Reibung. Kurz: Es geht mal wieder um die Murmel. Noch kürzer: Fußball. Es läuft die dritte Wiederholung von Arsenal gegen Manchester City. 0:0. Immer noch. Es bleibt sogar 3x dabei! Theo Walcott sprintet zum neunten Mal ins Abseits.

Plötzlich ändert sich die Musik und es stürmt eine Phalanx an Jägermeister-Promotion-Girls in orangenen Miniröcken den halbleeren Pub. Ein Alexander Markus Verschnitt mutiert zum Alleinunterhalter mit Kirmesrhetorik in Reinform. Seine Jägimiezen springen mit ihren kleinen Apfelpopöchen vor der Leinwand auf und ab, als hätten sie nur einen einzigen Auftrag: uns vom Fußball abzulenken.

Was dann passierte, schwimmt irgendwo in einem Meer aus Kilkenny, Jägermeister, Fish and Chips und weiteren Spielwiederholungen. Ich weiß noch, dass wir ein Golden Goal mit einer Sonnenfinsternis verglichen. Das Volk der Maya sah darin den Untergang der Welt – Sieg oder Niederlage. Das wussten schon die Maya, auch wenn sie die rollenden Köpfe mancher Spieler etwas zu wörtlich nahmen. Doch man sollte den kleinen Promillevergleich nicht überwerten. Die Maya sind keine Tschechien, Oliver Bierhoff nicht der Sonnengott und Mesoamerika nicht der Krombacher-Fußballstammtisch.

Gegen drei Uhr versucht uns ein Mann in Udo Latteks Alter die Rivalität zwischen Sportfreunde Siegen und Vfl Klafeld Geisweid zu erklären. Aber dazu auch später mehr. Danach teilten wir uns ein Taxi mit dem zuvor kennengelernten Gunnersfan und philosophierten über Roger Miller, Gaizka Mendietta und dass Demba Ba niemals zu West Ham United passen wird: „Der Fußball brauch nur ehrliche Leute. Leute wie Helmut Rahner!“
Nach einer Kilkennyinjektion in Reinform wir einem das besonders klar.“

 

Theo gegen den Rest der Welt!

Es ist wohl das Tempo, das zum Nachdenken aufruft. Nicht der notwendige, durchdachte, analytisch vorbereitete Schnitt quer durch die Untiefen von Ultrasektionen und gewaltbereiter Idiotie. Die ganze Szenerie hat was von Road Movie, von Geschwindigkeit, von Dreck und Schweiß, von Hektik und Planlosigkeit. Wie in Peter F. Brinkmanns Filmklassiker „Theo gegen den Rest der Welt“ scheint unser gegenwärtiger Fußballjurist Theo in einer ähnlichen Jagd zu stecken: irgendwelche unbekannten Vollasis klauen den im Schongang fahrenden DFB-Truck mitten in der sportlichen Hochsaison. Ziel: unbekannt! Armer Theo…

…was tut ein Politiker in deiner Lage jetzt? Der arme, ahnungslose Theo springt in sein neues, mit noch neueren Phrasenwaffen getuntes Bondmobil und nimmt die Verfolgung auf. „Nochmal überholt mich keiner!“, sagt er sich und ruft via Funkverkehr seinen Schattenfahrern aus, dass diese Idioten und alle anderen in Zukunft sitzen, statt stehen werden. In der Hektik vergisst er dieses Mal ganz die Idee von neuen Gefängnissen für Stadionverbotsinhaftierte in Guantanamo-Manier: erst einsperren, dann verhören. Vergeltungs-Theo muss was tun. Die Presse, die Vereine, der DFB… die Familien – alle fordern und schimpfen und skandieren. Armer Theo…

 

…macht es so, wie es ein gut ausgebildeter Populist während hektischen Fahrten macht: inhaltlose Konsequenzen herbeiführen. Deutschland muss jetzt wissen: die Schonfrist ist vorbei! So wie richtig gut ausgebildete Politiker gewaltbeinhaltende Videospiele verbieten wollen, wenn irgendwo ein Jugendlicher die Nerven verloren hat, ist auch hier die generelle Lösung, meine lieben Genossen und Genossinnen, dass zunächst gehandelt werden muss und dann gedacht werden sollte! „Wenn nicht…, dann…!“ droht Papa Theo und erhöht die Drehzahl. Verdammt, jetzt hat schon der Spiegel geschrieben und heute Morgen noch irgend so ein saublöder Steuerarsch wegen Schirikonten in Lichtenstein angerufen. Es wird eng mit dem Sommermärchen-Image. Armer Theo…

…muss sich dann auch noch während der Verfolgung mit anderen Funkern rumschlagen, die ernsthaft behaupten, die Idee mit den Sitzplätzen würde zu einer Eskalation führen. Mehr noch: zu einer Verbrüderung aller Ultras, die unweigerlich in einer Katastrophe enden würde. Sitzplatzschalen würden in Feuern aufgehen, übermüdete Castorpolizisten könnten den Dienst quittieren, Spieleabbrüche, Ligastopp, Saisonausfall! Theo wird plötzlich blass und fährt auf einen Rastplatz. Vielleicht sollte man sich mit anderen Fans treffen? Vielleicht sollte man sich mit intelligenten Fanbeauftragten unterhalten? Vielleicht ist der einzelne LKW doch nicht so wichtig? Armer Theo…

…welchen Weg du auch gehen wirst. Wir verstehen deine Sorgen um den Erhalt von friedlicher Stadionatmosphäre. Wir verstehen sehr wohl, dass es gewaltbereite Fans gibt, die den Fußball benutzen und Strafe verdienen. Wir verstehen, dass viel und dringend gehandelt werden muss und teilen dies mit dir solidarisch. Doch lass dir vom Kollektiv eines sagen: in der Kurve STEHT man gerne.

Groundspotting

Sag ja zum Fußball, sag ja zur Kurve, sag ja zur Wurst, sag ja zu Freunden. Sag ja zu einer pervers großen Fahne. Sag ja zu Aufnähern, Kutten, Schals und Bengalos. Sag ja zu Niederlagen, hohem Blutdruck und Zahnzusatzversicherung. Sag ja zur Vereinskneipe, sag ja zur ersten Jahreshauptversammlung, sag ja zur Tradition. Sag ja zum Retroshirt mit passenden Stutzen, sag ja zum dreiteiligen Saisonset auf Ratenzahlung in hunderten von Münzen. Sag ja zum Pappbecher und dazu, bei -10 Grad auswärts zu stehen und dir hirnlähmende 90 Minuten reinzuziehen, und dich dabei mit Existenzangst zu beschäftigen. Sag ja dazu, bei Schlusspfiff der einsamste Mensch auf dem Planeten zu sein, dich danach in einem Sonderzug vollbrechen zu lassen und die fünf gezogenen Notbremsen toll zu finden, die von missratenen Mobkindern als Szeneeinstieg empfunden werden. Doch sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben. Und warum sollte ich das machen? Es gibt keine Gründe. Wer braucht Gründe, wenn man Fußball hat?

Groundspotting

Auswärtsheimweh

-8° Grad. Und das im März! Ich verschwinde in die warmen Katakomben des Berliner Hauptbahnhofs und denke an die Anfangsszene von „Werner – Beinhart!“. Ein glückliches Lächeln breitet sich über meinem Gesicht aus. „Oh Herr, bitte lass einen Fußball vom Himmel direkt in die 10m lange „Nordsee“-Warteschlange herabfallen“, fantasiere ich und rülpse leise vor mich hin.

Doch was ist das? Unter einer ca. 1m² großen Fläche neben Pizza Hut erblicken meine müden, alkoholisierten Augen ein Lüftungsschachtgebläsemoped oder wie man das auch immer nennt. Da, wo halt warme Luft rauskommt! Bis zur Abfahrt ins 30 Grad warme und sicher sonnenüberflutete Gelsenkirchen sind es noch zwei Stunden. „Wie kann bei -8° Grad ein Platz über einer Heizung frei sein? Eine Polizeifalle?“ frage ich mich und schiebe meinen Körper langsam an Oebel vorbei und nähere mich der imaginären Heizdecke.

Doch halt! Hab ich alles dabei? Mein Hinterteil dort einmal zu rösten um dann wegen einem Toilettengang, fehlendem Ticket oder leer gewordenen Faxe-Bier das neue Revier zu verlassen, wäre fatal. Danach würden sich wahrscheinlich sofort Punks, Obdachlose…oder andere Schalker dort niederlassen. Nach kurzem Roundhouse-Check wanke ich zielsicher in Richtung Wärme. Wie Flip der Grashüpfer springe ich der Flanke entgegen und drücke das Leder gekonnt über die Lüftungsschachtlinie. Geschafft! +15 Grad, Baby!

Gerade Platz genommen und sanft von der Karibik träumend, höre ich aus der Ferne ein Rudel Gelsenkirchener. Das Röhren der Platzhirsche kommt näher. Von der gegenüber liegenden Seite laufen hektisch Polizisten an mir vorbei. Ich schaue meine Dose an, denke an den hochverdienten 1:2 Auswärtssieg, denke an Asamoah und Jones. Ich stehe auf, verlasse meine kleine Insel, verschwinde in den Untiefen des Mobs, der dröhnenden Schlachtgesänge und trinke mit den Jungs weiter. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug. Der Sonderzug fährt vor. Kein Sitzplatz ergattert. „Scheiß auf die Karibik!“ denke ich und freue mich auf Ruhrgebiet und Freundin, der ich in elf SMS geschrieben habe, dass „alles in Ordnung“ sei.

(23.03.2008. Hertha BSC vs. S04, 0:1 Asamoah (12., Kopfball, Pander), 0:2 J. Jones (23., Linksschuss), 1:2 Chahed (67., Foulelfmeter, Rechtsschuss, Kacar. Toilettenfrau: Dagmar aus Meppen!)

72 Std Gefangener des S04