Der talentierte Mr. Marin

Es liest sich wie der Cliffhanger einer schlechten Daily Soap: Marko Marin wechselt erneut den Verein. Und wie bei einer TV-Serie mit überschaubarem Drehbuch, schalten sich immer wieder dieselben Zuschauer ein und spoilern das vermeintliche Ende des Protagonisten. Der Dreizeiler in der Programmzeitschrift: Der talentierte Mr. Marin verspielt weiterhin seine Karriere, ehe ihm Netz-Experten den richtigen Weg weisen. „Was eine Wurst!“, schreibt ein User über Marko Marin. Es ist einer der weniger böswilligen Kommentare über den Wechsel des Mittelfeldspielers von Roter Stern Belgrad zum saudischen Club Al-Ahli. Der Tenor ist, dass Marin schließlich in Belgrad angekommen sei und der Wechsel nach Saudi Arabien ein sportlicher Rückschritt sei, dem reine Geldgier zugrunde läge.

Die Last eines Überfliegers

Zugegeben, Marin macht am Mikrofon nicht immer eine glückliche Figur. Er bekennt sich schnell zu einem neuen Arbeitgeber und spart nicht mit Superlativen, wenn es um sein Wohlbefinden im neuen Verein geht. Das ist prinzipiell nicht verwerflich, doch vergehen, wie jetzt geschehen, nur Tage zwischen Marins Treueschwüren in Belgrad und plötzlichen Vereinswechseln nach Saudi-Arabien. Manchmal möchte man ihn einfach beiseite zerren und für viel Geld einen Spin-Doctor verpflichten. Die Kritik an seiner öffentlichen Handhabe ist nachvollziehbar und richtig.
Das ist aber auch alles. Der Umstand, dass ein Ü30-Spieler statt sportlicher Perspektiven abseits von europäischen Ligen noch einmal den Geldbeutel öffnet, war schon zu Zeiten George Bests ein völlig normaler Vorgang. Die ewig gleichen wie völlig deplatzierten Lacher über Marins Karriere basieren vielmehr auf den damals hohen Erwartungen, die er bis heute auf seinen Schultern trägt. In sämtlichen Auswahlmannschaften vertreten, in Gladbach und Bremen im Rampenlicht, haftete seinem Weg spätestens nach seinem Wechsel zum FC Chelsea der Ruf eines Überfliegers an.

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Dass ihm der Durchbruch an der Stamford Bridge nicht gelang, entfachte schon damals Kommentare, die vor Genugtuung trieften: Wer die große Kohle will, muss eben mit den Konsequenzen rechnen. Premier League ist körperlich halt eine andere Nummer, da haben Weicheier wie er nichts verloren. In Sevilla können es Schwalbenkönige wie Marin vielleicht doch noch zu etwas bringen usw.
Noch einmal zur Klarheit: Ein damals 23-Jähriger konnte sich gegen Spieler wie Juan Mata, Florent Malouda oder Eden Hazard nicht durchsetzen, das war alles. Dass ihm Chelsea keine weiteren Chancen einräumte und ihn trotzdem in den eigenen Reihen hielt, bescherte Marin eine fast ausweglose Situation voller Leihgeschäfte. Denn einerseits gehören Sevilla, Florenz, Anderlecht und Trabzonspor zum gehobenen Repertoire europäischen Fußballs, andererseits kommt da schließlich ein Hochtalentierter von der Stamford Bridge. Egal, wo Marin auch aufschlug: Chelsea war sein Vorname.

Die richtige Entscheidung

Für unzählige, hoch angepriesene Talente führte diese Tour zum Anfang vom Ende. Doch Marin verschlug es trotz weniger Einsätze nicht ins Dickicht zweiter Ligen oder privater Abstürze. Bei Olympiakos Piräus ließ er Chelsea endgültig hinter sich und gewann die griechische Meisterschaft. In Belgrad stellte er sein Spiel – auch dank seiner inzwischen gewonnen Erfahrung – um, gewann auch dort den nationalen Titel und avancierte zum Mannschaftskapitän. Es war vor allem diese Station, die ihm den nun lukrativen und wahrscheinlich letzten Vertrag seiner Karriere ermöglichte. „In Belgrad hätte er zu einer Legende werden können!“, schreibt ein User. Das ist nicht nur maßlos übertrieben, sondern auch Augenwischerei. Ebenso können ein Trainerwechsel oder eine kleinere Verletzung ausreichen, um einen Spieler im gehobenen Fußballalter schnell auf die Bank zu drücken, die Daily Soap um den talentierten Mr. Marin wäre weitergegangen. Jetzt aber ist Marko Marin endlich sein eigener Regisseur.

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