Eine Frage des Respekts

Wenn selbst ein gestandener Innenverteidiger das letzte überzeugende Spiel der Nationalmannschaft auf Herbst 2017 datiert, dann sagt das mehr aus, als Spieler-Noten aus drei Vorrunden-Partien zusammen. Dass Mats Hummels dies kurz nach Spielende eines vorangegangenen Offenbarungseides auf sachlich-nüchterne Weise und nicht in leidenschaftlicher Janusz-Gora-Manier vermittelte, zeugte davon, dass soeben keine überraschende Schande passiert, sondern das Ende eines schleichenden Prozesses zu sehen war.

Die Masse an Kritik, die auf das DFB-Team niederprasselte, war aufgrund des kollektiven Versagens in nahezu allen spielerischen wie mentalen Bereichen hingegen weniger überraschend und zudem berechtigt. Die Tonart aber, die von teils bekannten Einzelpersonen, einigen Medien und auf sozialen Plattformen angeschlagen wird, zeigt auf schauerliche Weise den gasförmigen Aggregatzustand keiner zivilen, sondern empathielosen Diskussionskultur. Darauf verwies auch Oliver Kahn, als er nach den schwachen Leistungen der Nationalelf im ZDF klarstellte: „Kritik sollte sich niemals gegen den Menschen richten.“

Genau das aber ist vor und während der WM auf einem Level geschehen, das in der Nachkriegseschichte des deutschen Fußballs seinesgleichen sucht. Dabei gab es genug sportliche Täler in Marianengraben-Tiefe, was im Zeitalter hilfloser Rumpelfüßler ab 1998 seinen Höhepunkt fand. Die damalige Kritik bezog sich jedoch primär auf den neandertalischen Libero-Fußball aus der Stube Erich Ribbecks oder den jahrelangen Winterschlaf in puncto Jugendarbeit. Carsten Ramelow und Co. wurden indes nie auf ihre nationale Identität geprüft, sondern schlimmstenfalls ob ihrer zeitweiligen Kreisklasse belächelt.

Gegen Davor Sûker und später dann Sergio Conceição sah Fußball-Deutschland ein: das eigene Personal hatte schlichtweg nicht mehr drauf. Und unrühmliche Vorfälle wurden zwar scharf kritisiert, führten aber nicht zu öffentlichen Diffamierungen oder gar Bedrohungen. Man stelle sich einmal vor, nicht Lukas Podolski hätte Michael Ballack 2009 während eines Länderspiels geohrfeigt, sondern Ilkay Gündogan. Man stelle sich einmal vor, nicht Stefan Effenberg hätte den eigenen Fans bei der WM in den USA den Mittelfinger gezeigt, sondern Mesut Özil. Ein Land am Rande des Nervenzusammenbruchs wäre das.

Die Verkommenheit, nämlich nicht auf sportliche Leistungen, sondern auf die Würde von Individuen zu zielen, ist längst nicht mehr nur bei hirnverbrannten Sauerkrautlern auszumachen. Umso mehr heißt es gerade jetzt den Mund gegen persönliche Attacken aufzumachen – auf der Arbeit, im Verein, auf der Straße, in Kommentaren, Leserbriefen oder via Flaschenpost darf diese abartige Masche keine Salonfähigkeit erfahren. Warum das so wichtig ist, zeigt eben nicht nur die haarsträubende Debatte um Özil und Gündogan.

Auch Joachim Löw wird nach dem WM-Aus in einer Form angegangen, die maßlos daneben ist. Ralf Mittmann titelt im Südkurier „Jogi Löw lebt im Gestern.“ Werner Kohlhoffs Leitartikel in der Saarbrücker Zeitung weiß via Titelzeile „was Angela Merkel besser gemacht hat als Löw“. Der General-Anzeiger hat Löw auf frischer Tat bei seiner „Flucht in den Urlaub“ ertappt. Was auf Facebook und Co. derweil passiert, bleibt hier aus FSK- und IQ-Gründen unerwähnt. Und als ob die tägliche Bild-Hetze nicht schon genug ist, schießt die FAZ den Vogel komplett ab, spricht Löw direkt mitsamt Kader an und verkündet, Zeuge einer „öffentlichen Leichenschau“ gewesen zu sein. Das meint das Blatt natürlich nicht selbst, sondern übersetzt nur das, was public viewing im amerikanischen Englisch tatsächlich bedeutet. Der totale Wahnsinn.

Joachim Löw wurde auch von unserer Feder in der Vergangenheit wie auch jetzt kritisiert. Jahrelange Platzhirsch-Hierarchie, fehlendes Leistungsprinzip oder verspätete Spielerwechsel standen dabei fortlaufend im Fokus. Der Erfolg gab Löw jedoch über Jahre recht. Der Weltmeister-Titel trug vor allem seine taktische Handschrift, die Bilanz von 108 Siegen in 165 Spielen ist zweifellos eine herausragende und macht ihn zu einen der ganz Großen seiner Gattung. Kritisiert werden darf und sollte trotzdem, so funktioniert Sport im Allgemeinen eben auch, doch macht bekanntlich der Ton die Musik – darin ist Löw übrigens ebenfalls vorbildhaft, indem er durchweg eine gesunde Mischung aus Ernsthaftigkeit und Lockerheit findet.

Kritik sollte sich niemals gegen den Menschen richten, sagt Kahn. Ein richtiger und wichtiger Satz, der zu Besonnenheit und Respekt aufruft und an erster Stelle stehen sollte.

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