Nur ein Speerwurf vom Tor entfernt

Nach 112 Jahren wechselte West Ham United vom altehrwürdigen Upton Park in das umgebaute London Stadium, in dem 2012 die Olympischen Spiele stattfanden. Für viele Fans gleicht das immer noch einer Katastrophe und beschwört einen Kulturkampf zwischen Tradition und Moderne herauf. Gastautor Marian Thiel war vor Ort und machte sich selbst ein Bild.

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West Ham United vs. Burnley FC, 1:0
14.12.2016
London Stadium
Zuschauer: 56.990

Ein kleiner, dicklicher Junge spielt in den frühen 2000er Jahren mit seinem Bruder FIFA ’98. Er scrollt durch die Liste der Premier League-Vereine und entscheidet sich aufgrund seines positiven Verhältnisses zu Schinken für einen Club namens West Ham United. Trotz oder genau wegen dieses banalen Grundes bleibt der Junge dem Arbeiterverein aus dem Osten Londons über Jahre hinweg freundlich gesinnt.

Im voranschreitenden Alter schaute er sich dann auch mehrere Spiele im Upton Park, der legendären, inzwischen ehemaligen Spielstätte der „Hammers“, an. Schon der Weg zum Stadion verriet ihm, dass er hier nicht auf dem Weg zur Stamford Bridge oder zum Craven Cottage war (Fulham ist eine wirklich schöne Gegend). Nein, er war auf dem Weg zum Upton Park, hier marschiert man vorbei an tristen Reihenhäusern, schmierigen Fast Food Läden und Halal Metzgereien. Genau so hatte es sich der Junge vorgestellt. Er war so entzückt wie Snorre von Wickies starken Wikingern.

Shopping Center und moderne Appartements

Nach knapp zwei Jahren in London hatte mein Stadiontourismus in letzter Zeit doch ein wenig nachgelassen, auch West Ham hatte ich im neuen Stadion noch nicht erleben dürfen. Daher war ich umso glücklicher, als mir meine Burnley-Connection Will mitteilte, dass er für zwei Spiele seiner geliebten „Clarets“ ins ferne London aufbrechen würde. Da eines der Spiele gegen meine „Hammers“ ging, war ein Treffen vorprogrammiert.

Dezember 2016: Ich treffe mich mit Will auf ein fixes Pint in der Innenstadt, bevor es mit der Tube in Richtung Stratford zur neuen Heimat von West Ham geht. Anstelle von Pubs und Reihenhäusern, gibt es hier das Westfield Shopping Center und allerlei moderne Appartements zu bestaunen. Es ist nicht leicht, diese ersten Eindrücke auf dem Weg zum Stadion zu verdauen. Nach zwanzig Minuten entlang von Bauzäunen und anderweitigen Absperrungen, verliere ich nicht nur die Lust auf das neue Stadion, sondern sogar meinen doch eigentlich unstillbaren Hunger auf den obligatorischen Stadion-Pie.

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Einmal auf der Tribüne angekommen, wird es leider nicht besser. Es ist offensichtlich, dass das London Stadium in seinem Fundament wahrlich nicht als Fußballstadion erbaut wurde. Ober- und Unterrang sind durch große, ungenutze Flächen voneinander getrennt, was hinsichtlich der Stimmung Schlimmes befürchten lässt. Besonders die Gesamtgröße der neuen Heimstätte erscheint riesig. Während man im Upton Park die Eckfahne bespucken konnte, sind die Haupttribünen im London Stadium dank der vormaligen Laufbahnkrümmung einen Speerwurf vom Geschehen entfernt. Ich selber stehe hinter einem der Tore und bin schockiert darüber, wie weit das Tor gegenüber entfernt ist.

Zu wenig Teleskope, zu viel Anzeigetafel

„Besser zurücklehnen und das Spiel genießen“, denke ich. Doch ein paar gestolperte Minuten später wird klar, dass von Genuss heute keine Rede sein kann, weshalb ich zum Spiel auch nicht zu viele Worte verlieren möchte. West Ham spielbestimmend, aber lust- und ideenlos. Burnley robust und mit limitierten Mitteln, aber mit mehr Herz. Spannende Szenen sind Mangelware. Symptomatisch fällt das einzige Tor pe Strafstoß. Ich kann aber bis heute nicht sagen, ob es Foul-, Hand- oder weiß Gott was für ein Elfmeter war, da ich leider mein Teleskop zu Hause vergessen hatte. Wenigstens konnte ich bei jeder Spielunterbrechung die bunten Farben der riesigen Anzeigetafeln bewundern, die von Heineken-Bier bis zu maßgeschneiderten Anzügen ein lückenloses Repertoire anpriesen.

Die Stimmung im Stadion will ich natürlich nicht vergessen: Es gab keine. Während die überschaubare Anhängerschaft wenigstens ab und an noch Schunkel-Klassiker wie „We are the Bastards in claret and blue“ intonierten, kam vom Rest des Stadions wirklich gar nichts. Ich musste an ein Spiel in der vierten Liga denken, wo ich in Accrincton von 2.000 Zuschauern mehr auf die Ohren bekam.

Endlose Spaziergänge in charakterloser Landschaft 

So bin ich fast erleichtert, als das Spektakel nach 90 Minuten endet. Mein Abend im London Stadium war aber noch lange nicht zu Ende. Mein Dank gilt an dieser Stelle den Organisatoren im Queen Elizabeth Olympic Park: Der sich ewig hinziehende Rückweg gibt jedem Fan reichlich Zeit zur Reflexion und Verarbeitung des gerade Erlebten. Zum Beispiel kann man darüber nachdenken, wie heile doch die Welt der „Hammers“ in FIFA 98 war.

Alles in allem bleibt der Besuch als ziemlich schmerzhaftes Erlebnis in Erinnerung. Der Club mit all seinen Ecken und Kanten, der mich über Jahre so sehr verzückt hatte, existiert nicht mehr. Seinem angestammten Viertel entrissen, in ein Leichtathletik-Stadion verfrachtet, platziert er nun in einer charakterlosen Landschaft aus Einkaufsmeile und modernen (vermutlich unbezahlbaren) Wohnblocks. Da kann ich fast nachvollziehen, dass keiner mehr Bock auf Singen hat.

Marian Thiel

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