Tacheles zum x-ten “Weckruf”

Der 2:1-Anschlusstreffer durch Harry Kane war die bezeichnende Szene des Spiels. Eine kurze, schnelle Drehung reichte dem 22-Jährigen, um dann durch einen Beinschuss ins lange Eck zu treffen. Seine beiden Gegenspieler Müller und Özil führten dabei einen Synchrontanz vor, der eher an eine königliche Eskorte erinnerte als an einen Zweikampf. Das ganze zehn Meter vor dem eigenen Tor, wo selbst auf diesem Niveau das Tribünendach nie die schlechteste Lösung ist.

kcmscs

Doch hatte man sich über dieses Laissez-faire schon während des gesamten Spiels echauffieren müssen, bekam man von Thomas Müller im späteren Interview noch einen Nachtritt, indem er klarstellte: „Wir konnten den Testspielcharakter irgendwie nicht abschütteln. Wir als Mannschaft sind nicht an die 100%, auch vom Einsatz, von der Aggressivität, rangekommen. Das ist leider nichts Neues, dass wir bei Testspielen nicht ganz so gut aussehen.“ Man darf fragen, was es also braucht für die richtige Einstellung. Der größte europäische Klassiker inklusive ausverkauftem Olympiastadion scheint das nötige Adrenalin und die richtige Einstellung nicht hervorrufen zu können. Auch Testspiele waren zwischen diesen beiden Nationen seit jeher von Prestige geprägt und stellten immer weit mehr dar als ein Trainigskick. Englands 5:1-Kantersieg in München inklusive Michael Owens Drei-Tore-Gala ist bis heute ebenso Thema im Pub wie Didi Hammans „Abrissbirne für Wembley“, die vielen Inselbewohnern immer noch den Magen umdreht.

Der Irritation nicht genug. Im Aktuellen Sportstudio spricht Löw das aus, was man als Zuschauer von Minute eins an gesehen und gefühlt hatte: „Wir hatten, selbst als wir 2:0 geführt haben, eigentlich kein gutes, dynamisches Spiel. Wir hatten auch nicht immer in diesem Spiel die Kontrolle.“ Nur fünf Minuten zuvor waren Gomez und Khedira, offensichtlich vom 2:0-Vorsprung geblendet, vom Gegenteil überzeugt. Wusste zunächst Gomez, dass man „bis zum 2:0 und auch die paar Minuten danach ein richtig, richtig gutes Spiel gemacht“ hat, war sich auch Khedira sicher „bis zum 2:0 vieles richtig gemacht“ gemacht zu haben. Offenbar ist es nicht nur ein Problem der Einstellung, sondern auch eines mit dem Realitätsempfinden eines Weltmeisters.

Doch dass Fußball nicht ausschließlich Kopfsache ist, wurde gestern ebenfalls bewiesen. Der 11 Freunde-Ticker brachte das 2:2 von James Vardy auf den Punkt: „Was für eine Bude! Ausrufezeichen! Und Jogi Löw? Bringt Lukas Podolski. Jeder wie er kann.“ Was sich hier so humorvoll anhört ist leider bittere Wahrheit. Die derzeitige Personalsituation im DFB-Team ist mehr als nur bedenklich. Wer das nicht wahrhaben will, dem empfehlen wir auch weiterhin unsere Tugenden, Turniermannschaftsgene und das 7:1 gegen Brasilien zu feiern. Es ist zwei Jahre her, basta. Wachwerden, schlandsche Couch-Potatoes!

Die EM-Qualifikation wurde mit Hängen und Würgen abgeschlossen und in Spielen gegen Polen, Irland und Georgien verwies man immer wieder gerne auf die mentale Schwierigkeit mit dem Umgang „kleinerer Gegner“. Doch England ist ein anderes Kaliber wie beispielsweise Schottland, weshalb auch die „Weckruf“-Phrase gestern so deplatziert wirkte wie André Schürrles Stellungsspiel beim 2:3. Wir gehen noch weiter und posaunen, dass es bei manchen Spielern für nicht mehr reicht.

Dass Jonas Hector ein guter linker Verteidiger ist, aber eben nur ein guter. Einer, der zwar ein solides Repertoire abruft, dass bestenfalls aber gut genug für die Gruppenphase ist, da er immense Probleme mit schnellen, an der Linie klebenden Gegenspielern hat und folglich die Abstände nicht halten kann. Dass Antonio Rüdiger noch Luft nach oben in der Entwicklung hat und diese auch atmen wird. Für die EM allerdings kommt der Auftritt von Beginn an zu früh. Das weiß übrigens auch die italienische Presse, die ihn regelmäßig wegen seinen Sekundenschläfen kritisiert. Dass André Schürrle wegen fehlender Spielpraxis und Spiellaune gerade ebenso wenig hilft wie Lukas Podolski, der bei Galatasaray zwar dauerhaft spielt, aber „Gala“ eben zurzeit auch ein Club ohne Anspruch ist und mit 22 Punkten Rückstand auf Besiktas auf Platz sechs einer Mittelklasse-Liga klebt. Auch will man Sebastian Rudy nichts Böses, aber ja, lassen wir das mit Hinblick auf die Bundesliga-Tabelle.

So weiß man außer mehr als bisher nur durchschnittlichen Auftritten über die deutsche Mannschaft nur zwei Dinge ganz sicher: der jetzige Kader ist einerseits zu schwach für den EM-Titel, andererseits sollten gestandene Spieler wie Thomas Müller ihre „Leichtigkeit des Seins“ besser ganz schnell ablegen und vielleicht auch den ein oder anderen coolen Spruch erst nach getaner Arbeit bringen.

Frohe Ostern!

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