Diego Costa, Fußballschrott!

Das Maß ist voll. Man kann sich vieles schönreden. Man kann sich vieles auf dem Fußballplatz schönreden. Indem man alles in Relation setzt, indem man bei groben Fouls auf große Namen wie Roy Keane oder Gennaro Gattuso verweist, darüber lacht, sich auf die Kreisliga beruft, einen prostet und denkt: „Ach komm, das sind halt Typen. So war es doch schon immer.“ Oder sich gar darauf ausruht, dass die Geschichte des Fußballs nun einmal unmittelbar mit der des Rugbys verknüpft ist. Fußball, wie wir ihn heute kennen, entstammt dem Rugby, richtig. Damals noch ohne Torlatte, ohne Abseits und Kapitäne gab es nur, um auf Foul oder Weiterspielen zu entscheiden. Schiedsrichter wurden erst später eingeführt. Man(n) regelte das eben wie man(n) es eben regeln musste.

dsfsdgs

Ok, in der Retroperspektive alles selbsterklärend: die „Fußlümmelei“ als Ausdruck fehlender Grazilität, als grobmotorisches Pendant des Turnsports, politisch wie religiös als Frevel denunziert, eine Krankheit der Bauern und des Pöbels, ein „Problem“ der Straße. Umso schwieriger war daher die Verabschiedung des ersten Fußball-Regelwerks vom 8. Dezember 1863, verfasst von der „Football Association“ (FA), bei der nicht jede der 14 Regeln mit Beifall begrüßt wurde. Protokollauszug eines Redners: „Auch nach dem Gegner zu treten, das ist wahrer Fußball! Die in Cambridge hatten kein Recht, dagegen eine Regel einzuführen! […] Wenn man die Erlaubnis des Tretens beseitigt, braucht man für das Spiel überhaupt kein Mut und keinen Schneid mehr! Dann können wir gleich ein paar Franzosen über den Kanal holen und dabei zusehen, wie die nach nur einwöchiger Spielpraxis eine englische Mannschaft schlagen!“ Zitat Ende. Soviel zur Geburt „englischer Härte“.

Diego Costa weiß von all dem nichts. Vielleicht hat er mal von „englischer Härte“ gehört, von Roy Keane, Barry Ferguson oder Vinnie Jones, vielleicht vom „Butcher“, vielleicht hat er nach Kopfballduellen mit Jaap Stam gegooglet. Man weiß es nicht. Wahrscheinlicher ist aber, dass ihm das alles, und damit ist die sportliche Mischung aus Fairplay und Agon gemeint, einfach scheißegal ist. So banal wie radikal es klingen mag: hinsichtlich der kämpferischen Geschichte des Fußballs, lebte der Sport seit jeher von Austeilen und Einstecken, vom Treten und getreten werden. Ein Einvernehmen, ein imaginärer Schwur untereinander. Was hier aber passiert, konzentriert sich ausschließlich auf Unsportlichkeit und Provokation.

Diego Costa hat demnach im Fußball nicht das Geringste verloren. Einem Gegner nach einem Foul aufhelfen? Ohne Costa. Keine gelben Karten fordern? Ohne Costa. Die gegnerischen Fans nicht provozieren? Ohne Costa. Jede Sekunde für Nickligkeiten und Provokationen ausnutzen, wenn der Schiri nicht hinschaut? Mit Costa. Mit Costa. Mit Costa. Sich dieses Spektakel der Unfairness neunzig Minuten lang anzusehen, obendrein immer und immer wieder, ist wie eine Grätsche gegen die eigene Biographie. Eine Grätsche gegen all das, was am Bolzplatz verboten war, im Verein mit Strafrunden geahndet wurde und gegen das, was Eltern präventiv vorlebten, um asoziales Verhalten des Kindes innerhalb der Gruppe zu vermeiden.

Wer das Spiel am heutigen Tag zwischen Chelsea und Arsenal aufmerksam verfolgt hat, wird dem zustimmen (müssen). Man hat einfach keine Lust mehr, auf die fußballerischen Qualitäten dieses Mannes hinzuweisen. Zu dieser Minute sitzt übrigens Per Mertesacker im aktuellen Sportstudio. Gemeinsam schaut man die Höhepunkte des Spiels an, besser gesagt DEN Höhepunkt des Spiels. Als nämlich Diego Costa gleich mehrmals in das Gesicht seines Gegners (Koscielny) schlägt und einmal mehr keine Ahndung erfährt. Auf die Anmerkung des Moderators, dass englische Fans solche Theatralik doch eigentlich mit Missgunst und Ablehnung kommentieren würden, antwortet Mertesacker: „Ganz im Gegenteil. Er wurde mit standing ovations aus dem Stadion verabschiedet. Da ist Rivalität wichtiger als das, was auf dem Spielfeld passiert!“ Sportlich gesehen weiß er nur eines: „Erstmal muss er vom Platz.“ Unterschreiben wir. Mit großer Sicherheit auch die Seelen der FA-Gründer von 1863.

hrp

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2 Kommentare

  1. CATENACCIO 07

    Ich konnte mir vorhin einige Szenen des Spiels zu Gemüte führen. Und als großer Anhänger von englischer Härte, sowie einem eher rustikalen Spielstil – das hat mit diesen Dingen nichts zu tun. Costa führt sich auf, wie ein durchgeknallter Irrer auf Entzug. Soll sich hier in Deutschland mal keiner beschweren, wenn unsere Schiris ab und an zu pingelig sind. Besser, als so ein dummer Kindergarten.

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    • Die Schottische Furche

      Stimmen dir in jeder Zeile zu. Denn genau das ist es: es geht hier überhaupt nicht um „Englische Härte“. Es geht um einen Typen, der nur darauf aus ist, eben NICHT durch Tacklings den Vorteil zu bekommen. Schlagen, Kratzen, Beißen – da liegt dann nämlich der Unterschied zu den Keanes und Stams. 90 Minuten lang.

      Nicht unser Fußball.

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