Gästehoppblock: Derby di Milano!

Match: Inter Mailand vs. AC Mailand
Date: 13.09.2015, 20.45 Uhr
Ground: Stadio Giuseppe Meazza, San Siro
Zuschauer: 79.154
Rahmen: leichter Regen, geschätzte 15 Grad, Flutlicht, perfektes Derby Wetter
Torschützen: 1:0 (58., Freddy Guarin)
Bier: 0,4l für 5€, kalt einigermaßen genießbar
Essen: Keine Zeit

Fotos und Text: Jan Gawron

Mailand empfing uns Sonntagmittag mit strömendem Regen und 15 Grad. Frisch aus der Toskana kommend, fühlte sich das in etwa so trostlos an wie die letzte Saison der beiden lombardischen Traditionsklubs. Die Vorfreude war dennoch grenzenlos, schließlich waren wir nicht zum Shoppen angereist, sondern zum 299. Derby di Milano. Und das sollte in jedem Fall beeindruckend werden, denn egal wie gut die aktuelle Form der 22 Hauptdarsteller auch sein mag – der Geist von Maldini, Zanetti oder den Baresi-Brüdern weht so elektrisierend durch San Siro, dass man sich ihm nicht entziehen kann.

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Ganz so romantisch war das Vorspiel dann allerdings nicht. Die Karten hatten wir online für einen hohen zweistelligen Eurobetrag erstanden, der unseren Geldbörsen einen „Schwarzen Freitag“ bescherte. Für 5€ Shipping-Gebühren erwarben wir daraufhin das Recht, mit einer ausgedruckten E-mail am Spieltag zwischen 11 und 14Uhr in ein Hotel marschieren zu dürfen, um gegen Ausweisvorlage (witzigerweise nur der des Bestellers, egal wie viele Karten letztendlich bestellt worden waren) Tickets zu erhalten. Der Mehrwert dieses Umwegs erschloss sich uns nicht zu einhundert Prozent. Vielleicht aber liegt es auch einfach nur daran, keine Mitglieder der Ndrangheta zu sein. Jedenfalls warteten wir in der wohl durchschnittlichsten Hotellobby, in der wir je waren, auf unsere Karten. Wäre ich ein Hotelgast gewesen, ich hätte mich wegen der gut hundert Fußballfans, die mein Hotel belagerten und ziemlich unbegehbar machten, beschwert. Naja, Derby is’ nur zwei Mal im Jahr und übersteigt jede Vernunft. Irgendwann hielten wir unsere Karten dann tatsächlich in den Händen. Wir? Das waren übrigens Michael und Joseph S. Zumindest laut Tickets. Bald hatten wir glücklicherweise ein Schreiben entdeckt und übersetzt, welches besagte, dass unsere Tickets Rückläufer seien und somit die Namen auf den Tickets nicht notwendigerweise mit unseren übereinstimmen müssen. Ein ausgeklügeltes, freundliches, ja gar weltoffenes System, das keinerlei Fragen offenlässt. Michael und Joseph S. starben eines ganz natürlichen Todes, versicherte man uns.

Dann ging es los nach San Siro: ein weniger schöner Stadtteil Mailands mit einem weniger schönen Stadion (Baujahr 1926), dafür aber mit jeder Menge Kribbeln und Gänsehautpotential. Rein ging’s erstaunlich zügig und dann über einen parkhausähnlichen torre nach oben in den dritten Stock. Nachdem wir dann die vermeintlich einzige Toilette im ganzen Stadion gefunden hatten, konnten wir die Atmosphäre endlich so richtig genießen. Schon eine Stunde vor Spielbeginn wirkte das ganze Stadion angespannt. Die Angst vor einer möglichen Niederlage gegen den Erzfeind, gepaart mit gleichzeitiger Hoffnung auf einen Sieg und die Vorherrschaft in der Stadt, waren deutlich spürbar. (Für gewöhnlich verfluche ich Kommentatoren für die Floskel, die Spannung sei  „greifbar“, jedoch kann man es besser nicht umschreiben. Die Spannung war schlicht und einfach greifbar!)

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Da Inter offiziell ein Heimspiel hatte, war blau die etwas stärker vertretene Farbe auf den Tribünen. Trotz aufgeheizter Derbyatmosphäre und gegenseitiger Liebes- bis Hassbekundungen, blieb alles friedlich. Die Dichte an Geschwistern mit verschiedenfarbigen Trikots war enorm. Hinter uns saß ein Inter-Vater, der das ganze Spiel über völlig verzweifelte, da sein jüngster Sprössling beharrlich bei den AC Fans mitklatschte und sich über jede einzelne vergebene Adriano-Chance ärgerte (und das waren einige!). Das alles war äußerst amüsant, denn der Kleine steckte von oben bis unten in Inter-Klamotten. Allem Anschein nach also total freiwillig. Bottom-line: Der Austausch zwischen den Fan-Lagern lief ausschließlich auf verbaler Ebene ab. Daumen hoch dafür! Pünktlich zum Einlauf präsentierten sowohl die Curva Nord (Inter), als auch die Curva Sud ihre Choreographie.

Beide Mannschaften hatten ihre guten wie schlechten Phasen. Die ersten zwanzig Minuten gehörtem dem AC. Dessen Angriffsbemühungen scheiterten aber in Regelmäßigkeit an Adrianos katastrophaler Entscheidungsfindung und Chancenverwertung, oder Hondas Stoppproblemen, oder am Inter-Riegel, oder am Fußballgott. Die Partie war insgesamt über weite Strecken „typisch italienisch“ und von „Taktik geprägt“ – wie man im Fachjargon so wunderbar sagt. Icardi und Adriano tauchten ein paar Mal völlig frei vor Lopez, beziehungsweise Handanovic auf und vergaben jeweils kläglich. Ansonsten wurde viel abgesichert und wenig kreativ nach vorne gespielt. Beide Mannschaften beschränkten sich doch sehr häufig auf unkontrolliertes Ballwegschlagen in Drucksituationen oder langen Bällen auf die Außen, die dann in die Mitte zogen und alsbald an der Verteidigung hängen blieben. Unterhaltsam war es dennoch und bezeichnend der Treffer: Milan minutenlang am Drücker, Inter verteidigte abenteuerlich und mit viel Glück, schlug dann aber diesen einen Ball weg, der zufällig (oder falls geplant: weltklasse!) bei Santon landete, welcher Guarin auf die rechte Außenbahn schickte, der die Murmel zum Erstaunen aller einmal nicht verhaspelte, sondern kaltschnäuzig links im Tor versenkte.

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Dann wurde es laut. Noch lauter wurde es allerdings vier Minuten später. Dreiviertel der Zuschauer verlor vollkommen die Nerven und es folgte mit Sicherheit das lauteste Pfeifkonzert, das ich jemals gehört habe: Einwechslung Balotelli! Der fand das Ganze gewohnt geil, schritt direkt zum Freistoßpunkt und brachte die Flanke gezielt auf einen Inter-Kopf. Durch ihn kam Milan nochmals in Schwung und hätte den Ausgleich verdient gehabt. Die Nerazzurri feierten nach Abpfiff ausgelassen und sind nun Tabellenführer. Milan hat sich offensiv zwar verstärkt, muss aber aufpassen, im Stadtduell nicht dauerhaft ins Hintertreffen zu geraten.

Zum Abschluss noch ein kurzer Aufruf: Geht zeitnah ins San Siro! Milan plant zur Saison 2019/20 den Bau eines eigenen Stadions. Wer auf Parkhaus-Charme, teures Bier und viele laute Leute in verrückter Atmosphäre steht, wird sich im einzigen Stadion, welches zwei Champions League Sieger beheimatet, wohlfühlen.

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