Druck, Drucksen, Draxler

Vorweg gesagt: Druck kann furchtbar sein. Und wenn man nicht mehr weiter kann, hat man ihm nicht Stand gehalten. Das gilt für Fußballprofis ebenso wie für Ingenieure, Kfz-Mechaniker und Bäckergesellen. Druck sollte nicht unterschätzt werden, schon gar nicht, wenn er sich als schwere Last entpuppt und die Gesundheit angreift. Für Mike Wunderlich, Sebastian Deisler, Markus Miller, Martin Amedick oder Ralf Rangnick wurde dies im Geschäft des Fußballs eine ebenso bittere Tatsache wie für Sven Hannawald im Skispringen, Jan Frodeno im Triathlon oder Jennifer Capriati im Tennis. Die traurige wie dumme Phrase, welche versucht das Gehalt von Profisportlern in Relation zu ihren Leistungen zu bringen, taugt nicht einmal als Zwischenruf nach drei Bieren: „Wenn ich so viel verdienen würde wie die…!“. Ja, man verdient aber nicht so viel wie die, kann es folglich null beurteilen und sollte vielmehr jene hinterfragen, welche die Gehälter und Ablösesummen überhaupt erst gestalten und sie wie Despoten dominieren. Frodeno umschrieb das Mensch-Maschine(rie)-Paradoxon vor Jahren einmal hilflos wie unmissverständlich: „Es gibt kein Plan B, deshalb muss Plan A funktionieren!“ Deshalb gelten immer nur hundert Prozent für Profisportler. Deshalb entsteht Druck. Druck auf Dauer. Denn diese hundert Prozent sind es, welche schlussendlich die Gefahr einer Erschöpfung hervorrufen und welche von den Medien nicht selten kolportiert, in jedem Falle aber forciert werden – vielleicht der einzige Aspekt, der nicht auf Ingenieure, Industriemechaniker und Bäckergesellen zutrifft.

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Das Beispiel Julian Draxler zeigt das alles nicht. Seit seinem entscheidenden Tor im DFB-Pokal 2011 gegen den „Club“ aus Nürnberg mit dessen damaligen Trainer Dieter Hecking, kann man Draxler bestenfalls punktuell hundert Prozent attestieren. Eine Konstante bleibt er bis heute Fans und Verein schuldig.

Zugegebenermaßen lag das primär an seinem Alter. Man stelle sich nur einmal vor, man selbst ballere mit 17 Jahren einen großen Bundesligaverein in der 119. Minute nach Lehrbuchübersteiger und 20 Meter-Hammer ins Halbfinale des Pokals. Wie läuft da der nächste Schultag ab? Wie empfindet man die Blicke in der S-Bahn, wie im Supermarkt? Für extreme Vergleiche steht Boris Becker sicherlich gerne zur Verfügung, der Mitte Juli 2015 im aktuellen Sportstudio noch einmal resümierte, dass sein Wimbledon-Sieg menschlich gesehen viel zu früh kam, sehr vieles danach in die falsche Bahn gelenkt wurde und er sich erst Jahre später wieder auf Tennis konzentrieren konnte.

Zugegebenermaßen spielen auch Draxlers Verletzungen keine untergeordnete Rolle. Gerade die Art Fußball, die Draxler abseits seines großen Talents so außergewöhnlich macht, fordert hundertprozentige Fitness. Schnelle Dribblings, abruptes Abstoppen, von außen nach innen ziehen, ein, zwei Übersteiger und nicht selten wartet ein Schienbein des Abwehrspielers – eine extreme, und stets der Perfektion unterworfene Spielweise, die unter hundert Prozent keiner Mannschaft weiterhilft. (siehe: Arjen Robben und Frank Ribéry) Das ständige Ausscheiden und das Vielleicht-Auflaufen tun den Besten ihrer Gattung auf Dauer weh.

Summa summarum jedoch kommt man nicht um die Tatsache herum, dass Draxler ein ad hoc-Genie ist, der es in vier Jahren Schalke zwar immer wieder zu Galaauftritten wie beim 2:0 CL-Erfolg bei Arsenal London oder im Derby 2013 brachte, die Leistung aber bis heute nie länger als über zwei, maximal drei Spieltage halten konnte. Druck entsteht nun einmal durch erbrachte oder eben fehlende Leistung. Es waren nicht die Fans des FC Schalke, die Draxler in die Nationalelf geschrien haben und es war auch nicht der Verein allein, der ihn auf heroischen Werbebanden wie einen Zenturio durchs Ruhrgebiet zog. Zuvor hatten Spieler und Berater in puncto Vertragsverlängerung lange taktiert und nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit Glaubwürdigkeit und Vertrauen gepokert.

Es ist doch sehr verwunderlich, dass gerade jetzt, wo Schalke kein Saisonziel vorgibt, der Kader von Platzhirschen wie Jones und Boateng befreit wurde und mit Andre Breitenreiter ein Trainer mit schützender Hand in Gelsenkirchen arbeitet, Julian Draxler von „zu viel Druck“ spricht. Mehr noch. Absurd ist vor allem Draxlers Aussage „bis jetzt zwar keine Narrenfreiheit“ in Schalke genossen zu haben, aber in Wolfsburg „jetzt im Training noch mehr gefordert zu sein“. Ohne große Interpretationen macht ein Spieler also klar, dass er nah dran war, Narrenfeiheit zu genießen, gleichzeitig aber dem Druck und der Erwartungshaltung nicht mehr gewachsen ist. Dazu passt, dass Draxler nie einen Hehl daraus machte, die „Zehnerposition“  für sich zu beanspruchen, obwohl er dort trotz vieler Einsätze nie glänzte und seine besten Spiele immer auf den Außenbahnen absolvierte.

Die Definition von Druck ist hier Farce und Alibi in einem. Der Wechsel ruft abseits von 36 Millionen Euro Ablöse nach Gründen, und Draxler nennt welche, die für jeden Schalke Fan einem Schlag ins Gesicht nahe kommen. Denn Draxler wurde von den Fans stets behütet. Mitspieler, die in grausamen Partien weder besser noch schlechter waren als er, wurden weitaus mehr angegangen als das Schoßkind mit der Nummer 10. Soll er einfach sagen, dass ihn das Gehalt gelockt hat und er enttäuscht war über den geplatzten Juventus Deal, träumt er doch bekanntlich auch jetzt noch vom Ausland. Vielleicht würde dieser Umgang mit Ex-Vereinen und Ex-Fans und weniger Herumdrucksen einigen Profis viel Ärger ersparen. Machen Ingenieure, Kfz-Mechaniker und Bäckergesellen ja auch.

hrp

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Ein Kommentar

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