Oh Joey Garner, I’ll let you shag my wife!

League One Play-Off Finale
24.05.2015, 17.30 (GMT)
Preston North End vs. Swindon Town 4:0
Ort: Wembley Stadium
Zuschauer: 48.363

Text und Bild: Marian Thiel

Nach abgeschlossenem Studium und zwei Monaten Arbeitssuche packte ich mir Ende April meinen Koffer und kehrte in das Land der schönen Menschen und leckeren Rezepte zurück – dieses Mal mit einem One-Way-Ticket. Anders als zu Zeiten meines Auslandsstudiums zog es mich jedoch nicht in den rauen Norden, sondern in den verweichlichten Süden. Ich entschied mich in Harrow im Großraum London zu leben und zu arbeiten, fernab meiner fußballerischen Heimat Lancashire, wo ich stets mit Pies, Bovril und galaktischen Traumtoren verwöhnt wurde.

Preston North End hat wie auch in den letzten Jahren eine gute Saison gespielt, nur um am letzten Spieltag aus den direkten Aufstiegsplätzen rauszurutschen. Den Platz an der Sonne nahm niemand anderes ein als Milton Keynes Dons, ein Verein, der soviel Charakter und Sympathiepunkte besitzt wie Anschi Machatschkala in seinen besten Zeiten. Also ging es für Preston mal wieder in die Play-Offs. 9x war man zuvor in den Play-Offs angetreten, 9x hatte man die Sache verbaselt. Im Falle eines erneuten Ausscheidens stand Preston also vor seiner ganz persönlichen La Décima.

Im Vorjahr scheiterte man noch an der Fußballmacht Rotherham United, jedoch deutete Joe Garner’s Traumtor schon damals an, dass Preston eigentlich zu Höherem berufen ist. Dieses Mal ging es zunächst gegen Chesterfield und siehe da: zwei Spiele, zwei Siege und plötzlich hieß es: „Wembley Park Station. Please, mind the gap.“ Auf Kohlen sitzend wartete ich auf die Möglichkeit Tickets zu ergattern, um zum ersten Mal seit meiner Ankunft wieder Stadionluft zu schnuppern. Tickets der ersten Kategorie lagen bei schlappen 82 Pfund, daher scrollte ich schnell runter, bis einigermaßen erschwingliche Preise auftauchten. Zwei Tickets der fünften Kategorie für je 32 Pfund waren im Rahmen des Machbaren. Deal!

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Ich streifte mein Preston-Trikot über und machte mich auf den Weg zur U-Bahn. Meine Angespanntheit löste sich, als mir die vereinzelt anreisenden PNE-Fans zunickten. Ich scheine also noch nicht zu einem “soft southern bastard“ verkommen zu sein. Jedenfalls rede ich mir das gerne ein. Viel besser in diese Kategorie passt da schon Prestons Gegner im Endspiel: Swindon Town aus dem gleichnamigen Städtchen westlich von London. Im Wembley Park erwartete mich schon Paul “Simey“ Simmonds, mein alter Freund und Kupferstecher aus gemeinsamen Prestoner Studententagen. Von der Station läuft man geradeaus auf das Stadion zu, eine wahrhaftige Champs-Élysées für jeden Fußballfan. Nach Ticketabholung und kurzem Fotoshoot mit lebensgroßer IRN BRU-Dose trieb uns der Durst. Wir klapperten Straße um Straße ab, doch alle Pubs, die wir vorfanden, gewährten nur Swindon-Fans Einlass. Nach zehn Minuten sahen wir endlich eine weiß-blaue Fahne an einem… einem Social Club! Obwohl dies nach Diskriminierung schrie, zahlten wir den Eintritt und begaben uns zielstrebig an die Bar.
Alles war exakt so, wie man sich einen britischen Social Club vorstellt: muffig, schwül und mit einem Interieur, welches wahrscheinlich zu Zeiten von Maggie Thatcher schon altbacken war. Doch anstatt Ale schlürfenden alten Herren, die das Weltgeschehen diskutierten, war der Laden an diesem Tag gut gefüllt mit Fans des “One and only North End“. Der nicht enden wollende Andrang ließ mehr und mehr tropische Bedingungen entstehen. Das Klientel enttäuschte nicht: Viele Menschen in Jogginghosen, die wenig gesund aussahen. Ich fühlte mich wie zuhause.

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Ohne auf den Sauna-Aufguss zu warten, machten wir uns nach zwei Pints dann doch auf den Weg zurück ins Stadion, um dort traditionsgemäß den Pie des Hauses zu genießen. Wir gingen von Snackbar zu Snackbar, doch nirgends gab es Pies. Aus Angst wurde Panik, aus Panik wurde traurige Gewissheit: es gab keine Pies. Sowas habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Es gab pulled pork-hotdogs, Falafel, Hamburger mit Champignons (!!!), Roséwein und eine stattliche Auswahl von Ales vom Fass…aber keine Pies. Nicht nur, dass dem kleinen Mann der Stadionbesuch durch horrende Eintrittspreise schon genug erschwert wird, nein, jetzt wird ihm zudem noch die Nahrungsgrundlage entzogen.
Natürlich waren wir nicht die einzigen, denen dieser nicht tolerierbare Umstand auffiel. Gerade im Norden wird der Pie gelebt und dementsprechend an diesem Tage besonders schmerzlich vermisst. Das aus PET-Flaschen “gezapfte“ Carlsberg für 4.95£ machte es nicht leichter, mit dieser Situation umzugehen. Weil der Hunger stärker war, sprangen wir dann aber doch über unseren Schatten und holten uns schließlich ein Hotdog, welcher zwar überraschend gut, aber mit 5£ eine weitere Vergewaltigung des Portemonnaies bedeutete. Es half ja alles nichts, also gab es noch ein Bier obendrauf. Nach einigen weiteren verstörenden Momenten, wie dem schändlichen “Come on you Blues-Finger“ oder dem Stuhlgang bei offener Tür, machten wir uns auf den Weg zu unseren Plätzen.

Auf der Tribüne angekommen, sahen wir gleich, dass zuschauertechnisch noch ordentlich Luft nach oben war. Ich gehe einfach mal davon aus, dass die Pie-Abstinenz vorher die Runde gemacht hatte. Dennoch schien der Norden weitaus stärker vertreten zu sein. Das Spiel begann und ich lauschte dem Klang alter Klassiker wie “Stand up, if you hate Blackpool“ und neuen Kreationen wie “Oh Joey Garner, you are the love of my life. Oh Joey Garner, I’ll let you shag my wife. Oh Joey Garner, I want ginger hair too“. Leider machten sich nun unsere Kategorie 5-Plätze bemerkbar. Während das Gros der Preston-Fans sich halbnackt feierte und (be)sang, saßen wir auf dem Oberrang vor einem Jungen, der alle drei Sekunden Preeeeeeston schrie. Nichts anderes. Die ganze Halbzeit.

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Zum Spiel selber gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Jermaine Beckford und Simey’s alter Schulkollege Paul Huntington sorgten bereits in der ersten Halbzeit für klare Verhältnisse. Beckford war es dann auch wieder, der mit seinem dritten Tor des Abends den Endstand besorgte: 4:0. Das sind gefühlt mehr Tore als in meinen bisherigen Preston-Spielen zusammen. Standesgemäß wurde zur Überreichung der Trophäe das inoffizielle Vereinslied “Can’t help falling in love“ gespielt, welches das Erlebnis abrundet.

Alles in allem ein erlebnisreicher Tag mit Höhen und Tiefen. Von Euphorie über den Sieg bis Hirn-Aneurysma aufgrund fehlender Fleischküchlein war heute wirklich alles dabei. Preston in der Championship, la Décima kann warten. Ich freue mich schon jetzt auf die Spiele, die ich in der kommenden Saison im Raum London im Auswärtsblock verfolgen kann. Oben ohne und mit Pie in der Hand. So wie es sich für einen waschechten Northerner gehört.

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