Nein, Jens, ich will das nicht mehr!

von Heiko Rothenpieler (völlig neutral)

„Schiri ey maaan, der 5er hat ja mehr Leben als Jens Keller!“ hallte es am Sonntag in der Bezirksliga 4 Westfalen über den Platz. Nuhnetals Trainer Arno Deimel tobte am Spielfeldrand wie das HB-Männchen in seinen besten Zeiten. Auch die spitze Nase und das schwarz-gelbe Outfit ließen die beiden nur schwer auseinander halten. Arno ging es wohl sehr schlecht da draußen. 1:3-Rückstand. 81. Minute. Hilflos, allein, machtlos. Nur sieben Punkte aus acht Spielen. Ich stand in der Nähe und verstand HB-Arno, ihn und seinen genialen Geistesritt in den Metapherkeller.

Heute wurde Keller entlassen. Mein auf lautlos gestelltes Smartphone kämpfte mit 47 WhatsApp-Nachrichten in 13 Chats. Akku leer. Ich antwortete in kleinen Sätzen, versuchte in Kürze episch zu antworten. Schrieb Sätze wie „Ein Volk atmet auf“ oder „Das Leiden hat ein Ende“ bis zu internen Glückseligkeiten wie „Max Meyer darf nun durchspielen“ oder „Roman ‚Bolt‘ Neustädter bekommt es nun schwer haha“. Zwischen neun und zehn Uhr telefonierte ich durchgehend. Danach kommentierte ich like HB-Arno das ein oder andere von Freunden oder ehemaligen Keepern: „Hoffenheim ist doch nur die Spitze des Eisbergs. Du weißt doch selbst wie das ist mit deinen Vorderleuten. Rückt man sie in jedem neuen Spiel zurecht wie Schachfiguren, geraten sie in ausweglose Situationen. Verletzte hin, Verletzte her. Es hat schon viel früher begonnen. Erinnere mich an Höger als rechter Verteidiger beim Pokal-Aus in Dresden. Erinnere mich an eine klar offensive Marschroute in Gladbach mit einer C-Elf und Boateng als Zehner: „Wir hatten einen Plan, der nicht aufgegangen ist.“ (Höwedes) Erinnere mich an Ayhan als rechter Verteidiger in Hannover, der zentral, aber auch nur zentral einer der besten Fußballer auf Schalke ist. Das reicht aber Keller nicht als Einsicht – gegen Maribor musste Ayhan wieder rechts ran. Erinnere mich an Neustädter, der gerade wegen seiner fehlenden Schnelligkeit jemand flottes neben sich braucht. Keller stellt ihm Matip zur Seite. Welch Wunder endet das mit Gelb-Rot. Die Liste an taktischen Fehlern ist so lang wie seine ganze Trainerzeit. Und soll mir bloß keiner mit dem Derbysieg kommen. Auch da weißt du bestens, dass dies über Emotionen geht und eigene Gesetze beinhaltet. Hannover, Hoffenheim, Frankfurt, Ligaalltag – darum geht es leider Gottes eben auch! Spätestens das Auftreten gegen Saloniki hätte als letzte beispielhafte Phase das Ende des Trainers bedeuten müssen.“ 

Nun ist es 13Uhr und ich habe beschlossen einen Strich unter dem Ganzen zu ziehen. Ich reg mich nicht mehr auf. Nein, Jens, ich will das nicht mehr! 21 Monate habe ich das getan und mich jedes Mal gefragt, warum keiner außer dem Trainer selbst vor laufender Kamera seine Monate Auf Schalke derart penibel zählt. Das hat jetzt ein Ende. Ich wollte dem Mann nie etwas Böses, schon gar nicht wegen seines traurigen Blickes, was – wie ich finde – in die unterste Schublade gehört und an denunzierender Kritik kaum zu überbieten ist. Für einen Jugendtrainer, der mit Kölner SpoHo-Kladde die Kabine betritt, wird es für Keller immer reichen. Für mehr aber auch leider nicht. Das weiß auch HB-Arno.

hrp

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