Wigan Athletic – Blackpool FC 0:2

Championship, 45. Spieltag

26.04.2014, 15:00 Uhr
DW Stadium, Wigan
Zuschauerzahl: 19,137

Text und Bild: Marian Thiel

cEs war mal wieder Zeit, die Universitätsroutine mit unterklassigem Fußball zu verdrängen. Hatte ich doch in letzter Zeit eine verhältnismäßig ruhige Kugel am Schreibtisch geschoben. Ganz im Gegensatz zu meinen Mitbewohnern und eigentlich allen anderen hier in Preston, die derbe im Prüfungsstress steckten. So ging es an diesem sonnigen Samstag auf eigene Faust ins schöne Wigan. Ist es deprimierend, sich alleine ein Wigan-Spiel anzugucken? Ich bin mir nicht sicher. Vom Spiel erwartete ich jedoch alles andere als eine ruhige Kugel. Für Wigan, trainiert von ManCity-Legende Uwe Rösler, ging es schließlich darum, in die Play-offs einzuziehen.

Angekommen am Bahnhof Preston erwartete ich eigentlich eine orangefarbene Invasion aus dem benachbarten Blackpool. Die Fans der Seasiders, aka Tangerines aka Donkey Lashers (abwertender Name, den Preston-Fans gebrauchen) haben in Preston nicht den allerbesten Ruf, wurden in der Vergangenheit doch regelmäßig diverse Einrichtungen während des Fan-Durchzugs neu angestrichen. Begrüßt wurde ich am Bahnhof jedoch nur von vier Halbstarken, bewaffnet mit orangefarbene Flaggen und Jogginghosen. „Donkeys!“ dachte ich. Fast beängstigend.

Vom Bahnhof Wigan ging es dann zügig zum DW Stadium. Als gutgläubiger Mensch vertraute ich dem Ticketverkäufer bei der Platzwahl. Fünf Minuten später fand ich mich auf der Kinder- und Rentnertribüne wieder. Besten Dank. Steht es wirklich so schlimm ums Studententum? Da half nur eins: Pie holen. Kenner der Szene werden sicherlich gleich erkannt haben, dass es sich wieder mal um einen Holland’s Pie handelt, wie er auch in Burnley serviert wird. Bedeutet: Allererste Güteklasse. Gratulation an Wigan für diese Delikatesse.

aVon Beginn an machten die Auswärtsfans ordentlich Stimmung. Mit dem ersten Gesang wurde direkt meine frische Liebe Preston North End verunglimpft, interessanterweise mit dem gleichen Lied, mit dem die Seestädter sonst in Preston geschmäht werden. Die Welt ist klein und Lancashire offensichtlich noch kleiner. Ich konnte den Schmähgesang verkraften, denn wenigstens kam so Stimmung auf. Anders die Wigan-Anhänger, die sich gepflegt zurückhielten (hatten mit hoher Wahrscheinlichkeit alle gerade einen dieser göttlichen Pies im Gaumen). Es dauerte dann doch 15 Minuten, bis ich erahnen konnte, wo der harte Kern der Latics-Fans saß. Doch auch diese Truppe konnte nicht verhindern, dass es sich über 90 Minuten wie ein Blackpool-Heimspiel anfühlte.

Das Spielgeschehen plätscherte in der ersten Hälfte lustlos vor sich hin. Ein Kick im Mittelfeld. Keine echten Torchancen. Eben Fußball wie wir ihn lieben und brauchen um hinterher anzuklagen, warum man sich das eigentlich immer und immer wieder antut.

Da war es nur logisch, dass ein elendig dreckiger Elfmeter herhalten musste. Kann man geben, muss man aber blabla. Das Fazit eines Blackpool-Fans während der Rückreise: „Der ist über seine eigenen Beine gestolpert.“ Daher wohl eher fragwürdig die Entscheidung. Doch es juckte eh niemanden, denn den durchaus gut gesetzten Elfer parierte Matthew Gilks in beeindruckender Manier mit einer Hand. 0:0. Es ist schwer ein 0:0 zu bewerten. Soll ja Menschen geben, die immer wieder ein „0:0 der besseren Sorte“ proklamieren. Gerade fällt mir auf, dass ich für die Charakterbeschreibung der ersten Spielhälfte einfach nur die Shift-Taste gedrückt lassen muss: =:=

In der Halbzeit ging es unterhaltsamer zu Werke. Zuerst entzückte das Wigan-Maskottchen, welches von Weitem gewisse Ähnlichkeit mit H.P. Baxxter hat. Feinbritischer Humor stieg empor, als das Publikum die Jugendspieler aus der Nachbarschaft bei ihrer Ehrenrunde auslachte, als diese vom Rasensprenger erfasst wurden.

bIn der zweiten Hälfte präsentierten sich die Mannschaften wie ausgewechselt. Gab es vielleicht Pies zum Pausentee? Wigan spielte druckvoller und erarbeitete sich mehr und mehr Chancen. Mitten in die Druckphase der Gastgeber erzielten die Gäste jedoch den glücklichen Führungstreffer nach mustergültigem Konter. War zuvor schon jede Ecke wie ein Tor bejubelt worden, gab es jetzt auf der Gästetribüne gar kein Halten mehr. Und was macht man wenn man glücklich ist? Genau, menschenunwürdige Schmählieder gegen Preston singen. Ich liebe dieses Land. Wigan blieb spielbestimmend. Die Blau-Weißen reagierten mit weiteren Angriffen, die jedoch allesamt erfolglos blieben. Blackpool hingegen eiskalt. Nur 10 Minuten nach der Führung erhöhten sie in gleicher Manier zum 0:2. Wieder stand Wigan hoch, wieder setzte es den tödlichen Konter. Nach dem Treffer schien auch das Heimteam eingesehen zu haben, dass der Drops gelutscht war. So gab es nach 95 Minuten die Wiedergeburt der Tangerines zu feiern.

Die Rückfahrt entschädigte mich dann auch noch für die unspektakuläre Anreise. Neben den Schaffnern war ich wohl der Einzige im Zug, der weder Orange trug, noch sieges(be)trunken war. So war ich wenigstens in der geistigen Lage, den Herren Knüppel in der Polizeikontrolle plausibel zu erklären, dass ich nur in Preston wohne und überzeugter Pazifist bin, der doch eigentlich nur zwei Dinge mag: Fußball und Pies.

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