Mein Sportidol

Als ich vier war, bekam er seinen ersten Profivertrag. Da war er sechzehn. Siebzehn Jahre später, im Sommer 2006, verabschiedete er sich von der großen Bühne des Fußballs. Heute ist er Vater von vier Söhnen. Jeder von ihnen spielt in der Jugend von Real Madrid. Bei den Königlichen. Den Besten ihres Alters. Ob Sie eines Tages einmal in die Fußstapfen ihres großen Vaters treten? Unmöglich. Einfach unmöglich! Sie werden so hilflos sein. So überfordert. So allein mit sich und ihrem Talent. Bekannt, lediglich durch ihren berühmten Nachnamen. Sie werden noch so viel Tore schießen, noch so viele Titel holen – sie werden immer nur die Söhne „von“ sein.

Bestenfalls wird es ihnen ergehen wie Lionel Messi. Dem Argentinier. Dem vierfachen Weltfußballer, dem vierfachen Champions League Gewinner. Heute Superstar. Und morgen? Morgen wird er wieder einer jener Söhne Argentiniens sein, die es nie aus dem Schatten Maradonas heraus schafften. Ihm mangelt es nämlich an Mythos, an Ecken und Kanten, mangelt es an eigenem Profil und Che Guevara-Tattoos. Nicht einmal eine „Hand Gottes“ kann er vorweisen. Als Messi mit einem 60m-Sololauf Maradonas „Jahrhundert-Tor“ der WM 1986 gegen stümperhafte Engländer nahezu exakt kopierte, entschied sich die Welt zu urteilen: Ein tolles, gigantisches, unfassbares Tor, das aber letzten Endes doch wieder nur „wie das von Maradona“ aussah. Vergleiche tun weh. Vergleiche werden den vier Jungs noch wehtun. Wenn sie eines Tages als Erwachsene zum Trainingsgelände schlendern und bei jedem Fehlpass von Hinz und Kunz daran erinnert werden, dem Druck des großen Namen nicht standhalten zu können, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Daher wird auch Messi immer nur Messi bleiben. Die Halbgottposition in Buenos Aires ist längst vergeben. Für immer.

Als ich zwölf wurde, bekam einer seiner Tricks einen eigenen Namen. Im gleichen Jahr holte er mit Juventus Turin den „Scudetto“ (italienischer Meistertitel) und wurde zum „besten ausländischen Spieler“ in Italien gewählt. Sein Trick beschäftigte mich sehr. Er war einfach und doch genial. Zwei Ballkontakte mit der Fußsohle plus 180 Grad Körperdrehung, mit hohem Tempo raus aus der Bedrängnis. Voilà! Das war alles. Als ich den Trick das erste Mal sah, erinnerte er mich mitsamt Spielsituation an eine Keilerei in einem Asterix-Comic. Ein Gallier, in der Mitte stehend, umzingelt von wilden Horden oder viel zu vielen Römern. Als der Staub sich nach dem blinden Anrennen der Gegner legt, steht nur noch einer. Einer mit Zaubertrank in seinen Adern. Rückblickend glaube ich, dass ich in jeder sich bietenden Situation auf dem Fußball- bzw. Bolzplatz den Trick versuchte anzuwenden. Ja, ich suchte regelrecht undurchsichtige Spielsituationen mit möglichst vielen Gegnern auf engem Raum. Jene Spielsituation, die den Trick überhaupt erst möglich machte. Einer gegen alle. Der kleine, flinke Gallier befreit sich. Durch einen einzigen Trick, den sonst keiner kann. Gibt es für ein fußballbegeistertes Kind etwas Geileres?

Ein Jahr später veränderte der 21. Juni 1998 die Fußballwelt. Während der Weltmeisterschaft in Frankreich schlugen deutsche Hooligans bei Straßenschlachten in Lens den Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode. Wieder einmal stand die zivilisierte Welt vor der Frage, ob und wie ein Sportereignis inmitten solcher Bilder überhaupt weitergehen könne. In Frankreich herrschte Schockstarre. Fünfzig Jahre hatte man auf eine WM im eigenen Land warten müssen. An jenem Nachmittag schlug große Euphorie mit einem Male in blankes Entsetzen um. Aus Sicht der Veranstalter konnte dem Hass nur mit Sport geantwortet werden. Das stolze Frankreich schrie nach Genesung, schrie nach einer Antwort ihrer Mannschaft, ihrer Équipe Tricolore. Der Traum vom Titel im eigenen Land avancierte zu einem Trotzmechanismus, der an Kollektivbewusstsein und Patriotismus dynamischer kaum hätte sein können. Zwanzig Tage später köpft mein Idol im Finale gegen Brasilien vor 80.000 Zuschauern in Paris das 1 und 2 zu 0. Rivaldo, Bebeto, Ronaldo. Namen von Superstars. Der beste Angriff der Welt? Pfff. Launische Diven mit Tagesformcharakter! Nichts für mich. Frankreich gewann schließlich mit 3:0. Am Ende des Jahres gab es nur einen Namen, der als Weltfußballer in Frage kam. Daniel Nivel hingegen taumelte an diesem glorreichen 12. Juli zwischen Leben und Tod. Erst sechs Wochen später wachte er aus dem Koma auf. Als Weltmeister.

Drei Jahre später kostete er Real Madrid 73,5 Millionen Euro. Nie zuvor hatte ein Club eine derartige Summe für einen einzigen Spieler aufgebracht. Sein Trick gehörte längst zum Repertoire eines jeden Mittelklassekickers. Die einstige Haarbracht war längst einer imposanten Glatze gewichen. Direkt im ersten Jahr mit ihm gewann Real Madrid die Champions League im Glasgower Hampden Park. Nicht, dass dies für mich nur eine logische Konsequenz war, nein. Mich wunderte nicht einmal, dass er das vorentscheidende 2:0 schoss – natürlich per Seitfallzieher aus zwanzig Metern in den linken Winkel. Ich dachte nur beim Anblick dieses, ohne Frage weiteren Künstlerstücks, wieso er den Ball nicht hätte auf diese Weise im Tor unterbringen sollen. Es war ja schließlich er und nicht irgendein daher gelaufener Nobody, der sein Glückstreffer dem Zufall zu verdanken hatte. Was soll ein 73,5 Millionen-Euro-Mann schon mit einer Flanke anfangen. Richtig. Genau das. Achso, der Gegner im Finale hieß übrigens Bayer Leverkusen und Carsten Ramelow war sein Gegenspieler. Belanglosigkeiten gehören eben an den Schluss.

2006 ist das Jahr der Informatik. Kalkulation und Programmierung negieren Überraschungsmoment und Affekt. Bereits vor der WM war klar, dass er nach dem Turnier seine Karriere beenden würde. Die Équipe Tricolore hatte kein Buchmacher auf dem Zettel. Zu hoch war der Altersdurchschnitt, zu mittelalterlich der Spielstil, zu alt der Kapitän. Das war er. Inzwischen 36 Jahre alt. Er wurde Spieler des Turniers und beendete seine Laufbahn. So in etwa hört sich wohl das Karriereende eines Sterblichen an. Eines Spielers, der nur teuer ist und außer Fußball nichts zu bieten hat. Er aber beschloss in der 7. Minute im Berliner Olympiastadion am 9. Juli, dass ein Elfmeter nicht einfach nur ins Netz gehört. Er zelebrierte einen „Panenka“, der von der Unterlatte hinter die Torlinie sprang. Wer sonst hätte Genie und Wahnsinn so eng zusammen treiben können, wenn nicht er. Sein Abgang hätte groß werden können. Gerade jetzt, wo die auserkorenen neuen „Stars“, allen voran Ronaldinho, wie unerfahrene Pubertäre aufspielten, ausgestattet mit Technik und sonst nichts. Viertelfinale, acht Tage zuvor: Ronaldinho, Kaka, Ronaldo gegen ihn. Er alleine wie Asterix. Brasilien schied das erste Mal seit 1990 vor dem Finale aus. Gerade jetzt, wo die modernen Viererketten aufflammten und dem „10er“, dem edelsten aller Fußlümmler seit Pelé, der Untergang prophezeit wurde. Zeit für die Gunst der Stunde, gegen Jugendstil und bunte Fußballschuhe.

Er aber entschied sich anders. 110. Minute. Kopfstoß gegen Materazzi, Italiens Verteidiger. Mit der Wucht einer Abrissbirne. Platzverweis. Karriereende. Im italienischen Fernsehen gab Materazzi später zu, er habe auf das Angebot, ihm sein Trikot zu geben, wörtlich erwidert: „Preferisco la puttana di tua sorella“ (zu deutsch etwa: „Ich bevorzuge deine Schwester, die Nutte!“). Jeder, der jemals im Vereinsfußball aktiv war, wusste, dass dies nun wirklich keinen Ausraster legitimierte. Weiß doch jeder, dass bei Verbalattacken und Provokationen meistens die eigene Familie herhalten muss. Wer diese rhetorischen Entgleisungen seiner Gegenspieler nicht verträgt, steht beim eigenen Trainer nicht gerade hoch im Kurs. Auch hier gilt die Phrase, dass Fußball im Kopf entschieden wird. Ihm war´s egal. Ihm durfte es egal sein. Majestätsbeleidigungen führen seit Pontius Pilatus eben zu körperlichem Leid. Materazzi sank zu Boden wie ein weinendes Kind, während Zidane schuldgeständig die Kapitänsbinde weitergab. Rein sportliche Leistungen erschaffen eben noch lange keine Statue. Diese folgte ein paar Tage später. Der „Zidane“-Trick fällt mir übrigens heute so schwer wie Brot schmieren. Danke, Zizou.

hrp

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