The Son of Southampton

In England ist das Wetter bereits seit Wochen chaotisch. Sturm und Regen sorgen in Kleinstädten für menschenleere Straßen. Die Zugverbindung an der Südküste nach Cornwall ist abgeschnitten. Bahngleise wurden unterspült. Weite Teile des Binnenlandes sind überflutet, Straßen unbefahrbar und dem hilflosen Krisenmanagement steht das Wasser selbst bis zum Hals. Mit Regen hatte in England nun wirklich niemand rechnen können. Mitten in diesen stürmischen Zeiten stirbt mein englischer Großvater.

von Lukas Stermann

1961450_10201275906134178_1494347417_n

Mein Wecker funktioniert tadellos. Es ist 3:00Uhr. Schnell stehe ich auf. Schnell stehe ich am Bahngleis. Im Zugabteil tobt eine Schlafwandlerarmee aus Frühschichtlern und Trunkenbolden. Orte namens Eystrup und Dörverden rauschen vorbei. Eine Ticketkontrolle später steige ich aus. Bremen Hauptbahnhof. Schnell weiter. Hier ist der Fußball grausam. Meine Mum winkt mir zu. Dann schon ein Fluglotse. Der Flug nach London-Stansted dauert eine gute Stunde. Er fühlt sich länger an.

Kurz nach der Landung stehen wir erst einmal still. „Ladies and Gentleman, you may worry why we still didn‘t open the doors. Although we land 2 – 3 times a day in Stansted, the airport crew seems to be surprised today“. Scheinbar rechnet man auf der Insel momentan mit mehr als nur schlechtem Wetter. Kameras überall, Polizisten mit Maschinengewehren im Flughafenfoyer, Kontrollen à la Ausnahmezustand. Gestatten, Stermann mein Name. Terrorist und Trauergast.

Southampton war einst Englands wichtigster Handelshafen. Nach der britischen Expansion übernahmen dieses Prädikat Plymouth und Liverpool. Dann wurde Southampton beliebtester Erholungsort, bis sich dieses Prädikat Brighton schnappte. Erst kein Handel, dann keine Badegäste mehr. Also baute man Schiffe. Viele Schiffe. Ein ziemlich bekanntes verließ 1912 den Hafen in Richtung Eisberg. Zu diesem Zeitpunkt war der FC Southampton bereits 15 Jahre alt und musste sich zwei Mal im FA-Cup Finale geschlagen geben.

In der Stadt angekommen. Wir bleiben über das Wochenende bei meinem Onkel. Ein Leihwagen bringt uns dorthin. Es regnet. Nach der Ankunft bekomme ich von meiner Mutter einen Hinweis auf ein Versteck. Mein Onkel schaut mich an. Dann greife ich nach einem Umschlag. Gemeinsam öffnen wir ihn. In meiner Hand liegt eine Karte für das Spiel gegen Stoke City. Heute! Tasse Tee kann warten. Nein, doch nicht. Ich schlürfe den Tee wie einen Schluck besten Wein. Dann schnell wieder rein ins Auto. Matchday!

Während der Autofahrt kommen wir an riesigen Heideflächen vorbei. „Entstanden während der historischen Rodungen für den Häuser- und Schiffsbau“, sagt mein Vater. Einige Kilometer weiter tut sich das Hafengelände auf. „Hier hat dein Großvater an der Queen Elizabeth 2 gebaut“, sagt meine Mutter. Wir parken das Auto in der Stadt und gehen von dort zu Fuß weiter.

Auf dem Weg zum Stadion machen wir für einen Pint im „The Joiners Arms“ halt. Mein Onkel zeigt auf den Tresen: „Lies mal!“ In dieser Spelunke, die eine Kneipe im Vorderraum und einen Durchgang zu einem sehr kleinen Konzertraum weiter hinten hat, haben die größten UK Popbands der letzten 20 Jahre die Gitarren geschwungen. Die Liste ist unglaublich: Radiohead, Kasabian, The Kooks, Oasis, PJ Harvey.

Der Barkeeper kann wie aus dem Zapfhahn geschossen das Auftrittsdatum der Künstler nennen und hat mindestens zwei Anekdoten zu jeder Band parat. Im aktuellen Party-Kalender kenne ich niemanden, außer übermorgen: A Wilhelm Scream. Stark! Als I-Punkt finde ich im Konzertraum ein großes Banner, auf dem ein Manifest nieder geschrieben ist. Überschrift: SUPPORT LOCAL MUSIC. Es gibt sie also noch, die Bühnen auf denen etwas gewagt wird, wo scheitern ok ist, wo Träume bleiben oder platzen. Schnell austrinken. Kick off in spürbarer Nähe.

Das St.Mary‘s Stadium ist als Bauwerk kein architektonischer Blickfang. 32.000 Zuschauer fasst der einfache Rundbau, eine Dauerkarte kostet 700 Pfund. Premier League-Mittelmaß, Bundesliga-Upper Class. Wirklich besonders ist das Umfeld des Stadions. Alte Stahlskelette von Gasaufbereitungsanlagen stehen wie Götzen einer vergessenen Welt vor maroden Fabrikanlagen. Im Gegensatz zu meinem Großvater kann ich die ehemalige Industriephalanx dieser Stadt aber nur erahnen.

Nicht nur ein Bier täte nun gut. Durch den ad hocen Aufbruch direkt nach Ankunft knurrt auch der Magen. Der Tee ist schuld. Wahrscheinlich. Dann wird mir schnell das Ausmaß des modernen Fußballs klar. Nichts, aber auch gar nichts darf mit in den Block. Nicht einmal Wasser. Verzehr nur in den Katakomben unter den Tribünen. Ordner braucht es kaum, wacht doch stets das digitale Auge Saurons auf jede Bewegung der schwer bewaffnneten Fan-Hobbits.

6., 38., 41. Minute. 2:1. Ein aufregender Kick. Mein Onkel geht schon mal in die Katakomben um sich am Bierstand anzustellen. Für ihn beginnt eine hektische viertel Stunde, in der er warten, bestellen und leer trinken muss. Immer den Wiederanpfiff im Nacken. Er wird es schaffen, dieser Teufelskerl. Etwas aber verpasst er. 44. Minute: An der rechten Eckfahne legt sich der Schotte Charlie Adam den Eckball für Stoke zurecht. Tumult im Strafraum, Peter Crouch steigt zum Kopfball hoch UUUND…

Ich glaube ich habe nie einen Spieler gesehen wie Peter Crouch. Eine 2,03m lange Hybridform aus Besenstiel und Averell Dalton, mit schiefem Gebiss und unwirklichen Grimassen. Eitelkeit ist hier so fehl am Platz wie ein Spieglein an der Wand. Vor dem Spiel erzählte mir mein Onkel: „You know, Crouch is in a relationship with a famous model. He was once asked by a journalist: „What would you be, if you wouldn‘t have become a professional football player?“ And Peter Crouch said: „A virgin“. Symphatisch, dieses menschenähnliche Wesen…UUUND köpft eiskalt ins rechte Eck. 2:2. Halbzeit.

Nach der Pause passiert so viel Schönes wie in einem Schweiger-Tatort. Wenig bis kaum Handlung, geprägt von miesen Darstellern, das Ende herbeisehnend. Doch darum geht es nicht. Nicht an diesem Wochenende. Das fehlende Happy End flüstert mir zu, dass nicht alles immer perfekt laufen kann. Schon gar nicht im Leben. Mein Großvater, Familienmensch und einer der letzten mir bekannten humorvollen Realisten, hätte das Remis wahrscheinlich nicht so eng gesehen wie ich und eine passendere Metapher gefunden.

Ein paar Überwachungskameras später fragt mich eine ebenfalls nicht ganz perfekt aussehende Stewardess: “Möchten Sie einen Kaffee oder Sekt? Snacks oder Sandwich? Interesse an einem Gewinnspiel?”. Kurz denke ich an Peter Crouch. An dieses Wetter. An dieses Bier ohne Blume. An den FC Southampton. An die kaputten Industriebauten und die Titanic. An alles nicht Perfekte. Ich bestelle Sekt, Snacks und drei Lose. Auf Opa. Cheers!

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s