Die Arbeitsbiene

Es gibt wohl kaum eine Bezeichnung in der Welt des runden Leders, die sich derart treffend auf die Spielweise eines Fußballers anwenden lässt wie der Begriff der Arbeitsbiene. Auf dem Spielfeld charakterisiert der Ausdruck bestimmte Spieler, die sich durch hohe Einsatzbereitschaft und Disziplin in den Dienst ihrer Mannschaft stellen. Von Axel Roos über Yves Eigenrauch bis Gunther Metz …“This is just a Tribute“:

Bee MovieBesonders markant ist vor allem das rigorose Befolgen der zugetragenen Aufgaben. Dies bedeutet nicht, dass der Rest des Teams zwangsläufig durch Lustlosigkeit und Eigensinn in Erscheinung tritt, jedoch sticht die Arbeitsbiene mit Hilfe ihrer enormen Physis in den Bereichen Zweikampf und Laufbereitschaft besonders heraus. Im Gegenzug sind ihre technischen und spielerischen Fähigkeiten meist erheblich schwächer wie die der Mit- oder Gegenspieler. Von Trainerseite ist daher das richtige taktische Einsetzen von Arbeitsbienen ebenso wichtig wie das Definieren klarer Aufgaben. Im Fußballjargon spricht man deshalb auch gerne davon, dass Arbeitsbienen, ähnlich wie die zweikampfaffinen Vertreter der Kategorien Raubein, Wadenbeißer, Axt, Zerstörer, Pferdelunge usw., im sogenannten „Rahmen ihrer Möglichkeiten“ spielen. Diese Umschreibung beinhaltet zwei Wertungen.

Zum einen wird auf diese Weise der Spieler in Schutz genommen, indem man auf subtile Art sein offensichtlich fehlendes Talent relativiert und damit solidarisch anerkennt. Zum anderen bestätigt der „Rahmen der Möglichkeiten“ das Erbringen maximal möglicher Leistung und negiert folglich den Vorwurf, nicht „alles probiert zu haben“. Zweites, elementares Merkmal der Arbeitsbiene ist ihre elefantöse Disziplin. Sowohl neben als auch auf dem Spielfeld sind sie für Integrität, Fairness und Bodenständigkeit bekannt! Spieler wie Axel Roos (22 Jahre FCK), Willi Landgraf  (508x 2. Liga) oder Uwe Bin-de-wald-Fußballgott (Spitzname „Zico“) waren aufgrund ihrer Spielweise bzw. ihrer Aufgaben oft in Zweikämpfe vermittelt und sahen nicht selten berechtigte gelbe Karten. Dass Spieler nie mit allen Entscheidungen des Schiedsrichters d‘accord sind, liegt in der Natur des prestigebedingten Wettkampfes. Doch waren diese Spieler nicht dafür bekannt, jene Entscheidungen auf eine Weise zu kritisieren, die den oder die Unparteiischen persönlich anfeindeten oder eine Lappalie nutzten um Rudelbildungen zu provozieren.Bildhaft gesagt, begeht eine Arbeitsbiene ein Foul und während sie die Ahndung dessen akzeptiert, besinnt sie sich schon wieder ihrer eigentlichen Aufgaben und „schwirrt“ davon.

BindewaldDas Gleiche gilt für den Umgang mit Gegenspielern. Frei nach Platon, der wusste, dass er eigentlich nichts wusste und so seine menschliche Beschränktheit zum Ausdruck brachte, sind sich Arbeitsbienen sehr wohl bewusst über ihren spielerischen Horizont. Ich wiederhole das gern nochmal für manch jene, die sich gerne überschätzen: „Sie sind sich bewusst über ihren spielerischen Horizont!“ Es geht also um Wahrnehmung und dergleichen.

So begegnen sie ihren Gegnern zwar mit Härte, jedoch auch mit dem nötigen Respekt, basierend auf der platonisch-adaptierten Erkenntnis (wie gerad erwähnt) spielerischer und technischer Unterlegenheit. Yves Eigenrauch z.B. machte im Viertelfinale des UEFA-Cups 1998 gegen Weltfußballer Ronaldo von Inter Mailand auch deshalb das Spiel seines Lebens, weil er sich seiner begrenzten Mittel in Relation zu Superstar Ronaldo von Beginn an bewusst war. In 112 kräftezehrenden Parkstadion-Minuten foulte er Ronaldo ein einziges Mal, bevor dieser ausgewechselt wurde. Nach dem Foul entschuldigte er sich kurz, verhalf ihm wieder auf die teuersten Beine der Welt und drehte ab / schwirrte davon. Kein Anpöbeln, kein Provozieren. Der Journalist Klaus Hoeltzenbein fasste in der Berliner Zeitung am 19.03.1998 auf zusammen: „Die übrige Fußballwelt aber wird sich Videos besorgen. Über Yves Eigenrauch, den Verteidiger und Student, der früh schlafen geht. Und der das Geheimnis, wie man Ronaldo stoppt, unter der Decke hält.“ Verbales Nachtreten gegenüber Gegenspielern ist für eine Arbeitsbiene ebenso wenig bedeutsam wie Lorbeeren und Ehrenhymnen.

In einem animalischen Bienenstaat finden sich diesbezüglich jede Menge Parallelen. Sobald eine Biene das Licht der Welt erblickt, beginnt sie umgehend mit der Arbeit für die Gemeinschaft. Nur das pausenlose Aktiv-Sein im Auftrag des Kollektivs garantiert ein funktionierendes System. Während ihres kurzen, ca. 40-tägigen Lebens wird eine Arbeitsbiene in der Hierarchie weder aufsteigen, noch anerkannt sein. Denn obwohl sich mit ihrem Alter die Aufgaben ändern, wird sie für den Staat, die Drohnen und die Königin immer nur eines tun: Zuarbeiten. Dies passiert in sechs Schritten, die man vereinfacht so beschreiben kann: Putzen (1.-3. Tag), Futtervorbereitung (4.-5. Tag), Versorgung (6.-13.Tag), Wachsausscheidung (14.-16. Tag), Bewachung (17.-19. Tag), Sammeln (ab 21. Tag bis Tod).

Axel RoosMan könnte an dieser Stelle viele weitere Vergleiche zwischen der Arbeitsbiene auf dem Fußballfeld und der eines Bienenstaates formulieren. Es wäre sicherlich nicht uninteressant darüber zu philosophieren ob die Königin demnach die „Nr. 10“ bzw. der Spielgestalter ist, ob „Putzen“ etwas mit „Vorstoppen“ à la Georg „Katsche“ Schwarzenbeck zu tun hat oder ob das Sammeln von Wasser und Pollen mit dem Abgrätschen von Bällen gleichzusetzen ist. Doch die essentiellste Beobachtung findet auf einer weitaus abstrakteren Ebene statt. Ab dem Zeitpunkt des Schlüpfens bzw. des Anstoßes eines Fußballspiels, vergeht für die Arbeitsbiene beiderseits keine Sekunde des Nichtstuns. Dies erscheint derart maschinell und automatisiert als sei sie für Aufgaben aller Art geradezu dankbar. Die Abhandlungen passieren schnell, gezielt und loyal. Alles wirkt wie die Schichtarbeit eines industriellen Betriebes, in der ausschließlich das fertige Produkt zählt.

Übertragen auf den Fußball ist der Erfolg das Produkt. Um dies zu erreichen, müssen u.a. Reparaturen (meist im Mittelfeld) durchgeführt werden, die im Fußballjargon auch unter der Umschreibung „Löcher stopfen“ bekannt ist. Gemeint sind freie Räume, die der gegnerischen Mannschaft zu viel Platz bieten, oft hervorgerufen durch zu langsames Umschalten in die eigene Rückwärstbewegung Taktische Fouls, weite Laufwege und hochkonzentriertes Zweikampfverhalten sind Elemente des Reparaturverhaltens und gelten für viele Spielertypen als undankbare, sogenannte „Drecksarbeit“. Für diese Arbeit benötigt man Spieler, die sich dieser ohne Einschränkung annehmen. Dies ist nicht selbstverständlich, da die „Drecksarbeit“ oft durch lässiges oder überhebliches Spielverhalten der Mitspieler entsteht und zu unnötigen Ballverlusten führt.

Doch die Tage der Arbeitsbiene sind gezählt. Fallen sie in Amateurligen noch relativ häufig auf, gehören sie in höheren Spielklassen zu den bedrohten Arten. Die modernen Spielsysteme, die u.a. auch die Gattung des Liberos in die Reservate der Kreisligen zurück drängte, zielen seit der revolutionären Einführung der Viererkette und der damit einhergehenden kontrollierten Offensive auf technische Perfektion.

22_Gunter MetzZwischen 1987 und 1999 absolvierte Gunther Metz 287 Spiele für den Karlsruher SC. Wie schon viele Arbeitsbienen vor ihm, avancierte der 1,74m lange Dauerläufer, bekannt für seinen kämpferischen und schnörkellosen Spielstil, zum Publikumsliebling. Diese Huldigung schritt soweit voran, dass ihn die KSC-Fans nur noch „Magic-Metz“ riefen. Man kennt das von Michael „Magic“ Prus von Schalke 04. 210 Ligaeinsätze, kein Tor. MAGIC! Ein Oxymoron in Reinform also. Zurück zu „Magic-Metz“. Ende der Neunziger verringerte sich die Zahl seiner Einsätze jedoch, da seine geringe technische Versiertheit den Ansprüchen der Moderne nicht genügte. Bereits mit der Verpflichtung von Slaven Bilić rückte der KSC, wie auch viele andere Vereine, von dem Vertrauen in einseitige Spielertypen ab.

Das wohl endgültige Abtreten der ursprünglichen Arbeitsbiene war gleichzeitig auch ihr größter Moment. Otto Rehhagels Europameistertitel 2004 mit Griechenland begründete die letzte große Sternstunde eines „Bienenstaates“. Viele Gönner des ansehnlichen, modernen Fußballs kritisierten Rehhagel und seine vorgegebene „Mauertaktik“. Doch Rehhagel blieb nach eigener Aussage gar nichts anderes übrig, als seine griechischen Arbeitsbienen defensiv einzustellen. Diese folgten den Anweisungen der deutschen „Königin“ aufs Wort und gewannen den Titel mit mittelalterlicher Fußballkunst. Danach manifestierten sich im Mittelfeld endgültig „Raute“ und „Doppelsechs“. Der Bienenstaat zerfiel und Spieler Carsten Ramelow verloren ihren Job. (Bis heute eines dieser ungelösten Rätsel, wie dieser Mann Tore schießen konnte!)

Doch das veränderte die Arbeitsbienen nicht. Lässt sie nicht mutieren. Bienen wie „Magic-Metz“ ändern nur ihren Kurs, doch niemals ihren Spielstil. Und wenn sich irgendetwas bewahrheitet hat in den unterschiedlichen Epochen des Fußballs, dann die Wechselhaftigkeit der taktischen Marschroute. Vielleicht werden ja die Kinder unserer Kinder unserer Kinder eines Tages wieder als Fußball-Arbeitsbienen in einem Kollektivsystem ausgebildet. Einem 2-3-5-System z.B. – eben das der Schottischen Furche.

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