Ein Kellergespenst geht um in Europa

34 Stunden einfache Fahrt . Wenn man vorher mit dem Bus wegen 90min Fußball in Manchester oder Barcelona war und dachte, man sei „anders als die Anderen“, musste man nur auf seine blutunterlaufenen Knöchel oder die inzwischen dritte Währung in der Geldbörse schauen, um zu realisieren, dass eine Tour bis hinter die Karpaten eine andere Hausnummer ist. Ein Bericht über Straßenhunde,  Costa Cordalis & Friends, unzähmbare Eisenlungen, charakterlose Spieler und die Tatsache, dass Hartz IV mit dem Begriff „Armut“ so rein gar nichts zu tun hat. – Von Heiko Rothenpieler

München 413km. Ausfahrt Friedberg wäre rechts gewesen. Verpasst. Ich weiß nicht ob ich weinen oder lachen soll. Vor ein paar Tagen ergaunerten sich hier in der Nähe elf Knappen ein bemitleidenswertes 3:3 in der letzten Minute. Die Zeiten von breiter Brust, Kohlenpott-Proll-letariat und totaler Identifizierung mit der eigenen Truppe sind längst im Winde verweht. Später wird uns ein Reporter von Schalke-TV fragen, was wir „vom Spiel erwarten“. In der ungeschnittenen Version des Interviews (kritisch ist und darf nicht mehr, weil ja alles so super läuft im Verein) lautet unsere Antwort, dass der Begriff „erwarten“ zu stark und er durch „erhoffen“ zu ersetzen sei. Denn wir „erhoffen uns ein ganz kleines Brötchen, einen Torwart z.B., der seine Abschläge über die Mittelinie schießen kann, ja sogar im Spielfeld lässt. Mehr wollen wir zunächst gar nicht.“ Völlig überraschend wurde dieser Teil des Interviews im „Schalke-TV“ nicht berücksichtigt. „Ein Gespenst geht um in Europa?“. Pustekuchen. Jens Keller ist bestenfalls das „Kleine Gespenst“ von Otfried Preußler, das am Tage dunkel wird und sich vor bösartigen Fragen hinter dicken Mauern versteckt, damit es nicht verbrennt. Neuerdings versucht er es mit der Verarschung von Journalisten: „In Hoffenheim haben wir 45 Minuten schlecht gespielt, in Frankfurt nur zwölf. Von daher ist eine Steigerung da.“ Dumm nur, dass der zahlende und fahrende Fan ebenfalls mitliest.

Doch warum sich über Vereinspolitik den Kopf zerbrechen, wenn man auf 90 Kisten Bier in einem Raucherbus sitzt und Costa Cordalis zeigt wo der Hammer hängt. Alles ist gut. Die Welt ist auch irgendwie gut. Hoffe ich. Googelt man „Rumänien“, erstreckt sich die Auswahl von „Hunde“ über „Straßenhunde“ bis „Tierquälerei“. Was mache ich hier eigentlich? Von Sonntagabend bis Donnerstagmittag habe ich ausreichend Zeit dies zu beantworten. Zunächst freut man sich wahnsinnig über die Bestätigung von Vereinsseite, dass man in Gelsenkirchen „Bus Nummer 1“ aufzusuchen hat. Man sagt sich: „Geil. Ich bin nicht allein. Es gibt jede Menge andere, denen auch ein paar Synapsen fehlen.“ Das Gewissen ist beruhigt. 218€ sind gut investiert. Und auf eine Woche Universität lässt sich gut verzichten. Die Freundin findet es sogar super, dass ihr Geliebter eine Leidenschaft hat, die mit Angeln und Golfen nichts zu tun hat. Vor Ort angekommen, sucht man fast vergeblich „Bus Nummer 1“. Fast. Es gibt nämlich nur einen. Ich nehme alles zurück. Ein Psychiater ist aufzusuchen und das auf schnellstem Wege.

Es war wie in Ben Hur. Am Ende bleibt eben nur eine Karre übrig. Nur dass Jens Keller nicht Charlton Heston ist. Schon gar nicht nach zweimal 0:3 gegen Spartacus Chelsea. 4:14Uhr. Laut Wetterbericht droht Blitzeisgefahr. Keine Sorge. Der Busfahrer sagt: „Straße is trocken. So wie ihr Lutscher, haha!“ Ich denke an meine Freundin, an ein warmes Wohnzimmer, an die Tatortwiederholung auf Einsfestival, an die Russ-Meyer-Reihe auf Tele 5. An einfach alles, was gut ist. Sogar an Waldemar Hartmanns „Wer wird Millionär“-Jahrhundertfail und die beruhigende Tatsache, dass drei Weizen mit Rudi noch keine Bildung ersetzen. Vor mir raucht Leo (49) seine 104. Zigarette. Camel. Ganz klassisch. Ein Linienbus überholt uns mit einem Fahrgast auf der Autobahn. Es fühlt sich plötzlich wie Pott an, nur ist es Bayern. Horst Seehofer mit 90% wiedergewählt. Nein, ich bin ganz sicher nicht in Herne. Langsam geht die Sonne auf. Vielleicht die schönste meines Lebens. Falls ich sie durch den Zigarettenqualm erkennen kann, melde ich mich.

Österreich Now, Redux. Endlich in einem Land ohne Koalitionsstreit. Mehr muss man nicht wissen. Eigentlich hätte ich in zwei Stunden „Medientheorie“ in einem muffigen und überfüllten Unisaal, würde mich mit Marshall McLuhan und Walter Benjamin prügeln. Doch nein. Ich sitze lieber mit Leo und meinem Kumpel im 50Mann-Bus und trinke Mariacron zum Wachwerden. Geil. Männlich. Genderfrei. Yeah. Wir machen hier eine Pause. Es ist nämlich alles egal. Scheiß egal. Oder wie Leo weiß: „Hömma, ob Unnerstall oder Hildebrand – dat is doch alles Latte wie Peng!“. Ich komm auf keinen grünen…Baum mehr! Dann schon lächelt uns der Hinweis „Martrica“ an. Wir sind im Ex-Lande des Loddar. Die Stimmung im Bus ist nicht zu toppen. Sind ja auch gleich da. Wie aus hustenden Kriegshörnern schallt es: „Wer köpft den Nagel in die Wand? Ebbe, Ebbe Sand!“ War früher wirklich alles besser? Die Charaktere vielleicht? Nein. Das kann nicht sein. Noch nicht. Noch hat der Trainer „alle vorgegebenen Ziele“ erreicht. Na Herzlichen Glückwunsch. Bis Buda, Bruder!

In Budapest wird der Flughafen angefahren. Zwei Miezen mit Koffer und Strohhut steigen aus dem Taxi vor uns. Malediven, Karibik, wegen mir auch Malle. Ich atme durch. Bestimmt steigen gleich alle aus und kurze Zeit später sitz ich an einer Strandbar vor blauem Meer. „Es steigt keiner aus! Wir füllen nur kurz Bier nach!“ haut es mich aus den wahrlich waghalsigen Träumen. Endstation Sehnsucht. Wenn man in Budapest den Flughafen anfährt, damit von dort aus zugeflogene Busfahrer auf halber Strecke zusteigen, weißt du was Phase und ganz sicher nicht Malediven ist. Kurze Zeit später lachen einen Bockwurst und leckerer, selbstgemachter Nudelsalat an. Mehr Polterabend geht nicht. Ich fühl mich wohl. Und die Welt ist in Ordnung. Prost, ihr Schimanskis! Ich bin übrigens Nicholas Cage in „Leaving Bukarest“. Totsaufen will ich mich. Totsaufen! Und das auf höchstem Niveau. Alles für den Club!

Als zuvor auf Höhe Linz die Rede von Marco van Hoogdalem ist und Leo meint, dass das noch „Typen“ waren, bin ich das zweite Mal der Meinung, dass Alkohol eine Lösung ist. Danach schlafe ich ein. Zum Glück. Denn putzmunter wieder wach, bekomme ich frohlockend mitgeteilt etwas verpasst zu haben. „Vor einer halben Stunde hat sich der Typ hier von oben bis unten vollgekotzt!“. Mein Kumpel kann sich vor Lachen kaum halten, während der „Typ“ seine und die Klamotten seines Nebenmannes gleich mit im Müllsack verschwinden lässt. Die Krönung ist nur noch die Androhung eines weiblichen Wesens vor uns, ihn bei nächster Gelegenheit „aufs Maul zu hauen“. Zum x-ten Male läuft im Repeat-Modus der jetzt schon zum Kult beschworene „Hitmix“, ein endloser Rhythmus mit allen Klassikern der Schlagermusik. Draußen schneit es. Die Kälte klettert durch die Rahmen der Fenster und die Straßenbeleuchtung nimmt langsam aber sicher ab. Sicher sind wir gleich da.

Übrigens heißt es ja immer „wir lassen niemanden zurück“. Dem konnten wir leider keine Folge leisten. Einen hatte es bereits erwischt. Einen, dem kurz vor Österreich einfiel, keinen Personalausweis dabei zu haben. Nur gut, dass Jens Keller seinen Trainerschein dabei hat. Sonst würd ihm das Führen einer Profimannschaft nämlich keiner abnehmen. Es wurde wieder dunkel. Noch kurz erblickte man Umrisse von Land, sehr viel Land. Danach hofft man auf Navi und den lieben Gott. An der Grenze Rumäniens war dann erst einmal Feierabend mit rollenden Reifen. Kaum eine andere Grenze ist so gesättigt von Prostitution und Menschenhandel, von Drogenschmuggel und falschen Fuffzigern. Dies hat eine lange Geschichte, in der Nicolae Ceaușescu bis zum 25. Dezember 1989, dem Tage seiner Hinrichtung, alles Erdenkliche dafür tat, die Grenze nach Westen mit Leichen zu pflastern.

Julian Rubinstein schreibt in seinem Buch „Die Ballade vom Whiskeyräuber“: „Welche Methode auch immer man anwenden wollte, eine sorgfältige Erkundung des Geländes war unerlässlich geworden. Der wilde Sprint durch die Kornfelder zwischen Rumänien und Ungarn war wegen allzu großer Beliebtheit inzwischen nicht mehr durchführbar: Ceaușescu hatte mit einem Gesetz zurückgeschlagen, dem zufolge die Vegetation entlang seiner Grenzen nicht über einen Meter hoch sein durfte.“ Liest man weiter, wird die Geschichte eines Mannes beschrieben, der 1987 von rumänischen Wachleuten auf Pferden verfolgt wurde. Der tödliche Schuss traf ihn, als er die Grenze zu Ungarn bereits überquert hatte. Nur zum Vergleich: ein Jahr zuvor öffnete in Budapest der erste Adidas-Shop und der erste Mc Donald´s Osteuropas. Es ist also irgendwie nachvollziehbar, dass „Osten“ schon damals nicht gleich „Osten“ war. Es gibt Gründe dafür, warum wir auf der Rückfahrt in Budapest in Lidl und dm einkauften, während in Bukarest seit Anfang des Jahres die Proteste gegen wieder zunehmende Zahlen von Straßenkindern lauter werden. Alles hat eben seinen Anfang.

Auch ohne geschichtliches Wissen war jedenfalls jedem der Businsassen klar, dass es nun in den wirklich ernsten Teil der Reise ging. Männer mit Sowjetmützen und Kalaschnikows im Anschlag brachten die Stimmung mitsamt Alkoholpegel schlagartig auf 0,0, gut sagen wir 0,3. Während man dem grimmig reinschauenden Grenzposten den Personalausweis hinhielt und man endlich wusste, warum man diese toternsten biometrischen Passfotos schießen ließ, fährt neben uns ein rostiger Mercedes Sprinter ohne Fenster vor. Zwei Männer steigen aus, öffnen die Türe des Gepäckraumes und bitten ihre insgesamt zwölfköpfige Familie heraus. In diesem Moment wird einem ziemlich schnell klar, dass man selbst eine 5-Sterne-Reise mit maßloser, westlicher Dekadenz gebucht hat. Ab jetzt wird nicht eine Sekunde über vier Tage ohne Dusche nachgedacht. Ab jetzt ist man für alles dankbar. Vor allem für das eigene Leben.

Kurz darauf endet auch schon die Autobahn. Ein Verkehr wie morgens auf der A1 schlängelt sich Meter für Meter über kaputte Landwege und verlassene Dörfer. Nach ein paar Stunden Fahrt durch pure Dunkelheit, stoppt der Bus plötzlich. Ich hatte kurz ein Nickerchen gemacht und war noch nicht ganz bei der Sache, als mein Kumpel mich darauf hinweist: „Ich glaub wir haben uns verfahren. Die geteerte Straße endet hier. Lass uns besser betrinken.“ Das taten wir. Zum vierten Mal. Jetzt im Hier darüber nachzudenken wie weit es noch ist oder was Jens Keller gerade macht, würde auf direktem Wege in der Klapsmühle enden. So denken irgendwie alle im Bus, der Schlager-Hitmix bekommt wieder seine Bühne. Vielleicht ist es auch und gerade das, was die Pöttler so einzigartig macht. Egal was auch ist. Es ist eben so und damit hat man klar zu kommen. Und wenn in diesem Bus nicht alle gleich sind – wo dann bitte?! Also das alte Spiel. Nicht meckern und schon gar nicht mit Mariacron kleckern.

Nur 200km vor dem Schwarzen Meer, wach und natürlich so fit wie Roadrunner, tauchen draußen erste, massive Graubacken auf. Bukarest. Und Bukarest ist vor allem eines: groß. Mit 2,2 Millionen Einwohnern ist sie die sechstgrößte Stadt Europas. In Zeile drei findet man auf Wikipedia: „Die Stadt verfügt über mehrere Universitäten, verschiedene andere Hochschulen sowie zahlreiche Theater, Museen und weitere Kultureinrichtungen.“ Das mag sein und klingt nach einer frohlockenden Stadt mit allem, was das Tourismusherz begehrt. Doch leider sieht man vor allem eines: Hunde. Auf Bürgersteigen, zwischen Autos vor roten Ampeln und im Hinterhof sowieso. Nur bellen diese Tiere nicht mehr. Sie haben traurige Augen, magere Bäuche und nicht selten verkrüppelte Beine. Diese Tiere verloren den Wolf in sich schon vor sehr langer Zeit. Als wir auf den Gehwegen zum Schalker Treffpunkt unterwegs sind, unterhalten wir uns kaum. Zu tief sitzen die Eindrücke jetzt schon, zu viel Dreck und Kot liegt unter einem, dass man nicht auf seine Schritte achten sollte. Da wir einen direkten Weg abseits der Hauptstraße wählten, formten sich die ersten Eindrücke zu einem wahrlich elendigen Gesamtbild. Hatte man vor ein paar Minuten noch H&M gesehen, hörten wir jetzt Kinderstimmen aus nackten Rohbauten, die nicht einmal Fenster besaßen. In einem Hauseingang lagen zwei Kinder und beobachteten uns mit übergroßen T-Shirts und Sandalen. Es schneite leicht bei Minusgraden.

Nur eine Parallelstraße weiter plötzlich wieder das pralle Leben. Endlich konnte sich der Erbrochene sich und seinem Kumpel neue Kleidung kaufen. Was dann passierte, war so surreal wie Dali es nicht besser hätte zeichnen können. Plötzlich eine gepflasterte Nebenstraße. Plötzlich gut angezogene Menschen in Bars und flachsend am Mittagstisch. Hier eine Bar, dort ein Restaurant mit ausgewählter Speisekarte. Eine Parallelwelt. Zion und Matrix direkt nebeneinander. Nach ein paar Metern und offenen Augen nach einer passenden Spelunke, hörte man auch schon laute Schalke-Lieder. Draußen Tristesse und schlechtes Wetter, drinnen „Opa Pritschikowski“ auf Dauerschleife, billiges Heineken und jede Menge singende Meute. Lutz aus Hamburg, einer der Bushelden, fasste es richtig zusammen: „Dort hinten sterbe die Leute und wir trinken hier als gäb´s kein Morgen mehr.“ So ist es wohl immer am Ende einer Odyssee. Es passiert zu Vieles zu schnell, als dass man Zeit hätte, zurück zu blicken. Hier also endete unsere Reise. Zwischen den Opfern Ceaușescus und neodemokratischen Kapitalwahnsinn.

In dieser Kneipe lassen sich die nächsten sieben Stunden schnell zusammenfassen. Während inzwischen auch das rumänische Fernsehen Bock auf Mob hatte und wir nach dem anfangs erwähnten Schalke-TV-Interview nicht nur Hunger und Durst hatten, entwickelte sich eine Party der Extraklasse. Auch wenn keiner wirklich über das Spiel später diskutierte. Ein älterer Mann sprach wahre Worte. Er sagte: „Ach Junge, mach dir keinen Kopf wegen heute Abend. Es ist nicht mehr so, dass alles eine Familie ist. Manager, Trainer und Mannschaft machen ihr Ding und wir machen unseres. So ist das nun einmal inzwischen. Und kritisieren wir das, steht Jermaine Jones nach einem Heimdebakel gegen Greuther Fürth vor der Kamera und beschwert sich über fehlende Unterstützung.“ Amen. Absoluter Höhepunkt war, als auf sämtlichen Fernsehern vergangene Spiele der Champions League eingeschaltet wurden. Wie kann ein rumänischer Pubbesitzer auch ahnen, dass wegen der Partie Arsenal gegen Dortmund sein Laden fast dem Erdboden gleichgemacht würde. So richtig wusste er nicht was passierte. Er kapierte aber, dass sein Pub in ernsthafter Gefahr schwebte. Er zappte um, brachte Bier umsonst und ersparte seinen Mitarbeitern dicke Augen.

Als das Tageslicht langsam der dritten Nacht wich, entschlossen wir uns mit allen anderen Schalkern zum Stadion zu marschieren. 1400 Fans hätten trotz Schneegestöber den Weg ganz sicher alleine gefunden. Den Pub verlassen, wurde man jedoch von schwerbewaffneten Polizisten, eher Soldaten mit dem Drang zum Hobbyfunk, zu bereit stehenden Bussen geleitet. Zehn Minuten später durchschritten wir ein Meer von Kontrollen, was aufgrund der Wetterlage ein wahrer Genuss war. Zudem waren die Zärtlichkeiten der Ordner-Soldaten so hart wie die Reise selbst. „Das nächste Mal zieh ich mir ne Pampers an, dann tun mir die Klöten nicht so weh“. Ist ja alles schön und gut mit „internationaler Härte“, aber Quetschungen im Genitalbereich dürfen ruhig als Tätlichkeit geahndet werden. Es gibt eine Grenze, Freunde der Sonne. Ein paar hundert Meter weiter geleiten einen die Betonstufen in den Nationaltempel Rumäniens: Arena Naţională. Klassifikation: Elitestation. Kapazität: 55600. Kosten: 234 Millionen Euro. Wir hätten da nur eine Frage: Wieso baut man eine Arena mit schließbarem Dach, gibt aber Wind und Schnee die Chance den Zuschauer von hinten in den Nacken zu jagen? Ist ja jetzt nicht so, dass man sich in den klimatischen Gefilden der Balearen befindet.

So entstand bereits vor Anpfiff ein erbärmliches Bild. Ein Bild, wie man es von Heimspielen der Löwen in der Allianz Arena kennt. Und das in der Champions League. Eigentlich trägt Steaua seine Heimspiele im geliebten Ghencea-Stadion im Westen der Stadt aus. Ein offenes Stadion mit vier Flutlichtmasten, einer Haupttribüne und 27.000 lautstarken Anhängern. Wegen Auflagen der UEFA musste nun der Verein in das 13km entfernte, im Osten liegende Nationalstadion umziehen. Jenes „Stadion“, indem ausgerechnet Erzfeind Dinamo manchmal seine Spiele austrägt. Höhere Eintrittspreise gabs zudem als Bonbon dazu. So sangen wenige zwar viel, aber wer der 22 Akteure hört schon auf ein paar einsame Wanderer in den Weiten der Wildnis.

Dort unten, in siebzig Meter Entfernung, lief er nun ein, der Mann, von dem wir kerzengerade und ultraharte Abstöße bis in des Gegners Hälfte „erhofften“. Ralf Fährmann spielt für Timo Hildebrand. Im Prinzip muss man sagen, dass Not für Elend aufläuft. Klingt hart, ist aber so. Der FC Schalke besitzt drei ebenwürdige Keeper, von denen jeder einzelne derart prekäre Schwächen aufweist, dass es durchaus für einen Stammplatz im unteren Teil der Liga reichen würde, jedoch nicht für die Champions League. Aber wir haben keine Ahnung. Oder wie Herr Keller das rhetorisch zum Politikum der Dummen deklariert: „Wenn Sie das so sagen. Bitte.“ Der Mundtot ist des Fans größtes Leid. Charly Neumann wusste das. Jens Keller kann es nicht wissen. In der Sporthochschule Köln steht das nämlich an keiner Tafel.

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Spielbericht erscheinen. Ein Bericht über Aufopferungskämpfe und Siegeswillen, über laufstarke Spieler und technische Versiertheiten. Man könnte hier nun Phrasen rausschmettern über den Sinn eines Sieges. Man könnte es wie die Vereinshomepage machen und immer wieder dieselben Kicker ans Mikrofon lassen um revolutionäre Aussagen zu erhalten wie „Wir haben jetzt sehr wichtige Wochen vor uns“ (R. Neustädter) oder noch babylonischer: „Wir haben uns vorgenommen, bis Weihnachten Gas zu geben.“ (C. Fuchs). Machen wir aber nicht. Sprechen wir es einfach aus. Der Verein steht am Scheideweg. Nach dem Endzeitszenario am letzten Spieltag in Freiburg, den „überragenden“ Auftritten gegen PAOK Saloniki und einer bestenfalls mittelmäßigen Bundesligaplatzierung, steht nicht nur und wiedermal Keller ohne Konzept, sondern Horst Heldt nun auch ohne Spieler dar. Es darf nach Konzepten gefragt werden. Wenn nicht nach solch einem Spiel, wann dann? Doch lassen wir an dieser Stelle Einzelkritik sein, vor allem an Spielern. Diese tun einem nämlich fast schon leid. Jeder einzelne von ihnen erleidet seit Monaten einen Baustopp der Entwicklung. Manch einer sogar eine erschreckende Form der Rückentwicklung. (Matip, Neustädter, Szalai u.a.) Die Mannschaft ist mit Körper und Geist am Ende. Nur gut, dass Obasi als „topfit“ vermeldet wird. Dies konnte er in Bukarest satte zwei Minuten unter Beweis stellen. Alles eine Trainerfrage. Und kein bisschen weniger.

Dann ein Highlight. Abpfiff. Noch bevor die „Kicker“-Redaktion die Spielnote 5 notieren konnte („die Partie wurde Champions-League-Ansprüchen in keiner Beziehung gerecht“), war bereits der Großteil der Schalker Spieler in den warmen Katakomben verschwunden, Benni Höwedes gab schnell die alles entscheidende Analyse auf Sky und wir? Ja, wir warteten vergeblich auf eine Mannschaft, die ihren weitgereisten Fans dreimal in die Hände klatscht, ja sogar einmal winkt. Fehlanzeige. Doch dann passierte Unglaubliches. Ein kleiner Asiate mit schwarzen Haaren und gesengtem Kopf kam aus siebzig Metern in Richtung Gästeblock geschlendert. Eine Körperhaltung, die einen Hauch Demut verriet. Atsuto Uchida stellte sich im wahrsten Sinne „vor“ die Mannschaft und verbeugte sich wie er es immer tut. 1400 Schalker aus dem Häuschen. Diesen Moment holte die Sky-Regie ins Bild. Klatschende Fans nach einem hirnlähemden 0:0 in glirrender Kälte. Nur dumm, dass sie Uchida nicht zeigten. So sieht sie dann wohl aus, die Wahrheit. Kurz darauf kam auch Höwedes und Obasi. Kein Trainer, kein Manager, keine 90minutler weit und breit.

Das ist dann der Punkt, an dem man aufhört zu schreien oder zu schimpfen. Das ist der Punkt maßloser Depression. Wie es der ältere Herr doch so weise sagte: „Die machen halt ihr Ding und wir machen unseres. So ist das inzwischen.“ Und wisst ihr was. Genau deshalb sitzen auch in Zukunft zahlreiche Fans in Bussen ans Schwarze Meer. Genau deshalb findet man 34 Stunden Busfahrt und Costa Cordalis nahezu genial. Weil der Fan bereit ist Opfer zu bringen. Weil der Fan „inzwischen sein eigenes Ding macht“. Das ist eine traurige Tatsache. Daher Danke an ALLE Fans da draußen, die an etwas Größeres ohne Beweis glauben und den Irrwegen ihres Vereins weiter blind folgen. Alles wird gut. Denn „wir haaaben ein Idoool….Stan Libuuuda!“.

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