Sein größter Fan

Hier sitzt er nun. Halbglatze, etwas blass und mit einsamen Bartstoppeln im Gesicht. Er ist alleine. „Ist er immer“, behauptet die Kellnerin, während sie dreckige Biergläser in dreckiges Wasser tunkt. Kurz muss ich nachdenken. Über alles an ihm. Seine ungewaschene Holzfällerjacke, seine abgelatschten Rentnerschuhe, seine gelben Fingerkuppeln, seine Falten, seine traurigen, müden Augen. In den letzten zwanzig Jahren besuchte er seine Heimat nur ein einziges Mal. Schon damals, bei seiner Ausreise aus Nordirland, war er müde gewesen. Müde von Politik, von Religion. Müde von lauten Schreien, die in der Welt immer leiser wurden. Doch an diesem einen Tag, einem regnerischen, schmierigen Belfaster Nachmittag, stand er mit hunderttausend anderen Menschen an den bröckelnden Bordsteinen im Osten der Stadt Spalier. Es war der 25. November 2005: George Best, der größte Fußballer Nordirlands, wird zu Grabe getragen nachdem er trotz mehreren Operationen den Kampf gegen den Alkohol verloren hatte. Für den alten Mann war Bests Beerdigung eine Reise in die Kindheit. Als er noch lachte und keine müden Augen besaß. Als er noch in der Jugend von Glentorian FC spielte und die Schule, wie bei allen anderen Kindern auch, bestenfalls an zweiter Stelle kam. Hier sitzt er nun. In einer Kneipe in Recklinghausen. Auf der Großbildleinwand in Fernsehergröße flimmert Manchester United gegen West Ham United. George Best spielt nicht mehr. Sein größter Fan dreht sich eine Zigarette.

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