„Ja, zur Übeltätigkeit, ja, dazu ist man bereit!“

Wilhelm Busch sagte mal, dass „Neid die aufrichtigste Form der Anerkennung“ sei. Nun ja, hätte der gute, bärtige Busch gewusst, dass die Rotation des Alltäglichen eines Tages nicht mehr in Caféhäusern unter Intellektuellen debattiert, sondern in einem sogenannten Web 2.0 von Primaten destruiert würde, hätten in „Max und Moritz“ wohl bestenfalls die Hühner überlebt.

Als es Manuel Neuer zwischen Kalkalpen und Donau zog, war die Empörung groß. So groß, dass kaum ein Bordstein-Smalltalk in Gelsenkirchen-Buer ohne die Begriffe „Judas“ oder „Nestbeschmutzer“ auskam. Es soll keine Relativierung der Zustände sein, aber im Ruhrgebiet ticken die Fußballuhren anders und in den Tagen vor seinem Wechsel zu den Bayern öffentlich zu sagen, er „müsse“ nicht, aber er „wolle“ wechseln, gehört in Pottgefilden nun einmal zu jenen Herzensbrüchen, die nicht gerade mit Rosenmeeren beantwortet werden. Hinzu konnte man durchaus verstehen, dass so mancher Fan plötzlich Hitzewallungen beim Durchblättern des Jahrbuches bekam: „Innerhalb von Deutschland ist für mich ein solcher Schritt nicht denkbar. Manuel Neuer beim FC Bayern München – das passt nicht. Ich habe früher in der Kurve gestanden und nicht gerade nette Dinge über die anderen Vereine geschrien…Wie soll ich denn da das Trikot dieser Clubs tragen?“ (S. 18) Auch sein legendärer Eckfahnen-Wurf 2009, in Gedenken an Olli Kahn nach einem 1:0-Sieg der Knappen in München, fällt eher in die Kategorie „unglaubwürdig“.

Dass solche semiförderlichen Mediendenkmäler im Allgemeinen nichts weiter produzieren als den Maus klickenden Pöbel, dürfte die Profis von heute nicht überraschen. Der Fußballfan selbst befindet sich in einem nie dagewesen Kulturkampf, indem seine Werte und Rechte wöchentlich mit Füßen getreten werden. Nur logisch, das derart plötzlich auftretende Schizophrenien bei Spielern des eigenen Clubs das Fass zum überlaufen bringen. Beinahe unnötig zu erwähnen, dass es keinen Uhrzeigerschlag weiter brauchte bis erste Hass-Seiten im Internet wie Pilze aus dem Boden schossen. Doch diese Seiten, so minderbemittelt sie auch sind, ja wahrscheinlich reicht der IQ ihrer Administratoren gerade einmal für das Drücken des On/Off-Schalters (siehe auch: Facebookseite „Marcel Reif – Kommentarverbot“), erweisen sich durch den primitiven Inhalt  und die elitäre Struktur auf paradoxe Weise als ungefährlich. Konkret gesagt bleiben Erbsenhirne ungewollt unter sich, sodass solche Inhalte nie ernst genommen werden. Zumindest noch nicht.

schürrle

Als vor einigen Tagen Tobias Levels nach einem Pfeifkonzert in Tränen ausbrach, rührten die Unmutsäußerungen auf nicht erbrachten Leistungen in Form verschuldeter Gegentore. Stimmen wurden laut. Stimmen über das „Vermächtnis des Robert Enke“. (http://www.spox.com/myspox/blogdetail/Das-Vermaechtnis-des-Robert-Enke,199192.html)  Das Problem entsteht hierbei jedoch durch mangelnde Leistung und stürzt sich nicht auf die „Würde des Menschen“. Denn stünden jene buhenden Zuschauer vor Gericht, würde die Verteidigung auf „Handlung im Affekt“ plädieren. Irgendwie, wenn auch mit vielen bedenklichen Ausrufezeichen versehen, nachvollziehbar und möglicherweise veränderbar. Denn nach Enkes Suizid ist wenigstens die Phrase über die Selbstverständlichkeit maschinellgleicher Leistungen („Bei dem Gehalt muss ein Profi da durch!“) in der Altkleidersammlung des modernen Fußballs gelandet.

Viel schlimmer hingegen entpuppen sich solche Strömungen auf direktem und somit unkalkulierbarem Wege. Eher aus Zufall machte es klick auf die Facebook-Präsenz von André Schürrle. Als bekannt wurde, dass der gebürtige Ludwigshafener ausgerechnet gegen Manchester United sein erstes Spiel für die „Blues“ von Beginn an bestreiten würde, wollte die Neugier durch eine Schürrle-Statusmeldung ein wenig gefüttert werden. Leider Fehlanzeige. Hingegen dauerte es keinen scrollenden Atemzug, bis man sogar hier den Pöbel und seine „Übeltätigkeit“ entdeckte. (siehe Abb.) Beim Lesen solcher Kommentare, obendrein zu einem Post, dessen Inhalt sich auf ein Wiedersehen mit der Nationalmannschaft in Mainz bezog, bekommt man ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Irgendwie denkt man dann doch wieder an Burn-outs, das „dreckige Geschäft“ und den unbändigen Druck der modernen Bourgeoisie. Nebenbei soll er 2014 in Brasilien glänzen und die DFB-Elf mit zum Titel schießen. Na dann viel Spaß beim Public Viewing, Sonnenschein und lecker Bierchen. Lieber sitzt man da doch einsam in stickigen Büros und versucht verzweifelt daraufhin zu weisen, dass bei solchen Dingen nicht weggeschaut werden darf.  Die Option „Kommentar melden“ gibt es bei Facebook übrigens wirklich.

HRp

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