Durch den Tunnel ins Spiel

Dritter fußballbiographischer Text aus dem Hildesheimer Uni-Seminar „Fußballkultur revisited“. Heute ein Essay von Stephan Meier über die Faszination Spielertunnel: „Es macht einen großen Unterschied, ob man zu einem Spielfeld aus den Katakomben heraufsteigt oder eine schmale, kleine Treppe hinabgeht.“

Noch zu DM-Zeiten war ich in München. Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr es genau war, sondern nur noch, dass ich, um das Münchener Olympiastadion anzusehen, 50 Pfennig Eintritt bezahlen musste. Ich schritt nun gemächlich durchs Stadion und durch den gesamten Olympiapark. Hier war Sportgeschichte geschrieben worden, das wusste ich nicht nur, seitdem mein Mathematiklehrer uns erzählt hatte, wie er 1972 bei der Olympiade als Vermesser oder Messhilfe an diesem Ereignis teilgenommen hatte. Das wunderschön geschwungene Dach des Stadions zu sehen, war für mich in Kinderjahren ein Traum und die Faszination für halbüberdachte Stadien war in mir geboren. Nicht zuletzt dadurch, dass mein erster Stadionbesuch in Hannover im Niedersachenstadion auch dadurch geprägt war, dass nur die Haupttribüne überdacht war und ich im Regen stehen musste.

Der Blick ins Weite, über den Tellerrand des Runds herüber, die Flutlichtmasten deutlich zu sehen, die diese, nicht nur für ein Kind, gewaltige Architektur umrahmte. Der Spielertunnel, durch den die Spieler in den Innenraum treten mussten, war das, was mich am meisten am alten Niedersachsenstadion begeisterte. Der Tunnel war eine schmale Röhre aus Plexiglas, die an der Seite der Osttribüne, also der kleinsten Tribüne des Stadions, hinab lief. Oberhalb des Tunnels befand sich ein relativ breiter Turm, der die sehr flache Tribüne überragte. Der Tunnel selbst war fast genauso lang wie die Tribüne tief ist, schätzungsweise 17-20 Meter. Dadurch, dass die Röhre nur so schmal war, dass maximal zwei Menschen sehr eng nebeneinander durch sie hindurchgehen konnten, hatte sie in meiner Vorstellung immer eine besondere konzentrations- und motivationsschaffende Eigenschaft. Leider hatte ich nie die Möglichkeit in die Rolle eines Spielers zu schlüpfen und den Tunnel auf dem Weg zum Spielfeld einmal zu durchschreiten. Aber ich stellte mir immer vor, wie es wohl gewesen sein muss durch diesen Tunnel gehen zu müssen oder zu dürfen.

Schaue ich mir heute zum Vergleich Spielertunnel aus anderen Stadien an oder den neuen im Niedersachsenstadion, scheint es mir, als dass der schmale Tunnel früher verstärkt einen gewissen Druck auf die Psyche eines jeden einzelnen Spielers auf dem Weg zum Spielfeld aufgebaut hat. Der Spielertunnel im Olympiastadion von Berlin, der mir durch Zinedine Zidane aus dem Weltmeisterschaftsfinale 2006 noch gut in Erinnerung geblieben ist, steht durch seine breite Treppe, die nach unten führt, in einem räumlichen Gegensatz zum Tunnel aus dem alten Niedersachsenstadion. Es macht für mich außerdem auch einen großen Unterschied, ob man zu einem Spielfeld gewissermaßen aus den Katakomben heraufsteigt oder eine schmale, kleine Treppe hinabgeht. Die Inszenierung für den Auftritt auf die „Bühne“ Spielfeld wird im amerikanischen Sport zum Beispiel viel aufwendiger und pompöser, teils auch in Begleitung von Cheerleadern ausgeführt. Die Sportler betreten durch eine Art Torbogen die Arena, was im europäischen Fußball auch zu einer Art Modeerscheinung geworden ist.

Der alte Charme ist also ausgegangen aus dem Niedersachsenstadion, welches ja nun auch „Arena“ heißt. Ein prachtvoller, starrer Betonklotz hat in der neuen Architektur Einzug erhalten, sowie auch in vielen anderen Kultstadien in Deutschland und England. Stehplätze wurden durch Sitzschalen ersetzt und auf den teureren Plätzen sind sogar bequeme Stühle installiert worden. Natürlich sind marode Holzkonstruktionen aus Sicherheitsgründen entfernt worden. Jedoch ist auch etwas verloren gegangen, was nicht wieder aufzubauen ist. Für viele Stadionbesucher stellte das Niedersachsenstadion eine Art Festung dar, in der etliche Kämpfe ausgetragen wurden, ob nun von Club- oder Nationalmannschaften. Was für mich aber emotional am Schlimmsten wiegt, ist die Tatsache, dass der Spielertunnel fehlt und die Spieler nun durch einen breiten Gang, mit aufrechter Brust und stolzem Siegeswillen ins Stadion hineintreten. Es ist nicht mehr wie früher, dass die Spieler ehrwürdig gebückt und dicht gedrängt, von allen beobachtet, jedoch selbst niemanden richtig erblickend durch die Röhre gehen. Dieses Bild, den einen Mannschaftskameraden vor mir und direkt hinter mir den nächsten, ohne die Möglichkeit zu haben aus Angst wieder zurücklaufen zu können, demonstriert für mich den Mut, sportliche Herausforderungen anzunehmen und machte für mich jedes Fußballspiel im Niedersachsenstadion besonders.

(Stephan Meier, Uni Hildesheim, Juni 2013)

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