„Ob Papa mal mitkommen wird? Ich glaube nicht…“

Weiter geht es mit fußballbiographischen Texten aus dem Hildesheimer Uni-Seminar „Fußballkultur revisited“. Dieses Mal ein Text von Philipp Hecht über das „erste Mal“ mit Eintracht Braunschweig,  1:4-Klatschen gegen Wuppertal, zwischenzeitlichen Stadionverboten und Fahrten zur polnischen Grenze während der Schulzeit.  

DAS ERSTE MAL MIT EINEM MÄDCHEN

Seit einigen Minuten schaue ich auf die Tabelle der 2. Bundesliga. Eintracht Braunschweig Platz 2. In der zweiten Bundesliga. Eintracht Braunschweig 2. Platz. Ich blicke kritisch meinem Laptop entgegen. Ist das auch wirklich kein Anzeigefehler? Irgendwo in Südeuropa, fernab von der Heimat entsinne ich mich und blicke zurück.

Mein erstes Spiel im Stadion an der Hamburger Straße fand im Jahre 2005 statt – gegen die Amateure vom Hamburger SV. Eigentlich wollte ich schon immer in der Aufstiegssaison 2001/2002 ins Stadion. Doch gab es in meiner Verwandtschaft keinen großen Bruder, Cousin oder Onkel, der zu dieser Zeit regelmäßig ins Stadion fuhr und auf mich Pimpf hätte Acht gegeben. Mein Papa war zwar auch Sympathisant, aber sein letzter Stadionbesuch zu Bundesligazeiten gegen Eintracht Frankfurt war lange verjährt.

So war es ein Mädchen, mit dem ich das erste Mal die magischen Stufen von Block 9 aufstieg. Nach dem ersten Spiel folgten unzählige weitere Heimspielbesuche, bereits mein drittes Spiel war das Aufstiegsspiel zur 2. Bundesliga gegen die Amateure von Arminia Bielefeld. Die komplette Nordkurve samt Gästebereich konnte mit Anhängern der Blau-Gelben gefüllt werden. Wir standen diesmal nur in Block 5, aber immerhin noch in der Südkurve – hätte ja auch schlimmer kommen können… Eintracht schaffte nach einem ähnlich spektakulären Finale wie im Jahre 2002 den erneuten Aufstieg. 2. Bundesliga, das ist doch was. In Braunschweig feierte man es wie den Gewinn der Deutschen Meisterschaft und des Europa-Cups zugleich.

FREITAGSABENDS AN DER POLNISCHEN GRENZE

Nun ein halbes Jahr später – zurück in Deutschland – sitze ich im Auto auf dem Weg nach Berlin, Olympiastadion, Montagabend, Topspiel. Die A2 zwischen Peine und Berlin-Charlottenburg ist von Autos mit blau-gelben Fanutensilien gesäumt. In jedem dritten Auto ist ein Eintracht-Schal auf der Rückbank zu erkennen, die rechte Fahrspur, gesäumt von LKWs meist osteuropäischer Herkunft, wird aufgelockert durch Reisebusse mit Kennzeichen aus dem Braunschweiger Land.

Es werden Geschichten ausgetauscht. „Was man sich auch für Kicks angeschaut hat…“ Als unser Fahrer berichtet, dass sein letztes Auswärtsspiel irgendwann in den 90ern beim TuS Celle in der Regionalliga gewesen sei – damals seien auch 10.000 mitgefahren – plaudere auch ich aus dem Nähkästchen. Jetzt, so kurz vor dem Sprung in die erste Liga, für meine Generation das erste Mal überhaupt, steigt ein Gefühl in einem auf, das Bestätigung gibt. Bestätigung, dafür, seinen Freitag mit Auswärtsfahrten des BTSV gegen die zweite Mannschaft von Energie Cottbus zu verbringen. Parallel hatte die erste Mannschaft von Energie ein Auswärtsspiel in Nürnberg, somit waren die 300 mitgereisten Braunschweiger die einzigen Fans im Stadion der Freundschaft. Wir wurden vom Ordnerpersonal nach deren besten Möglichkeiten von Kopf bis Fuß durchsucht, um später mit einer 1:0 Niederlage den Heimweg anzutreten. Der Busfahrer verpasste die richtige Ausfahrt und wir „Zonengrenzgebiet’ler“, früher aus dem Bus ausgestiegen, mussten von der Ausfahrt-Helmstedt-West im strömenden Regen gen Stadt laufen, da unser Abholdienst an der Ausfahrt Zentrum wartete. Um halb 3 nachts erreichte ich völlig durchnässt mein Auto, das ich nach der Schule um 13 Uhr am Bahnhof abgestellt hatte, um von dort aus nach Braunschweig zum Treffpunkt zu fahren. Mitschüler waren nachmittags zum Sport und abends in eine Bar gegangen, ich schaute mir lieber einen grottigen Drittligakick nahe der polnischen Grenze an. Ich selbst erkannte in diesem Moment meine allmählich extrem werdende Hingabe zum blau-gelben „Virus“.

DER TRAUM VON LIGA 1

Saison 2008/2009. Als man bald darauf Zuhause gegen den Wuppertaler SV auch noch 1:4 verlor, verließen wir den Fanblock. So eine Schmach ging den meisten Ultras, in deren Dunstkreis ich mich zu der Zeit befand, eben auch zu weit. Gerade so schaffte man den Verbleib in der neu gegründeten 3. Liga mit dem Erreichen von Platz 13. Thorsten Lieberknecht, einstiger Eintracht-Spieler, übernahm die Leitung der Mannschaft, zu Beginn nur mit einer A-Lizenz. Bald darauf wurde Marc Arnold, der ebenfalls früherer BTSV-Akteur gewesen war, sportlicher Leiter und auch Eintracht-Torschützenlegende Jürgen Rische erweiterte das Trainer-Team. Mit einem neuen dynamischen Konzept schaffte es der Verein in Kürze seine Schulden zu begleichen und wirtschaftlich wieder besser dazustehen. Auch sportlich ging es seitdem bergauf und das einstige Stadion an der Hamburger Straße bekam mit Hilfe von Sponsoren den Namen „Eintracht-Stadion“ zurück, eine traditionelle Seltenheit in der kommerzialisierten Profifußballwelt. Nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga folgte eine gute Saison, die man auf dem 6. Platz beendete. Als Aufsteiger! Und jetzt: Platz 2. Da steht wirklich Platz 2 – 12 Punkte Vorsprung vor Lautern und Köln, einen Zähler hinter Hertha.

Auch wenn das Auswärtsspiel in Berlin mit 3:0 verloren ging. Wichtig bleibt beim BTSV nur eines: eben jene Eintracht. Der Verein an sich, aber eben auch Eintracht unter den Fans. Wenn über 10.000 Braunschweiger an einem Montag Zeit aufbringen, um ein Spiel, bei dem kaum eine Gewinnchance gesehen wurde, live mitzuerleben, möchte man sich nur zu gern vorstellen, wie blau-gelbe Fahnen wieder die 1. Bundesliga bereichern. In Braunschweig singt man seit Wochen vom „Traum von Liga 1“. Wird er Realität?

WORUM ES EIGENTLICH GEHT

Selbst wenn ich schon seit längerem keine Dauerkarte mehr besitze, schon lange keinen Kontakt mehr zur Ultraszene habe und durch ein zwischenzeitliches örtliches Stadionverbot auf Bewährung – keine Klopperei, nur Protest – die Lust an Heimspielen verloren habe (ganz davon abgesehen, dass es nahezu unmöglich ist überhaupt Karten für die Heimspiele zu bekommen). In der ersten Liga reizt es einen doch an Wochenenden durch die Republik zu reisen, 10 Stunden in der Mitte der Rückbank eines VW Polo, eingeengt zwischen zwei stämmigen Mitfahrern, zu sitzen oder mit überfüllten Regionalzügen an abgelegene Orte Deutschlands zu reisen, stets umgeben von betrunkenen, grölenden Fans. Nach Bier, Schweiß und Zigarettenrauch riechend und ohne Stimme nachts um 2 Uhr wieder in Braunschweig anzukommen, dort auf den ersten Zug zu warten und morgens um 6 Uhr nach einer gefühlten Weltreise ins Bett zu fallen mit der Gewissheit, dass unser BTSV wahrscheinlich sowieso schon wieder nach einer Saison sang- und klanglos mit höchstens 15 Punkten den Heimweg in Liga 2 antreten wird.

Ja, da bin ich dabei! Ob Papa mal mitkommen wird? Ich glaube nicht…

(Philipp Hecht, Uni Hildesheim, Juni 2013)

 

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