Kampf der Kreisliga

Nein, die Welt der Asche ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Nicht jeder Huf vermag einer filigranen Technik zu entspringen. Schreiende Proleten aller Generationen bedienen sich der Stimmgewalt des fehlenden Linienrichters. Bei Verletzungen stürmen keine Müller-Wohlfahrts heran, sondern bestenfalls Ersatzspieler, die den Inhalt des lecken Eiskoffers nicht einmal kennen. Nein, Pobackenverbrennungen von Kunstrasenplätzen der ersten Generation, tränende Augen von Schmiercremerorgien in der Kabine und Zicke-zacke-zicke-zacke-hoi-hoi-hoi-Aftershowpartys unter kalten Duschen sind nicht jedermanns Sache. Und wer sich in diesen Gefilden noch nie aktiv oder passiv aufgehalten hat, bekommt wahrlich nicht viel zu hören außer Geschichten von alkoholausschwitzenden Gegenspielern oder gewissenlosen Wadenbeißern. Diese ganze, vom Hörensagen abgelaufene Backmischung wird nur noch durch ein biertrinkendes Rentnerpublikum ohne Verbalgrenzen glasiert.

Durchwühlt man zudem ausschließlich Massenmedien und wendet den Blick nicht völlig abseits der unterklassigen Fußlümmelei, springen einem Schlagzeilen wie „Tatort Kreisliga“, „Schlägerei mit Verletzten nach Kreisliga-Spiel“ oder „Amateurfußballer prügeln Schiedsrichter zu Tode“ geradezu ins Gesicht. Fazit: Das Image der deutschen Kreisklassen sinkt seit Mitte 2010 beträchtlich. Damals sorgte ein Artikel der Süddeutschen Zeitung für Aufsehen, indem ein Spiel wegen einer Massenschlägerei abgebrochen wurde. Nur ein Jahr später scheint sich die Gewalt in Kreisklassen zu determinieren. So titelt die RuhrNachrichten Mitte Mai 2012, als ein Spiel in Schwerte im Polizeieinsatz endet: „Erneut Ausschreitungen in der Kreisliga“. Wiederhole: erneut. Die Kreisligen stehen von nun an im Fokus sämtlicher, nicht selten provinzieller, Tagesblätter. Journalisten, die früher Jahreshauptversammlungen mieden und diese u.a. wegen Tagesordnungspunkten wie „Ehrungen“ als lästig empfanden, rücken plötzlich in „Problemspielen“ (WDR Inside) freiwillig an. Eine Welle der Empörung schwillt seitdem unaufhaltsam durch die Gesellschaft, getragen durch die ständige Litanei an den DFB, das „Problem viel zu lange verkannt“ zu haben. Der biertrinkende Kreisklassen-Krakeleer aus Halbzeit drei hatte scheinbar endlich die Aufmerksamkeit, die ihm sonst nie zugesprochen wurde. Fazit Nummer zwei: alle Kreisligen im gesamten Bundesgebiet sind gleich, haben identische Probleme und stehen für ausufernde Aggressionen, besonders gegenüber Schiedsrichtern. Ausnahmen bestätigen die Regel. Alle Angaben natürlich mit Gewehr.

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(Foto: SV Feudingen, Tannenwaldstadion; Kreisliga A)

Doch wer oder was ist eigentlich diese Kreisliga?! Für den Laien klingt dieses befremdliche Wort wie ein grässliches Wort. Ein Klingelwort wie „Katar“. Ein Schimpfwort wie „Sepp“. Ein Zyklop wie „Hoyzer“. Im Gegenteil. Es ist weitaus mehr als Kippen, Bier und Schlägereien. Keineswegs sollen hier Tatsachen in Frage gestellt werden oder Medien für ihre Spießroutenschreiberei verurteilt werden. Formen fragwürdiger Berichterstattung soll hier kein Thema werden. Auch das Thema „Gewalt“ ist in keinster Weise zu relativieren, geschweige denn zu beschönigen. Besonders die unfassbare Attacke dreier Amateurfußballer in den Niederlanden, die Anfang Dezember zum Tod eines Schiedsrichters führte, sorgte für Entsetzen. Trotz dieser Tragödien wäre es töricht mit dem Brandeisen über die Länder zu wetzen und die Vereine an ihre Verantwortung zu erinnern.

Es gibt nämlich eine Kehrseite der achso rostigen Medaille. Leider, das muss man indessen zugestehen, sind Themen wie „Ehrenamt“, „Gemeinschaft“ oder schlichtweg „Bewegung“ nicht gerade mediale Gassenhauer. Doch würde es sehr erfreuen, wenn die Arbeit in unterklassigen Vereinen nicht bloß degradiert oder auf Gewalt und Ausschreitungen reduziert würde. Die nette Dame, die heißen Kaffee ausschenkt und sich zum Waffeleisen umdreht. Der Kassenwart, der sich die Böschung für die paar Penunsen hinauf quält. Die Mutter von Spieler X, die ihren Waschkeller freimacht um die verdreckten Trikots zu waschen. Das Zigarillo-Original, das zu jedem Auswärtsspiel mit seinem Herkules-Moped hinterher eiert. Die „freien“ Samstage, an denen Hacke und Rechen solidarisch zum Arbeitseinsatz laden. Der Ersatzspieler der Reserve, der nebenbei fünzehn E-Jugendliche trainiert. Oder die „arme Sau“, deren letzte Aufgabe nach dem Spülen der Gläser darin besteht, den Kabinenboden zu putzen, weil die eingeteilten Spieler Y und Z nach der 0:4-Heimschlappe keine Lust mehr dazu hatten. Die Liste dieser Beispiele ist lang. Sehr lang. Vielleicht sogar unendlich. Aber vor allem stehen diese Dinge für weitaus mehr als Gewalt und Alkoholismus bis in den Werktag hinein.

2012 zählte der DFB 25.641 Vereine, in denen insgesamt 6.800.128 Mitglieder aktiv sind. Die meisten der heute aktiven Profis begannen in kleinen Vereinen, deren Seniorenmannschaften alles andere als Bundesligisten sind. Wie in allen sozialen Gruppen befinden sich auch in Vereinen des Fußballs nicht wenige Krethi und Plethi. Ende März griff ein 21jähriger Spieler des Polizei-Sportvereins Trier einen Gegenspieler derart an, dass dieser noch auf dem Platz von Rettungskräften und Notarzt behandeln werden musste. Trier reagierte umgehend und schloss den Täter aus dem Verein aus. Derartige Taten sind zu verurteilen. Den Bogen jedoch pauschal in Richtung Vereinswesen zu spannen oder das ganze Thema mit dem Begriff „Kreisliga“ zu torpedieren, ist absolut inakzeptabel. „Kreisliga“ ist weder eine Lachnummer noch ein Kriegsschauplatz, sondern eine in erster Linie gemeinschaftsstiftende Sozialstruktur, die durch den Sport lebt und gefördert wird. Es wäre an der Zeit, dass der DFB dies in deutlicher Form der Öffentlichkeit mitteilt um die Vereine im Amateurbereich vor dem Visier der Medien zu schützen.

hrp

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