Hopp done: FC Bologna vs. Juve 0:2

Liga: Serie A, 29. Spieltag
Datum: 16.03.2013, 20:45Uhr
Ground: Stadio Renato Dall’Ara
Zuschauer: 35.206 (Kapazität 39.444)
Bier: 6/10, 3€ Forst Birra 0,33l aus der Dose in den Plastikbecher, kalt, schmackhaft, süffig
Bratwurst: kein warmes Essen vorhanden
Sitzplatzkarte: 30€, Curva San Luca A
Tore: 0:1 Vucinic (61.), 0:2 Marchisio (73.)

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Viagogo oder ViaNogo oder wie oder was denn jetzt?

 Alles erinnerte an die Wege der Nautilus. Das Reiseziel war gesteckt, die Pläne gedruckt und der Wille nach Großem omnipräsent. Doch ganz zu schweigen von alkoholisch inspirierten Fragen an Ryanair bezüglich voller Tankfüllungen drückte sich 20.000 Meilen tief im Unterbewusstsein die Frage auf ob man die über Viagogo bestellten Karten vor Ort auch erhalten würde. Fackeln, Steine und Mistgabeln – holt alles hervor. Es gibt tausend Gründe, dieses in London ansässige Unternehmen in die ewigen Themsegründe zu schicken. Warum uns absolut kein anderer Kaufweg übrig blieb, dazu nun eine kleine, feine, im Unterholz enddeckte Lücke, die miterklärt warum Viagogo so groß ist.

Als Serie A-Jungfernreisender nähert man sich einem Hopp in Italien mit Respekt und einem gehörigen Schuss Pragmatismus. Bereits die ersten Schritte der Informationsbeschaffung würden selbst das Gehirn Kapitän Nemos ins Schwitzen bringen. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es kaum eine Vereinshomepage auf Englisch, Französisch oder geschweige denn auf Deutsch. Ist man einmal auf diesen Seiten, darf auch ein ständig steigendes, inneres Kesselpfeifen nicht unerwähnt bleiben, hervorgerufen durch eine von Menschenhand nicht weg zu klickende Anzahl verschiedenster Werbeeinblendungen. Schnell wird einem klar, dass ein gut durchgeplanter Italien-Hopp so utopisch ist wie eine Mondlandung mit Ryanair. Hinzu kam, dass einer der Reisenden seit Kindesalter beherzt der „Alten Dame“ hinterher fiebert und die Sache mit dem „Extrawunsch“ Gästeblock zwar nicht als voraussetzend, jedoch als wünschenswert begutachtete.

So stieß man bei weiterer Recherche automatisch auf Begriffe wie „Tessera del tifoso“ oder „Fidelity Card“, kurz: Fan-Karte. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine gewöhnliche Karte, sondern vielmehr um einen Ausweis, auf dem sämtliche persönliche Daten vermerkt sind. Ältere Exemplare dienen zudem als Kreditkarten. 2008 wurde dieses System nach dem Tod von Gabriele Sandri und Filippo Raciti eingeführt.  So sehr man sich also durch den Urwald aus Werbung, Unverständlichkeit und Informationsfehlern müht, steht am Ende die Erkenntnis, dass ein Zuschauer ohne Tifosi-Karte keine Möglichkeit des Vorverkaufs bekommt. Wären obendrein die Namen der Gäste an diesem 16. März Pescara oder Siena gewesen, hätte man sich mit ruhigem Puls in den Flieger gesetzt und im Schlafe davon träumen können welche Tageskarte wohl den günstigsten oder besten Platz bieten würde. Doch nun kam der Spitzenreiter und amtierende Meister aus Turin mit sechs bis achttausend Fans. Pyramiden von Tageskarten waren demnach von vorne herein eher was für Langstrecken-Träumer.

Es wurde wirklich alles getan um Viagogo und Co zu entsagen. Und nachdem uns auch Calogero Alessandro Carrubba vom deutschen Juventus Fanclub „Bianconeri Germania“ (Beste Grüße nach Lohr!) keines Besseren belehren konnte, trat man die Reise ins Reich der Diebe und Räuber an: Google. Betreff: „Tickets Serie A“. Die Gefühlslage bei solchen Tastatureingaben schwankt dann irgendwo zwischen fankultureller Resignation („Am Ende ist mal wieder der Zuschauer der Dumme!“), besorgniserregendem Selbstmitleid („Ich will doch nur zum Fußball!“) und gewissenhaften Existenzfragen („Was mache ich hier eigentlich?!“). Da einige Anbieter wie italienfussball.de nur für bestimmte Vereine Karten anbieten und Bologna, welch Überraschung, nicht dazu zählte, trat man den Gang nach Canossa an: Viagogo. Überraschender Weise verlangte die Vermittlungszentrale der Schwarzmarktgeier inklusive Verkäufer nur 30€ (Normalpreis 25€) für eine Karte. Wäre dieser Preis wie gewöhnlich höher ausgefallen, hätte die Einwilligung zur Vorauszahlung niemals den Weg über das Bankinstitut gefunden, zumal man keinerlei Informationen erhielt, welchen Block, Sitz- oder Stehplatz man überhaupt erworben hatte. Zwei Stunden vor Spielbeginn könne man die Karten an einem Schalter abholen, hieß es. Es klappte alles. Auch wenn der Schalter eine Art XXL-Dixi mit Gitterstäben war und eine Menschenschlange mit völlig unterschiedlichen Ausdrucken davor rangierte – wir bekamen unsere Karten.

Das interessante dieses Verfahrens ist: weder beim Ticket-Erwerb am Stadion noch an den Sicherheitskontrollen vor den Eingängen wird man nach der anscheinend so wichtigen Tifosi- oder Fan-Karte gefragt. Stellt sich die Frage, welchen Zweck ein solches System verfolgt, wenn ein Unternehmen wie Viagogo Tickets ohne Personalisierung in den Umlauf bringen kann. Wie funktioniert das? Oder funktioniert es vielleicht nur, weil es Unternehmen dieser Art gibt? Hinter all dem steht ein dickes Fragezeichen. Ja, man war im Stadion und glücklich. Die Nautilus war erfolgreich geparkt. Zufälliger Weise sogar im Juventus-Block. Doch bei all dem Zufriedensein über das sportliche Ende eines Hopps, bleibt ein fader Beigeschmack bei der Fragestellung, inwiefern Firmen wie Viagogo den Fußball in Zukunft infiltrieren werden. Über solche Untiefen abseits der 20.000 Meilen möchte man gar nicht nachdenken. Denn als unrühmlicher Fakt steht am Ende: über die italienischen Vereine lassen sich für Besucher anderer Länder keine Karten im Vorverkauf organisieren. Da wundert es nicht, dass sich darum dann eben andere „Vereine“ kümmern. Alles im Leben ist eben Politik. Die Clubs sind gefragt und gefordert.

Ein Stadion so einzigartig wie die Mona Lisa

Die Stadt mit seinen rund 385.000 Einwohnern steht heute vor allem für eines: Studenten. 80.000 von ihnen besuchen die älteste Universität Europas. Zudem fällt einem neben der traumhaften Innenstadt und den vielen unverkennbaren Arkaden sowie dem Wahrzeichen der Stadt, die zwei schiefen Türme Garisenda und Asinelli, vor allem eines auf: Ziegel. Sehr viele Ziegel. Unmengen davon.

Das Stadion Renato Dall’Ara im 3km entfernten Westen der Stadt bietet neben eben jenen Ziegeln vor allem Geschichte und eine äußerst originelle Architektur. Die Haupttribüne ist als einzige überdacht, die Ränge so steil wie bestenfalls der alte Bökelberg und die Gegengerade lässt den Atem kurz inne halten. Ein Rathaus ähnliches Prunkmodell ragt auf Höhe der Mittellinie so empor als hätte Caesar höchstpersönlich das Spiel um den Ball eröffnet. Eine Tartanbahn, vier heroische Stadionmasten und eine Anzeigetafel alter Schule formen das Stadion zu einem Gesamtkunstwerk europäischer Stadiongeschichte. Nur konsequent, dass sich hier kein Unternehmen im Stadionnamen wiederfindet. Seit 1983 hört der Ziegeltempel auf den Namen seines Ex-Präsidenten, der 30 Jahre lang im Amt waltete.

Im Stadion selbst reichen einem vor der Rente stehende Frauen in Käfig-Kiosks 0,3l Biere über den Tresen, die man vorher an einem anderen Schalter für drei Euro erworben hatte. Quittungen sind daher so wichtig wie das Bier selber. Bratwurst, Schnitzel und Pommes? Fehlanzeige. Lediglich Snacks und Kaugummis verhelfen kurz zu einem Geschmacksbad. Warum man dies im Land des guten Essens derart vernachlässigt und man nicht einmal ein Stück Pizza-to-go erwerben kann, wie an nahezu jeder Ecke in Bologna, ist schleierhaft.

Regelrecht unnütz scheint die Anweisung der Reihe und des dazugehörigen Sitzplatzes zu sein. In vielen der von Beton und Moos unterlaufenen Reihen fehlen ganze Sitzschalen. Weitere sind beschädigt und völlig unbrauchbar. Da aber eh alle Zuschauer in der Kurve stehen, ist dies nicht weiter tragisch. Da stört es auch nicht, dass noch der Müll der letzten Spiele im oberen Teil des Blocks aufbewahrt wird. Hingegen muss erwähnt werden, dass die sanitären Anlagen mit relativ sauberem Aussehen überraschten und absolut bundesligatauglich wären. Ständig ertappt man sich beim hin- und hergerissen sein zwischen nostalgischer Empfindsamkeit und modernen Ansprüchen. Wer diesen Spagat mag, ist in Bologna so aufgehoben wie ein Kind im Toys“R“us. Für echte Groundhopper ist daher das Stadion Renato Dall’Ara ein echter Wallfahrtsort.

Von Terrakotta-Carabinieri, Feuerwehrmännern und Herbert Waas (Endgegner)

Eines erinnert an die Besuche deutscher Stadien bevor sie Arenen wurden. Bereits gute zwei Stunden vor Spielbeginn ist rund um das Stadion die Hölle los. Polizei, Menschenmassen, gesperrte Straßen und jede Menge Carabinieri teilen sich das Gelände und die von Scheinwerfen durleuchteten Nebenstraßen. Zu diesem Zeitpunkt fragt man logischerweise nach dem warum der Masse, da von Werbespielchen und Imbissbuden ebenso wenig zu sehen ist wie von Vereinskneipen oder Fanshops.

Die Antwort bekommt man schließlich am Eingang, wenn man Platz vor der ersten Kontrolle in einer großen Menschentraube findet. Dann realisiert man nämlich, dass eine Odyssee von insgesamt drei Kontrollpunkten vor einem liegt und die Ordner sehr penibel sind, ja beinahe arbeiten wie Gesichtsscanner. Ohne Personalausweis braucht man den Weg erst gar nicht anzutreten. Die zweite Kontrolle ertastet und fragt dich ausdrücklich nach Getränken und Laser-Pointern, erweist sich jedoch als weniger problematisch. Wenn man dann mit seiner Karte, stets unter den Augen schwerstbewaffneter Carabinieri, ein drittes Mal für das Durchqueren der Drehkreuze Geduld üben muss, erahnt man, was in Italien vor allem in den 90er Jahren für Zustände herrschten. Dabei muss erwähnt werden, dass die Carabinieri ein eigenständiger Teil der italienischen Streitkräfte und alles andere als Streifenpolizisten sind. Verbarrikadiert hinter Schutzschildern und Waffen wirken sie wie Abbilder einer einstigen Terrakottaarmee. Interessant dabei ist, dass sie immer auf relativ großen Abstand präsent sind. Keine Wege werden versperrt, keine Kontrollen durchgeführt, keine Reiterstaffel durchstreift grundlos ein Meer von Menschen. Kurz gesagt: auch wenn die Ordnungskräfte offensichtlich auf das Äußerste vorbereitet sind, tun sie alles dafür um Provokation zu vermeiden.

Dieses Bild formt sich im Stadion zu einem Ganzen. Auf beiden Seiten brannten Bengalos, Rauchbomben wurden gezündet. Als deutscher Fußballfan ist man schon etwas verwirrt, dass dies kaum jemanden, ja nicht einmal den Stadionsprecher stört. Alles was man in Italien präventiv dagegen tut ist das Einsetzten von drei Feuerwehrmännern, die mit Hilfe von Müllzangen die heranfliegenden Bengalos in kleine Wassereimer bringen. Das ist alles. Keine Ordner. Keine Polizei mit Kameras. Und irgendwie auch alles kein Problem. Ja selbst die drei Feuerwehrmänner wirkten so ausgeglichen wie Andi Brehme am Elfmeterpunkt. Eher machten Sie den Eindruck gelangweilter Schüler, die man zum Schulhofdienst verdonnert hatte. Von Gewalt jedenfalls weit und breit keine Spur.

Auch das Klischee, italienische Stadien seien unantastbare Männerdomänen, hält keine fünf Spielminuten. Viele junge Frauen und Kinder scheinen ein Stadion in Italien ebenfalls als friedlich und sicher anzusehen. Den durchweg positiven Eindruck bestätigten nach Schlusspfiff vier Männer in der Pizzeria „San Gennaro“, welche sich direkt am Stadion befindet. Man unterhielt sich über die ganz großen deutschen Legionäre von Klinsmann über Völler bis Klose. So dauerte es lediglich einen Wimpernschlag, bis der Name Helmut Haller fiel, der, wie sie sagten, der erste „Star Italiens“ war. Kein Wunder. Haller holte mit Bologna die letzte Meisterschaft 1964. So erfuhren wir auch, dass nach Hallers Tod im Oktober 2012 sein Sohn zu Gast war und das ganze Stadion mit ihm gemeinsam an die großen Zeiten seines Vaters gedachte. Zu guter Letzt lockerte sich die Stimmung wieder als einer der vier Männer Matthäus als „good fucker“ titulierte und nur einen Satz später der Name Herbert Waas fiel. „Haha no. He is not a legend as Haller. But he scored a goal against Juventus with his balls!” Nachdem dies neben 209 Pflichtspielen für Bayer Leverkusen, 11 Länderspielen für Deutschland und Waas eigener Facebook-Seite (124 Likes) nun endlich auch geklärt war, kam man gerne zu dem Fazit: Serie A? Verdammt gerne wieder!

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