Bobby Moore vs. The Anelkas

20 Jahre nach dem Tod Bobby Moores: Das Aussterben der „One Club Player“ verändert im Fußball grundlegende Werte der Fankultur. Loyalität und Integrität eines Spielers mutieren offensichtlich zu medienunwirksamen Relikten. Mario Balotelli-Dartpfeilwürfe auf Jugendliche scheinen offensichtlich unterhaltsamer zu sein als 400 Liverpool-Spiele von Steven Gerrard. Deshalb schauen wir zurück. Zurück auf einen Star, der keiner sein wollte und der eigentlich nicht mehr machte außer: Fußball spielen.

Ein Denkanstoß der Schottischen Furche

Soccer - Football League - West Ham United

WÄCHTER EINER ANDEREN WELT

Dreißig Minuten dauert die Fahrt vom Piccadilly Circus in den nord-westlichen Stadtteil Brent. 270.000 Einwohner leben dort auf 43km². Brent ist neben Newham einer von zwei Bezirken, in denen die ethnischen Minderheiten die Bevölkerungsmehrheit stellen. Steigt man dort an der „Wembley Park“ Station aus der Londoner Tube aus, sind noch ein paar hundert Meter Fußweg zu bewältigen bis die „Kirche des Fußballs“ ihre Pforten zeigt. Das Gelände wirkt lieblos und unbewohnt. Große, ungenutzte Parkplatzflächen und geschlossene Industriegebäude prägen den ersten Eindruck. Hier ein paar einsame Grashalme, dort ein paar stillgelegte Gleise. Stets beobachtet von bröckelnden Balkon-Fassaden klassischer Reihenhäuser. Nach dem Passieren einer kleinen, steilen Treppe aus roten Ziegeln, unterläuft man eine Brücke. Nicht irgendeine, nein. Fotoapparate dürfen nun ihren Arbeitstag beginnen. Die Heroisierung startet genau jetzt. Es handelt sich um die „Bobby Moore Bridge“, eingeweiht am 8. September 1993 von Ehefrau Stephanie, natürlich „Zu Ehren einer Fußball-Legende“.

Ein paar geschlossene Billig-Burger-Stände und aneinander gekettete Müllcontainer später, verengen sich die Pupillen: Wembley. Mutter aller Nationalstadien. Heiliger Boden. Von weitem erkennt man die Umrisse einer Statue, die am Ende der letzten Brücke (in Deutschland auch bekannt als „Didi Hamann Bridge“) empor ragt. Die Arme kompakt verschränkt, den linken Fuß behutsam und fest zugleich über dem Ball stehend. Wie ein Wächter einer anderen Welt. Da steht man nun. Kopf im Nacken. Mund geöffnet. 6,1 Meter misst die Statue mit samt Sockel. Kein Bobby, kein Jack Charlton, kein Gary Lineker oder Alan Shearer und David Beckham findet man ausschließlich als 5 £-Poster im „Wembley Store“ nebenan. Hier erhebt sich nur einer: Robert Frederick Chelsea „Bobby“ Moore, Sohn eines Fabrikarbeiters. Jener Spieler, der über den größten Erfolg seines Landes sagte: „Da wurde ein Tor anerkannt, was nie ein Tor gewesen ist.“

NR. 6 LEBT!

Am 24. Februar 1993 erlag Englands Kapitän der WM 1966 und West Ham-Legende den Folgen einer Darmkrebserkrankung. „Gentleman of all time“, Vorbild und Held einer ganzen Nation. Pelé beschrieb ihn einst als fairsten Spieler. Für Beckenbauer war Moore ein Idol. Und Alex Ferguson sah in ihm den besten Verteidiger, den er je gesehen habe. Welchen Stellenwert Moore in England erfährt, hält eine Inschrift am heutigen Wembley fest, verfasst von Journalist und einem seiner besten Freunde Jeff Powell: „Immaculate footballer. Imperial defender. Immortal hero of 1966. First Englishman to raise the World Cup aloft. Favourite son of London’s East End. Finest legend of West Ham United. National Treasure. Master of Wembley. Lord of the game. Captain extraordinary. Gentleman of all time.“! Noch Fragen?

Zwischen 1958 und 1974 bestritt Bobby Moore 646 Spiele für seine „Hammers“. Nur Frank Lampard Sr. (Frank Lampards Vater) mit 674 Auftritten und Billy Bonds (792 Spiele) rangieren vor ihm. Für diese Zeit unglaubliche Werte, zumal West Ham keineswegs ein Verein war, der dauerhaft international vertreten war. Nur einmal holten die „Hammers“ einen internationalen Titel. Am 19. Mai 1965 setzte man sich im Europapokal der Pokalsieger gegen Max Merkel und die „Löwen“ aus München mit 2:0 durch. Kapitän: Natürlich Bobby Moore. Stadion: Natürlich Wembley. Zuschauer: 98.000.
Will man sich heute im „West Ham Store“, in den Katakomben des altehrwürdigen „Boleyn Grounds“, sein neu erstandenes Trikot beflocken lassen, wird man freundlich aber deutlich darauf hingewiesen: „No.6 is not allocated by West Ham United.“ – Booby Moores Nummer 6 wird von West Ham United nicht bereitgestellt. Das ist dann wohl der Unterschied zwischen Star und Ikone.

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LEISTUNG VS. IMAGE?

Paolo Maldini ist das Symbol Milans. Er bringt Kontinuität mit und verbindet die fußballerische Antike mit der Moderne.“ bescheinigte AC Milan-Legende Gianni Rivera, der für die „Rossoneri“ schon Tore erzielte, bevor Maldini überhaupt geboren war. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Nicolas Anelka (11 Vereine in 18 Jahren) mit ähnlichen Tributen überschüttet wird. Gibt man bei Google die Begrifflichkeit „Superstar Nicolas Anelka“ ein, werden dem Leser 3.510.000 Ergebnisse angeboten. Ändert man die Suche in „Superstar Iker Casillas“ (seit 1989 Real Madrid), erscheinen 623.000 Angebote. „Superstar Ryan Giggs“ (seit 1987 Manchester United) schafft es auf 322.000 Angebote, während Teamkollege Paul Scholes (seit 1991) auf besorgniserregende 266.000 Ergebnisse hechelt. Das Verhältnis zwischen Leistung und Image schwimmt bedenklich. Doch sind wirklich nur die Medien schuld?

Stephen Lowry, Professor für Medien -und Kommunikationswissenschaften an der HdM Stuttgart weiß: „Aus der Popularität der Stars ergibt sich ihre Funktion für die Massenindustrie. Stars werden gezielt als Attraktion in Werbung und Marketing für Medienprodukte wie Filme, Fernsehserien, Videos oder Tonträger, aber auch für die verschiedensten Konsumgüter eingesetzt.“ Ins Fußballdeutsche übersetzt: Heutige Fußballer sind freigeschaltete Ware. Und Ware wird nun einmal bestenfalls zum Kassenschlager, ist aber zu keinerlei abstrakter Eigenschaften wie Ehre, Treue, Loyalität oder Integrität fähig. Das Bosman-Urteil von 1995 öffnete, vor allem Nachwuchsspielern, sämtliche Möglichkeiten sportlicher Neuorientierung. Unzufriedenheit im Verein, Querelen mit Mannschaft und Trainer, Antipathien bei Fans, stagnierende Leistungen – all das durfte aus Spielersicht für nichtig erklärt werden und ein laufender Vertrag ist seitdem nicht selten mehr als das Nachsitzen auf einer unbequemen Schulbank.

Auf solchen Grundlagen ist es nur logisch, dass Aktionen wie die des Spaniers Joseba Etxeberria, aus Loyalität zu seinem Verein Athletic Bilbao (445 Einsätze) seine letzte Saison 2009/2010 ohne Gehalt zu spielen, als „nostalgischer Akt“ angesehen werden. Und genau dies war es laut Fremdwörter-Lexikon: „Die Sehnsucht nach Vergangenem.“ Doch wen interessiert das schon. Sucht man nach solchen Nachrichten, herrscht, bis auf den Bereich der Fußball-Blogosphäre, gähnende Leere im Netz. Sind wir realistisch. West Bromwichs Liam Ridgewell „…wischt sich Po mit Geldscheinen ab“ titelte „Die Welt“ als Trash des Tages und erntete jede Menge Verlinkungen. Noch mehr kann man den „Stars“ von heute nicht zurufen: „Euch sind keine Grenzen gesetzt!“ Gleichzeitig nehmen sich Spieler wie Steven Gerrard einer Vorbildfunktion für Nachwuchsspieler und dem Vermitteln von Werten an. Irgendetwas läuft verkehrt im Staate Fußball.

BOBBY MOORE, ZEITLOSER RITTER

Ja, die Zeiten haben sich geändert und natürlich braucht jede Nation ihre frühen Helden als Identifizierung der eigenen Fußball-DNA. Vielleicht würde heute auch Sir Stanley Matthews als Statue vor Wembley verewigt sein, hätte er, der „First gentleman of football“ (http://bit.ly/Stanley_Matthews) dem Mutterland des Fußballs die WM-Trophäe beschert und nicht Bobby Moore in Zeiten der „Beatlemania“. Es gibt viele Ansätze um die Größe Bobby Moores zu relativieren. Doch geht es darum?
Es ist mehr als fraglich ob Demba Ba oder Carlos Tevez während ihrer Zeit bei West Ham United überhaupt wussten, was Bobby Moore für die Fankultur der „Hammers“ eigentlich bedeutet. Wahrscheinlich will man die Antwort erst gar nicht erfahren. Es reicht aus zu wissen, dass es Spieler wie ihn gab. Daran ändert sich auch nichts, wenn in absehbarer Zeit der Traditions-Backen „Boleyn Ground“ mitsamt „Bobby Moore-Tribüne“ den Abrissbirnen zum Fraße vorgeworfen und West Ham United ins Olympiastadion umziehen wird. (Der Verein sucht eine neue Spielstätte, da auf dem Gelände des jetzigen Stadions ein Wohngebiet und Einkaufszentrum gebaut werden sollen.) Legenden kennen weder räumliche noch zeitliche Barrieren.

In diesem Zuge gestehen wir uns gerne ein, Spieler wie Anelka, Tevez oder Balotelli als plakative Marionetten benutzt zu haben. „Was wäre der Fußball denn ohne solche ´Typen´?! Es wäre doch nichts mehr los!“ – die Phrase blutet und flutet einem die Ohren. Die Kuzorras, Walters oder Beckenbauers mussten auch kein Gossenverhalten an die Spitze der Tagesordnung legen um Aufmerksamkeit, ja „Stars“ ihrer Generation zu werden. Und ganz nebenbei: Moore trank gerne das ein oder andere Bier und nicht selten sah man ihn mit Zigarette im Mundwinkel. Auch eine Scheidung prägte seinen Lebenslauf und einen Vereinswechsel zum FC Fulham nahm er zum Ende seiner Karriere auch vor. Doch hat er bei all dem nie vergessen, was er dem Sport zu verdanken hat und welcher Verantwortung er sich gegenüber den Generationen nach ihm zu stellen hat. Es geht um zeitlose, gesellschaftliche Werte des Fußballs. Und was dies betrifft, war Bobby Moore ein wahrhaftiger Ritter. Auch in zehn, zwanzig und dreißig Jahren werden wir daher seines Todestages gedenken. Vielleicht hat Schweinsteiger bis dahin nie die Bayern verlassen, holte die Champions-League nach München und wurde Weltmeister. Zu wünschen wäre es.

Beckenbauer_Moore

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Ein Kommentar

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