Bratwurst-Alptraum Allianz-Arena

Die Pläne waren so gut wie fertig. Monate waren vergangen. Dann der Schock. Ich bekam einen Sitzplatz im Block 244, Reihe 25 und nicht in Spielfeldnähe. Ich schluckte die Nachricht und musste mich erst einmal setzen, mich sammeln. Minutenlang. Mein Verein würde verlieren, egal. Doch wie sollte ich meine Urinstinkte aus solch großer Distanz zum Ausdruck bringen? Nackt zu Hoeneß flitzen, Manuel Neuer umgrätschen, Ribery mit Feuerzeugen treffen oder einfach dem Linienrichter ein Paulaner an die Stirn schmeißen. Jetzt alles unmöglich. „Beschissene Mittelränge!“ fluchte ich. Aus gut sechzig Metern Entfernung alles undenkbar. Bei den Bundesjugendspielen, und da war ich jung und sportlich gewesen, schaffte ich einst 54 Meter. „Mit Anlauf und ohne ein sich bewegendes Ziel“ dachte ich.

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Am nächsten Tag traf ich mit den Jungs auf eine Zigarette am BH (Bahnhäuschen). Bosse meinte, es täte mir nach meinem frisch abgelaufenen Stadionverbot vielleicht ganz gut, vorerst als normaler Fan zu reisen. Sie wollten mir helfen, mich schützen vor dem Tier in mir. Vielleicht hatten sie Recht. Schließlich war ich ja immer noch wegen meines Vereins unterwegs. Und auf den war ich ja so verdammt stolz. Ich wollte eine Nacht darüber schlafen.

Fünf Nächte später stimmte ich dem Rat der beiden zu. Es brachte alles nichts. Aus der letzten Reihe des Blocks 244 einen Bayern-Spieler zu verletzen war so unmöglich wie ein Einbruch im Fort Knox. Ich atmete tief, schlenderte geknickt die Treppen meiner Reihenhauswohnung in Gelsenkirchen-Horst herunter und kochte mir die letzten zwei Eier auf Stufe hart. Sehr hart. Noch zwei Wochen bis zum Spiel.

Erst Tage später war ich endgültig damit einverstanden, mich in München friedlich zu verhalten. „Grad is sowas eh schwierig. Die Bullen sinn zurzeit etwas unausgeglichen.“ meinte Bosse. Ich nickte traurig. Ein Spiel ohne jegliches Auffallen. Sport. Fußball. Mein Verein. Ich war soweit. Die Einstellung hielt bis zur Abfahrt an, auch wenn mir beim Anblick meiner 45€-Sitzplatzkarte gelegentlich der Finger zum eingerollten Plan B (Feuer im Toilettenraum) ausrutschte. Standen deren Fans bei uns doch für unter zwanzig Euro im Gästeblock.

Die Türen der S-Bahn gingen auf. Fröttmanning. Menschen. Viele Menschen beider Vereine. Plötzlich drückte die Blase. Doch kein Pissoir außerhalb der Arena. Ebenso keine Getränke- oder Essenstände. Dann ging alles ganz schnell. Ich urinierte schmerzerfüllt an eine nahe gelegene Mauer. Glücklich und zufrieden drehte ich mich um. „Urinieren auf dem Gelände ist verboten. 15€!“ frohlockten zwei Ordnungshüter. Ein Wunder passierte. Ich blieb besonnen. „Heute nicht, heute bist du friedlich.“ sagte ich mir. Ich bezahlte. Musste mir aber eingestehen, dass ich die beiden am liebsten auf der Stelle erwürgt hätte. Gott weiß, wie ich es schaffte, aber meine Aggressionen, mein Mr. Hide, traten nicht hervor. Ich blieb friedlich.

Endlich. Stadionkatakomben. Bier 4€ x 4 Personen. „Geht schonma innen Block. Ich muss nochma, dann bring ich die Pylönchen gleich mit!“ rief ich noch meinen Jungs zu. Ich steckte meine Allianz-Arena-Karte in das Lesegerät und bestätigte einen Betrag von 16€. Sogar einen Behälter zum Tragen bekam ich. Vorsichtig wendete ich mich zum direkt vor mir liegenden Blockeingang. Ganz klassisch, mit beiden Händen das Bier umklammernd und der Eintrittskarte im Mund. „Bier ist im Block verboten!“ schnurrte mich ein Ordner an. Ich stellte die Getränke neben die ins Stadion führende Treppe. Als ich noch darüber nachdachte, ob ich das gerade richtig verstanden hatte, bemerkte ich eine Schar unterschiedlicher Menschen, die lautstark die Ordner beschimpften, jedoch außer einer kalten Schulter keine Antwort bekamen.

„Nicht einmal beim Exen wollt ihr helfen!“ nahmen es manche mit Humor und schossen Fotos in posierender Haltung mit Bier im Anschlag. Weitere Ordner erschienen. Keine Gewalttäter. Keine Hooligans. Ja nicht einmal besoffener Pöbel weit und breit. Ein Familienvater zückte sein Handy und rief seine Frau an, dass er die zwei Fanta für die beiden Kids und ihre Cola nicht mit hinein nehmen dürfe. Ein anderer diskutierte mit rotem Kopf, dass es nur ums Abzocken ginge. „Nicht mal einen Hinweis am Verkaufsstand habt ihr! Hauptsache man steckt die scheiß Karte da rein!“. Ich beteiligte mich nicht. Heute nicht. Heute war ich die Ruhe selbst. Ich rief die Jungs an, die kamen wieder aus dem Stadion heraus, wir exten die Biere schnell gemeinsam und gingen friedlich in den Block. Hinter uns regte sich inzwischen ein Mann derart auf, dass er einem der Ordner ein Bier über dessen Weste kippte. „Da habt ihr euer scheiß Bier!“ gehörte dabei ganz klar noch zu den harmloseren Kommentaren. „Schikanieren“, „Handeln nach eigenem Ermessen“- man kann es nennen wie man will. Völlig unnötig bleibt es.

Kunde ist König ist im Stadion nur noch ne Floskel!“ ging es im Block eine Reihe unter uns weiter. Halbzeit. Klar, mein Verein verlor. Egal. Hunger. Jetzt ne Bratwurst. 3.50€. „Ich hole!“ sag ich noch. Gekauft und auf dem Weg zurück in den Block, baut sich ein weiterer Ordner vor mir auf. „Bratwurst ist im Block verboten!“. Meine Aggressionen hatten so gut inne gehalten. Ich, der Problemfan. „Reiß dich zusammen!“ flüsterte ich mir leise zu. Ich ging zurück zum Verkaufstand und wickelte die Würste in Servietten ein wie ein Döner zum Mitnehmen. Dann ließ ich noch kurz ein Beweisfoto machen, wie ich drei Bratwürste in meinem Pulli versteckte und grinsend an den beiden Ordnern vorbei schmuggelte. „Das glaubt mir zu Hause sonst kein Mensch!“ sagte ich dem älteren Mann und Teilzeitfotografen.

Stolz ging ich die Treppenstufen hinauf. Das Spiel lief bereits wieder. Fünf Minuten verpasst. Keiner der Zuschauer besaß ein Getränk oder eine Wurst. Ich war der König des Blocks! Fühlte mich jedoch angiftend beobachtet. In Reihe 25 angekommen, erblickte ich hinter mir einen Mann, der in der VIP-Loge ein gläsernes Weizenglas ansetzte und nicht einmal das Spiel verfolgte. Dr. Jekyll verlor seine Macht. Mr. Hide war nicht länger zu bändigen. Ich drehte mich um und zielte, warf mit voller Wucht, von Hass getriebene 64,4 Meter. Neuer Bundesjugendspielrekord! Meine Bratwurst explodierte in tausend Stücke an Riberys Kopf. Er ging zu Boden. Weinte. Blutete die Stirn entlang. Massenschlägerei und Tumulte folgten. Spielabbruch. Plötzlich erwache ich aus meinem Traum.

Panisch schaue ich auf mein Handy. 09. Februar 2013, 5:45 Uhr. Schweißperlen auf meiner Stirn. „Aufstehen! Um halb sieben geht´s los! Willst du noch duschen?“ höre ich meinen Vater fragen. Vor uns liegt eine 600km lange Auswärtsfahrt nach München. Auf Höhe Würzburg denke ich an den Traum, der so erschreckend real und absurd zugleich gewesen war. Ich schaue in meinem Smartphone auf der Domain der Allianz-Arena nach. Nur zur Sicherheit natürlich. Über den Bereich „Service“ gelangt man zur „Stadionordnung“. Dort steht in dritter Zeile: „Zusätzlicher Hinweis für Gästefans – Speisen und Getränke dürfen im Gästesektor nicht in den Block mitgenommen werden.“ Ich schmunzele vor mich hin und denke an „…0% Schlagstock, 100% das Spiel…eine Initiative von ARD, LIGA total, SKY, SPORT1 und ZDF.“ Ich bin Fan. Kein Problemfan. Und was ihr von dieser Geschichte glaubt und was nicht, wisst ihr alleine. Wenigstens weiß ich jetzt endlich ganz genau, was Uli Hoeneß in seiner Wutrede meinte als er sagte: „Was glaubt ihr eigentlich was wir das ganze Jahr über machen damit wir euch für sieben Euro in die Südkurve gehen lassen können?“

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