Kosmetik der „hässlichen Fratze“

51.000 Zuschauer im Stadion. Millionen vor den Bildschirmen. Eine Landeshauptstadt im Ausnahmezustand. 90 Minuten fehlen noch um nach 15 Jahren der Augenhöhe mit Köln, Mönchengladbach und Leverkusen wieder Aktualität zu verleihen.  In der bekanntesten Altstadt Deutschlands, in der sich auf einem halben Quadratkilometer über 300 Kneipen, Diskotheken und Restaurants zur „längsten Theke der Welt“ vereinen, liegt spätestens seit dem 1:2 Auswärtssieg in Berlin eine außergewöhnliche Atmosphäre in der Luft. Mehr Fußball geht nicht. Mehr Spannung beiderseits sowieso nicht.

Relegation_01

Dass es jene Luft ohne Weiteres in die häuslichen Wohnzimmer geschafft hat, wird uns spätestens um 20:15Uhr klar, als in der ARD zum ersten Mal die Außenmikrophone zu hören sind. Das letzte Mal, als Reinhold Beckmann einen solchen Einstandsblick in die Objektive bohrte, war Altkanzler Schmidt bei ihm zu Gast. Dann Mehmet, dann ein rot-weißes Fahnenmeer, dann Campino, dann Niersbach, dann 5000 Herthaner, dann wieder Beckmann.

Während im Stadion „Punk Rock Song“ von Bad Religion läuft, scheint alles darauf hinaus zu laufen, dass gleich endlich jemand sagen wird: „Es ist noch alles drin. Wir dürfen gespannt sein.“ Doch stattdessen werden wir auf die Folter gespannt, wie spannend es denn nun wird. Nochmal Mehmet, nochmal rot-weißes Fahnenmeer, nochmal ein Schwenk in den Hertha-Block, Flutlicht, angespannte Gesichter und dann „geben wir ab zu ihrem Kommentator am heutigen Abend – Tom Bartels“.
Hätte ja auch zu spannend werden können. Also doch Skispringen auf RTL. Nur gut, dass wir Deutschen auch in hektischen Momenten stets die Ruhe bewahren. Schiedsrichter Stark interessiert das alles nicht und pfeift die Partie mit einer Coolness an, die selbst Charles Bronson beim Spielen seiner Mundharmonika nervös gemacht hätte.

Doch dann das: HSV-Neuzugang Maximilian Beister schießt Bartels nach 29 taktisch ungeprägten Sekunden ein Loch durch den Statistikordner. 25-Meter-Rakete ins linke, untere Eck. Ansatzlos. Trocken. Ein Aufschrei ertönt, der sämtliche Messgeräte der Flughafenschneise zum Explodieren bringt. Nur gut, dass Bartels Kopfhörer trägt und nicht mit in den Bann gerissen wird.
„Jetzt nur nicht durchdrehen“, denken sich wie Bartels auch die Gäste, verdauen schnell das Altbier der ersten Runde und spielen von nun an gepflegten, technisch inspirierten Fußball. Dirigent Raffael setzt sein Offensiv-Orchester immer wieder gefährlich in Szene. Die Fortuna schwimmt und mit ihr wissen wir nun endlich: „Es ist noch alles drin. Wir dürfen gespannt sein.“
Dann nimmt sich Ben-Hatira einen Löffel vom Düsseldorfer Löwensenf und nickt freistehend ein. Halbzeit. Otto beruhigt. Liverpool-Junk und Halbbrite Campino ist so angespannt „wie seit Istanbul 2005 nicht mehr“. Beckmann & Mehmet im rhetorischen Doppelpass. Bartels notiert: „Zustand kritisch, aber nicht lebensbedrohlich.“

Nicht viel passiert bis zur 54. Minute. „Wie im richtigen Leben sollten neun Minuten Vorspiel aber jetzt auch wirklich ausreichen“ stempelt Ben-Hatira ab und vergisst während seines Anflugs mit gestrecktem Bein alles um sich herum, auch seine gelbe Karte aus Hälfte eins. Bartels kurz irritiert, ob es nicht vielleicht doch ein sauber gesetzter Telemark war. Hertha von nun an in Unterzahl. Ein kurzer Blick in die unteren Reihen des Gästeblocks lässt erahnen, dass ein Eisberg in unmittelbarer Nähe liegt. Fünf Minuten später köpf der Serbe Jovanovic die Fortunen, nach einer Manni-Kaltz-Bananenflanke von Teamkollege Bröker, in Front. In der Blogosphäre auf Facebook wird wild im Kollektiv ausgerufen: „Knockout!“ Dies ist der Startschuss für eine Schlussphase, wie sie  Alfred Hitchcock nicht besser hätte drehen können. O-Ton 11 Freunde-Ticker:

„Jetzt kommt Feuer ins Spiel, und es ist, O-Ton Bartels, »schlimm, dumm, entsetzlich.« Warum? Weil es Bengalos sind. »Ihr gefährdet den Abbruch des Spiels«, rhapsodiert der Stadionsprecher aufgeregt. Das will die Hertha-Kurve natürlich nicht, den Abbruch gefährden, und schickt deshalb einen weiteren Raketenhagel. Ende? […] Jetzt brennt die Werbebande, die – ja, so zynisch kann Fußball sein – Grillwerkzeug anpreist. Ronny löscht eilig, Rehhagel ruft Beate an, will schon heute Abend nach Lanzarote fliegen. Stark pfeift wieder an.“

Natürlich pfeift Stark wieder an. Stark ist so cool, professionell, gut, cooler, am coolsten, er würde selbst anpfeifen, wenn im Strafraum ein Jumbo landen würde. Bartels wittert die „hässliche Fratze“ des Fußballs, verweist auf kriegsähnliche Zustände der noch laufenden Saison. Frei nach Möller: „Köln, oder Karlsruhe – Hauptsache Qualm.“ Kritischer Zustand aufgehoben.
Während das Spiel weiterläuft, erinnern wir uns kurz an Robert Duvall in „Apocalypse Now“, der „den Duft von Napalm am Morgen“ liebt. Stellen dann aber fest, dass es ja bereits Abend ist, genau genommen die Zeit des allseits bekannten Konterfahrens. Hertha torkelt mit zehn kleinen Jägermeistern immer wieder in die Untiefen rot-weißer Katakomben. Otto will am liebsten Hristov, Marschall, Koch und Schjönberg gleichzeitig einwechseln.
Doch es ist nicht nötig. Raffael, Ramos, zack, zack – 2:2. Bartels traut seinen Augen nicht. Der Hertha-Block fackelt wieder als gäbe es kein Morgen mehr. „Das ist wie Silvester, Silvester und Silvester an einem Tag“ frohlockt der kroatische Kommentator neben ihm.

7 Minuten Nachspielzeit. Hunderte Fortunen finden das absolut klasse vom starken Stark. So entgeht man hektischem Gedrängel und kann ganz in Ruhe vorab über die Zäune klettern, den Schal und die Schuhe für den Massensprint nach Abpfiff festbinden. Nicht drängeln, liebe Leute. Es ist genug Platz und Zeit für alle da. Eine Minute vor Schluss stehen bereits tausende Fans vor und hinter den Werbebanden.
Bartels professionell, versucht sich auf das Match zu konzentrieren. „Kritischer Zustand ist ein Ausdruck vollkommener Idylle“, denkt er kurz, als plötzlich tausende Menschen das Spielfeld zu Waterloo erklären um ihre Helden zu umarmen, feiern, tragen, küssen, anhimmeln etc. pp. Nightmare on LTU-Street: das Spiel war noch nicht abgepfiffen! Bartels steht kurz vor seinem ersten Schrei. Alle Mannen wieder rein. Ungefährlich. Stark ist ja bei ihnen.
Draußen erinnert alles an einen Ameisenhaufen, in den gerade aus Versehen ein Wanderer reingetreten ist. Manche flüchten zurück in den Bau, andere suchen ihre Familienangehörigen oder bringen kostbare Materialen wie frischen Rasen in Sicherheit. Viel Dramatik, viele Tränen. Dann beruhigt sich die Lage. Ameisenkönig Stark traut sich wieder heraus und pfeift erneut an. „SKANDAL!“ ruft ihm Janusz Góra zu, während sich die Ameisen neu formieren. 120 Sekunden. 90 Sekunden. 60 Sekunden. Kein Wanderer in Sicht. 30 Sekunden. Dann Abpfiff. Alle wieder drauf. Fackeln und Feiern. Bartels notiert aufgelöst: „Kein Telemark!“ Egal.

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