Das Leben des Brian

251 Tore in 274 Spielen. Trainerlegende in Derby County. Alkoholiker. Sozialist. Reizfigur. Trainerlegende in Nottingham. Konnte nach eigener Aussage übers Wasser laufen. Autobahnen, Tribünen und U-Bahnen tragen seinen Namen. Eine Trophäe sowie Statuen in drei Städten ebenfalls. 44 Tage bei Leeds United. Auch da Trainerlegende. Der „Muhammed Ali Englands“. Faszinierende Bücher und Filme über den Mann, der mit zwei Aufsteigern Meister wurde und mit Nottingham Forest 1979 und 1980 den Landesmeistertitel abräumte. Der 2004 verstorbene Brian Howard Clough würde heute 78 Jahre alt. Wir verneigen uns vor dem „Master of Managers“.

„Ich würde nicht sagen, dass ich der beste meiner Zunft war. Aber ich lag vor Platz zwei.“

Welches Kind träumt nicht davon, dass die Eltern Besitzer eines Süßwarenladens sind!? Für den kleinen Brian wurde der Traum wahr. Doch wenn man mit acht Geschwistern aufwächst, wird ebenso schnell klar, dass jeder ehrlich ergaunerte Lolli mit ausgestreckten Ellbogen verteidigt werden muss. Ellbogenmentalität war für die Jugendzeit in der damaligen Industriehochburg Middlesborough generell nicht die schlechteste aller Eigenschaften. Und die nahe gelegene, von Metall und Schloten wärmend umarmte Nordseemündung galt nicht gerade als der Strand von Rio. Brian reflektierte einmal, M´borough sei sicher nicht der „netteste Platz der Welt“ gewesen, er selbst aber habe die Stadt als den Himmel empfunden. Dass dort braves Benehmen à la royal british nicht gerade an der Tagesordnung stand, kann sich jeder selbst zusammen reimen. Alles hat eben seine Wurzeln.

„Ich habe meinen Spielern im Prinzip jeden Samstag um zehn vor drei das gleiche gesagt: ‚Für drei Punkte heute Nachmittag würde ich auf der Stelle meine Großmutter erschießen.‘ Sie wussten, wie wichtig es war, alles für den Sieg zu tun. Jedes Mal. Deshalb hatte meine Großmutter auch mehr Leben als meine Katze.“

Mit zwanzig Jahren begann Clough bei den Senioren so zu spielen, wie er redete: nach vorne. In sechs Jahren M´borough netzte er 197 Mal ein. Nicht denken. Machen. Es folgten drei Jahre AFC Sunderland mit ähnlichem Dauerfeuer. (54 Tore in 61 Spielen). Wegen schwerer Knieverletzungen, musste er bereits im Alter von 29 die Schuhe an die Schlote nageln. Doch Selbstmitleid und Durchatmen waren für den Fußballbesessenen nie eine Option. Bereits ein Jahr später übernahm er als Trainer den Viertligisten Hartlepool United. Nicht denken. Machen. Kurz darauf steht der Vereinsmeister des roten Laternentragens plötzlich auf Rang 8. Grund genug für Clough und Assistenztrainer Peter Taylor, Höheres anzustreben: Derby County ruft aus zwei Etagen höher.

„Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden. Aber damals war ich ja auch noch nicht dabei.“ 

Cloughs baute sein eigenes Rom. Von Platz 18 auf 1. Aufstieg. Dort katapultierte er „The Rams“ auf Platz vier, bevor ihm ein Jahr später der große Clou gelang: Derby County holte vor Liverpool und Leeds mit einem Punkt Vorsprung die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Unfassbar, aber wahr:  Die Rams legten einen Sieg vor, konnten aber aus eigener Kraft die Meisterschaft nicht beeinflussen. Das Wunder geschah: Liverpool und Leeds verloren beide und machten den Underdog in Reinform zum Überflieger. Trainer und Spieler hatten daran selbst so wenig geglaubt, dass sie am Tag des Titelgewinns bereits in Mallorca am Strand lagen. Clough selbst machte auf den Scilly-Inseln Urlaub und kam sogar so spät zurück, dass er den Empfang von 100.000 Fans verpasste. Vielleicht war dies eines der Gründe, warum er im Jahr darauf seinen Aggressionen beim Halbfinalausscheiden gegen Juventus Turin freien Lauf ließ und alle Italiener als „cheating bastards“ („betrügende Bastarde“) beschimpfte. Nicht denken. Machen.

„Ich war gelegentlich großkotzig. Ich glaube, die meisten Leute sind das, wenn sie im Rampenlicht stehen. Ich nenne mich selbst Großkotz, um mich daran zu erinnern, nicht großkotzig zu sein.“

Cloughs Verhalten („Herrschaft“) führte inzwischen auch intern zu derart großen Querelen, dass sich Derby County 1973 von ihm trennte. Es folge ein erfolgloses Jahr bei Brighton & Hove Albion, bevor die 44 Tage von Sodom, äh Leeds begannen. Darüber gibt es nur eines zu sagen: „The Damned United“ (2009) ist ein hochkarätig besetzter britischer Film von Tom Hopper (The King´s Speech) und schildert die legendären Momente während dieser kurzen Amtszeit Cloughs. Sehenswert weniger auf Grund dargelegter Fakten, sondern viel mehr wegen der gezeigten Emotionalität und den damit verbundenen Spannungen. Die Gleichung endet im Film wie im Leben nach 44 Tagen und 97 Filmminuten mit der Entlassung Cloughs. Nicht denken. Anschauen. (Trailer: http://www.filmstarts.de/kritiken/102309-The-Damned-United/trailer/2770.html)

„Der Fluss Trent ist wunderhübsch. Ich kann das beurteilen, weil ich dort 18 Jahre lang übers Wasser gelaufen bin.“

Was nach dem „Battle of Leeds“  dann aber in Nottingham Forest geschah, ist in Worte kaum zu fassen. Wieder ein Zweitligist. Wieder ein Underdog. Ein Verein, dem ein einziger Mann aus dem Sherwood nicht ausreichte. Cloughs trat 1975 an und machte das, was er am besten konnte. Abstieg vermeiden, aufsteigen um dann 1977 englischer Meister zu werden. Doch irgendwas fehlte ja noch. Ach ja, richtig: Landesmeistertitel. Also holte er mit den „Tricky Trees“ einfach zwei davon in Folge, was bis heute kein anderer englischer Verein schaffte. An den Letzteren kann sich sicher noch so manch HSV Fan erinnern, als man in Madrid mit 0-1 gegen Cloughs Sherwoodbande verlor. Da klingt es fast unwichtig, dass Forest daraufhin 42 Spiele in Folge ohne Niederlage blieb. 1993 beendete Clough nach 18 Jahren seine Trainerlaufbahn in Nottingham auf Grund von Fehleinkäufen, Misserfolg und offensichtlichem Alkoholproblemen. Nicht mehr machen. Denken.

„Ich will keine Grabinschrift mit irgendwelchen tiefgründigen Sachen. Ich hab meinen Beitrag geleistet. Ich würde mir wünschen, dass man das über mich sagt, und ich würde mir wünschen, dass mich jemand gemocht hat.“

Tragisch war dabei besonders der Streit mit seinem jahrelangen Assistenten Peter Taylor, der bis zu seinem Lebensende anhielt. Taylor selbst brach bei dessen Tod in Tränen zusammen. Zu einer Aussprache ist es nie gekommen. Beide sind in einer Statue am Pride Park Stadium in Derby in gemeinsamer Pose verewigt.  Zudem wird 2007 bei jedem Match zwischen Derby County und Nottingham die „Brian Clough Trophy“ ausgespielt.

Der „Mohamed Ali Englands“, wie ihn Sunderlands Trainer und Cloughs ehemaliger Spieler Martin O´Neill wegen seines Charismas bezeichnete, starb im September 2004 nach jahrelanger Alkoholsucht an Magenkrebs, nachdem er sich bereits ein Jahr zuvor einer Lebertransplantation unterzogen hatte. Ruhe in Frieden, Brian. Du hast deinen Beitrag geleistet.

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