Tiefgründig aber nicht belehrend

Es heißt, drei Dinge würden einen guten Film ausmachen: ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch. Bei „Looking for Eric“ tat dies überzeugend Paul Laverty, der Regisseur Ken Loach bereits in den 80er Jahren kennenlernte und mit ihm seitdem gemeinsame Filmwege einschlägt („The Wind That Shakes the Barley“, „My Name is Joe“). Mit „Looking for Eric“ betraten die beiden 2009 thematisches Filmneuland. Vielleicht ist dies einer der Gründe dafür, dass kein Klischee bepackter Stadionbierfilm entstand, sondern ein eindringlicher Film über Solidaritätsbewusstsein im alltäglichen Leben. Der Fußball funktioniert zwischen Ehetrennung, Erziehungsproblemen und Suizid so wunderbar herrlich, weil das Fansein subtil platziert ist und nicht wie so häufig die manneskräftige Prolloberfläche zur Schau stellt. Dies verpackt Kameramann Barry Ackroyd in raue, „never shining Manchester“ Bilder und erschafft so eine atmosphärische Symbiose aus Mensch und Umfeld.

Steve Evets brilliert dabei als Eric Bishop, ein schmächtiger, in die Jahre gekommener Briefträger, der seiner großen Liebe hinterher trauert, von seinen Kindern nicht respektiert wird und an schier keinem Ort in Manchester als menschliches Wesen anerkannt ist. Sein großes Vorbild ist sein Namensvetter Eric Cantona. Dieser erscheint in wahrhaftiger Gestalt und zieht den stets geknickten Loser Bishop peu à peu aus der Lebensgosse. Laverty erschafft dabei tiefgründige, gleichzeitig einfache Dialoge, die vor allen Dingen eines nicht sind: belehrend. Ein Fußballstar und ein Briefträger rauchen Zigarreten, trinken Bierchen in einem 10m²-Zimmer und schauen sich via Small Talk ihre gemeinsame Vergangenheit an. Stundenlang könnte man zusehen.

Ken Loach und Paul Laverty reisten mit ihrem Werk nach Cannes, Cantona kann definitiv mehr spielen als nur Fußball und Steve Evets kämpft so stark als Eric Bishop, dass man ihm in jeder Sekunde dabei helfen möchte. Ein dramaturgisch solide gestalteter 116min-Film, der Zeit zum Nachdenken bietet und gleichzeitig etwas für jeden Fußballfan ist, der sich spätestens dann in Gänsehautstarre befindet, wenn es heißt: „I´m not a man. I´m Cantona.“

Kleiner Tipp am Rande: Wenn möglich, auf englisch schauen! Der hingerotzte Manchester-Slang beschreibt die gesellschaftlichen Strukturen der einfachen Leute und verstärkt so die melancholischen Momente des Verlierens, aber auch der Hoffnung. Auch wenn man manchmal genauer hinhören muss – die deutsche Synchronisation wird zur Lachnummer, wenn sogar die britischen Fangesänge übersetzt werden. Dann wird Gänsehaut schnell zu Schüttelfrost und eben das hat der Film nicht verdient.

Hier gehts zum Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=xzUddao92JQ

Filmkritik: hrp

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